Die Tricks der Stromanbieter Erst anlocken, dann abzocken

Millionen Deutsche müssen seit Jahresanfang mehr für ihren Strom bezahlen - viele haben es noch nicht bemerkt. Denn einige Anbieter tarnen die Preiserhöhungen äußerst geschickt. Wie das funktioniert, und wie sich Verbraucher wehren können.

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Erst glaubte Christian Book an einen Fehler. Als der Düsseldorfer im Dezember die Jahresabrechnung seines Stromanbieters Enstroga durchsah, entdeckte er, dass er seit dem 1. Oktober deutlich mehr bezahlen musste. 32,74 Cent statt 25,77 Cent pro Kilowattstunde. Macht hochgerechnet rund 200 Euro mehr pro Jahr bei Books Verbrauch von knapp 3000 Kilowattstunden (kWh).

Von einer so massiven Preiserhöhung hatte Book nichts gehört. Als er die Hotline anrief, sagte eine Mitarbeiterin, man habe ihm die "Tarifanpassung" längst mitgeteilt: schriftlich am 1. August. Für eine Kündigung sei es nun zu spät. Book stutzte, durchwühlte seine Unterlagen - und entdeckte ein Schreiben mit den fettgedruckten Überschriften "Gut informiert mit Enstroga" und "Mit Enstroga wird Ihr Zähler smart!"
Man muss den zweiseitigen Brief schon sehr genau lesen, um die Preiserhöhung zu entdecken. Lang und breit schwadroniert Enstroga über einen beiliegenden Aufkleber: den "individuellen QR-Code", den der Kunde auf seinen Stromzähler kleben und mit dessen Hilfe er den Zählerstand übermitteln soll.

In Zeichnungen, mit Fotos und ausgedehnten Anweisungen erläutert der Berliner Anbieter jedes Detail dieser hochkomplexen Aufgabe. Und irgendwo inmitten der Infomassen, nur ein paar Millimeter hoch, steht der entscheidende Satz: "Ab dem 01.10.2016 liegt der Arbeitspreis an Ihrer Abnahmestelle dann bei 0,3274 Euro/kWh." Das genügt Enstroga, um seine gesetzliche Informationspflicht über Preiserhöhungen zu erfüllen. Doch Christian Book genügt das nicht.

Der 36-Jährige hat den Hinweis nicht entdeckt. Dabei wisse er, dass Stromanbieter gerne mal Preise anheben, sagt Book. Er lese solche Post immer ganz genau. "Aber diese habe ich für Werbung gehalten." Genau das war wohl auch das Ziel von Enstroga: Dass der Kunde die Preiserhöhung übersieht.

Das Unternehmen wollte sich dazu auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern: Das umstrittene Schreiben sei bereits Gegenstand eines Gerichtsverfahrens.

Strom wird wieder mal teurer für die Privatverbraucher. Laut dem Vergleichsportal Verivox haben mindestens 337 Anbieter zum neuen Jahr ihre Preise angehoben; 8,8 Millionen Haushalte sind betroffen. In der Grundversorgung für alle Konsumenten, die noch nie den Anbieter oder Tarif gewechselt haben, beträgt der sogenannte Arbeitspreis pro gelieferter Kilowattstunde im Mittel 30,51 Cent. So hoch war er noch nie zuvor.

Im Durchschnitt schlugen die Versorger bei Preiserhöhungen 3,6 Prozent drauf. Einige kassieren aber auch 10 oder 15 Prozent mehr ab; in den vergangenen Monaten gab es vereinzelt sogar Anhebungen um bis zu 30 Prozent. Und viele Konsumenten merken es nicht mal. Denn die Preiserhöhung ist oft gut getarnt.

Alle Stromversorger müssen die Kunden auf Tarifanhebungen hinweisen. Und auf ihr Sonderkündigungsrecht, den Vertrag innerhalb einer Frist (meist 14 Tage) zu beenden. Da ist es besser, der Verbraucher bemerkt die Verteuerung gar nicht. Und so versuchen einige Versorger offenbar mit allen möglichen Tricks, der Kundschaft die heikle Information so unauffällig wie möglich unterzujubeln.

Meistens klappt das. "Diese Anbieter sind hochprofessionell in der Abzocke der Kunden, die unprofessionell mit ihren Stromverträgen umgehen", berichtet ein langjähriger Insider. "Sie nutzen das Desinteresse der Verbraucher aus." Wer mag schon vermeintliche Werbung oder ellenlange Schreiben seines Versorgers Wort für Wort studieren?

Diese Versorger ändern die Strompreise

Der Anbieter Strogon setzt auf das Prinzip Langeweile. Mehr als 3800 Wörter lang war die Mail, die die Kölner Firma im Oktober an Abnehmer verschickte, umfassend referierte Strogon über Änderungen an den Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Irgendwo dazwischen: zwei Preiserhöhungen.

Ein Vertreter des Unternehmens erklärt dazu auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Mit der von Ihnen angesprochenen E-Mail informieren wir unsere Kunden umfassend und dennoch in knapper und übersichtlicher Form über die mit seinem Vertrag verbundenen Änderungen."

Konkret heißt es in Strogons E-Mail: "Unter anderem auch die Entwicklung der Umlagen, Abgaben und in diesem Jahr vor allem die Netzgebührensteigerung bedingen die Anhebung des monatlichen Grundpreises auf elf Euro brutto und zwar Hand in Hand mit einer Anpassung des Arbeitspreises nach Ablauf der aktuellen Preisgarantie an diesem Tag. Auch bis zum Inkrafttreten Ihres Arbeitspreises in Höhe von 25 Cent pro kWh brutto zum selben Termin haben Sie ein Sonderkündigungsrecht bis zum Zeitpunkt des Inkrafttretens."

Ist das übersichtlich?

Hans Prive hat die Verteuerung trotzdem entdeckt: Der Rentner aus Schwerin hat sich durch die Textmassen gekämpft, hat seinen Ordner durchforstet, hat neue mit alten Tarifen verglichen - und herausgefunden, dass Strogon ihm über 15 Prozent mehr abknöpfen will. Dann hat er Strogon einen Protestbrief geschrieben - und als das Unternehmen nicht reagierte, hat er im Internet nach einem billigeren Anbieter gesucht. Nun wechselt er zum Neusser Anbieter ExtraEnergie.

Ob es dort besser wird, ist fraglich. Denn ExtraEnergie stand gerade vor Gericht.

Die Verbraucherzentrale Sachsen hatte das Neusser Unternehmen verklagt: wegen mehrseitiger E-Mails an Kunden, in denen ExtraEnergie erst nach anderthalb Seiten Ausführungen über die Energiewende inmitten weiterer Textmassen auf die anstehende Preiserhöhung hinwies. Das Oberlandesgericht Düsseldorf urteilte im Oktober, ExtraEnergie habe offensichtlich mit "Kalkül" die Verbraucher "eingelullt".

Das Urteil ist nun rechtskräftig. "Alle Kunden, die von diesen Preiserhöhungen betroffen waren, sollten die zu viel gezahlten Beträge von ExtraEnergie zurückfordern", sagt Katja Henschler von der Verbraucherzentrale Sachsen. Entsprechende Musterbriefe sind auf der Webseite der Verbraucherzentrale zu finden.

"Wir beobachten einen Trend, Preiserhöhungen zu verschleiern", sagt auch Christina Wallraf, Energieexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die Konsumentenschützer haben 50 Schreiben von Energieanbietern ausgewertet - und sind dabei vor allem bei Billigheimern fündig geworden: Grünwelt, Maingau, Strogon, ExtraEnergie kassieren bei Bestandskunden teils zwischen 15 und 30 Prozent mehr als bei Neukunden.

Sie können nicht anders. Ganze Geschäftsmodelle bauen darauf auf, in den Vergleichsportalen wie Verivox oder Check24 ganz oben zu stehen und Abnehmer zu ködern. Das geht nur über extrem niedrige Starttarife und/oder Bonuszahlungen. Der Großteil der Kosten wie Netzentgelte, Umlagen, Abgaben oder Stromeinkauf ist aber mehr oder weniger gleich für alle Anbieter. Das heißt: Die Discounter zahlen bei ihren Schnäppchenpreisen im ersten Jahr drauf.

Laut einer Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney vom Oktober 2015 verloren die 15 billigsten Anbieter auf Check24 in drei deutschen Großstädten an einem Neukunden im ersten Jahr durchschnittlich mehr als 150 Euro.

"Je niedriger der Preis am Anfang ist, desto größer ist die Verlockung, die Preise schnellstmöglich hochzusetzen", sagt Andreas Stender, Energieexperte von A.T. Kearney. "Die Wechselraten sind immer noch niedrig genug, dass es sich lohnt. Viele Kunden sind zu träge. Die Nicht-Beschäftigung des Kunden mit Stromkosten wird ausgenutzt." Offensichtlich lautet das Motto: erst anlocken, dann abzocken.

Neue Dienste wie SwitchUp oder Verivox Prime haben den Missstand erkannt. Sie bieten genervten Kunden an, die Arbeit für sie zu machen: Tariferhöhungen im Blick zu behalten, den Schriftverkehr zu regeln und gegebenenfalls den nächsten Wechsel vorzubereiten.

Während Verivox Prime dafür knapp 30 Euro pro Jahr nimmt, bietet SwitchUp den Service gratis an. Das Unternehmen lebt von den Vermittlerprovisionen des neuen Anbieters. Verbraucherschützerin Wallraf hält die neuen Angebote für grundsätzlich sinnvoll. "Aber bevor Sie sich mit solchen Anbietern einlassen, sollten Sie auch da lieber erst mal das Kleingedruckte durchlesen."

Auch Christian Book will nun noch genauer hinschauen. Bis kommenden Herbst hängt er noch in seinem teuren Enstroga-Vertrag fest. Dann wird er einen neuen Anbieter suchen. Und, so hat er sich fest vorgenommen, den neuen Vertrag sofort wieder zum Ablauf des ersten Jahres kündigen. Entweder offeriert ihm der Versorger dann einen dauerhaft fairen Tarif. Oder Book wechselt wieder - und nimmt das nächste Neukundenschnäppchen mit.



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mpg27 11.01.2017
1. Mach ich seit Jahren
und bezahle konstant um die 21 Cent/KwH inkl. aller Steuern. Die Mails und Briefe bekam ich jedes Jahr, da muss man sich halt mal Zeit nehmen oder eine Textsuche anschmeißen. Ganz wichtig ist das sowas nicht im Spam-Ordner landet, entsprechende Filter sind zu setzen. Aber bei meinem Verbrauch von 40.000 kwh ist das leicht verdientes Geld.
seabass 11.01.2017
2. Es geht noch dreister..
Ich habe ein ähnliches schreiben am 23 März erhalten es geht wohlgemerkt um meinen Stromtarif mitten in einem Werbeschreiben zur Kundendzufriedenheit Zitat: Zusätzlich zu fairen und ökologisch nachhaltigen Strom bieten wir seit 2015 auch Gas für unsere interessierten Kunden zu günstigen Preisen im Angebot sind unter anderem Tarife meinGas und FlexiGas, über die sie sich auf www.enstroga.de informieren können. Und: Wegen diese Angebotserweiterung haben wir nicht nur in effizientere servicestruktur investiert, sondern auch unsere Preisstrukturen vereinfacht und angeglichen. Für sie ändert sich deshalb ihr monatlicher Grundpreis auf 19,03€ statt wie bisher 5,36€. Ich habe zwar rechtzeitig gekündigt, aber sollten Sie das schreiben für eine etwaige (sammel)Klage wegen systematischer Täuschung benötigen kontaktieren Sie mich gerne unter stromstreit (at) fusilli de
Flari 11.01.2017
3.
Sehr beliebt ist es auch, im "Werbe- oder Infoschreiben" im Kleingedruckten darauf hinzuweisen, dass im persönlichen Onlinekonto wichtige Informationen zum Strompreis hinterlegt sind.. Wobei es oft nicht so ganz einfach ist, überhaupt in dieses "persönliche Onlinekonto" reinzukommen. Kommt man da aber rein und findet dort die angekündigte gewaltige Preiserhöhung, bekommt man ggf. auch gleich die Möglichkeit, ein PDF zur schriftlichen Kündigung runterzuladen. Blöd nur, wenn dort das schon eingetragene Kündigungsdatum ggf. einen Tag vor dem regulären Ablauf des ersten Jahres liegt und dadurch sämtliche Boni ungültig werden und selbst der Sofortbonus zurückgezahlt werden muss, wodurch sogar der "günstige" Preis für das erste Jahr plötzlich rückwirkend teurer als beim Grundversorger wird. Generell gilt, dass die versuchten Tricks der "Stromsparanbieter" desto schlimmer werden, je günstiger sie anfangs erscheinen.
silenced 11.01.2017
4.
Das ist im Grunde keine ordentliche Mitteilung über neue Tarife. Wenn das nicht einkassiert wird, dann ist man als Verbraucher am Ende der Dumme, und das kann nicht sein. Das ist als würde man wem "Werbe"Post schicken, die ungelesen weggeworfen wird, und irgendwo drin stand: "Wenn wir nichts von Ihnen hören gehen wir davon aus, daß Sie mit unserem Angebot über die Lieferung von 12 Flaschen Sekt pro Monat einverstanden sind." Zack. Was dann?
daiquiri_flip 11.01.2017
5. Neukundenrabatt
Es ist doch mittlerweile üblich, dass Neukunden erstmal mit saftigem Rabatt (meist zw. 100 und 200€) im ersten Jahr zusätzlich zum niedrigen kWh-Preis gelockt werden, vor allem durch Hilfe der Vergleichsportale wie Verivox. Nach Ablauf des Jahres fällt dann der Rabatt weg und es wird der kWh-Preis erhöht. Dann wird es doppelt teurer. Also entweder jedes Jahr wechseln oder bei den Stadtwerken einen durchschnittlichen Preis ohne Überraschungen bezahlen, wenn man schon keine Lust auf ständige Tarifwechsel hat.
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