Preiserhöhungen So werden Sie Ihren alten Stromanbieter los

Für Millionen Stromkunden sind die Preise in den vergangenen Monaten gestiegen. Sie dürfen kündigen und zu einem anderen Anbieter wechseln. Doch damit das klappt, gilt es, ein paar Dinge zu beachten.

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Eine Kolumne von


Eigentlich sollte es ganz einfach sein. Wenn der Stromanbieter die Preise erhöht, darf der Kunde gehen und zu einem anderen Anbieter wechseln, noch bevor der Strom tatsächlich teurer wird. Für knapp ein Drittel der 47 Millionen Stromkunden in Deutschland ist in den vergangenen Monaten der Fall eingetreten: Ihre Preise wurden oder werden erhöht, weil Netzentgelte und staatliche Umlagen gestiegen sind.

In der Praxis aber ist das mit dem Wechseln nicht so einfach. Die erste Hürde für die Kunden ist, überhaupt zu erfahren, dass sich der Preis erhöht. Im Laufe eines Kundenlebens erreichen einen ja zahlreiche Werbeschreiben vom Stromanbieter. In einem der Schreiben findet sich dann beispielsweise auf Seite 2 unten ein Hinweis, dass sich der Strompreis "ändern" wird. Und wenig später der Satz, dass man als Kunde wegen der "Preisanpassung" das Recht habe, "den Vertrag ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist zum Zeitpunkt des Wirksamwerdens der Preisanpassung zu kündigen".

Die 15 Millionen Kunden, die noch in der Grundversorgung sind, also in der Regel noch nie den Stromvertrag gewechselt haben, haben es dann noch vergleichsweise einfach. Sie können jederzeit mit einer Frist von zwei Wochen ihren teuren Vertrag loswerden. Bei ihnen reicht laut Gesetzgeber eine Kündigung in Textform aus - im Grunde also sogar eine einfache E-Mail.

Solche Kunden können sich auch leicht einen neuen Versorger suchen, das dauert nicht einmal zehn Minuten. Der neue Versorger bietet nämlich gern an, für sie den ganzen Kündigungskram zu erledigen. Häufig liegen die Preisunterschiede zwischen dem alten und dem neuen Strom bei umgerechnet 10 Cent pro Kilowattstunde. Übers Jahr lassen sich so für eine vierköpfige Familie 300 bis 500 Euro sparen.

Allein, die meisten der Millionen Kunden, die in den vergangenen zwei Jahren den Stromanbieter gewechselt haben, waren schon vorher nicht mehr in der Grundversorgung. Sie haben nach ihrem letzten Wechsel häufig Jahres- oder gar Zweijahresverträge beim alten oder bei einem neuen Stromanbieter abgeschlossen und brauchen für die Flucht aus dem teurer werdenden Vertrag rechtlich tatsächlich das Sonderkündigungsrecht. Eigentlich würde ihr Vertrag nämlich noch mehrere Monate laufen.

Für solche Verbraucher gilt: Wenn sie den Brief mit der Ankündigung der Erhöhung im Kasten finden, haben sie nicht viel Zeit, den Stromvertrag zu kündigen und sich einen preiswerteren Anbieter zu suchen - rechtlich gesehen bis zum Tag vor dem Eintreten der Stromerhöhung.

Bei Preiserhöhungen gilt das Sonderkündigungsrecht

Wir bei "Finanztip" empfehlen aber, sich noch am selben Abend hinzusetzen, die Kündigung in den Computer zu hacken, das Schreiben auszudrucken und am nächsten Tag als Einschreiben in die Post zu geben. Textvorschlag: "Aufgrund Ihrer angekündigten Preiserhöhung mache ich von meinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch und kündige meinen Stromliefervertrag zum (hier bitte den Monatsletzten vor Wirksamwerden der Preiserhöhung einsetzen). Ich bitte um Bestätigung meiner Kündigung. Mit freundlichen Grüßen…"

Das ist aber leider noch nicht alles. Mancher Anbieter will partout nicht akzeptieren, dass Kunden ihn verlassen. Beim Versuch, Kunden an sich zu binden, sind die Konzerne durchaus kreativ. Häufigstes Argument: Der Stromkonzern sagt, die Erhöhung erfolge nur wegen höherer Steuern und Umlagen. Ein Sonderkündigungsrecht gebe es daher nach ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) nicht. Das stimmt aber nicht. Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat schon im Frühjahr 2016 geurteilt,das Sonderkündigungsrecht gelte auch bei Erhöhungen wegen Steuern und Gebühren (Az. I-20 U 11/16; Revision beim BGH anhängig: VIII ZR 163/16) . Mit seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) kann ein Unternehmen das Sonderkündigungsrecht jedenfalls nicht aushebeln.

Vereinzelt hat es in der Vergangenheit sogar den Fall gegeben, dass die Anbieter, die von vielen Kündigungen gleichzeitig betroffen sind, behaupteten, die Schreiben seien gar nicht angekommen. Das funktioniert, wenn sie nicht als Einschreiben geschickt wurden und der Kunde die Kündigung deshalb nicht beweisen kann. Lassen Sie sich den Eingang der Kündigung deshalb unbedingt bestätigen.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Nicht ganz so gut ist Ihre Situation, wenn Sie wegen eines Umzugs aus dem noch laufenden Stromvertrag herauswollen. Der Umzug selbst begründet nämlich noch kein Sonderkündigungsrecht - es wäre ja möglich, dass Ihr Stromanbieter auch in der neuen Wohnung liefern könnte. Nur wenn die AGB des Anbieters ein Sonderkündigungsrecht bei Umzug tatsächlich vorsehen, sind Sie auf der sicheren Seite.

Fazit: Steigt der Preis, suchen Sie sich was Neues. Das geht immer und ist für Kunden in der Grundversorgung ganz einfach. Kunden mit einem festen Laufzeitvertrag mit können sich auf ihr Sonderkündigungsrecht berufen. So schwer ist das auch nicht. Steigt Ihr Preis zum 1. April, schaffen Sie das noch.



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
keksguru 25.03.2017
1. der Autor vergißt da etwas Wesentliches
denn die allermeisten Anbieter in den Stromtarifbörsen sind nicht in der Lage mit einer kürzeren Frist als 2 Wochen einen Kunden auch zu beliefern... teilweise lassen sie sich - wie z.B. Lekker Strom - damit auch mal einen Monat lang Zeit und so lange wird man dann mit der Abzocke der "Grundversorgung" beglückt.
hanfiey 25.03.2017
2. Mit dem Anbieter reden!
Wer eine Erhöhung bekommt, einfach mal beim Versorger anrufen und fragen ob es als langjähriger Kunde nicht billiger geht weil der Wechsel Aufwand bedeutet, 1Cent/Kwh lässt sich so immer rausholen, nicht den reinen Arbeitspreis angucken sondern auch unbedingt Zähler und Grundgebühren mit in die Rechnung nehmen. Wer wenig verbraucht kann da schon einiges sparen.
Thunder1977 25.03.2017
3. Ein Witz ...
... mehr ist dieser Artikel nämlich nicht. Habe auch das Problem den Stromanbieter loszuwerden, ohne Gang vor Gericht geht sowas aber heute nicht mehr. Zuerst muss man überhaupt mal mitbekommen dass der Anbieter die Preise erhöht, hat er nämlich erst ein halbes Jahr später mitgeteilt. Beschwerde ... abgelehnt weil ja nur Steuern erhöht wurden. Verweis auf Gerichtsurteile ... interessiert ihn nicht. Kündigung ... kann er leider leider nicht zulassen wegen Kündigigungsfrist. Einzige Möglichkeit ... Gang vor Gericht ... Aber eigentlich ist mir da meine Zeit zu Schade ... Ach ja ... welcher Stromanbieter wars? Grünwelt bzw. Stromio ... die von Finanztip empfohlen werden ... Herr Tenhagen ... schon überhaupt mal in die Verträge geschaut, was sie da so empfehlen?
Tim-Boentjes van Beek 25.03.2017
4. Ich will meinen alten Stromanbieter nicht loswerden.
Ich bin nämlich reumütig zu dem zurückgekehrt, nachdem die Billigheimer auf dem Strommarkt nach einem Jahr den uralten Trick anwenden, die Strompreis enorm zu erhöhen. Wie es übrigens auch die billigen Internet-KFZ-Versicherungen machen. Was die Empfehlungen der Medien nie berücksichtigen. Ich kann jedem nur empfehlen, bei dem alten Lieferanten anzufragen, was seine Effektivkosten bei einer Rückkehr sein werden. Mir hat das 300 Euro gegenüber dem Energiehai, dem ich in die Hände gefallen bin (Empfehlung Verivox, die dafür bezahlt werden) gespart. Ich hatte dabei noch Glück. Andere haben Vorkasse geleistet -was mein Energiehai ursprünglich auch wollte- und dabei fast die gesamt Vorkasse für ein Jahr verloren. Weil Insolvenz bei diesen hier empfohlenen Unternehmen zum Geschäftsmodell gehören.
count.number 25.03.2017
5. ..da wo Herr Tenhagen..
..den Verbraucher hinschickt, komme ich her. Viele schwarze Schafe und Abzocker, denen nicht genug Regulatorik geboten wird. Mein Fazit: machen sie ihre lokalen Stadtwerke stark, das kommt auch ihnen langfristig günstiger und schont die Nerven
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