Tabuthema Insolvenz: Schulden machen schamhaft

Von Katharina Pauli

Geld weg, Konto leer, Ruf ruiniert: Der Schritt in die Insolvenz ist oft der letzte Ausweg eines Überschuldeten. In der Selbsthilfegruppe "Anonyme Insolvenzler" tauschen sich Betroffene diskret über ihr Schicksal aus - denn der finanzielle Ruin bedroht viele auch mit dem gesellschaftlichen Aus.

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Pleite: Scheitern ist eines der großen Tabus unserer Gesellschaft

Hamburg - Der Bankautomat rattert und wirft Scheine aus. Eigentlich nichts Besonderes. Doch Anna W. kann kaum glauben, dass sie wieder Geld hat. Bis vor kurzem hatte die Rentnerin überhaupt kein Konto, musste sogar eine Woche lang von 20 Euro leben. Und stand plötzlich ohne Wohnung auf der Straße - zwei Wochen vor Weihnachten. "Es war die Hölle", sagt die Frau heute.

Anna W. war pleite - wie rund 140.000 andere Menschen in Deutschland. Seit der Wirtschaftskrise ist die Zahl der Privatinsolvenzen auf Rekordniveau. Die Hamburger Wirtschaftsauskunft Bürgel prognostiziert, dass die Zahlen auch 2011 trotz sinkender Arbeitslosenzahlen ähnlich hoch bleiben werden. "Neu ist aber, dass zunehmend ältere Bundesbürger in finanzielle Bedrängnis geraten", heißt es in dem Bericht - passend zur Debatte um Altersarmut und niedrige Renten. Die häufigsten Gründe für die Schulden: Arbeitslosigkeit, geringes Einkommen, gescheiterte Selbständigkeit, Trennung vom Partner.

Anna W. ist raus aus den Schulden und will ihre Erfahrungen teilen - bei den "Anonymen Insolvenzlern", einer Selbsthilfegruppe für zahlungsunfähige Menschen. Mit dem, was im Privatfernsehen bei Sendungen wie "Raus aus den Schulden" gezeigt wird, hat das nichts zu tun: Rund um einen nüchternen Konferenztisch, in einem großen Bürokomplex im Hamburger Norden, sitzen die Privatinsolvenzler - rund 15 Männer und Frauen jeden Alters. Keiner muss seinen Namen nennen oder wird vorgeführt wie im TV, Verschwiegenheit ist garantiert - nur so lässt sich offen sprechen. Alle verbindet das Schicksal, von der Gesellschaft aufs Abstellgleis gedrückt zu werden.

"Wir sind doch keine Verbrecher"

2007 gründete Attila von Unruh den ersten Gesprächskreis in Köln. Das Format ist einmalig und gefragt, mittlerweile gibt es zehn Selbsthilfegruppen der "Anonymen Insolvenzler" in Deutschland und Österreich. Gründer Unruh war selbst Betroffener: Ein Teilhaber seiner Eventmarketing-Agentur ging pleite, und Unruh musste finanziell dafür mit seinem Privatvermögen geradestehen. "Viele Betroffene fühlen sich schuldig und ziehen sich zurück", sagt Unruh. "Da versuchen wir einzugreifen". Das Gefühl, versagt zu haben, begleitet die Mittellosen.

Scheitern ist eines der letzten großen Tabus in Deutschland. Um der Kritik ihrer Mitmenschen auszuweichen, bauen sich viele der Insolvenzler ein Doppelleben auf. Sie erfinden Ausreden, um nicht zugeben zu müssen, dass sie kein Geld fürs Kino oder Restaurant haben.

Doch auf Dauer klappt die Taktik nicht: In der Anonymität der Gruppe erzählen die Betroffenen von der Einsamkeit. Davon, wie es ist, Freunde zu verlieren. "Wir sind doch keine Verbrecher, werden aber so behandelt", sagt eine Teilnehmerin.

Denn viele Mitglieder der Selbsthilfegruppe sind indirekt in die Insolvenz geraten - durch windige Geschäftspartner, Krankheit oder schlechte Zahlungsmoral von Kunden. Die meisten von ihnen waren selbstständig, hatten ein gut laufendes Geschäft, bis dann plötzlich etwas schief lief. Mit den Protagonisten aus dem Privatfernsehen, die mit ihrem Geld nicht umgehen können, haben sie nichts zu tun.

Entschuldung im Ausland

Sechs Jahre dauert die Entschuldungsphase in Deutschland. Eine lange Zeit, in der die Insolvenzler besonders sparsam leben und so viele Schulden wie möglich abstottern müssen - die sogenannte Wohlverhaltensperiode. Gelingt es ihnen, folgt die Restschuldbefreiung. Danach kommen noch mal drei Jahre mit negativem Schufa-Eintrag. Das macht es den Betroffenen schwer, wieder durchzustarten. Attila von Unruh kritisiert die lange Wohlverhaltensperiode: "Dadurch geht der Wirtschaft ein riesiges Potential verloren."

Unruh setzt sich für eine Halbierung der Laufzeit von sechs auf drei Jahre ein, die auch von der Bundesregierung diskutiert wird. "So kämen die Leute schneller wieder zurück in die Wirtschaft und damit ins soziale Leben."

Davon hält der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen wenig: "Das könnte die Leute dazu animieren, mehr Schulden zu machen", sagt Verbandssprecher Marco Weber. Denn es sei meist so, dass in der letzten Hälfte der sechs Jahre der Großteil der Schulden zurückgezahlt werde. Halbiere sich die Zeit, müssten die Gläubiger noch mehr Forderungen abschreiben.

Dass es auch andere Möglichkeit gibt, wieder solvent zu werden, weiß Karl-Heinz H. dank der Selbsthilfegruppe: Der überschuldete Rentner will im kommenden Jahr von Hamburg nach England umziehen. Nach EU-Recht kann ein Deutscher auch dort ein Insolvenzverfahren beginnen. Denn dort ist man schon nach rund einem Jahr raus aus den Schulden. Voraussetzung: Der Wohnsitz befindet sich in dem entsprechenden Land, und man hat dort einen festen Job.

Im Internet werden in zahlreichen Foren die Vor- und Nachteile von Auslands-Entschuldungen diskutiert. Dort gibt es aber genauso wenig Fachberatung wie in der Selbsthilfegruppe. Neben England sind auch Frankreich und Belgien beliebte Länder, um die Insolvenz zu durchlaufen.

Doch der "Insolvenz-Tourismus" ärgert die ausländischen Gerichte. Gleichzeitig bereichern sich einige deutsche Anwälte mit dubiosen Angeboten an den Entschuldungswilligen. Und auch der Inkasso-Unternehmen-Sprecher Marco Weber findet es nicht gerecht, wenn Menschen Schulden im eigenen Land machen und sich dann im Ausland verhältnismäßig schnell davon entledigen. Doch Attila von Unruh hält diese Möglichkeit für eine legitime Alternative.

Materielles gewinnt neuen Wert

Die Insolvenz machte aus ihnen andere Menschen, da sind sich die "Anonymen Insolvenzler" sicher. Sie fanden heraus, wer ihre wahren Freunde sind, und lernten, auch kleine Dinge zu schätzen. Für Anna W. war es schon ein "Luxusanfall", als sie sich 200 Gramm Krabben und einen Piccolo gönnte - Belohnung für die überstandene Insolvenz.

Noch heute scheut sie den Gang zum Briefkasten. Nur mit Herzklopfen schafft sie es dorthin, wo lange Zeit nur Mahnungen und Forderungen auf sie warteten. "Jetzt kann doch nix mehr kommen", beruhigt sie ein Teilnehmer der Selbsthilfegruppe. "Ja, eigentlich schon", sagt Anna W. und blickt zu Boden.

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1. Intelligente Schulden
Fuiz Weng Ho 09.10.2011
Zitat von sysopGeld weg, Konto leer, Ruf ruiniert: Der Schritt in die Insolvenz ist*oft der letzte Ausweg eines Überschuldeten. In der Selbsthilfegruppe "Anonyme Insolvenzler" tauschen sich*Betroffene*diskret über*ihr Schicksal*aus - denn*der finanzielle Ruin*bedroht viele auch*mit dem*gesellschaftlichen Aus. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,786368,00.html
Wir leben im Zeitalter der intelligenten Schulden. Das geht so: Darlehen aufnehmen und dann nur die Hälfte, wenn überhaupt, zurückzahlen. Ware bestellen und dann nur die Hälfte des Kaufpreises abstottern. Im großen Stil macht das Griechenland vor. Intelligente Schuldner und dumme Gläubiger sind ein schönes Paar. Kann mir jemand erklären, warum man Schulden überhaupt begleichen muß, in diesem unserem (Kohl) Lande? 9.10.2011 - 16:26
2. Kehrseite..
goethestrasse 09.10.2011
"Die häufigsten Gründe für die Schulden: Arbeitslosigkeit, geringes Einkommen, gescheiterte Selbständigkeit, Trennung vom Partner" "Unruh setzt sich für eine Halbierung der Laufzeit von sechs auf drei Jahre ein, die auch von der Bundesregierung diskutiert wird. "So kämen die Leute schneller wieder zurück in die Wirtschaft und damit ins soziale Leben." ..ich als Kleinunternehmer stehe auf der anderen Seite. Mit meinen Forderungen gehe ich fast immer leer aus. Die grösseren Gäubiger werden zuerst bedient bzw. mit absolut grösseren Beträgen. Insolvente Schuldner haben sich noch NIE bei mir entschuldigt.
3. Schulden sind relativ
doc 123 09.10.2011
Zitat von sysopGeld weg, Konto leer, Ruf ruiniert: Der Schritt in die Insolvenz ist*oft der letzte Ausweg eines Überschuldeten. In der Selbsthilfegruppe "Anonyme Insolvenzler" tauschen sich*Betroffene*diskret über*ihr Schicksal*aus - denn*der finanzielle Ruin*bedroht viele auch*mit dem*gesellschaftlichen Aus. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,786368,00.html
Einfach NUR absurd den privat-Insolventen in gesellschaftliche Frage zu stellen, den Banken-Pleitier als systemrelevant anzuerkennen. NOCH viel aburder geht es einfach nicht mehr. Es ist doch allenfalls absurd, das Schicksal des Einzelnen über das von Zocker-Banken zu stellen, deren Relevanz auch NOCH in erheblichem Maß auf Grund der Pleite von Einzelpersonen oder auch Klein- und Mittelständischen Unternehmen - wegen der Unmöglichkeit des Erhaltes von Krediten oder deren Verlängerungen - NICHT bestätigt werden kann.
4. Umverteilung
Hagen65 09.10.2011
Als Kleinunternehmer kenne ich beide Seiten: einerseits immer wieder Forderungsausfälle,- und ganz zum Schluß haarscharf an der Insolvenz vorbei. Insolvenzen von klein- und mittelständischen Betrieben, aber auch die privaten Insolvenzen, zeigen vor allem Eines: die gnadenlose Umverteilung in unserer Gesellschaft von unten nach oben. Die Kleinen trifft stets die volle Härte der Gesetze, nach oben hin wird die Insolvenz-Justiz immer kuscheliger.
5. -
Knighter 09.10.2011
Zitat von goethestrasse"Die häufigsten Gründe für die Schulden: Arbeitslosigkeit, geringes Einkommen, gescheiterte Selbständigkeit, Trennung vom Partner" "Unruh setzt sich für eine Halbierung der Laufzeit von sechs auf drei Jahre ein, die auch von der Bundesregierung diskutiert wird. "So kämen die Leute schneller wieder zurück in die Wirtschaft und damit ins soziale Leben." ..ich als Kleinunternehmer stehe auf der anderen Seite. Mit meinen Forderungen gehe ich fast immer leer aus. Die grösseren Gäubiger werden zuerst bedient bzw. mit absolut grösseren Beträgen. Insolvente Schuldner haben sich noch NIE bei mir entschuldigt.
ich war selbst als unternehmer insolvent und bin seit 2010 damit durch. ich stehe aber auf beiden seiten, frage Sie aber dennoch: 1. was bringt Ihnen eine entschuldigung? 2. als insolventer ist man gesellschaftlich erledigt, wenn man schulden bei finanzamt und der kv hat, folgt schnell ein gewerbeverbot inkl. gerichtsverfahren, konto ist dann schon meist mehrfach gepfändet, also nicht vorhanden, nicht nur kein kredit, sondern auch alle laufenden kredite sind für die katz, damit ist oft auch das auto weg, als nächstes folgt die wohnung, alle altersvorsorgen, einen halbwegs anständigen job findet man ohne konto auch nicht mehr so einfach und auch ist man unten durch bei kunden, bekannten und (das einzig gute) bei falschen freunden. und da meinen Sie hat man noch den mut sich bei seinen gläubigern sehen zu lassen? denken Sie wirklich, daß man mit erhobenem kopf durch die welt geht? ich schäme mich noch heute, wenn ich auf der straße die lkw meiner ex-gläubiger sehe, glauben Sie mir...aber Sie müssen es natürlich nicht verstehen, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie hilflos man sich auch als gläubiger fühlen muss.
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