"Tatort"-Faktencheck Kungeln Naturschützer wirklich mit der Industrie?

Der Bremer "Tatort" kehrte das Schmutzige der sauberen Energien hervor: Naturschützer kungeln mit Ökostrom-Unternehmern, Offshore-Windanlagen töten massenhaft Vögel und Wale. Wie nah kam die Episode der Realität?

Windpark-Unternehmer Overbeck (l.), Naturschützerin Lorenz (2.v.r.): Deal gegen Siegel
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Windpark-Unternehmer Overbeck (l.), Naturschützerin Lorenz (2.v.r.): Deal gegen Siegel

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Lars Overbeck ist verzweifelt. Dringend braucht der Ökostrom-Unternehmer frisches Geld für seine Offshore-Windparks. Aber seine Bank will die zugesagten Kredite nicht mehr auszahlen: Das Video eines Naturschützers belegt scheinbar, dass Overbecks Windräder massenhaft Vögel töten. Und dann formiert sich auch noch medienwirksam Widerstand gegen den Bau seines neuen Windparks - angeblich werden die Fundamente derart laut in den Meeresboden gerammt, dass Schweinswale verenden.

Was Overbeck jetzt braucht, ist eine Art Persilschein. Gut, dass er die Managerin einer großen Naturschutzorganisation kennt, die Öko-Gütesiegel vergibt. Overbeck hält ihr einen Millionen-Euro-Scheck unter die Nase. Sie lehnt ab. Dafür taucht sie wenig später mit einem Hedgefonds-Manager auf - und offeriert einen Deal: Der Hedgefonds gibt Overbeck den Kredit, dafür gibt der Offshore-Pionier die Rechte an bereits genehmigten Windpark-Standorten ab. Der Hedgefonds lässt im Gegenzug die Windparks mit dem Gütesiegel der Naturschutzorganisation zertifizieren - gegen gutes Geld.

Dramaturgisch mag die Bremer "Tatort"-Episode eher dürftig ausgefallen sein - stellte sie dann wenigstens die Gepflogenheiten und Rahmenbedingungen in der Offshore-Branche realistisch dar? Hier der Faktencheck.

Muss die Offshore-Branche wirklich vor Naturschützern zittern?

Ja, und das ist politisch auch so gewollt. Denn Naturschutzorganisationen haben ein Klagerecht in Umweltfragen, sofern sie von den Umweltministerien anerkannt sind. Im deutschen Rechtssystem ist das eine seltene Ausnahme, die den Vereinen gewährt wird, damit die Interessen von Pflanzen und Tieren gewahrt werden. Und die Naturschützer machen von diesem Recht auch regelmäßig Gebrauch, wenn Bauprojekte der Umwelt zu schaden drohen.

Bremer "Tatort" über Windpark
Das Selbstbewusstsein ist also nicht unbegründet, mit der im Bremer "Tatort" die Managerin der Naturschutzorganisation in einem Fernsehtalk verkündet, den Bau eines Offshore-Windparks wegen der Auswirkungen auf die Schweinswale stoppen zu können. Allerdings würde sie in der Realität wohl kaum die Gelegenheit zu dieser Stellungnahme erhalten: Nur in absoluten Ausnahmefällen berichten Medien derart prominent über Umweltklagen gegen Industrieprojekte.

Kungeln Naturschützer tatsächlich mit der Industrie?

Die "Tatort"-Macher haben mit diesem Erzählstrang eine erbitterte Kontroverse unter Naturschützern aufgegriffen. Denn tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Fällen, in denen Naturschutzorganisationen Klagen zurückzogen oder gar nicht erst einreichten - im Gegenzug für üppige Geldspenden. Allerdings ist es - anders als im "Tatort" - nicht üblich, dass das Geld aus einem solchen Vergleich direkt an die Organisationen fließt. Meist geht das Geld an Stiftungen, die sich speziell um die durch das Projekt betroffene Flora und Fauna kümmern.

Eine Art Blaupause lieferte 1997 der BUND Thüringen, als der Energiekonzern Veag ein Pumpspeicherkraftwerk bauen wollte. Erst reichten die Naturschützer Klage ein, zogen sie aber im Gegenzug für eine Spende über rund 3,6 Millionen Euro an die eigens gegründete Naturstiftung David zurück.

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"Tatort" aus Bremen: Windig, das Geschäft mit dem Wind
Auf derartige Vergleiche lassen sich Naturschützer übrigens nicht nur bei Ökostrom-Projekten ein - sondern beispielsweise auch bei einem Test- und Prüfzentrum des Autobauers Daimler bei Immendingen oder bei einem Flughafenausbau wie in Lübeck. Wie die meisten Umweltverbände beteuert auch der BUND, Klagen nur dann zurückzunehmen, wenn sie keine Aussicht auf Erfolg haben und zudem in den Naturschutz investiert werde.

Die Praxis ist dennoch umstritten. So berichteten etwa der SPIEGEL, die "taz" oder das ARD-Magazin "Panorama" kritisch über eine Reihe derartiger Vergleiche. Besonders groß ist die Empörung in der Naturschutzszene selbst. So erregte etwa der BUND-Mitgründer Enoch von Guttenberg, Vater des früheren CSU-Ministers Karl-Theodor, vor drei Jahren Aufsehen, als er den Verband in einem in der "FAZ" veröffentlichten offenen Brief im "Verdacht der Käuflichkeit" sah und seinen Austritt erklärte. (Hier finden Sie die Replik des BUND-Vorsitzenden.)

Töten Offshore-Windparks Vögel und Wale?

Ja, das tun sie. Vögel werden von den Rotoren erschlagen, Schweinswale leiden massiv unter dem Lärm, der beim Einrammen der mächtigen Windrad-Fundamente entsteht, mitunter bis zum Tod. Vor allem Zugvögel sind Naturschützern zufolge gefährdet, und das besonders nachts, da sie ortsfremd sind und von den Positionslichtern der Windräder angelockt werden - oder, so die alternative Argumentation, sie die Windräder in der Dunkelheit nicht sehen können.

Umstritten ist allerdings, in welchem Ausmaß Tiere wegen Windparks sterben. Erste Untersuchungen deuten auf eine vergleichsweise geringe Zahl hin. Der dänische Energieforscher Benjamin Sovacool errechnete in einer Studie, dass bei der Windenergie im Schnitt 0,27 Vögel pro erzeugter Gigawattstunde sterben - bei fossiler Stromerzeugung wie bei Kohle oder Öl hingegen weit mehr, nämlich 5,18 Vögel.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) hat im Oktober 2013 eine Analyse der Auswirkungen des Windparks "Alpha Ventus" vorgestellt. Demnach konnten "keine negativen Auswirkungen auf die Meeresumwelt" festgestellt werden. Die Windparks förderten im Gegenteil sogar die Artenvielfalt.

Der Tierschutz spielt auch bei der Genehmigung für neue Standorte eine Rolle. So sagte die Chefin des Bundesamts für Naturschutz dem SPIEGEL über den 2002 genehmigten (aber noch nicht errichteten) Windpark Butendiek, der sowohl in einem Schutzgebiet für Schweinswale als auch in einem Schutzgebiet für eine bestimmte Vogelart liegt: "Heute wäre ein solches Vorhaben nicht mehr genehmigungsfähig."

Sind Offshore-Standorte begehrte Mangelware?

Ja, und bei diesem Aspekt war der Bremer "Tatort" topaktuell: Erst seit 2014 gibt es gesetzliche Obergrenzen für den Ausbau erneuerbarer Energien - auch für die Offshore-Windkraft. Das führt dazu, dass weit von der Küste entfernte Standorte nun nicht mehr genehmigt werden. Sogar bereits weit vorangetriebene und genehmigte Projekte mussten gestoppt werden, wie der NDR berichtet. Umso wertvoller werden dadurch bereits genehmigte Projekte an küstennahen Standorten - auch für potenzielle finanzkräftige Investoren.

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günter1934 14.06.2015
1. Dilemma
Das ist für viele Naturschützer natürlich auch eine Zwickmühle. Einmal weg von dem angeblich schmutzigen Atom- und Kohlestrom, - auf der anderen Seite das Opfer von Naturräumen zum Bau von Windrädern in Naturschutzgebieten und genau so schlimm der Bau von Pumpspeicherkraftwerken in idyllischen Gebirgstälern. Über solche Skrupel hilft natürlich eine Spende hinweg.
meijoh 14.06.2015
2. WKA töten und es ist den Firmen egal!
zu der Situation offshore kann ich nichts sagen. Ich selber kämpfe gegen WKA in Wäldern! Extremer Wahnsinn: unsere Wälder werden großflächig zerstört und 200 m hohe Industrieanlagen werden hier gebaut! Wahnsinn und es darf sich Öko nennen! In unserem Gebiet sind 12 (in Worten 12) rote Liste Arten von Fledermäusen nachgewiesen, z.T. laktierende Weibchen. Fledermäuse müssen gar nicht in die Rotoren fliegen. Ihr Tod ist viel schneller erreicht: Barotrauma nennen es die WK-Befürworten. Klingt so sauber! der Unterdruck der WKA zerfetzt den Fledermäusen die Lungen und tötet sie so! Und glaubt doch nicht, das 12 (zwölf) rote Liste Fledermausarten ein Grund wäre für die "Öko-Strom-Firmen", den Blut-Strom würde ich es gerne nenne, um nicht zu bauen. Sie kämpfen für ihre riesen Gewinne, garantiert durch Mutti!
stefan7777 14.06.2015
3. Schon bemerkenswert, die moderne Propaganda,
die Propaganda der öffentlich Rechtlichen ganz vorne dran. Erst wenn der Letzte Baum vertrocknet ist, wenn der letzte Tropfen Öl verbrannt wurde wenn die letzte Unze Uran gespalten ist, werdet Ihr merken, dass sie mit zweierlei Maß messen, euch belogen haben und dass man Dividenden nicht fressen kann. Erzählen werden Euch das wir, Eure Kinder, denn wir ernten die Früchte Eurer Ignoranz.
DanceOfEternity 14.06.2015
4. Was war den Machern wichtig?
Man, das war mit Abstand der langweiligste Tatort seit ewigen Zeiten. Von mir aus kann die ARD solche Filme an einem Mittwoch zeigen, aber bitte nicht unter dem Namen "Tatort"! Da ist doch der Faktencheck egal! Alles war doch von sonstwoher geholt. Konstruierte Morde am Schluss, die mit der eigentlichen Handlung auch mal so gar nichts zu tun hatten und ohne die die Aussage der Macher auch vorgetragen hätte werden können. Konstruierte Morde, damit das auch ein Tatort sein darf. Pseudo-Ermittlungen, die auch so gar nicht zum Ziel führten. Schwach, langweilig, schade!
egoneiermann 14.06.2015
5.
Zitat von meijohzu der Situation offshore kann ich nichts sagen. Ich selber kämpfe gegen WKA in Wäldern! Extremer Wahnsinn: unsere Wälder werden großflächig zerstört und 200 m hohe Industrieanlagen werden hier gebaut! Wahnsinn und es darf sich Öko nennen! In unserem Gebiet sind 12 (in Worten 12) rote Liste Arten von Fledermäusen nachgewiesen, z.T. laktierende Weibchen. Fledermäuse müssen gar nicht in die Rotoren fliegen. Ihr Tod ist viel schneller erreicht: Barotrauma nennen es die WK-Befürworten. Klingt so sauber! der Unterdruck der WKA zerfetzt den Fledermäusen die Lungen und tötet sie so! Und glaubt doch nicht, das 12 (zwölf) rote Liste Fledermausarten ein Grund wäre für die "Öko-Strom-Firmen", den Blut-Strom würde ich es gerne nenne, um nicht zu bauen. Sie kämpfen für ihre riesen Gewinne, garantiert durch Mutti!
Auch durch das wiederholte Wahnsinn wird es nicht richtiger. Jede Baumaßnahme bewirkt einen Eingriff in Ökosysteme. Wenn man daher jede verbieten wollte, die negative Auswirkungen hat, dann dürfte man nichts mehr bauen. Daher ist es eine Abwägungsache, ob lokale Fledermäuse wichtiger sind oder dann doch globale Auswirkungen. Wir müssen und auch immer klar werden auch die Natur zerstört laufen Lebensräume und erschafft gleichzeitig neue.
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