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Onlinehändler Telco-Tec: Bestellt, bezahlt - und nie beliefert

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Tausende Kunden haben beim Verkaufsportal Telco-Tec Elektroware gegen Vorkasse bestellt - und nie erhalten. Die Spur führt zu einem Deutschen, der von Thailand aus die Strippen zieht.

Website der Firma Telco-Tec: Dubioser Onlinehandel Zur Großansicht
TELCO-TEC

Website der Firma Telco-Tec: Dubioser Onlinehandel

Hamburg - Börries Hornemann dachte, er hätte ein Schnäppchen gemacht. Das Navigationsgerät, das er im September auf einer Website des Onlineportals Telco-Tec bestellte, war deutlich günstiger als in einschlägigen Elektromärkten. Hornemann zahlte per Vorkasse, doch das Gerät kam nie an. Der "Escalation Specialist", mit dem er ein gutes Dutzend Mails austauschte, versprach Hilfe. Doch sein Geld sah Hornemann nicht wieder.

Dann tat Hornemann etwas, das er besser als Allererstes getan hätte: Er googelte den Namen Telco-Tec - und merkte, dass er nicht der Einzige ist, dem das Portal Geld oder Ware schuldet. In Onlineforen häufen sich die Beschwerden von Kunden, die Drucker, Computer und andere Elektrogeräte bestellt und nie erhalten haben.

Die Geschichte, die hinter all diesen Beschwerden steckt, hat viel von einem Lehrstück. Es geht um Kunden, die beim Internet-Shopping allzu leichtfertig Geld per Vorkasse überweisen. Um Unternehmer, die sich allzu unkritisch mit dubiosen Geschäftspartnern einlassen. Und um einen Deutschen, der unter falschem Namen von Thailand aus die Strippen zieht.

Verbraucherschutz mit Wild-West-Methoden

Dass diesem Mann inzwischen die Kriminalpolizei auf der Spur ist, hat viel mit einer älteren Dame aus Hamburg zu tun, die teils mit Wild-West-Methoden für die Rechte von Verbrauchern kämpft. Die Frau heißt Gunda Lauckenmann und betreibt mit einer Handvoll Leuten das Portal Verbraucherschutz.de. Mit den offiziellen Verbraucherschutzzentralen hat das nichts zu tun. Doch was ihrem kleinen Verein an Professionalität, Infrastruktur und Mitteln fehlt, macht Lauckenmann mit Penetranz wieder wett.

Im Februar 2014 warnte Verbraucherschutz.de erstmals vor Telco-Tec. Bei Lauckenmann meldete sich bald darauf ein gewisser Marcus Reimann, wohnhaft in Udon Thani, Thailand. "Er sagte, er sei Geschäftsführer der Telco-Tec", erinnert sich Lauckenmann. "Seine Firma sei durch eine Flut von Bestellungen überrascht worden und mit den Lieferungen nicht mehr hinterhergekommen."

Zunächst schien der Mann kooperativ zu sein. Er ließ eine spezielle E-Mail-Adresse einrichten, an die Verbraucherschutz.de alle Beschwerden weiterleiten sollte, damit die Kunden rasch entschädigt werden. Lauckenmann stellte nach eigenen Angaben einen Mitarbeiter ein, der die Anfragen abarbeitete. Reimann überwies ihr dafür 2500 Euro.

Als sich weiter haufenweise wütende Kunden meldeten, stellte Verbraucherschutz.de Reimanns Handynummer und die Privatnummern seiner Geschäftspartner ins Netz - und forderte Kunden auf, die Telco-Tec-Leute mit Anrufen zu überhäufen. Später veröffentlichte Lauckenmann ein Foto, das Reimann in Thailand zeigt.

Das gespaltene Ich

Dass das Bild den richtigen Mann zeigt, ist unstrittig. Er ist auch auf vielen anderen Bildern und Videos von Telco-Tec zu sehen. Nur heißt der Mann nicht Marcus Reimann. Sein richtiger Name ist nach Informationen von SPIEGEL ONLINE Karsten Uwe Gräfe.

Googelt man nach Karsten Uwe Gräfe, stößt man auf Beschwerden über eine Firma namens "Siam Reisen - Thailand Travel & Tours". Kunden geben an, Geld für Flugbuchungen überwiesen zu haben, die dann nie durchgeführt wurden. Gräfe, Geburtsdatum 1. Oktober 1973, war Geschäftsführer dieser Firma. 2008 wurde ein Insolvenzverfahren über sein Privatvermögen eröffnet. Doch der Insolvenzverwalter erreichte Gräfe nur telefonisch: Er hatte sich nach Thailand abgesetzt.

Gräfe antwortete weder auf Anfragen an seine Marcus-Reimann-Mail-Adresse noch auf Anfragen an die Siam-Reisen-Mail-Adresse von Karsten Uwe Gräfe, die noch zu funktionieren scheint. Nachrichten auf sein Handy ließ er ebenfalls unbeantwortet.

Viele Firmen - eine Adresse

Gegenüber Verbraucherschutz.de behauptete Reimann/Gräfe einmal, es gebe 89 Webseiten, die die Ware der zentralen Telco-Tec-Firma, der Import Export Group (IEG), vertreiben würden. Jede sei eine "eigenständige juristische Person".

Tatsächlich dachte sich Reimann/Gräfe nur irgendwelche Fantasienamen aus, um Größe zu suggerieren. Seine Portale heißen "expo-tec.com", "sale-point.com", "i-online-store.com", "best-price-now.com" oder "telco-tec-international.com". Am Ende verbirgt sich hinter all den Domains kein nachhaltiges Geschäftsmodell, sondern Reimann/Gräfe.

Die Ware, die Kunden per Vorkasse zahlten, sei oft erst Monate später oder gar nicht bestellt worden, sagen ehemalige Geschäftspartner. Und wenn doch einmal Ware bestellt wurde, seien bisweilen die Lieferanten nicht bezahlt worden.

Die Firmen im Telco-Tec-Universum haben oft dieselbe Adresse: Udondusadee, Udon Thani, Thailand. Es ist die Straße, in der Geschäftspartnern von Telco-Tec zufolge auch Reimann/Gräfe wohnt. Die Online-Auftritte mancher dieser Pseudofirmen sind halbfertige Baukasten-Websites, auf denen mehrfach Marcus Reimann oder seine Frau als Manager gelistet sind. Auf einer Website haben alle Verantwortlichen die Telefonnummer 123-456-7890.

Eklat im Telco-Tec-Shop

Nach Schätzungen von Verbraucherschutz.de gibt es rund 10.000 Geschädigte in verschiedenen europäischen Ländern. Die Rückforderungen für Ware, die mit Kreditkarte bezahlt wurde, belaufen sich laut einer Stellungnahme eines Ex-Telco-Tec-Partners gegenüber der Kriminalpolizei auf rund 360.000 Euro. Hinzu kommen Rückforderungen aus Banküberweisungen in unbekannter Höhe. Lieferanten von Elektro-Ware aus Deutschland und Frankreich schicken ebenfalls haufenweise Mahnungen.

Selbst Partnerfirmen von Telco-Tec fühlen sich geprellt. Der Mann, den sie nur unter dem Namen Marcus Reimann kennt, "hat ohne unser Wissen und ohne unsere Genehmigung Ware auf unsere Rechnung bestellt", sagt Mandy Driesch, Geschäftsführerin von Celtlec, einem irischen Unternehmen, das für Telco-Tec unter anderem den Kundensupport übernahm. Celtlec habe die Zusammenarbeit mit Telco-Tec inzwischen beendet, die Forderungen der Lieferanten könne man nicht begleichen.

Geld bekamen bislang meist jene Kunden zurück, die bei Telco-Tec massiv Druck machten. Rund 300 Menschen hätten gegen Telco-Tec Anzeige erstattet, sagt Lauckenmann von Verbraucherschutz.de. Gut zwei Drittel von ihnen hätten ihr Geld zurückbekommen.

In Berlin betreibt Telco-Tec seit September ein Warenhaus für Elektrogeräte. Zuletzt schlugen dort wütende Kunden auf und ließen sich ihre Forderungen in Form von Rechnern und Handys auszahlen. "Das Lager", konstatiert ein Kunde, der kürzlich dort war, "ist nahezu leer."

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1. Ich weiß, es wirkt arrogant...
Ex-Kölner 29.11.2014
...aber hat es sich immer noch nicht herumgesprochen, daß man nicht per Vorkasse bestellt? Vor allem, wenn die Preise auffällig günstig sind? Aber gut - es fallen ja auch immer noch Leute auf den Enkeltrick rein...
2. Niemals Vorkasse
Sibylle1969 29.11.2014
Bei Händlern im Internet, die nur Vorkasse als Zahlungsart akzeptieren, bestelle ich grundsätzlich nichts. Ich bestelle ausschließlich bei Händlern, die entweder auf Rechnung liefern oder Kreditkartenzahlung akzeptieren. Notfalls noch Bankeinzug, aber nur ungerne. Auch Online-Bezahldienste wie Paypal kommen für mich nicht in Frage. Gerade bei Unterhaltungselektronik ist Vorkasse immer verdächtig, denn in diesem Feld tummeln sich unzählige Betrüger. Natürlich hat auch der Händler ein berechtigtes Interesse, sich vor Zahlungsausfällen zu schützen, weshalb ich verstehe, dass Lieferung auf Rechnung bei den Händlern unbeliebt ist. Aber Kreditkartenzahlung sollte auf jeden Fall dabei sein.
3.
tkedm 29.11.2014
Vorkasse ist ein No-Go. Und auch Bankeinzug ist - je nach Liefertermin - Vorkasse, da die meisten Händler mit der Abbuchung gar nicht schnell genug sein können. Dass die Zahlung erst nach Erhalt der Ware erfolgt, sollte selbstverständlich sein. Aber dass die meisten der großen Onlineshops das nicht mehr anbieten, sagt viel über deren Sympathie zu ihren Kunden.
4. In memoriam connecting electronics
Aus_die_Laus 29.11.2014
---Zitat--- Geld bekamen bislang meist jene Kunden zurück, die bei Telco-Tec massiv Druck machten. Rund 300 Menschen hätten gegen Telco-Tec Anzeige erstattet, sagt Lauckenmann von Verbraucherschutz.de. ---Zitatende--- Das deckt sich mit meinen Erfahrungen, die ich vor rund 10 Jahren mit der Firma connecting electronics gemacht habe, dessen Geschäftsführer Marcel Prothmann wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu 21 Monaten Haft rechtskräftig verurteilt worden ist. Auch ich habe damals ohne Zögern sofort die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und war einer der wenigen glücklichen Kunden, die ihr Geld in vollem Umfang noch vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens zurückbekommen hatten. Daher die Empfehlung: wer sofort die Strafjustiz bemüht und schwerstes Geschütz auffährt ohne viel Federlesen steht am Ende am besten da.
5. Selbst schuld!
snoook 29.11.2014
Sorry, aber wer meint, dass es immer noch deutlich billiger sein muss, hat es nicht besser verdient. Selbst wenn es kein Betrug ist, hätte es immer noch geklaute Ware sein können oder das Geschäftsmodell ist so marode, dass die Firma vor der Lieferung pleite geht. Immerhin hat Reimann (oder Gräfe) die richtige Adresse und eine Pseudo-Telefonnummer angegeben, man kann also durchaus misstrauisch werden! Wer bei einem Preisvergleich die Preise sieht und blind beim billigsten kauft, ohne den Grund zu hinterfragen, dem kann man wirklich nicht mehr helfen!
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