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TelDaFax und Co.: Wenn billig richtig teuer wird

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Der Billig-Stromanbieter TelDaFax ist pleite, was vor allem eines zeigt: Auf dem Energiemarkt buhlen Firmen mit teils fragwürdigen Methoden um Kunden, und die Verbraucher sind bei der Schnäppchenjagd oft zu unvorsichtig. Ein Überblick über die gemeinsten Kostenfallen.

TelDaFax-Zentrale in Troisdorf: Strom unter Einkaufspreis Zur Großansicht
dpa

TelDaFax-Zentrale in Troisdorf: Strom unter Einkaufspreis

Hamburg - So hatte sich Rudi Völler seinen Ausflug in die Werbewelt sicher nicht vorgestellt. Mit dem Slogan "Wechseln is'n Klacks" warb der frühere Fußballbundestrainer und aktuelle Sportdirektor von Bayer 04 Leverkusen bis vor kurzem für den Energie-Discounter TelDaFax. Jetzt ist das Unternehmen pleite, und Völler muss improvisieren. In großformatigen Anzeigen sucht er einen neuen Trikot-Sponsor. "Spielen Sie mit uns Champions League", ist darauf zu lesen. Es geht um Sponsorenverträge im Wert von 13 Millionen Euro.

Die TelDaFax-Pleite trifft nicht nur den Fußballclub. Viele Verbraucher müssen durch die Insolvenz hohe Verluste fürchten. Fast 800.000 waren zu Hochzeiten bei TelDaFax unter Vertrag. Dabei wurde die Firma erst 2007 gegründet. Zur Neukundengewinnung betrieb sie unter anderem ein riskantes Modell: Sie verkaufte Strom deutlich günstiger als die Konkurrenz, im Gegenzug zahlten die Kunden ihre Rechnung für das kommende Jahr im Voraus. Das vorgestreckte Geld ist nun vermutlich futsch.

Die Insolvenz von TelDaFax mag ein Extremfall sein. Doch sie ist auch ein Symptom für die Situation am Energiemarkt. Mehr als zwei Millionen Verbraucher wechseln pro Jahr den Anbieter. Die meisten orientieren sich schlicht am Preis. Also locken Unternehmen mit Billigtarifen - doch manche entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Kostenfalle. Wer hineintappt, zahlt am Ende oft mehr als in seinem früheren Vertrag.

  • So kritisieren Verbraucherorganisationen die Stadtwerke Gaggenau wegen ihres Tarifs Spezial 08. Bei diesem bekommen Kunden in Regionen Baden-Württembergs eine bestimmte Energiemenge besonders günstig. Brauchen sie jedoch mehr Strom als im Vertrag vorgesehen, zahlen sie unverhältnismäßig drauf - 60 Cent kostet die Kilowattstunde dann laut Antragsformular. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Endkundenpreis beträgt in Deutschland rund 25 Cent. Die Methode erinnert an den Telekommunikationsmarkt. Auch dort zahlt man bei bestimmten Tarifen einen hohen Aufpreis, wenn man vereinbarte Datenmengen überschreitet. Die Stadtwerke Gaggenau weisen die Kritik an ihrem Tarif zurück. Es handle sich um ein kostengünstiges Angebot für interessierte Kunden, welche Ihren Stromverbrauch genau kennen.
  • Scharfe Kritik gab es in der Vergangenheit auch an Tarifen der Firma Flexstrom, einem mittelständischen Stromanbieter aus Berlin. Flexstrom hatte unter anderem Verträge für günstigen Strom mit einer einjährigen Laufzeit angeboten, bei denen die Preisgarantie nach drei Monaten erlosch. Kunden hatten die Möglichkeit, die Preisgarantie gegen einen Aufpreis zu verlängern. Manchen Verbrauchern, die dies nicht taten, erhöhte das Unternehmen nach Ablauf der Frist deutlich die Tarife. Verbraucherschützer zogen vor Gericht - in zwei Fällen bekamen sie recht. Inzwischen hat Flexstrom das Tarifmodell aufgegeben. "Es war für uns nicht zielführend", sagt ein Sprecher.
  • Auch ein anderes Modell sorgte bei Flexstrom-Kunden für Ärger. Das Unternehmen hatte wechselwilligen Kunden hohe Boni geboten. Das Geld sollte laut AGB "spätestens mit der ersten Jahresrechnung verrechnet" werden. Später verweigerte Flexstrom die Auszahlung. Grund: Verbraucher kündigten ihre Verträge nach knapp einem Jahr, weil Flexstrom für das zweite Jahr eine Preiserhöhung angekündigt hatte. Um den Bonus zu erhalten, müsse man länger als ein Jahr Kunde sein, sagte das Unternehmen zur Begründung. Das Landgericht Heidelberg sprach von "versuchter Bauernfängerei".
  • Das Vorauszahlungsmodell von TelDaFax ist am Strommarkt weitverbreitet. Dutzende Unternehmen bieten günstigen Strom gegen Vorkasse, darunter viele Stadtwerke. Bei ihnen ist allerdings die Pleitewahrscheinlichkeit eher gering. Oft sind die Unternehmen schon seit Jahrzehnten aktiv, und zur Not könnten bei einer Schieflage die Kommunen einspringen.

Dass Anbieter zu solchen Methoden greifen, kann man kritisieren. Man kann es aber auch unaufgeregt formulieren: Am Strommarkt herrscht - wie auf jedem anderen Markt auch - harter Wettbewerb. Damit dieser funktioniert, müssen windige Anbieter selbstverständlich identifiziert und bestraft werden. Doch auch die Kunden selbst sind in der Pflicht. Und die sind leider oft erschreckend unvorsichtig, solange die Aussicht lockt, Geld zu sparen.

Berichte über fragwürdiges Bezahlsystem

Die Probleme von TelDaFax etwa waren lange bekannt. Es gab Berichte über mögliche Bilanztricks. Dann wurde bekannt, dass der Firmengründer und langjährige Aufsichtsratschef Michael Josten wegen eines millionenschweren Anlagebetrugs im Jahr 2007 zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden war. Er trat die Strafe Mitte 2010 an. Die Firma äußert sich nicht zur Kritik, sie verweist auf das laufende Insolvenzverfahren.

Verbraucher hätten also viel Grund zum Zweifeln gehabt - auch beim Geschäftsmodell von TelDaFax. Bereits im Herbst vergangenen Jahres gab es Berichte über das fragwürdige Bezahlsystem. Im Frühjahr äußerte sich der frühere Firmenchef Hans-Gerd Höptner selbst kritisch in einem Interview. "TelDaFax hat versucht, in verhältnismäßig kurzer Zeit eine große Anzahl von Neukunden zu gewinnen", sagte er der "Welt am Sonntag". "Das hat man dadurch ermöglicht, dass man besonders preisgünstig war. Aus meiner Sicht unterhalb des vertretbaren Preisniveaus."

All das hätte Verbraucher stutzig machen müssen. Viele schlossen trotzdem einen Vertrag mit TelDaFax, oder sie hielten zu lange daran fest. Nun müssen sie fürchten, dass ihre Vorauszahlungen für immer verloren sind.

Auch Bayer Leverkusen drohen Millionenverluste, sofern der Verein keinen Trikot-Sponsor findet. Das aber dürfte schwierig werden: Mitten im Jahr haben viele Unternehmen ihre Marketing-Etats bereits ausgegeben.

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1. Gier friß Hirn
Florian Geyer, 15.06.2011
Zitat von sysopDer Billig-Stromanbieter TelDaFax ist pleite, was vor allem eines zeigt:*Auf dem Energiemarkt buhlen Firmen mit teils fragwürdigen Methoden um Kunden, und die*Verbraucher sind bei der Schnäppchenjagd oft zu unvorsichtig. Ein Überblick über die*gemeinsten Kostenfallen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,768501,00.html
Mit den Verbrauchern die Vorauszahlungen leisteten habe ich kein Mitleid. Vor diesen Vorauszahlungen wird immer gewarnt, egal ob Möbel, Kauf im Internet, Strom oder sonstige Konsumartikel. Ein Kunde dieses Unternehmens brachte es in "Brsiant" heute selbst auf den Punkt: "Ich war zu gierig und wollte durch die Vorauszahlung einen noch niedrigeren Tarif". Interessant, wie human diesmal der Spiegel argumentiert. Wäre eine Bank Pleite gegangen wären natürlich nur die Banker Schuld gewesen wenn die Kunden Verluste erlitten hätten, wo sie doch ihr Geld für sagenhafte 12% Renditeversprechen dieser Bank anvertrauten...
2. Na toll,
UbuRoy 15.06.2011
einerseits wird man permanent von den Politikern und Medien vollgeschallt, doch die chance zu nutzen, endlich von den Monopolisten loszukommen. Nutzt man dann die chance, wird man als geldgeiler Trottel hingestellt. Danke schön.
3. Grundtenor unserer Presse als auch SPON
jocurt, 15.06.2011
Zitat von sysopDer Billig-Stromanbieter TelDaFax ist pleite, was vor allem eines zeigt:*Auf dem Energiemarkt buhlen Firmen mit teils fragwürdigen Methoden um Kunden, und die*Verbraucher sind bei der Schnäppchenjagd oft zu unvorsichtig. Ein Überblick über die*gemeinsten Kostenfallen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,768501,00.html
a) der Kunde ist nicht wechselwillig und träge b) Ist er wechselwillig nimmt er zu teure Angebote, weil er ja der Beratung der Medien nicht gefolgt ist nimmt er billige Angebote, die auch von Medien wärmstens empfohlen wurden, ist er zu doof die Fallen zu bemerken. Die Fallen, die auch die Schreiberlinge nicht bemerkt haben Egal was,Hauptsache die Seite wird voll mit Marktwirtschaftsgedöns. Im gleichen Sinne Gaspreise, Spritpreise, Aktienempfehlungen und die jährliche unsägliche Lohnsteuerberatung. Schon Kostolany hat angemerkt, das wenn die Aktien von Milchfrauen gekauft werden, es eh zu spät ist. Gleiches gilt für Ratschläge in der Presse. Wenn die kommen sollte man sie eher meiden.
4. -
Boesor 15.06.2011
Zitat von UbuRoyeinerseits wird man permanent von den Politikern und Medien vollgeschallt, doch die chance zu nutzen, endlich von den Monopolisten loszukommen. Nutzt man dann die chance, wird man als geldgeiler Trottel hingestellt. Danke schön.
Den Wechsel soll man ja nach wie vor vollziehen, allerdings ist es nicht ganz verkehrt vorher ein wenig zu überlegen wohin gewechselt wird und unter welchen bedingungen. Geldgeiler trottel ist zwar nicht unbedingt der begriff den ich verwenden würde, aber ganz schlau ist es jedenfalls nicht bei der Energie auf Vorkasse zu vertrauen.
5. Titel
momost 15.06.2011
Wie soll der Verbraucher denn bitte erschließen, ob ein Unternehmen solide wirtschaftet? Ich für meinen Teil hab keine Ahnung, zu welchen Preisen die Anbieter ihren Strom beziehen können, also kann ich auch nicht erkennen, ab wann ein Anbieter nur auf Kundenfang ist und wann er günstig ist. Vorauszahlungen sind dann nicht sonderlich geschickt, aber auch nicht grade Alleinstellungsmerkmal von TelDaFax.
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Anbieterwechsel - so funktioniert's
In wenigen Minuten zum Ziel
Der Wechsel des Stromanbieters ist sehr einfach. Für die Formalitäten braucht man nur wenige Minuten. Im Kern gilt das Gleiche auch für Gaskunden. Wechselwillige Kunden sollten Folgendes beachten.
Verbrauch ermitteln
Als Erstes sollte man seinen individuellen Jahresverbrauch ermitteln. Am einfachsten geht das über die letzte Rechnung. Wichtig: Es kommt nicht auf den Betrag in Euro an, sondern auf den Verbrauch in Kilowattstunden (kWh). Wer die letzte Rechnung nicht mehr findet, kann seinen jährlichen Strombedarf zur Not auch anhand des Verbrauchs der letzten Monate hochrechnen.
Die Suche nach dem passenden Anbieter
Nun beginnt die Suche nach dem günstigsten Anbieter. Eine wichtige Hilfestellung bieten dabei unabhängige Verbraucherportale wie www.toptarif.de, www.verivox.de, www.stromtarife.de, www.check24.de oder www.verbraucherzentrale.de. Auf diesen Seiten finden sich Tarifrechner, in die man nur zwei Werte eingeben muss: seine Postleitzahl und seinen jährlichen Stromverbrauch in Kilowattstunden. Der Tarifrechner bietet dann eine Übersicht sämtlicher Anbieter, die in dieser Region verfügbar sind.
Die Auswahl
Jetzt kommt der entscheidende Schritt - die Wahl des neuen Anbieters. Dabei sollte man Folgendes beachten: Der günstigste ist nicht automatisch der beste. So warnen Verbraucherschützer vor Unternehmen, die Vorkasse verlangen. Auch sollte man sich nicht zu lange an einen Anbieter binden - Vertragslaufzeiten von zwei Jahren also lieber meiden. Allen anderen Unternehmen darf man getrost Vertrauen entgegenbringen.
Ökoanbieter
Wer möchte, kann sich an dieser Stelle auch für einen Ökostromanbieter entscheiden. Diese Unternehmen garantieren grünen Strom aus erneuerbaren Energien, ohne Kohle und Kernkraft. Nach Angaben der Verbraucherschützer sind Ökostromprodukte in zwei Dritteln der Städte sogar billiger als die der ortsüblichen Grundversorger.
Die Formalitäten
Nun muss man mit dem neuen Anbieter nur noch Kontakt aufnehmen. Häufig ist das direkt über das Verbraucherportal möglich - entweder per Mausklick oder per Telefon. Der neue Anbieter klärt dann sämtliche Formalitäten. Eine Abmeldung beim alten Versorger ist nicht nötig, auch das übernimmt das neue Unternehmen automatisch. Nur eine Sache sollte man beachten: Die Vertragslaufzeit beim alten Anbieter muss eingehalten werden. Wer seit acht Monaten in einem Jahresvertrag ist, muss eben noch vier Monate warten.
Die Technik
Technisch ist der Anbieterwechsel überhaupt kein Problem. Das physikalische Produkt Strom bleibt in jedem Fall dasselbe, eine Unterbrechung der Versorgung ist ausgeschlossen. Dass man einen neuen Anbieter hat, merkt man nur daran, dass die Rechnung von einem anderen Unternehmen kommt als bisher. Übrigens: Selbst wenn der neue Anbieter pleitegehen sollte, bekommt man weiterhin Strom. In diesem Fall ist der örtliche Grundversorger gesetzlich verpflichtet einzuspringen.
Wie lange dauert der Anbieterwechsel?
Seit April 2012 können Strom- und Gaskunden schneller den Anbieter wechseln. Sobald die Anmeldung beim Netzbetreiber erfolgt ist, dürfen laut Energiewirtschaftsgesetz nur noch drei Wochen verstreichen, bis die Strom- oder Gaslieferung durch den neuen Anbieter beginnt. Starttermin muss nicht der Monatserste sein - jeder Tag ist möglich. Dauert die Umstellung länger als drei Wochen, kann der Kunde Schadenersatz vom Lieferanten oder Netzbetreiber fordern.
Ich habe eine Nachtspeicherheizung. Kann ich auch den Anbieter wechseln?
In den meisten Fällen leider nicht. "In vielen Regionen gibt es nur einen Anbieter, der die Betreiber von Nachtspeicherheizungen beliefert", sagt ein Verivox-Sprecher. Durch den mangelnden Wettbewerb kommt es öfter zu überdurchschnittlichen Preiserhöhungen. Im vergangenen Jahr sind beispielsweise in Baden-Württemberg die Preise um bis zu 30 Prozent gestiegen. Die Bundesregierung tut dagegen wenig, denn es ist politisch gewollt, dass stromfressende Nachtspeicherheizungen nach und nach ausrangiert werden.


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