Entsorgte Kälber Bulle? Stirb!

Die Existenznot von Milchbauern führt zu einem zynischen Umgang mit Bullenkälbern. Tanja Busse, Autorin des Buches "Die Wegwerfkuh", über eine grausame Entsorgungsmethode der Agroindustrie.

Milchkühe: Männlicher Nachwuchs ist wertlos
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Milchkühe: Männlicher Nachwuchs ist wertlos


Jersey-Kälber sind unbestritten das Süßeste, was es auf einem Bauernhof zu streicheln gibt. Bei unserem letzten Besuch auf dem Land hat uns ein Landwirt eines gezeigt, das gerade geboren war. Meine Tochter kletterte in den kleinen Verschlag, in dem es eingesperrt war. Das Kälbchen tollte um sie herum, stupste sie an - auf der Suche nach dem Euter seiner Mutter - und ließ sich kraulen, als wäre es ein Schoßhund.

"Gut, dass es ein weibliches Kalb ist", sagte der Bauer. "Die männlichen kannst du nämlich gleich wegtun." Jersey-Bullenkälber sind wertlos, weil sie viel zu klein und mager sind, um gemästet zu werden. Nur die fett- und eiweißreiche Milch ihrer Schwestern ist gefragt.

Die moderne Hochleistungslandwirtschaft hat ein Entsorgungsproblem, über das auch DER SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet: die Bullenkälber von Milchkühen. Früher lieferten Rinder beides, Milch und Fleisch, heute sind sie spezialisiert auf das eine oder das andere. Diese Zucht auf spezielle Höchstleistung ist so erfolgreich, dass Milchkühe heute mehr als doppelt so viel Milch geben wie ihre Vorgängerinnen vor drei Jahrzehnten: Der Rekord liegt bei über 20.000 Litern pro Kuh und Jahr.

Bullenkälber als Kollateralschaden der Milchwirtschaft

Um einen einzigen Liter Milch zu produzieren, strömen 500 Liter Blut durch das Euter. Eine Milchkuh wirkt beim Wiederkäuen ruhig und beinahe träge, doch in ihrem Inneren arbeitet ein Kraftwerk des Stoffwechsels ununterbrochen auf Höchstleistung. Der Preis dafür ist allerdings hoch: Im Durchschnitt werden Kühe schon nach zwei bis drei Jahren im Melkstand geschlachtet, weil sie krank und aus Erschöpfung nicht wieder tragend werden. Dabei können Kühe bis zu 20 Jahre alt werden.

Eine paradoxe Situation: Die moderne Intensivlandwirtschaft prahlt mit ihrer Effizienz, doch für Milchbauern ist es gerade nicht effizient, ihre Kühe so auszupowern, dass sie schon geschlachtet werden, wenn sie ihre Aufzuchtkosten eben wieder eingebracht haben.

Es ist unwirtschaftlich, sich um die Bullenkälber zu kümmern

Ebenso wenig ist es effizient, Kälber zu produzieren, die keiner braucht. Weil die Kälber der Fleischrassen so viel schneller fett werden, lohnt es sich kaum noch, die männlichen Kälber aus Milchrassen zu mästen. Deshalb ist ihr Preis in den letzten Jahren immer weiter gesunken. Für kräftige Kälber zahlen die Viehhändler um die fünfzig Euro, für schwächere gerade mal zehn bis zwanzig. Damit liegt der Gewinn pro Kalb weit unter den Aufzuchtkosten.

Zahlen aus dem Jahresbericht 2014 des Landeskontrollverbands Schleswig-Holstein, an den alle Milchbauern des Bundeslandes ihre Daten liefern, zeigen: Dort starben in den vergangenen Jahren etwa sieben Prozent der männlichen Kälber bei oder kurz nach der Geburt. Bei den weiblichen waren es nur etwa drei Prozent. Besonders hoch war die Kälbersterblichkeit vor einigen Jahren in Mecklenburg-Vorpommern. Das Landwirtschaftsministerium in Schwerin ordnete daraufhin eine Untersuchung an, die ergab, dass in jedem fünften Betrieb mehr als ein Viertel der Kälber gestorben waren. Als Gründe nannte ein Sprecher des Ministeriums "mangelnde Erstversorgung" und "personelle Probleme".


Für einen Milchbauern ist es unwirtschaftlich, sich sorgfältig um die Bullenkälber zu kümmern und gutes Futter und teure Medikamente für sie zu kaufen. Eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover hat das bestätigt: "Als Doktoranden der Uni Kühe und Kälber auf einem großen Milchviehbetrieb in Ostdeutschland intensiv betreuten, sank die Kälbersterblichkeit von neun auf vier Prozent. Doch als die den Betrieb wieder verließen, stieg die Sterberate wieder an", berichtet Professor Martina Hoedemaker, die die Studie betreut hat. Für den Betriebsleiter habe sich eine bessere Betreuung einfach nicht gerechnet.

Mit bäuerlicher Ethik ist das nicht vereinbar

Sterben die Kälber also an purer Vernachlässigung? Oder werden sie sogar getötet? Tierschützer berichten in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL auch von solchen Fällen. Auch in Dänemark soll es Bauern geben, die Bullenkälber nach der Geburt erschießen, hört man von Milchbauern aus Schleswig-Holstein. Und in Australien wird das gar nicht hinter vorgehaltener Hand erzählt, weil es völlig legal praktiziert wird: Jedes Jahr werden dort rund 700.000 Bullenkälber aus Milchbetrieben im Alter von fünf Tagen geschlachtet oder in abgelegenen Gegenden direkt nach der Geburt erschlagen.

Als Problemlösung empfehlen landwirtschaftliche Berater, sogenanntes gesextes Sperma für die Besamung zu verwenden, damit sie nur weibliche Kälber zur Welt bringen. Doch die Technik setzt sich bislang nicht durch. Denn mit gesextem Sperma werden die Kühe weniger leicht tragend, weil es weniger Spermien enthält - eben nur die, die weibliche Kälber hervorbringen sollen.

Die Agrarindustrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur optimiert, sie produziert auch immer mehr Ausschuss. Nichts zeigt das besser als die hochgezüchteten Turbo-Tiere. Es gibt Sauen, die 16 Ferkel bekommen, allerdings nur zwölf Zitzen haben. Es gibt Kühe, die 12.000 Liter Milch im Jahr geben - doch für die mageren männlichen Kälber gibt es keine Verwendung mehr.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
ClausWunderlich 25.04.2015
1.
Darum ist Kalbfleisch so günstig! Dann gibts mogen wieder Kalbsbraten. Lecker.
werbungsv 25.04.2015
2. Quote!
Ich fordere angesichts dieses sexuellen Diskriminierungs-Skandals (der viel schlimmer ist als bei den Menschen, da es hier wirklich um Leben und Tod geht), eine verbindliche Weibchen-Quote und eine politische Aktion zum Schutz der Männchen... Aber interessiert sicher keine Sau, sind ja nur männliche Lebewesen. Gockel, Eber, Bullen... Alles Schimpfwörter.
volw 25.04.2015
3. Huhn, Sau, Kuh
...sind aber auch Schimpfwörter!
Bueckstueck 25.04.2015
4. Massentierquälerei in Deutschland
Das ist leider nur eine Facette der durch Geiz ist Geil getriebenen deutschen Massentierquälerei. Dasselbe (und allgemein furchtbare Misshandlungen) gibts bei Geflügel und Schweinen. Muss halt alles billig und effizient sein. Und jeder der billiges Fleisch aus solcher Produktion kauft und verzehrt macht sich mitschuldig.
w.diverso 25.04.2015
5.
Wenn ich von der bäuerlicher Ethik höre, dann wird mir schon schlecht. Wer betreibt den die Massenbetriebe und wer bringt so viel Spritzmittel auf die Felder? Ganz einfache Antwort: die Bauern. Wenn mittlerweile angeblich die Bienenstöcke in der Stadt schon gesünder sind als die am Land, sagt das ja genug.
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