Transparenz von Organisationen Der große Spenden-Check

In der Adventszeit werben Dutzende Organisationen um Spenden für den guten Zweck. Doch wie transparent arbeiten sie? Eine umfassende Studie im Auftrag von SPIEGEL ONLINE gibt Antwort. Die Top-50-Rangliste.

Grundschule in Kenia für Waisen, deren Eltern an Aids starben (Archivfoto)
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Grundschule in Kenia für Waisen, deren Eltern an Aids starben (Archivfoto)

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Die Deutschen geben zunehmend mehr Geld für den guten Zweck, und zwar deutlich mehr: 5,5 Milliarden Euro spendeten Privatpersonen laut dem Deutschen Spendenrat im Jahr 2015. Das waren fast 600 Millionen Euro mehr als noch im Jahr zuvor und der dritte Rekordwert in Folge.

Ob auch 2016 ein Rekordjahr wird, entscheidet sich in den kommenden Wochen. Vor Weihnachten steigt die Bereitschaft zur monetären Hilfe traditionell stark an. Im Dezember wird im Schnitt dreimal so viel Geld gespendet wie in den anderen Monaten des Jahres.

Daher werben Dutzende Hilfsorganisationen und andere gemeinnützige Vereine und Stiftungen derzeit besonders intensiv. Und um welches Thema es auch geht - ob um Hilfe für arme Kinder, Entwicklungszusammenarbeit, Umweltschutz oder etwas anders: Stets eignen sich gleich mehrere Organisationen für eine Spende. Vielen Spendenwilligen fällt die Entscheidung bei dieser großen Auswahl schwer.

Daher ist es wichtig, sich umfassend informieren zu können. Je transparenter eine Organisation über ihre Ziele, ihre konkreten Aktivitäten und deren Wirkung informiert, desto fundierter kann jeder für sich selbst die Entscheidung treffen: Sollen die mein Geld kriegen?

Im Auftrag von SPIEGEL ONLINE hat Phineo, ein Analysehaus für den gemeinnützigen Sektor, die Transparenz von 50 Top-Organisationen untersucht. Über zwei Monate hinweg werteten die Experten gründlich die Informationen auf den Webseiten der Organisationen aus - zum zweiten Mal nach 2014 für SPIEGEL ONLINE.

Eine Rangliste der Transparenz - nicht der Wirkung

Das Ergebnis ist das Transparenz-Ranking von 50 großen deutschen Spendenorganisationen 2016. Es bietet Ihnen Orientierung, aber bitte beachten Sie: Die Rangliste bildet ab, wie transparent eine Organisation agiert - nicht, wie wirkungsvoll ihr Handeln ist.

Das bedeutet: Organisationen, die auf den hinteren Plätzen gelandet sind, sind deshalb nicht pauschal wirkungslos. Sie machen es bestehenden oder potenziellen Spendern allerdings schwer, sich über Strategie, Aktivitäten und Wirkung zu informieren. Umgekehrt gilt durchaus: Transparenz ist ein starker Indikator für Wirksamkeit. Zudem finden Sie nun in den Detail-Informationen zu den einzelnen Organisationen den Hinweis, ob diese das DZI-Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) besitzen.

Bei der Auswahl der 50 Organisationen waren uns Größe und Bekanntheit wichtig. Wir wollten aber auch möglichst viele verschiedene Tätigkeitsfelder abdecken - von der Entwicklungszusammenarbeit über Hilfe für Kinder in Deutschland bis zur Pressefreiheit.

Zudem haben wir uns in diesem Jahr dafür entschieden, die fünf Top-Organisationen aus dem Spendenranking 2014 nicht mehr zu untersuchen. Es handelt sich um: World Vision, Deutsche Welthungerhilfe, Ärzte ohne Grenzen, CARE Deutschland und das Deutsche Komitee für Unicef. Sie erhielten bereits damals die Maximalbewertung von fünf Sternen für ihre Transparenz und sind in einem gesonderten Kasten dem diesjährigen Ranking beigestellt.

Wie wurde die Transparenz bewertet?

Bewertet wurden jeweils drei Hauptkriterien: Die Transparenz über Ziele, Aktivitäten und Wirkung. Jedes dieser Kriterien bestand wiederum aus drei Teilkriterien. Vorbildliche Beispiele für Transparenz haben wir am Ende dieses Artikels für jedes dieser insgesamt neun Teilkriterien zusammengestellt. Eine Beschreibung der Methodik finden Sie ebenfalls am Ende dieses Artikels. Phineo stellt zudem auf seiner Website eine ausführliche Fassung der Studie online zur Verfügung.

Insgesamt finden sich in diesem Jahr neun Organisationen neu im Ranking, 41 Organisationen wurden bereits 2014 untersucht. Im Vergleich zeigt sich eine erfreuliche Entwicklung: Transparenz wird offenbar eine zunehmend größere Bedeutung zugemessen.

Erreichten die Organisationen 2014 im Durchschnitt eine Bewertung von 3,3 von 5 möglichen Sternen, sind es in diesem Jahr 3,6 Sterne - und das, obwohl ja die fünf transparentesten Organisationen aus dem Ranking 2014 diesmal nicht untersucht wurden. Mehr als die Hälfte der untersuchten Organisationen - 27 von 50 - informieren sehr gut oder sogar herausragend über ihre Arbeit. Vor zwei Jahren waren es lediglich 18. (Hier finden Sie die Ergebnisse des Spendenrankings 2014.)

Weshalb Transparenz als Kriterium für Spendenorganisationen?

Der Zusammenhang von Transparenz und wirkungsvollem Handeln ist eng: Wenn eine Organisation Spendengelder zum Beispiel für Projekte in Entwicklungsländern ausgibt, ist sie an einem effektiven Einsatz der Mittel interessiert. Dazu ist sie auf eine gute Buchhaltung und eine Überprüfung der Aktivitäten vor Ort angewiesen. Oder anders ausgedrückt: Eine vorbildliche Spendenorganisation verfügt selbst ohnehin über alle Informationen, um optimal transparent zu sein. Diese Informationen auch leicht zugänglich zur Verfügung zu stellen, ist dann ein vergleichsweise geringer Aufwand.

Außerdem sollte Transparenz für diese Organisationen selbstverständlich sein, argumentiert Phineo-Studienleiter Benjamin von der Ahe: Wer Geld spendet, wolle damit etwas zum Positiven verändern und müsse auch darauf vertrauen können, dass dies geschehe. "In einem Spendenmarkt mit wachsenden Milliardenumsätzen sind die Organisationen deshalb in der Pflicht, ihre Wirkung nachzuweisen", sagt von der Ahe.

Selbstverständlich hängen die Erwartungen an Art und Umfang der bereitgestellten Informationen stark davon ab, wie groß eine Organisation eigentlich ist und was sie tut. Während etwa Ärzte ohne Grenzen exakt beziffern kann, wie vielen Kindern sie binnen eines Jahres mit auf die Welt geholfen hat, können Gruppen wie Amnesty International oder Reporter ohne Grenzen, deren Arbeit zu großen Teilen aus Lobbying besteht, ihre Wirkung oftmals nicht derart exakt und konkret nachweisen.

So hat Phineo getestet
Auswahl der Teilnehmer
Die finale Zusammenstellung der 50 getesteten Spendenorganisationen erfolgte durch SPIEGEL ONLINE. Wichtig war, dass die Organisationen gemeinnützig sind und ihren Sitz in Deutschland haben. Sie sollten entweder über hohe Gesamteinnahmen sowie ein hohes Spendenvolumen verfügen - oder anderweitig für Spender relevant sein, etwa durch eine hohe Medienpräsenz. Zudem sollten möglichst viele verschiedene Tätigkeitsfelder abgedeckt werden.

Wichtig: In diesem Jahr wurden die fünf Top-Organisationen aus dem Spendenranking 2014 nicht mehr untersucht. Es handelt sich um: World Vision, Deutsche Welthungerhilfe, Ärzte ohne Grenzen, CARE Deutschland und das Deutsche Komitee für UNICEF.

Sie erhielten bereits damals die Maximalbewertung von fünf Sternen für ihre Transparenz und sind in einem gesonderten Kasten dem diesjährigen Ranking beigestellt.
Kriterien
Bewertet wurde die Wirkungstransparenz der Organisationen.

Diese wurde in drei Hauptkriterien unterteilt, die sich wiederum in jeweils drei Teilkriterien untergliedern:
a.Transparenz über Vision und Strategie
  1. Darstellung der gesellschaftlichen Problemlage
  2. Langfristige Vision
  3. Mittelfristige Strategie zur Problembeseitigung

b. Transparenz über Aktivitäten
  1. Durchgeführte Maßnahmen
  2. Angestrebte Ziele der konkreten Maßnahmen
  3. Eingesetzte Finanzen und Ressourcen

c. Transparenz über Wirkung
  1. Erbrachte Leistungen über einen Zeitraum
  2. Erzielte Veränderungen (bei Zielgruppen, deren Umfeld oder auf gesellschaftlicher Ebene)
  3. Hochwertige Wirkungsbelege
Methodik
Quelle der Analyse waren die öffentlich zugänglichen Informationen auf der Internetseite der Organisationen. Dazu zählt auch der zuletzt veröffentlichte Jahresbericht, sofern er online verfügbar war.

Für jedes Teilkriterium wurden 0, 1 oder 2 Punkte vergeben: 0 Punkte = Information war online nicht verfügbar; 1 Punkt = Information war online teilweise verfügbar; 2 Punkte = Information war online leicht verfügbar.

Pro Hauptkriterium waren also maximal 6 Punkte möglich. Durchgeführt wurden die Bewertungen im Zeitraum vom 1. September bis zum 31. Oktober 2016 im Vier-Augen-Prinzip, das heißt, es gab jeweils eine Erst- und eine Zweitanalyse.
Bewertungsschema
Für die Darstellung im Ranking wurden diese Punkte in Sterne umgerechnet. Hier sind 5 Sterne die bestmögliche Bewertung, hierzu wurden die Punkte im Verhältnis 1,2:1 umgerechnet: 6 Punkte ergaben so 5 Sterne, 4 Punkte ergaben 3,3 Sterne, die auf 3 Sterne gerundet wurden.

Die Sterne entsprechen folgenden Bewertungen:
5 Sterne ***** = herausragend
4 Sterne **** = sehr gut
3 Sterne *** = gut
2 Sterne ** = akzeptabel
1 Stern * = entwicklungsbedürftig
0 Sterne = unzureichend


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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
besucher-12345 30.11.2016
1. Unterhaltsames Spenden
Eine Ergänzung: Hier kann man Gutes tun (Kinder/ Inklusion/ Bergbauern) und wird zugleich unterhalten: https://hermitdermarie.de/
Ljusnan 30.11.2016
2. Dkms
Wurde die DKMS nicht berücksichtigt oder habe ich sie in der Liste übersehen?
jujo 30.11.2016
3. ...
Wir leisten schon seit Jahrzehnten nur direkte Hilfe, also an Menschen die wir kennen. Aus gegebener Veranlassung. Ein bis heute bei mir wirkendes Erlebnis aus den Anfang der achtziger Jahren. Wir entluden in Port Sudan einige Tonnen Lebensmittel, Hilfsgüter für die Hungeregionen, Südsudan, Äthiopien usw. Die Paletten kamen in den Pierschuppen. Am Abend ging ich mit einem Kollegen auf der Pier spazieren, Ein russisches Schiff wurde beladen mit "unseren" (!) Paletten. Ich ging an Bord und fragte nach der Destination des Schiffes, die Antwort war Odessa! An dieser Praxis wird sich nicht viel geändert haben, das die örtlichen Bestimmer Geschäfte dieser Art betreiben. Dazu kommen dann immer wieder Vorkommnisse wie vor Jahren beim Deutschlandchef von "CARE"der als Dienstwagen einen MB 500SEL fuhr und mit der CONCORDE zur Muttergesllschaft nach New York flog.
monolithos 30.11.2016
4. Konsum ist die beste Entwicklungshilfe
Zitat von jujoWir leisten schon seit Jahrzehnten nur direkte Hilfe, also an Menschen die wir kennen. Aus gegebener Veranlassung. Ein bis heute bei mir wirkendes Erlebnis aus den Anfang der achtziger Jahren. Wir entluden in Port Sudan einige Tonnen Lebensmittel, Hilfsgüter für die Hungeregionen, Südsudan, Äthiopien usw. Die Paletten kamen in den Pierschuppen. Am Abend ging ich mit einem Kollegen auf der Pier spazieren, Ein russisches Schiff wurde beladen mit "unseren" (!) Paletten. Ich ging an Bord und fragte nach der Destination des Schiffes, die Antwort war Odessa! An dieser Praxis wird sich nicht viel geändert haben, das die örtlichen Bestimmer Geschäfte dieser Art betreiben. Dazu kommen dann immer wieder Vorkommnisse wie vor Jahren beim Deutschlandchef von "CARE"der als Dienstwagen einen MB 500SEL fuhr und mit der CONCORDE zur Muttergesllschaft nach New York flog.
Bitter, aber real. Das liegt daran, dass Hilfsorganisationen oftmals auch nur Gesellschaften sind, die dazu da sind, Menschen zu beschäftigen und ein denen ein Ein- bzw. Auskommen zu verschaffen. Es gibt zwar weiße Schafe in der Branche, die es wirklich gut meinen. Aber wenn man ehrlich ist, muss man feststellen, dass anlasslose Spenden nichts bringen. Dringend benötigte Hilfe nach einer Naturkatastrophe macht Sinn, aber nicht das permanente Hineinpumpen von Geld und Sachgütern in Regionen, die "einfach nur so" arm sind. Ich weiß, dass sich das jetzt böse anhört. Aber solche Regionen kommen nur auf die Beine, wenn wir sie am Welthandel teilhaben lassen, wenn wir ihnen Produkte abkaufen, wenn wir so für Arbeit vor Ort sorgen. Mit Spenden, die einfach nur so ankommen, ob man jetzt was dafür tut oder nicht, behindern wir das nur und machen die Falschen reich. Gemessen an den Spendengelder, die seit dem Ende des 2. Weltkrieges nach Afrika geflossen sind (über USD 50 Billionen, also 50.000 Milliarden), müsste der afrikanische Kontinent inzwischen wirtschaftlich dastehen wie Europa oder Nordamerika. Ist aber nicht so. China wurde weit weniger mit Spenden bedacht und ist inzwischen eine Handelsmacht. Konsum ist die beste Entwicklungshilfe.
Tavlaret 30.11.2016
5. Man muss unbedingt sicher gehen!
Vor Jahren las ich über eine größere Untersuchung um 3.Welt-Spenden. Am Ende kam heraus, dass der größte Teil aller Spenden den Weg zurück nach Europa auf Konten der Schweiz, Luxemburg und Liechtenstein fanden - ich weiß natürlich nicht wie es heute ist. Ein guter Bekannter, inzwischen europäisierter Ivorer, begleitete vor ein paar Jahren als Verantwortlicher einige Container medizinischer Hilfsgüter an die Elfenbeinküste. Obwohl er, immerhin ein dort Geborener, alles versuchte die Güter an die entsprechenden Adressen (v. a. Krankenhäuser) zu bringen, war es ihm praktisch unmöglich, das zu bewerkstelligen. Letztlich wurde der größte Teil illegal vertickt. Er war mit der Vorgabe hingefahren "mit mir nicht!", ist aber gescheitert.
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