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Fahrdienstverbot: Wir brauchen ein viel besseres Uber

Von , Austin

Uber-Zentrale in San Francisco: Vielleicht nicht die netteste Lösung Zur Großansicht
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Uber-Zentrale in San Francisco: Vielleicht nicht die netteste Lösung

Uber ist in Deutschland jetzt verboten - deshalb müssen wir rasch eine eigene Lösung finden. Denn ein Besuch in den USA zeigt: Diese Fahrdienst-Apps sind viel mehr als nur Taxikonkurrenten.

Shahid kommt in einer Minute, um uns abzuholen und in die Stadt zu bringen. Vor zwei Minuten haben wir ihn per App bestellt, seitdem weiß ich, wie Shahid aussieht und dass er einen Nissan fährt. Und dass frühere Mitfahrer gern mit ihm gefahren sind.

Shahid ist ein Uber-Fahrer, und als er exakt drei Minuten nach der Bestellung aufkreuzt, bin ich froh, dass es ihn gibt. In Deutschland ist Uber Pop gerade verboten worden, hier in Texas wurden private Fahrdienste wie Lyft und Uber gerade offiziell erlaubt. Es gab sie vorher schon, aber nun werden sie völlig selbstverständlich genutzt. Auch von meinen Kollegen und mir auf unserer Geschäftsreise. Denn wir wohnen etwas außerhalb und müssen jeden Morgen in die Stadt.

Wer schon einmal in einem ländlichen Gebiet der USA ein Taxi bestellt hat, kann sich vorstellen, welche Revolution die Fahrdienste Uber und Lyft für die Vereinigten Staaten bedeuten. Nicht nur der Stadtverkehr wird revolutioniert, sondern vor allem der Weg in die Stadt, dorthin, wo es Taxis und U-Bahnen gibt.

Lyft-Auto in San Francisco: Das Markenzeichen der Uber-Konkurrenz sind Schnurrbärte Zur Großansicht
AP/dpa

Lyft-Auto in San Francisco: Das Markenzeichen der Uber-Konkurrenz sind Schnurrbärte

Wo es keine Taxis gibt, wird selbst gefahren

Viele meiner Bekannten, die in den USA auf dem Land leben, setzen sich regelmäßig auch dann noch ans Steuer, wenn sie mehrere Drinks intus haben. An ihren Wohnorten gibt es weder ernst zu nehmende Busverbindungen noch Kneipen, und für die Taxen aus der Stadt lohnt es sich nicht, 40 Minuten aufs Land zu fahren, um dort jemanden von A nach B zu bringen. Auf Facebook posten meine Bekannten deshalb immer wieder Warnungen, wo die Polizei Alkoholkontrollen durchführt.

Mich schreckt das wenig, ich komme gebürtig aus einem deutschen Dorf ohne Bushaltestelle. Auch dort liegt die Stammkneipe schon mal zehn Kilometer entfernt, die nächste Polizeidienststelle oft weiter. Deshalb nehmen es viele mit den Promille am Steuer nicht so genau. Das machen die alteingesessenen Bauern seit Jahrzehnten so, und sie würden wohl kaum auf eine amerikanische App umsteigen. Aber die sind auch nicht das Problem: Meist sind es junge Fahrer, die nachts weitere Strecken zurücklegen, die nächsten Klubs und Discos sind nämlich eher 30 Kilometer entfernt. Weil man von dort aus nachts mit Bus und Bahn nicht mehr zurückkommt und ein Taxi viel zu teuer wäre, stehen an vielen Bäumen meiner Heimat kleine Holzkreuze.

"Es war nie unser Ziel, einen Taxidienst zu starten"

In Texas berichtet uns Shahid Ähnliches wie Colby, Latichia und Mulwai, die anderen Fahrer, die wir befragt haben: Er habe einen Job, aber in seiner Freizeit verdiene er sich gern etwas dazu, indem er für Uber und für dessen Konkurrenten Lyft fährt. "Die Taxifahrer hassen das natürlich. Aber die Bürger finden es toll. Ich auch." Oft sei er ohnehin unterwegs, wieso also nicht wen mitnehmen, der selbst nicht fahren kann oder will?

Genau so hat sich das der Gründer von Lyft vorgestellt - behauptet er zumindest. Auf der Tech-Konferenz SXSW Interactive in Austin erklärt Logan Green, wie sein Unternehmen den Verkehr revolutionieren will. Er spricht in einer Halle mit 3200 Sitzplätzen, nur wenige Reihen bleiben leer, die neuen Fahrdienste sind ein heißes Thema.

Lyft-Chef Logan Green auf der SXSW in Texas: Fast alle fahren allein im Auto Zur Großansicht
REUTERS

Lyft-Chef Logan Green auf der SXSW in Texas: Fast alle fahren allein im Auto

"Es war nie unser Ziel, einen neuen Taxidienst zu starten", sagt Green, "wir wollen, dass nicht mehr jeder mit dem eigenen Auto in die Stadt fahren muss." Nur fünf Prozent der Amerikaner führen mit dem Bus zur Arbeit, die Mehrheit nehme das eigene Auto - und zwar meistens allein.

Dass da etwas dran ist, lässt sich in den USA an sogenannten Pool-Lanes beobachten. Das sind Fahrspuren, auf denen nur Autos fahren dürfen, in denen mehrere Personen sitzen. Selbst im dicksten Stau sind die oft völlig frei. "Die Menschen geben viel Geld für die Fahrerei aus, und wir wollen, dass das weniger wird." Natürlich macht Green Werbung für seinen Dienst. Dabei haben er und die aggressiv agierende Konkurrenz Uber vielleicht wirklich nicht die netteste Lösung parat. Doch die Probleme, die er nennt, bestehen - auch in Deutschland.

Wir brauchen ein Konzept für Deutschland

Es ist ein Irrglaube, dass Uber und Lyft schlicht Taxi-Ersatz sind und die potenziellen Nutzer solcher Apps jetzt alle ins Taxi steigen. Nein, sie steigen ins eigene Auto und fahren selbst. Sie verstopfen morgens auf dem Weg zur Arbeit die Straßen, blockieren tagsüber die Parkplätze. Und manche fahren selbst dann noch, wenn sie längst nicht mehr sollten. Weil sie etwas getrunken haben oder mit 90 Jahren nicht mehr gut sehen oder nach der Arbeit völlig übermüdet sind. Schichtarbeiter, Rentner, Discoraser auf dem Land - glaubt irgendjemand, dass die ein Taxi zur Kneipe oder zur Arbeit nehmen?

In den USA können solche Leute nun für wenig Geld Uber oder Lyft nehmen, für Deutschland hat dieses Konzept nicht funktioniert. Aus guten Gründen: Es gibt Probleme mit der Versicherung, mit Privatautos und ungeschulten Fahrern, mit der Bezahlung und natürlich mit den ohnehin mies verdienenden Taxifahrern, die ihrer Lebensgrundlage beraubt würden.

Aber deshalb ist das Thema jetzt nicht vom Tisch. Für unsere Probleme müssen wir eine Lösung finden. Vielleicht ausnahmsweise einmal nicht in den USA abgucken, sondern selbst überlegen: Wie bekommen wir es hin, dass die 87-jährige Frau Schmitz preiswert aus ihrem Dorf zum Arzt oder Supermarkt kommt, dass Stefan und Kevin sich nach dem achten Bier nicht mehr ans Steuer setzen? Klar, es gibt auch hier Mitfahrzentralen, aber nichts, was so gut funktioniert wie Uber in den USA. Oder es hat ähnliche rechtliche Probleme wie das deutsche Start-up Wundercar.

Taxifahrerprotest gegen Uber in Brüssel: Besser selbst etwas ausdenken Zur Großansicht
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Taxifahrerprotest gegen Uber in Brüssel: Besser selbst etwas ausdenken

Vielleicht müssen sich pfiffige Taxiunternehmen etwas ausdenken. Das ist ihr Job. In manchen Gegenden haben sie ja schon grandiose Ideen umgesetzt - wie die Sammeltaxis. Vielleicht müssen aber auch Politiker manche Gesetze lockern, denn womöglich hat jemand da draußen eine zündende Idee, die dauerhaft funktionieren kann. Ohne dass Nutzer und Fahrer im halblegalen Raum operieren müssen.

Ich würde mitmachen: Ich habe ein Auto und könnte auf dem Heimweg Stefan und Kevin sicher heimbringen oder samstagsnachmittags Frau Schmitz mitnehmen. Sofern mir eine App sagt, dass es eine Frau Schmitz gibt, die in genau dieser Minute dringend jemanden braucht, der sie fährt.

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1. Si haben dn Bagel auf den Kopf getroffen....
pusterino 19.03.2015
Solche Mitffahrapps waren revolutionär. Stellen Sie sich einmal vor, sie waren so gut, dass sie mir sogar eine geünschte Strecke mit mehreren Fahrern zusammen stellen würde, wenn einer nicht genau mein Ziel anfahrt. Das möchte aber nicht das Taxigeerbe, aber vor allem nicht die Auto Industrie. Ich kann es mir nicht leisten, wenn ich drei Bier getrunkn habe für 40,- Taxi zu fahren. Da fahre ich doch lieber mit einem mir Unbekannten, de nüchtern ist, als mit mir selbst.
2. der wohl duemmste Kommentar seit langem
skrewdriver 19.03.2015
wirklich - gerade in den USA, wo der Unterschied zwischen duennbesiedelt und dichtbesiedelt so gross ist wie nicht einmal in Europa? Klar gibt's in den grossen Staedten dann Konkurrenz, die dazu fuehrt, dass keinerlei Taxen mehr fahren, aber auf dem Land ist dann gar nichts mehr. Und in 10 Jahren, wenn die Autos autonom fahren koennen und duerfen, dann gibt es gar keine Taxifahrer mehr.
3. Mineralölsteuer abschaffen
freeforever 19.03.2015
Das Hauptproblem ist, das Auto fahren in Deutschland rund 2* teurer ist als in den USA. Deshalb fährt niemand einfach mal zum Spass herum, sondern nur wenn man dafür ordentlich bezahlt wird. Und dann ist man kaum noch günstiger als ein Taxi. Deshalb wenn die Politiker helfen wollen, müssen sie nur die Mineralölsteuer abschaffen.
4. Uber
epicur 19.03.2015
Die Deutschen sind mittlerweile so antiamerikanisch, dass sie alles was aus den USA kommt ablehnen. Kreativ ist nicht gefragt. Querdenken ist unerwünscht. Es gibt auch in Europa gute Lösungen, aber für die besserwisserischen Deutschen ist alles was von außen kommt nicht interessant. Über den Tellerrand schauen ist für viele eine Zumutung. Änderungen unerwünscht. Bis PISA haben sich die Deutschen auch eingebildet, dass es keine besseren Schulen und keine gebildeteren Menschen als Deutsche gibt.
5. Mitfahrgelegenheit
hansgustor 19.03.2015
Das was sich Frau Horchert wünscht heißt Mitfahrzentrale und ist in Deutschland völlig legal. Es gibt sogar Apps dafür.
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