Uhrenmesse in Basel Die spektakulären Neuheiten der Luxusuhrmacher

Sachliches Retro-Design und diskrete Eleganz: Auf der Messe in Basel wird der aktuelle Trend bei Luxusuhren deutlich. Die interessantesten Modelle im Überblick.

Rolex

Von manager-magazin.de-Autorin Michèlle Mussler


Posen und Posten - das Public Viewing rund um die Uhr und der Luxusuhrenindustrie hat an diesem Donnerstag auf der Baselworld begonnen, bis kommenden Dienstag dauert die Messe. Nicht nur ein Wettlauf um digital und analog ist entbrannt, sondern auch um die richtigen Marketing- und Vertriebsstrategien.

Patek Philippe lanciert erstmals Neuheiten auf einem eigenen Social-Media-Kanal, Hublot setzt jetzt auch auf Smartwatches, Nomos überlegt, eventuell von der Baselworld zum SIHH zu wechseln, Marken steigen in den Second-Hand-Handel ein und irgendwie schaut jeder nach einem neuen Tick zur richtigen Zeit. Hinsichtlich Designtrends und Modellpolitik für 2018 scheinen sich die Marken jedoch ziemlich einig.

Mehr Charakter und Authentizität fürs Handgelenk

Sachliche Retro-Modelle sind bei modernen Businessmen ebenso gefragt wie bei hippen Yuccis. Mit dem Old-School-Look ist es aber nicht mehr getan. Statt Vintage lautet das Motto jetzt Heritage. Soll heißen, die Marken entdecken ihre Klassiker neu und statten sie mit moderner Technik aus. Vor allem müssen die Uhren eine echte Vergangenheit besitzen, authentische Geschichten erzählen und nicht nur auf alt getrimmt sein. Bevorzugt werden hierfür die Jahrgänge zwischen 1930 und 1970. Anzutreffen sind sie beispielsweise bei Longines mit einer Taucheruhr, bei Arnold & Son mit einem Tourbillon und bei Omega, Tissot und Mido handelt es sich um puristische Dress Watches.

Vor 110 Jahren offiziell registriert - Rolex hätte allen Grund, mit Jubiläums-Editionen zu prahlen. Stattdessen legt die Innovationsschmiede eine Ikone von 1954 neu auf: Die Pepsi alias GMT-Master II kommt erstmals mit Jubilé-Armband, einem noch robusterem Oyster-Stahl und dem neuen Automatikkaliber 3285, auf das zehn Patente angemeldet sind.

Passend zu vergangenen Zeiten erfahren auch Gehäusegrößen eine Mäßigung. Vornehme Manufakturen wie Patek Philippe proklamieren seit Jahren für Herren diskrete Eleganz mit weniger als 40 Millimetern Durchmesser. Dass laute XXL-Wecker unmodern wirken und Platz für Neues machen können, haben inzwischen einige Lifestyle-Label erkannt. Sie verpassen ihren Kollektionen ein Downsizing.

Aufgeräumt wird auch beim Zifferblatt-Design. Unnötige Gimmicks fallen weg, und die Zeit lässt sich wieder ablesen. Purismus liegt vorne, er darf aber keine Langeweile ausstrahlen. Mehr Mut zur Farbe sorgt für Erfrischung. Rote Applikationen und vor allem Blautöne sind längst etabliert, weshalb der Trend jetzt ins Grüne schwappt. Chopard, Omega, Certina, Frederique Constant und sogar die eher design-diskrete Manufaktur Glashütte Original fahren diese Farbe zur Baselworld auf.

Potenz durch skelettierte Zifferblätter und Kaliber

Neben der klassischen Eleganz bleiben Chronographen mit PS-starkem Automobil-Image, Taucher- und Fliegeruhren im Military-Stil sowie anspruchsvolle Mechanik beliebt. Gerne wird diese Potenz durch skelettierte Zifferblätter und Kaliber vorgeführt.

Im Haut Horlogerie Segment kommen neue Hightech-Materialien und neue Kombinationen nützlicher Funktionen zum Zuge. Bulgari sticht mit einem neuen Weltrekord hervor - das flachste Automatik-Tourbillon mit 3,95 Millimeter Gehäusehöhe. Bei Rolex sorgen Nickel-Phosphor-Legierungen und innovative Laborentwicklungen für perfektionierte Neukonstruktionen.

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Baselworld 2018: Das sind die neuen Luxusuhren

Zenith hebt Gravitationskräfte auf und optimiert ein Schnellschwinger-Kaliber um 70 Prozent. Und Patek Philippe vereint eine Weltzeituhr mit einer Minutenrepetition. "Diese Kombination ist in der Uhrmacherei bisher einzigartig und hat uns bei der Entwicklung mehrere Jahre Kopfzerbrechen bereitet", sagt Patek-Inhaber Thierry Stern. Weltpremiere feierte die 5531 vergangenen Sommer auf der Manufaktur-Ausstellung in New York und ist ab dieser Baselworld unlimitiert zu haben.

"In den letzten drei Jahren war es schwieriger", räumt Swatch-Group-ChefNick Hayek ein, "aber das ist doch kein Grund, Leute zu entlassen und weniger zu investieren". Vor wenigen Monaten eröffnete er für Omega ein neues Highend-Manufakturgebäude. Auch bei seiner Edelmarke Blancpain geht die Entwicklung weiter. Hochgerüstet wurde das Automatikwerk mit einer Silizium-Spirale für den neuen Vollkalender mit zweiter Zeitzone Villeret Quantième Complet GMT.

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Freuen können sich auch preissensible Mechanik-Liebhaber. Tag Heuer ist mit einem neuen Motor beim Chronographen Carrera Heuer 02 am Start - Kostenpunkt unter 5000 Euro. Longines offeriert beim Jahreskalender Master Collection ein optimiertes Eta-Automatikkaliber mit 64 Stunden Gangreserve für 1940 Euro. Nomos Glashütte erweitert sein Manufakturwerke-Sortiment um das Automatikkaliber DUW 6101 mit einer Datumsanzeige. "Etwa vier Jahre dauerte die Entwicklung, und zwei Patente sind darauf angemeldet," erklärt der CEO Uwe Ahrendt. Auf eine simple Modulbauweise haben die Sachsen verzichtet, "weil wir unbedingt ein flaches Kaliber mit komfortabler Vor- und Rückwärts-Schnellschaltung für das Datum wollten".

Verpackt ist das Werk mit einem sportiv-rasanten Look des Designers Werner Aisslinger, nennt sich Autobahn und kommt in drei Farbvarianten für je 3800 Euro. Das gleiche Kaliber ist für den vernünftig kalkulierenden Geschäftsmann auch in der neuen Tangente Neomatik Update für 3200 Euro zu haben. Ganz neue Überlegungen hat man bei Nomos bezüglich der Baselworld. Die Marke wurde kürzlich in den erlauchten Manufakturenkreis der Fondation Haute Horlogerie aufgenommen, und man überlegt ernsthaft, ab nächstes Jahr auf dem SIHH auszustellen.

Mit einem spektakulären Match of Friendship und reichlich Online-Potenzial präsentiert sich Hublot. Usain Bolt, Diego Maradona, Gianni Infantino sowie José Mourinho, Roberto Carlos und weitere Erste-Liga-Promis bolzten gegeneinander vor 300 geladenen Gästen. Endstand 11:11 und ein Gewinner - Hublot mit seiner ersten Smartwatch, speziell für Fußballfans. Für die WM in Russland wurde sie zusammen mit der Fifa konzipiert und heimlich von Schiedsrichtern schon in Spielen getestet.

Digitaler wird auch Frédérique Constant. Anlässlich der Baselworld kommt eine Hybrid-Uhr mit mechanischem Kaliber und Smartwatch-Elektronik. Und prompt wird die nächste Smartwatch einer Traditionsmarke angekündigt: Nick Hayek möchte sie bei Tissot bis Ende des Jahres vorstellen. Damit bringt die Swatch Group nun auch eine neue Smartwatch auf den Markt.

"Ich bin seit 42 Jahren auf der Baselworld, doch noch nie wurde so viel und vor allem so schnell Quatsch erzählt wie dieses Jahr", stellt Jean-Claude Biver fest. Der LVMH-Uhrenpatron der Marken Hublot, Tag Heuer und Zenith sieht den Verursacher im digitalen Zeitalter. Hauptsache sei es, als Erster zu posten, ohne vorher die Fakten zu checken. Dennoch sieht Biver dort die Zukunft: "Online wird künftig der Vertriebskanal Nummer eins".

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Patek Philippe nimmt das Posten jetzt lieber selbst in die Hand. Erstmals lanciert die Edelmanufaktur kurz vor dem Messestart einen Social-Media-Kanal und präsentiert auf Instagram die weltweite Vorpremiere der Calatrava Pilot Travel Time 5524 im neuen Roségold-Look. Ganz branchentypisch pünktlich auf die Minute geht es weiter: Jeden 18. des Monats um 18:39 Uhr Genfer Zeit werden dort Fans mit News versorgen. Hingegen lehnt das Traditionshaus den Onlinehandel strikt ab. Noch. Etliche andere Labels und etablierte Juweliere wie Wempe und Bucherer steigen vermehrt in den E-Commerce ein. Sie haben erkannt, dass sich im Netz die nächste Käufergeneration tummelt. Zudem werden Millennials über Social-Media-Kanäle fleißig umworben.

"Das Bedürfnis nach Einkaufserlebnis und Vertrauen ist bei Uhren und Schmuck stärker als Bequemlichkeit oder Schnäppchenjagd", sagt Stephan Lindner. Laut dem Präsidenten des deutschen Handelsverbands Juweliere (BVJ) legten Internethändler 2017 bei Schmuck und Uhren um zwei auf gesamt zehn Prozent Marktanteil zu. Insgesamt sank laut BVJ in Deutschland der Uhrenumsatz im vergangenen Jahr leicht um 0,6 Prozent auf 1,29 Milliarden Euro. Der weltweite Umsatz mit Luxusuhren lag nach einer Studie von Bain & Company 2017 bei ca. 37 Milliarden Euro. Davon gingen höchstens fünf Prozent über die virtuelle Ladentheke.

Und das nächste Schlachtfeld ist auch schon auserkoren - der Second-Hand-Markt. "Das ist das nächste große Ding in der Uhrenindustrie", tönte Francois-Henry Bennahmias vor wenigen Wochen. Der dynamische CEO von Audemars Piguet will gebrauchte Uhren der eigenen Marke weiterverkaufen. Schon zuvor begann Vacheron Constantin, in eigenen Ateliers ältere Modelle ihrer Marke zu überholen und weiterzuverkaufen. Ein cleveres und lukratives Manöver.

Analysten bei Kepler Cheuvreux schätzen den weltweiten Markt mit Second-Hand-Uhren, inklusiver klassischer Auktionen, auf mehr als vier Milliarden Euro. Auch Jean-Claude Biver, verantwortlich für Hublot, Tag Heuer und Zenith, betritt dieses Segment: "Wir gründen gerade ein eigenes Portal für gebrauchte Uhren. Sie werden revidiert, mit einer Garantie versehen und dort weiterverkauft - das hat enormes Potenzial." In einem ist sich Biver auch sicher: "Die nächste Baselworld wird stattfinden, aber mit einem komplett neuen Konzept".

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