Angedrohter Transitstopp Ukraine schürt Furcht vor neuer Gaskrise

Die Ukraine droht, den Transit von russischem Gas in die EU zu stoppen. Den Europäern wird ihre Abhängigkeit von der Kiewer Regierung schmerzhaft bewusst.

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Gaspipelines in der Ukraine: Sorge vor dem kommenden Winter
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Gaspipelines in der Ukraine: Sorge vor dem kommenden Winter


Hamburg - In Europa wächst die Sorge vor einer Gaskrise im kommenden Winter. Bereits am Freitag hatte der ukrainische Regierungschef Arsenij Jazenjuk gedroht, im Rahmen neuer Sanktionen gegen Moskau auch den Transit von russischem Gas in die EU komplett zu stoppen. Am Montag legte Kiew nach.

Unter Umständen könnte man auch im Falle solcher Sanktionen weiter Gas in die EU durchleiten, teilte der ukrainische Staatskonzern Naftogaz mit. Aber nur wenn den Europäer das Gas bereits gehöre, sobald es über die russisch-ukrainische Grenze fließe. Voraussetzung dafür wäre, dass sich Lieferverträge zwischen Gazprom und europäischen Abnehmern grundlegend ändern - zu Gunsten der Ukraine. Doch daran haben weder Gazprom noch die EU-Firmen Interesse.

Die Drohungen aus Kiew wecken üble Erinnerungen. Denn als die russischen Lieferungen über die Ukraine im Januar 2009 für einige Wochen unterbrochen wurden, damals wegen eines Wirtschaftsstreits zwischen Moskau und Kiew, litten Teile Europas unter bedenklicher Energienot. In Bulgarien konnten Schulen nicht mehr beheizt werden. Die Slowakei erwog aus Energiemangel einen uralten Atomreaktor wieder anzuschalten. In anderen Ländern wurde das Brennholz knapp.

Nun schürt Kiew Ängste vor einer neuen Gaskrise. Zwar halten Experten einen Transitstopp derzeit noch für unwahrscheinlich. Denn die Ukraine würde damit riskieren, die Unterstützung der EU zu verlieren. Doch wenn sich der Bürgerkrieg in der Ostukraine weiter verschlimmert, könnte Kiew irgendwann eben doch zum Äußersten greifen. Und dann hätte Europa ein ernstes Problem.

Die Pipelines um die Ukraine herum reichen nicht

Rund 167 Milliarden Kubikmeter Gas lieferte Russland nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) im vergangenen Jahr nach Europa und in die Türkei (die Region wird teils über dieselben Pipelines versorgt und deshalb in Statistiken oft zusammengefasst). Gut die Hälfte der russischen Lieferungen in den EU-Türkei-Raum flossen durch die Ukraine. Bei einem ukrainischen Transitstopp könnte nur ein Teil dieser Lieferungen auf anderen Wegen in die Region gelangen.

  • Die Nordstream-Pipeline durch die Ostsee hat eine Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern.
  • Die Jamal-Pipeline durch Weißrussland und Polen kann 33 Milliarden Kubikmeter befördern.
  • Die Blue-Stream-Pipeline liefert etwa 16 Milliarden Kubikmeter durchs Schwarze Meer in die Türkei.

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Sprich: Russland kann 104 Milliarden Kubikmeter Gas an der Ukraine vorbei nach Europa und in die Türkei exportieren. Da Gazprom damit rechnet, dass die Nachfrage im laufenden Jahr insgesamt etwas zurückgeht, ließe sich der Bedarf der Region wohl zu knapp zwei Dritteln ohne ukrainische Pipelines decken.

Die Speicher sind in eingen Ländern zu klein

Ein Drittel seines Jahresbedarfs - gut 50 bis 60 Milliarden Kubikmeter - müsste der Raum Europa/Türkei auf anderen Wegen decken. Zunächst würden die Staaten auf ihre Gasspeicher zurückgreifen. Diese sind aufgrund des langen, heißen Sommers schon jetzt in vielen Ländern gut gefüllt.

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Nach Angaben des Branchendienstes Gas Infrastructure Europe belaufen sich die Reserven der EU-Länder derzeit auf rund 66,4 Milliarden Kubikmeter. Die Gesamtkapazität der EU-Gasspeicher liegt demnach gar bei 80,2 Milliarden Kubikmetern. Das ist genug, um die Angebotslücke zu kompensieren, die ein Transitstopp der Ukraine reißen würde.

Das Problem ist, dass diese Reserven nicht schnell genug verfügbar wären, um die Versorgung in Europa flächendeckend sicherzustellen. "Der Verbrauch ist im Winter so hoch, dass er nur gedeckt werden kann, wenn gleichzeitig Gas aus Pipelines und Gasspeichern strömt", sagt Eugen Weinberg, Chef-Rohstoffanalyst der Commerzbank. Doch das Tempo, in dem Gas aus den Speichern entweicht, lasse sich nur begrenzt steigern.

Länder wie Griechenland, Bulgarien und die Slowakei haben obendrein nur sehr kleine Gasspeicher. Die anderen EU-Staaten müssten Gas zuschießen. Doch die Ströme in Europas Pipelinenetz entsprechend umzulenken wäre ein kompliziertes, langwieriges Verfahren.

Sollten die Gaslieferungen aus Russland sinken, wären manche Länder in Südeuropa schnell unterversorgt. Ihnen bliebe nichts anderes übrig, als ihren Gasverbrauch zu senken. Bei der Stromproduktion müssten alte Kohle- und Ölkraftwerke aushelfen, Gaskraftwerke müssten abgeschaltet werden - was den Spannungsausgleich in den Netzen erschweren würde.

Doch letztlich könnte auch das nicht reichen. "In Ländern, die nur über kleine Gasspeicher verfügen, würde es im Winter schnell kalt in den Häusern", sagt Weinberg.

Abhängigkeit der EU-Staaten vom russischen Gas

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insgesamt 412 Beiträge
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Seite 1
dalethewhale 11.08.2014
1. tja Deutschland
vielen Dank an gas gerd
doc1234 11.08.2014
2. Dann ist ja alles OK
Dann lasst die Ukraine doch den Gashahn zusperren. Damit sind die Politiker in Kiew dann alle "Freunde" los, und unter Russland bekommen wir unser Gas dann immer noch. Spätestens wenn die Ostseepipeline fertig ist hat sich die Ukraine als Gastransitland erledigt, warum erpressen lassen.
ziegenzuechter 11.08.2014
3. das haben merkel und co nun davon
Zitat von sysopAFPDie Ukraine droht, den Transit von russischem Gas in die EU zu stoppen. Den Europäern wird ihre Abhängigkeit von der Kiewer Regierung schmerzhaft bewusst. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/ukraine-schuert-furcht-vor-neuer-gaskrise-durch-transitstopp-a-985449.html
diese clique an die macht geputscht zu haben. sie werden von den ukrainischen faschos erpresst und in einen (wirtschafts)krieg mit russland gedraengt.
franz.v.trotta 11.08.2014
4. Die durch einen Putsch
an die Macht gelangte ukrainische Regierung ist unberechenbar und skrupellos. Aber sie wird von Frau Merkel gefördert und gehätschelt. Unbegreiflich.
mcleinn2 11.08.2014
5. Was heißt
"Die Pipelines um die Ukraine herum reichen nicht"? Ist denn Öl alles, an was wir denken? Wie wäre es damit, die Ukraine, die sich einen demokratischen Wandel so sehr wünscht, stärker gegen die Destabilisierungsversuche ihres östlichen Nachbarn zu unterstützen? Dann wäre nämlich eine solche Maßnahme gar nicht nötig.
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