Umfrage: Millionen Privatversicherten droht Beitragssprung

Von Sven Böll

Neues Jahr, altes Problem: Fast alle privaten Krankenkassen erhöhen zum 1. Januar ihre Beiträge. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von SPIEGEL ONLINE. Die Versicherer schlagen bis zu sieben Prozent auf die durchschnittlichen Prämien drauf.

Operation im Krankenhaus: Die Kosten steigen immer weiter Zur Großansicht
DPA

Operation im Krankenhaus: Die Kosten steigen immer weiter

Hamburg - Die meisten Privatversicherten fürchten sich vor der Vorweihnachtszeit. Allianz, Axa und Co. verschicken fast immer zwischen Ende November und Mitte Dezember Briefe, die alles andere als eine frohe Botschaft beinhalten: Leider, leider heißt es darin, müssten die Beiträge zu Jahresbeginn steigen. Und weil das Prämienplus in der Regel üppig ausfällt, folgen als Erklärung fast immer Satzbausteine, die von steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen, der Alterung der Gesellschaft, neuen Sterbetafeln und so weiter erzählen.

Besonders übel war der Inhalt der Schreiben an die fast neun Millionen Privatversicherten vor einem Jahr: Die Branche erhöhte die Beiträge für den Erste-Klasse-Schutz zum 1. Januar 2010 im Schnitt um 7,5 Prozent. Und weil ein Durchschnittswert immer bedeutet, dass es bei vielen Betroffenen mehr ist, mussten Versicherte Prämienaufschläge von bis zu 30 Prozent hinnehmen.

Aber was passiert zum 1. Januar 2011? Geht es den privaten Anbietern genauso schlecht wie den gesetzlichen Kassen, deren Beitragssatz deutlich steigen wird? Oder kommen Beamte, Selbständige und Gutverdiener dieses Mal besser davon?

SPIEGEL ONLINE hat bei den 15 größten Anbietern privater Vollversicherungen nachgefragt - von der Debeka über die HUK bis zur Inter. Bei diesen Firmen sind fast 90 Prozent aller Privatversicherten Kunde.

Das Ergebnis der Umfrage besteht aus einem guten, einem schlechten und einem extrem unschönen Teil.

Leseraufruf
ddp
Sie sind privatversichert? Ihre Krankenversicherung hat in den vergangenen Jahren die Beiträge deutlich erhöht? Und Sie haben Ihren Versicherungsverlauf dokumentiert? Schildern Sie uns Ihren Fall, den wir selbstverständlich anonymisieren.
Zuerst die positive Nachricht: Die Beiträge steigen zum 1. Januar 2011 bei fast allen Unternehmen weniger stark an als zu Jahresbeginn. Allerdings, und das ist für fast alle Privatpatienten die schlechte Nachricht, kommt auch im kommenden Jahr fast kein Anbieter ohne höhere Beiträge aus. Trotz der deutlichen Prämienanpassung Anfang 2010.

Die Höhe des Zuschlags unterscheidet sich je nach Assekuranz deutlich: von Mini-Werten um die 0,5 Prozent bis zu saftigen sieben Prozent. Weil es sich dabei nur um Durchschnittswerte handelt, ist absehbar, dass es in vielen Tarifen erneut zweistellige Anpassungen nach oben geben wird.

Am schlechtesten dran sind die Kunden der DKV. Der Branchenzweite gehört mit der einverleibten Victoria-Krankenversicherung zum Ergo-Konzern. Dieser überzieht das Land derzeit mit einer Wir-sind-ganz-anders-Werbung ("Ich will versichert werden und nicht verunsichert"). Allerdings dürften die mehr als 900.000 DKV-Kunden bald den Unterschied zwischen Marketing-Anspruch und Versicherungswirklichkeit spüren: Die Prämien steigen im Schnitt um sechs bis sieben Prozent. Bereits im vergangenen Jahr lag das Plus bei acht Prozent.

Mit ähnlichen Problemen wie die DKV kämpft auch der drittgrößte Privatversicherer. Die Axa verlangt zum 1. Januar 2011 durchschnittlich 5,5 Prozent mehr - nach einer Erhöhung von fast vier Prozent in diesem Jahr. Damit ist die Axa das einzige befragte Unternehmen, das 2011 mehr auf die Prämien draufschlagen wird als 2010.

Viele Versicherer verlangen maximal zwei Prozent mehr

Bei den Kunden der Süddeutschen Krankenversicherung dürfte sich die Freude ebenfalls in Grenzen halten. Zwar fällt das Plus nur rund halb so groß aus wie zu Beginn des Jahres. Aber es beträgt noch immer 3,7 Prozent.

Der Branchenprimus Debeka erhöht die Prämien zwischen fünf und sieben Prozent. Allerdings trifft dieser Schritt nur Angestellte. Rund 90 Prozent der mehr als zwei Millionen Debeka-Kunden sind allerdings Beamte. Und für die bleiben die Beiträge stabil.

Die meisten anderen Anbieter wollen ihre Beiträge um maximal drei Prozent erhöhen. Darunter sind auch die Allianz, die Signal und die Hallesche. Allerdings haben mehrere der Unternehmen, die sich nun zurückhalten, in diesem Jahr ihre Prämien deutlich erhöht.

Noch zittern müssen die mehr als 1,5 Millionen Versicherten von Central, Continentale, Barmenia, Gothaer und der Landeskrankenhilfe. Diese Firmen konnten sich zu der Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern - oder wollten es trotz mehrmaliger Bitten nicht.

Wie stark die Prämien in der privaten Vollversicherung steigen
Unternehmen Anzahl Vollversicherte Erhöhung 2011 Erhöhung 2010
Debeka 2.114.351 5-7%* 3-5%
DKV 925.791 6-7% 8%
Axa 724.736 5,5% 3,9%**
Allianz 709.002 0-0,5% unter 3%
Central 499.496 k.A. 8,5%**
Signal 468.984 2% 3,6%
Bayerische Beamten 391.086 2% 5%
Continentale 384.583 k.A. 2%
HUK 361.547 k.A.*** 4-6%***
Barmenia 309.425 k.A. k.A.
Hallesche 229.075 3% 9%
Landeskrankenhilfe 208.583 k.A. k.A.
Süddeutsche 169.632 3,7% 8,5%
Gothaer 163.233 k.A. 6,3**
Inter 153.593 2,2% 5,0%

* Nur bei Angestellten
** Anpassung 2010 über alle Tarife
*** Anpassung zum 1. März

Quellen: map-Report (Versicherte, Marktanteil), Unternehmensangaben

Dass die meisten Privatversicherten zum 1. Januar 2011 vor einer ähnlich saftigen Erhöhung wie zu Jahresbeginn verschont blieben, ist allerdings alles andere als eine Entwarnung. Langzeitstudien zeigen, dass die Prämien der privaten Anbieter im Schnitt um sechs Prozent pro Jahr zulegen. Für gesetzlich Versicherte, die über der Pflichtgrenze von derzeit 49.950 Euro im Jahr verdienten, lag das Plus nur bei gut vier Prozent. Bei Normalverdienern war die Kostensteigerung noch geringer.

Würde die Beitragsdynamik in der privaten Krankenversicherung anhalten, wäre die First-Class-Absicherung bald selbst für Gutverdiener kaum noch zu bezahlen. Ein heute 30-Jähriger, der 4500 Euro brutto im Monat hat und 300 Euro Prämie für seine private Krankenversicherung zahlt, müsste bei einer jährlichen Anpassung um sechs Prozent mit 65 Jahren fast 2200 Euro Beitrag zahlen. Pro Monat wohlgemerkt. Das ist deutlich mehr, als er an staatlicher Rente erwarten kann.

Jeder Privatversicherte sollte sich dieser Zahlen bewusst sein - auch wenn er in diesem Jahr vermeintlich beruhigende Weihnachtspost bekommt. Und jeder gesetzlich Versicherte, der Schwarz-Gelb für den erleichterten Wechsel zur privaten Konkurrenz dankbar ist, sollte diese Rechnungen ebenfalls bedenken. Auch wenn die Versicherungsmakler und Unternehmen das Gegenteil suggerieren.

Größtes Werbeargument ist gewaltigstes Problem

Denn trotz aller Bemühungen der privaten Versicherungen hat bislang kein Anbieter ein überzeugendes Mittel gefunden, seine Kosten dauerhaft in den Griff zu bekommen. Allein zwischen 2007 und 2008 lag das branchenweite Ausgabenplus bei

  • 8,6 Prozent für Arzneimittel,
  • 7,7 Prozent für Arztbehandlungen und
  • 5,1 Prozent für Krankenhausaufenthalte.

Das größte Marketing-Argument der privaten Versicherungen ist gleichzeitig ihr gewaltigstes Problem: Sie haben ihren Kunden einst das Versprechen eines Vollkasko-Rundumschutzes gegeben. Anders als in der gesetzlichen Krankenversicherung gilt diese Zusage ein Leben lang. Der Leistungskatalog kann also nicht verändert werden. Die Unternehmen können nur versuchen, die Patienten zu bestimmten Ärzten oder in einzelne Krankenhäuser zu lotsen. Zwingen können sie niemanden.

Dass die sogenannten Leistungserbringer im Gesundheitswesen diese Situation ausnutzen, ist offensichtlich. 85 Prozent der Rechnungen von Ärzten liegen am oberen Rand dessen, was die Gebührenordnung erlaubt. Außerdem sehen Privatversicherte in der Regel deutlich mehr vom Inventar einer Praxis als Kassenpatienten. Auch wenn mehr Untersuchungen nicht zwangsläufig eine bessere Behandlung bedeuten.

Weil die Ausgabendynamik in fast allen Bereichen auch in diesem Jahr angehalten hat, ist es möglich, dass viele Firmen ihre Beiträge zum 1. Januar 2011 weniger stark anheben, als es die wirtschaftliche Lage eigentlich erfordern würde. Immerhin haben sie einen Ermessensspielraum. Solange die Ausgaben in einem Tarif maximal zehn Prozent höher liegen als veranschlagt, muss die Versicherung die entsprechende Prämie nicht erhöhen. Anbieter, die trotz stark steigender Kosten nun auf höhere Beiträge verzichten, werden wohl in einem Jahr besonders unerfreuliche Weihnachtspost verschicken.

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insgesamt 217 Beiträge
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1. ...
mbberlin 15.11.2010
Die "Erste Klasse" war schon immer teurer. ;-)
2. Gott sei Dank ...
fridericus1 15.11.2010
... konnte ich mich vor einiger Zeit wieder in die gesetzliche Krankenkasse zurückretten. Als Privatversicherter ist man nicht nur alle Jahre wieder einem enormen Kostendruck ausgesetzt, sondern wird von manchen Ärzten auch noch als Gelddruckmaschine angesehen, der man jede noch so unsinnige Therapie und Untersuchung aufdrücken kann. Gewissen Risiken (z.B. Zahnersatz) kann man gut privat absichern, aber ansonsten fühle ich mich in der gesetzlichen deutlich wohler. Perfide ist, dass viele private Kassen mit Blick auf die anstehenden Erhöhungen in der gesetzlichen seit einiger Zeit ganz gewaltig die Werbetrommel rühren!
3. Wo ist das Problem?
Klo 15.11.2010
Zitat von sysopNeues Jahr, altes Problem: Fast alle privaten Krankenkassen erhöhen zum 1. Januar ihre Beiträge. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von SPIEGEL ONLINE. Die Versicherer schlagen durchschnittlich bis zu sieben Prozent auf die Prämien drauf. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,728896,00.html
Alle Privatversicherten haben sich freiwillig privat versichert (wenn auch bei den Beamten nur bedingt) und die Solidargemeinschaft verlassen. Dass private Krankenversicherungen Gewinne erwirtschaften müssen, Solidarsysteme aber nicht, ist allen Menschen bekannt. Der Sinn der privaten Krankenversicherung besteht nicht darin, irgendwelche kostenlosen Wohltaten zu verteilen, sondern den maximalen Gewinn zu erwirtschaften. Wer soll den bezahlen, wenn nicht die privat Versicherten? Und wieso sollte irgendjemand darüber jammern? Das ist genau der Blutkapitalismus, den alle haben wollen. Wer ihn nicht will, sollte sich solidarisch versichern in einer öffentlich-rechtlichen Kasse und die Abschaffung der Privatkassen fordern. Jammerei ist unangebracht.
4. PKV ist auch nur Müll
ergoprox 15.11.2010
Zitat von sysopNeues Jahr, altes Problem: Fast alle privaten Krankenkassen erhöhen zum 1. Januar ihre Beiträge. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von SPIEGEL ONLINE. Die Versicherer schlagen durchschnittlich bis zu sieben Prozent auf die Prämien drauf. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,728896,00.html
Jaja, die "hocheffiziente kapitalgedeckte" Krankenversicherung. Genau der gleiche Schmonz wie die "kapitalgedeckte" Altersvorsorge. Ausser Umlenkung von erschrecklichen Sümmchen an die schleimige Vertreterkaste und in das Finanzkasino bleibt letztendlich nicht viel übrig. Würde mich ja mal interessieren, wie viele Milliarden der sog. Altersrückstellungen gerade in Irland in den Flammen stehen (zur Info: deutsche Banken und Versicherer halten für 139 Milliarden irische "Wertpapiere").
5. Steuersenkung JETZT
kdshp 15.11.2010
Zitat von sysopNeues Jahr, altes Problem: Fast alle privaten Krankenkassen erhöhen zum 1. Januar ihre Beiträge. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von SPIEGEL ONLINE. Die Versicherer schlagen durchschnittlich bis zu sieben Prozent auf die Prämien drauf. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,728896,00.html
Hallo, und warum sollte sich was geändert haben? So ist doch die FDP gesundheitsreform darauf ausgelegt das die kosten insgesamt nicht weiter steigen aber das DIE jährliche steigerung weiter kommt war doch klar MUSS ja auch.
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Chronologie der Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.