Umkehrhypothek: Wenn das Häuschen die Rente zahlt

Von Alexander Demling, Kellinghusen

Viele alte Menschen haben eine kleine Rente, besitzen aber abbezahlte Häuser in bester Lage. Durch die Umkehrhypothek soll das Eigenheim zum Sparschwein werden. Kann man so Altersarmut bekämpfen?

Ehepaar Kypke vor seinem Haus: 62.000 Euro und 400 Euro monatlich für zehn Jahre Zur Großansicht
Alexander Demling

Ehepaar Kypke vor seinem Haus: 62.000 Euro und 400 Euro monatlich für zehn Jahre

Man merkt schnell, dass Ulrich Kypke sein Haus liebt. Wenn er vom Esstisch in seinem riesigen, sonnendurchfluteten Wohnzimmer alle paar Minuten einem Nachbarn winkt, der an Kypkes Naturgarten vorbeispaziert. Wenn er von seiner Dachterrasse auf den kleinen Fluss Stör blickt, der sich keine hundert Meter entfernt durch die Marschlandschaft schlängelt. Oder wenn er am Ufer des kleinen Sees hinter seinem Haus steht und eine Eisscholle mit dem Schuh antippt. "Im Sommer hüpfe ich da jeden Tag rein", sagt der 68-Jährige und grinst.

Umso überraschender ist, dass das Haus im holsteinischen Kellinghusen gar nicht mehr ihm und seiner Frau gehört. Vor zwei Jahren verkaufte er es an die gemeinnützige Stiftung Liebenau für 62.000 Euro, eine monatliche Zahlung von 400 Euro über zehn Jahre und ein lebenslanges Wohnrecht für ihn und seine 78-jährige Frau. Zustifterrente nennt die Stiftung das. Mehrere Banken führen ähnliche Angebote unter dem Stichwort Umkehrhypothek.

Die Anbieter preisen die Umkehrhypothek als gutes Geschäft für viele Rentner, ja selbst als Heilmittel für die drohende Altersarmut in Deutschland. Sie verweisen auf die USA, wo "reverse mortgages" millionenfach abgeschlossen werden. Auch in Deutschland haben viele alte Menschen nur eine geringe Rente, besitzen aber Immobilien in bester Lage.

Nur zahlen die eben keine Zinsen. Um den Schatz zu heben, müsste das geliebte Häuschen verkauft und Fremden überlassen werden. Deshalb räumen die Anbieter der Umkehrhypothek den Besitzern meist ein lebenslanges Wohnrecht ein, erst nach dem Tod der Bewohner kann die Bank das Haus weiterverkaufen.

"Wir sehen Eigentum als Leihgabe"

Geldsorgen plagten Ulrich Kypke, einst Vorstand einer ökologischen Unternehmensberatung, nicht, als er 2012 das Haus verkaufte. "Wir sehen Eigentum als Leihgabe, die uns die Gesellschaft anvertraut hat", sagt der 68-Jährige ernst. Die Stiftung vom Bodensee, die zahlreiche Krankenhäuser und Behinderteneinrichtungen betreibt, sei "ein sehr, sehr guter Partner. Denen möchten wir gerne unser hinterlassenes Geld anvertrauen."

Doch Kypke ist auch ganz Geschäftsmann geblieben: "Wir verschenken unser Haus ja nicht. Die monatliche Zahlung ist auch ein merkbarer Beitrag zu Rente", sagt der Mann mit den kurzen weißgrauen Haaren und lächelt still.

400 Euro pro Monat dürften aber nur bei wenigen rausspringen. Das Haus der Kypkes ist erst wenige Jahre alt und energetisch auf dem neuesten Stand. Bei jahrzehntealten Häusern drückt dagegen oft der drohende Sanierungsbedarf den Wert. Außerdem verzichtet das Paar auf die Instandhaltungsgarantie, die die Stiftung anbietet.

Und schließlich ist die Zahlung der Stiftung an die Kypkes auf zehn Jahre begrenzt. Wer die Zusatzrente für den Rest seines Lebens will, muss der Anbieter die Lebenserwartung des Kunden einkalkulieren. Eine heute 65-jährige Frau zum Beispiel hat nach offizieller Schätzung noch über 20 Jahre zu leben. Abschläge von 30 Prozent auf den Verkaufswert kommen da auch bei der Stiftung Liebenau schnell zusammen.

Dazu kommen die Kosten des lebenslangen Wohnrechts, die bei Kypkes rund 50 Prozent des Hauswerts ausmachen: "Bei jungen Senioren verzehrt der Wert des Wohnrechts den Immobilienwert - zur Verrentung bleibt fast nichts übrig", sagt Sedlmeier.

"Wir wollen Partner für den Rest des Lebens sein"

Auch Ulrich Kypke wäre es fast so gegangen. Bevor er mit der Stiftung Liebenau einig wurde, verhandelte er auch mit einer Bank über eine Umkehrhypothek. Auf Basis des Grundstückswerts habe man ihm eine monatliche Rente von 40 Euro geboten. "Da war keiner da, um sich das Haus anzugucken. Dass wir ein Null-Energiehaus haben, war denen völlig egal", sagt der 68-Jährige empört. Christoph Sedlmeier hat die Kypkes dagegen persönlich besucht - wie jeden seiner rund 50 Kunden. "Wir wollen schließlich Partner für den Rest ihres Lebens sein", sagt Sedlmeier.

Für die Banken hat der Immobilien-Experte aber mehr Verständnis als Ulrich Kypke. Anders als seine Stiftung dürften sie die Immobilien nicht kaufen, sondern nur als Kreditsicherheit nehmen. "Und einem 75-Jährigen mit sinkendem Einkommen ein Darlehen zu geben, können sie kaum vor der Aufsicht rechtfertigen", sagt Sedlmeier. Die Folge: Viele haben das Geschäft schon wieder eingestellt. Die ImmoKasse, einer der größten Anbieter von Umkehrhypotheken in Deutschland, meldete im Januar sogar Insolvenz an.

Als Lösung für die Altersarmut in Deutschland wird die Umkehrhypothek wohl erst mal nicht dienen. Christoph Sedlmeier hält seine Zustifterrente dennoch für ein Modell, dessen Zeit gekommen ist: Früher seien die Kinder nach dem Tod ihrer Eltern ins Familienheim gezogen. Heute sei das Elternhaus für den Nachwuchs oft ein Klotz am Bein: "Bei einem Paar leben die Kinder in Sydney und Kalifornien. Die sind gottfroh, dass ihre Eltern versorgt sind und jemand aufs Haus aufpasst."

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insgesamt 66 Beiträge
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1.
shokaku 09.03.2013
Zitat von sysopKann man so Altersarmut bekämpfen?
Nope. Leute, die über ein eigenes Haus in bester Lage verfügen sind nicht arm, und für die wirklich Armen steht diese Möglichkeit mangels eigener Immobilie erst gar nicht zur Debatte. Ist aber natürlich eine nette Sache für Leute, die wenig Rente bekommen, und keine Nachkommen haben, denen sie ihr Haus vermachen können oder wollen.
2. Die Bank gewinnt immer :-)
tischkalender 09.03.2013
Tolles Geschäftsmodell: Das Haus auf dem Bild hat schätzungsweise 300.000,00 EUR gekostet. Es wurde über die Bank finanziert. Eine klassische Bankfinanzierung sieht meist so aus, dass sie am Ende das doppelte des Kaufpreises zahlen. Nachdem sie für teuer Geld ihr Haus jahrelang abbezahlt haben, erwirbt -wie hier im Beispiel- die Bank/Stiftung das Haus für 68.000,00 EUR. Dazu bekommen sie für unschlagbare 10 Jahre evtl. 48.000,00 EUR als Taschengeld (400,00 EUR pro Monat dazu). Klingt doch sehr vernünftig :-) Dumm nur, wenn Sie dann doch länger als die 10 Jahre leben, man sie beim lebenslangen Wohnrecht über den Tisch zieht und sie die Kosten der Instandhaltung und diverse andere Kosten des Hauses selber tragen. Rien ne va plus.
3. Altersarmut bekämpfen?
jejo 09.03.2013
Tut mir leid, ich kann nicht ansatzweise nachvollziehen, was das mit der Bekämpfung der Altersarmut zu tun haben sollte. Hier stellt sich ja nur das Problem der Art der Verwertung vorhandenen Vermögens. Diejenigen, die von Altersarmut betroffen sind, haben ja eben gerade keine Immobilien, die sie verwerten können. Das hier ist nur eine weitere Finanzmöglichkeit für Menschen, die sich so etwas leisten können.
4.
alles_wisser 09.03.2013
Kinder übernehmen selten das Elternhaus denn wenn die Eltern 80 Jahre alt sind sind die Kinder im Normalfall um die 50 und haben ihre eigene Existenz aufgebaut.
5.
marthaimschnee 09.03.2013
Das wird die Banken freuen. Ist ja schließlich sowas wie die Riester-Rente, deren einzige Risiko für den Versicherer ist, daß der Bewohner zu lange lebt und wenn dieses Risiko in Form des lebenslangen Wohnrechts mit 50% des Immobilienwertes abgesichert ist, sieht die Rendite dieser "Anlage" wohl ähnlich miserabel aus.
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