Chef des Uno-Umweltprogramms "Wir stehen vor einem Ozean-Armageddon"

Die Erfindung des Plastiks war ein großer Erfolg, sagt Erik Solheim, Leiter des Uno-Umweltprogramms. 2050 aber könnte es mehr Müll in den Meeren geben als Fisch. Was zur Lösung des Problems nötig wäre.

Ein Interview von und


Zur Person
  • DPA
    Der Norweger Erik Solheim, Jahrgang 1955, leitet seit 2016 das UN-Umweltprogramm.

SPIEGEL ONLINE: Herr Solheim, seit Monaten führen Sie mit Ihrer Organisation eine Kampagne gegen Plastikmüll. Sie fordern Konsumenten, Unternehmen und die Politiker auf, auf Plastik zu verzichten und andere Materialien zu nutzen. Haben Sie ein grundsätzliches Problem mit Plastik?

Solheim: Überhaupt nicht. Dass Plastik erfunden wurde, war ein großer Fortschritt für die Menschheit. Plastik ist ein extrem nützliches Material. Es hat wenig Gewicht, ist einfach und preiswert herzustellen, im Produktionsprozess fast beliebig formbar, und es hält lange. Aber genau deswegen ist es jetzt überall - auch dort, wo es nicht sein sollte. Wir haben Plastiksuppen an den unglaublichsten Orten entdeckt: rund um einsame Inseln im Pazifik, in der tiefsten Tiefsee oder in der Arktis, fernab von der menschlichen Zivilisation. Und über das Internet hat sich ein Video weltweit verbreitet. Es zeigt einen Taucher vor Bali, der durch ein Meer aus Plastikmüll schwimmt.

SPIEGEL ONLINE: Ein hässlicher Anblick. Aber ist das Problem wirklich so groß, wie es aussieht?

Solheim: Wir stehen vor einem Ozean-Armageddon. Im Schnitt wird jede Minute eine LKW-Ladung Plastik in die Meere gekippt. Und die weltweite Plastikproduktion soll sich Prognosen zufolge in den nächsten 15 Jahren nochmals verdoppeln. Wenn es so weitergeht, haben wir 2050 mehr Plastik in den Weltmeeren als Fisch.

SPIEGEL ONLINE: Wer leidet darunter?

Solheim: Zunächst vor allem die Tiere. Seevögel oder Schildkröten können nicht Plastik von Nahrung unterscheiden. Auch für Robben oder Fische ist es lebensgefährlich. Und kürzlich ist an der Küste Thailands ein Wal gestrandet, der hatte 80 Plastiktüten verschluckt. Fünf Tüten hat er noch ausgewürgt, dann ist er gestorben.

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SPIEGEL ONLINE: Wie sind Menschen davon betroffen?

Solheim: Ein bedeutender Teil des Kunststoffs in den Meeren besteht aus winzigen Partikeln. Wenn Meerestiere diese aufnehmen, reichert sich das Mikroplastik in ihren Organen an. Und schließlich gelangt es in die menschliche Nahrungskette. Es kann Hunderte, Tausende Jahre dauern, bis sich Plastikmüll auflöst.

SPIEGEL ONLINE: Der Plastikmüll ist überall - und er ist teils mikroskopisch klein. Mal ehrlich: Gibt es eine realistische Chance, diesen Kampf zu gewinnen?

Solheim: Wir haben noch gar nicht richtig angefangen zu kämpfen. Natürlich wird es sehr schwer, die Meere völlig sauber zu bekommen. Aber wir können in einem ersten Schritt damit aufhören, immer mehr Plastik hineinzuleiten. Das würde schon enorm helfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man denn Plastikmüll reduzieren?

Solheim: Das fängt mit dem Einwegplastik an. Ein durchschnittlicher Amerikaner verbraucht 600 Plastikstrohhalme im Jahr. Wenn Restaurants darauf verzichten, sie automatisch mit zu servieren und sie stattdessen nur auf Anfrage herausgeben, schadet das niemandem. Und warum werden im Supermarkt Äpfel in Plastik eingepackt? Wofür brauchen wir Mikroplastik in Seifen, Parfüms oder anderen Kosmetika? Wofür brauchen wir Plastik-Einwegtüten. Sie als Verbraucher können hier aktiv mithelfen: indem Sie solche Produkte nicht kaufen. Oder wenn Sie Ihre Fast-Food- oder Kaffeekette fragen, warum sie Getränke in Plastikbechern mit Plastikdeckeln verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Sind sich die Verbraucher dieses Problems überhaupt bewusst?

Solheim: Das Interesse der Menschen am Thema Plastikmüll ist sprunghaft gestiegen, in vielen Regionen der Welt. Das liegt auch an eindrücklichen Bildern wie etwa dem Bali-Video oder den Aufnahmen von Tieren, die am Plastikmüll erstickt sind. Und wir alle sehen Plastikmüll um uns herum in der Landschaft liegen. Das geht vielen Menschen nahe.

SPIEGEL ONLINE: Wann hat es Sie selbst gepackt?

Solheim: Kurz nach meinem Amtsantritt wurde ich eingeladen, mir ein Strandreinigungs-Projekt in der indischen Stadt Mumbai anzuschauen. Es war unglaublich: Die oberste Schicht dieses Strandes bestand aus etwa einem halben Meter zusammengedrücktem Kunststoffmüll. Eine Menge davon war vom Meer angeschwemmt worden, über Jahrzehnte, niemand hatte aufgeräumt. Aber im Oktober 2015 nahm ein Mann den Kampf auf: Afroz Shah ist zum Strand gegangen, zusammen mit einem Nachbarn, und die beiden haben mit bloßen Händen angefangen, Müll aufzusammeln.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Solheim: Nach ein paar Tagen kamen Shahs Freunde dazu und später dann andere: Hunderte, Tausende Menschen. Danach kamen die Unternehmen mit den Maschinen und die Politiker - und alle halfen mit, bis hin zum Premierminister. Insgesamt sammelten sie 5,3 Millionen Kilo Müll ein. Und danach haben die Bürger von Mumbai angefangen, die nächsten Strände sauber zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Schöne Geschichte.

Solheim: Wissen Sie: Menschen lassen sich viel eher von einem Thema inspirieren, das sie hautnah mitbekommen, als von einem abstrakten Problem. Bei Plastikmüll empören sich nicht nur erklärte Umweltschützer, das geht weit darüber hinaus. Und wenn viele Menschen Veränderung fordern, zwingt das auch die Unternehmen und Politiker zum Handeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie müssen die Unternehmen jetzt handeln?

Solheim: Sie müssen viel verantwortungsvoller und innovativer werden. Wir leben in einer Welt, in der die Wirtschaft selbstfahrende Autos bauen, künstliche Intelligenz erschaffen oder manche Krebsarten mit Medikamenten heilen kann. Dann sollte es doch ein Leichtes sein, bessere Alternativen zum Plastik zu entwickeln: zum Beispiel Verpackungsmaterial aus Kartoffelstärke, Zuckerrohr oder der Nutzpflanze Cassava. Auch bei biologisch abbaubarem Plastik gibt es großes Potenzial.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Recycling? Zurzeit werden laut dem Branchendienst Euromonitor weltweit noch immer eine Million Plastikflaschen pro Minute verkauft.

Solheim: Das ist ein enormes Problem. Immerhin zeigt der öffentliche Druck schon etwas Wirkung. Coca-Cola hat kürzlich angekündigt, 2030 alle Plastikflaschen zu recyceln, die ihnen gebracht werden. Pepsi hat ein ähnliches Programm. Und die Wassermarke Evian will 2025 all ihre Flaschen aus recyceltem Plastik herstellen. Das können nur erste Schritte sein: die Unternehmen insgesamt müssen mehr Produkte entwickeln, die mehrfach verwendet oder wenigstens einfacher recycelt werden können.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit ist die Politik?

Solheim: Noch längst nicht weit genug. Einige Regierungen haben das Problem erkannt und handeln auch: Indien etwa will von 2022 an alle Einwegprodukte aus Plastik verbannen. Ruanda verbietet schon seit langem Plastiktüten. Da sieht man fast keinen Müll in den Straßen oder am Strand - in einem der ärmsten Staaten der Welt. In Großbritannien dürfen seit Anfang dieses Jahres keine Kosmetika mit Mikroplastik mehr verkauft werden. Und die EU schlägt in ihrer neuen Plastikstrategie vor, alle Plastikverpackungen bis 2030 wiederbenutzbar oder recyclingfähig zu machen. Aber das alles ist weltweit betrachtet noch viel zu wenig. Wir brauchen mehr Action.

SPIEGEL ONLINE: Und was halten Sie von Deutschland? Fast die Hälfte der Verpackungen aus dem gelben Sack und der gelben Tonne werden nicht recycelt, sondern enden in Müllverbrennungskraftwerken.

Solheim: In Deutschland ist weniger Plastikmüll auf der Straße zu sehen als in vielen anderen Ländern. Das liegt sicher auch an dem Abfallmanagement. Aber: Es wäre besser, das Plastik ganz zu vermeiden oder es zu anderen Kunststoffprodukten zu recyceln, als solch enorme Mengen zu verbrennen.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie selbst?

Solheim: Ich verzichte auf Einwegplastik wie Strohhalme und Rührstäbchen und versuche, mit Mehrwegflaschen herumzulaufen und sie unterwegs aufzufüllen. In Indien habe ich auch bei einer Strandreinigung mitgemacht. Es war anstrengend, aber am Ende war ich glücklich, denn ich habe das Resultat gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Und was können wir hier in Deutschland tun?

Solheim: Räumen Sie einen Strand oder eine Wiese in ihrer Nähe auf, sprechen Sie ihre lokalen Politiker an. Je mehr Menschen sich gemeinsam engagieren, desto eher werden wir das Problem lösen.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
mimas101 27.08.2018
1. Hmm
da ja die Plastezusammensetzung genau bekannt ist - wie wäre es mit einer Art Magnet den Müll aus dem Meeren zu holen? Allerdings ist auch die Plasteindustrie selbst in der Pflicht. In einer arte-Doku wurde auch ein aalglatter Plastehersteller interviewt der aalglatt hoch 2 meinte das wir (also der Hersteller) gute Geschäfte im diesem Erdölprodukt machen und die Entsorgung alleinig Sache der Öffentlichen Hand zu sein habe. Und lustig geht der Plastekonsum in weitere Höhen und die brüsseler EWG hofiert das auch noch indem sie Vorschriften erläßt die letztendlich der Plasteindustrie zu immer mehr Gewinnen verhilft. Übrigens - seit China nicht mehr Plaste aus Übersee einkauft: Wo landet jetzt eigentlich das Zuviel an Plaste?
kajosch55 27.08.2018
2. Der Zug ist abgefahren.
Am besten wäre es, alle verfügbare Energie in die Entwicklung von KI zu stecken und drauf zu hoffen, dass die sich als weniger blöde erweisen wird als Homo, ha, Sapiens,
butzibart13 27.08.2018
3. Müll gegen Tourismus
Man sieht, am ehesten werden Leute für diese Thematik sensibilisiert, wenn zwei Umweltsünden aufeinander treffen: das Problem des ausufernden Plastikmülls, der dem Problem des ausufernden Tourismus an irgendwelchen Stränden seine Grenzen aufzeigt, wie es z. B. an Stränden in Bali, den Philippinen usw. in den Medien zu sehen war.
sok1950 27.08.2018
4. Seit Millionen von Jahren passen sich Lebewesen ihrer Umwelt an
und so werden die sich weiterentwickeln die z.B. Plastik als Nahrungsmittel nutzen können. Das Leben ist ungemein variabel.
gula19 27.08.2018
5. Einfache Lösung
Die Lösung ist ganz einfach: Niemand darf Plastik in die Landschaft, Flüsse oder ins Meer werfen. Drastische Strafen für jeden Umweltsünder, die wirklich abschrecken. Das würde sofort wirken.
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