Unverpackte Lebensmittel "Den Konsum entschleunigen"

In Kiel eröffnete vor einem Jahr das bundesweit erste Geschäft für unverpackte Lebensmittel. Die Kunden sind zögerlich, aber neugierig, sagt Gründerin Marie Delaperrière.

Inhaberin des Kieler Ladens "Unverpackt": Marie Delaperrière
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Inhaberin des Kieler Ladens "Unverpackt": Marie Delaperrière


Frage: Frau Delaperrière, Ihr Laden Unverpackt feiert sein einjähriges Bestehen. Welches ist die schönste Rückmeldung, die Sie bisher bekommen haben?

Delaperrière: Ein Kunde hat einmal gesagt: "Toll, dass Sie den Mut hatten, sowas auf die Beine zu stellen." Ich habe Unverpackt zwar mit einer großen Begeisterung ins Leben gerufen. Und ich wollte unbedingt ausprobieren, ob sich mein Konzept, lose, regionale und saisonale Ware anzubieten, etablieren kann. Ich war jedoch völlig unsicher, ob die Kunden das annehmen.

Frage: Und wie hat sich Ihr Laden in diesem Jahr entwickelt?

Delaperrière: Sehr gut! Wir ziehen bald in ein größeres Ladenlokal um. Das neue Geschäft ist fast doppelt so groß wie das jetzige. Das vereinfacht sehr viel. Es gibt Platz für das Lager, für ein Büro, eine Sitzecke und eine Küche, in der man Verkostungen anbieten kann.

Frage: Wer kauft heute bei Ihnen ein?

Delaperrière: Meine Kundschaft ist bunt gemischt. Von Senioren und Familien über Studenten und junge Paare bis hin zu Touristen ist alles dabei. Manche leben grundsätzlich ökologisch, manche kommen einfach hierher, weil der Laden nah bei ihrer Wohnung liegt. Ältere kennen das Konzept noch von früher, die möchten das wieder erleben. Es ist schon ein Schritt, bei mir einzukaufen, weil man seine Komfortzone verlassen muss. Allein schon wegen der Vorüberlegungen: Was will ich kochen? Was und wie viel brauche ich dafür? Und welche Behälter und Gefäße muss ich mitbringen? Es ist aber nicht kompliziert, schon beim zweiten Besuch wird alles leichter.

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Frage: Wie verhalten sich neue Kunden in Ihrem Geschäft?

Delaperrière: Viele haben vom Laden gelesen oder davon erzählt bekommen. Die Menschen sind neugierig: Wie funktioniert das? Welches Sortiment gibt es? Können wir auch probieren? Wie sind Qualität und Preise? Zuerst begeben sich viele auf einen kleinen Orientierungsrundgang - und kaufen dann ein paar Kleinigkeiten zum Probieren. Sehr oft kommen diese Leute später aber wieder und sagen: "Oh, was habe ich beim letzten Mal ausprobiert? Das war super!" Dann trauen sie sich auch, mehr zu nehmen.

Frage: Gibt es auch kritische Ruckmeldungen von Kunden?

Delaperrière: Eigentlich nicht. Einmal monierte jemand, dass manche Spender für die losen Lebensmittel aus Kunststoff sind. Ich muss als Gründerin eben eine Priorität nach der anderen abarbeiten - und meine erste ist, die Verpackung zu vermeiden. Die jetzigen Spender, die auf dem Markt erhältlich sind, enthalten jedenfalls kein giftiges Bisphenol und bieten vor allem Schutz vor UV-Strahlen. Nach meinen Kenntnissen gibt es keine durchsichtigen Gefäße aus einem anderen Material mit dieser Eigenschaft. Wenn jemand Alternativen kennt: Ich bin offen für Vorschläge.

Frage: Welche Lebensmittel kann man nicht bei Ihnen kaufen?

Delaperrière: Käse, Fisch und Fleisch zum Beispiel darf ich leider immer noch nicht nach dem Unverpackt-Prinzip verkaufen. Die lebensmittelrechtlichen Vorschriften besagen, dass mitgebrachte Behälter oder Gefäße nicht über die Theke gereicht werden dürfen. Vielleicht sollte ich mal darüber nachdenken, eine Kühltheke mit einer Durchreiche zu entwerfen... Ich wünschte mir einen Metzger oder Käseladen, der gleich neben meinem Laden einzieht. Das wäre die perfekte Kombination! Produkte wie Milch, Sahne, Joghurt oder Quark kann ich zum Glück in Mehrwegflaschen anbieten.

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Frage: In Berlin hat kurz nach Ihrem ebenfalls ein Laden für lose Lebensmittel eröffnet. Die Betreiber haben von Anfang an gesagt, dass sie das Konzept im Erfolgsfall als Franchisegeber weiterverkaufen werden. Haben Sie auch darüber nachgedacht?

Delaperrière: Als ich damals den Businessplan erstellt habe, war meine Vision: So einen Laden muss es überall geben. Das möchte ich zwar weiterhin, aber nicht mehr wie damals nach dem Franchise-Prinzip. Beim Franchising müsste ich sicherstellen, dass die Interessenten die gleichen Ansätze verfolgen wie ich. Außerdem kann ich mich mit diesem Modell nicht mehr identifizieren: Es ist gewinnbringend ausgelegt und beschleunigt den Konsum in der Gesellschaft. Ich vertrete eine ganz andere Philosophie und will einen Beitrag zur Entschleunigung des Konsums leisten.

Frage: Wie wollen Sie das erreichen?

Delaperrière: Ich biete eine begleitende Beratung für Leute an, die ein Unverpackt-Geschäft eröffnen wollen. Und ich will durch Vorträge meine Philosophie an Schulen und Unis vermitteln. Ich fühle mich als Beraterin wohler, weil ich größere Freiheiten habe.

Das Interview führte "enorm"-Redakteurin Sara Lisa Schäubli

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hermannheester 04.04.2015
1. Unverpackt - Lebensmittel to go?
Mir erscheint dieser Enthusiasmus eher verfrüht und unangebracht, denn unverpackte Lebensmittel sind oft genug weniger haltbar und leichter angreifbar. Das trifft besonders dann zu, wenn Kunden sich an der Theke "selbst bedienen" und ohne Schutzhandschuhe und ringbewehrt in die Wurst greifen, die dann der Nebenmann gefälligst essen soll. SO wird wenigstens der Proband satt.
hikaru 04.04.2015
2.
Was sollen "unverpackte" Lebensmittel denn sein? Obst und Gemüse wird seit jeher lose verkauft und die Papierpackung, in der Mehl u.ä. daherkommt ist auch unentbehrlich. Die restlichen "Fabriklebensmittel" kann sie höchstens "ausgepackt" verkaufen - was dann aber keinen Unterschied ausmacht.
jetbundle 04.04.2015
3. Gibt's schon
Das gibt's in Kanada schon seit Jahren und nennt sich "bulk barn". Um ehrlich zu sein habe ich aber erhebliche Bedenken wenn alle möglichen Leute in nicht waschbaren Lebensmitteln rum wühlen. Gerade da ich die Hygienevorstellungen einiger Zeitgenossen kenne.
fxe1200 04.04.2015
4. @hermannheester
...in die Wurst greifen, wo keine Wurst verkauft wird. Im Übrigen geht auch verpackte Ware zunächst durch Menschenhände. Und wer seinen Salat nicht wäscht, ist selbst schuld. Schauen Sie auf und in die Meere, dann sehen sie, was der Mensch mit der Verpackung macht.
acer66 04.04.2015
5. @1
Habe mire gerade mal das Angebot angeschaut und was sieht so aus als würden da generell keine Fleischwaren angeboten. http://www.unverpackt-kiel.de/sortiment/ Ich als Vegetarier würde das neben dem von Ihnen erwähnten Gesundheits bedenken auch nicht so toll finden wenn überall ein fleischiger Fettfilm drauf ist. Deshalb hat die Dame wohl auch von einem Fleischer nebenan oder den Gesundheitsvorschriften gesprochen. Aber generell ist das ein fuer mich begrüßungswertes Konzept.
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