Unzufriedenheit im Beruf "Geld ist der schlechteste Anreiz für einen Jobwechsel"

Viele Angestellte wechseln den Arbeitsplatz, weil sie dann mehr verdienen. Doch der Headhunter Marcus Schmidt warnt im Interview: Ein höheres Gehalt ist schön, macht aber nicht glücklich. Seiner Meinung nach kann es sogar sinnvoll sein, weniger Geld zu akzeptieren - wenn der Job interessanter ist.

Mehr Geld: Im Job sind andere Dinge wichtiger
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Mehr Geld: Im Job sind andere Dinge wichtiger


SPIEGEL ONLINE: Wenn Mitarbeiter die Firma wechseln, ist ein Hauptgrund wahrscheinlich das Gehalt - oder?

Schmidt: Viele lassen sich davon locken. Aber das ist keine gute Motivation. Ich würde sogar sagen: Geld ist der schlechteste Anreiz zu wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Das sagen ausgerechnet Sie als Headhunter?

Schmidt: Der Vorteil von Geld ist: Es lässt sich leicht messen. Andere Faktoren muss man erst einmal umständlich ins Verhältnis setzen, um sich ein Urteil bilden zu können - etwa die Größe der Firma, die Verantwortung im Job oder die Wichtigkeit der Projekte. Wer schon öfter den Arbeitsplatz gewechselt hat, wird aber wissen, dass Geld doch nicht so wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret für einen Jobwechsel?

Schmidt: Es kann durchaus sinnvoll sein, auch mal ein niedrigeres Gehalt zu akzeptieren. Etwa, wenn man zu einer besseren Marke wechselt und damit den Lebenslauf aufbessert. Oder wenn sich eine neue Perspektive auftut - etwa durch mehr Verantwortung.

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist doch attraktiv, wenn eine Firma mir 20 Prozent mehr Gehalt bietet. Warum sollte ich da nicht zugreifen?

Schmidt: Weil es oft einen Haken gibt. Sie sollten zögern, wenn das hohe Gehalt der einzige Mehrwert ist. Möglicherweise ist das eine Art Risikoprämie, weil Sie schnell wieder gefeuert werden könnten. Oder das Unternehmen braucht Sie, weil es sonst nichts zu bieten hat. Oder es kümmert sich selbst nicht ausreichend um sein Personal und muss Sie entsprechend teuer anwerben, weil sonst niemand zur Verfügung steht. Wenn ich Kandidaten eine neue Stelle anbiete, dann bemühe ich mich, einen tatsächlichen Mehrwert herauszuarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist das Gehalt allgemein für die Zufriedenheit?

Schmidt: Geld motiviert nicht dauerhaft. Ein Bonus oder eine Erhöhung zaubert schnell ein Lächeln ins Gesicht des Angestellten, aber Anerkennung oder ein vernünftiges Arbeitsklima sind viel wichtigere Faktoren. An eine Erhöhung gewöhnen wir uns schnell, nach drei Monaten ist das nichts Besonderes mehr. Aber wenn ich immer wieder merke: Ich komme weiter, ich entwickle mich, dann ist das viel wertvoller.

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SPIEGEL ONLINE: Was muss sonst noch im Job stimmen, damit Mitarbeiter zufrieden sind?

Schmidt: Es muss eine klare Führung geben. Aufgaben sollten entsprechend des Könnens verteilt werden. Jeder sollte gefordert, aber niemand überfordert sein. Führungskräfte sollten sich Zeit nehmen für Feedbacks, für konstruktive Kritik. Wichtig ist auch, dass Lob gerecht verteilt und dass keiner bloßgestellt wird. Es sollte eine Atmosphäre von Anerkennung herrschen und auch eine Lernkultur. Nicht in dem Sinne, dass einer immer alles vorgibt, sondern dass Dinge gemeinsam entwickelt werden. Das Potential eines jeden Einzelnen sollte genutzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was sind darüber hinaus die größten Mythen zum Thema Zufriedenheit im Beruf?

Schmidt: Zum Beispiel, dass die Work-Life-Balance den Führungskräften so wichtig ist. Die meisten Leute sprechen das in den Verhandlungen zwar an, leben es dann aber später nicht wirklich. Außerdem gibt es Status-Mythen: Wie groß ist mein Büro, wie groß mein Auto, wie groß die Führungsverantwortung und das Budget? Eigentlich ist das alles ziemlich egal. Entscheidend ist vielmehr: Macht die Aufgabe Spaß? Kann ich mich entwickeln? Kann ich meine Fähigkeiten ausleben? Passe ich in das Umfeld? Bin ich für den Erfolg meiner Arbeit selbst verantwortlich?

SPIEGEL ONLINE: Aber wieso sitzen diese Status-Faktoren dann so in den Köpfen fest?

Schmidt: Weil sie gut sichtbar sind. Dabei ist das Büro manchmal vor allem deshalb so groß, weil jemand Kunden beeindrucken soll. Was ich der Firma wirklich wert bin, kann ich vor allem an den Projekten sehen, die ich habe.

SPIEGEL ONLINE: Ein großes Büro und ein schickes Auto machen also nicht zufrieden?

Schmidt: Nicht nachhaltig, das merke ich aus den Gesprächen, die ich täglich führe. Das Büro kann immer noch größer werden, das Auto immer noch mehr PS haben und das Gehalt kann auch immer noch gesteigert werden. Die wahren Antriebe sind Dinge, die ich bewegen kann, Erfolge, die ich erlebe. Und das Gefühl, nicht fremdbestimmt zu sein.

Das Interview führte Marike Frick



insgesamt 82 Beiträge
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skal666 24.02.2011
1. Gehalt ist nicht gänzlich unwichtig
Es stimmt sicherlich, daß man sich an einem höheren Gehalt schnell gewöhnt hat. Aber solange das Geld irgendwie zu knapp ist und man gerade so über die Runden kommt, geschweige denn daß*man was auf die hohe Kante zurücklegen kann, ist eine höheres Gehalt ein verdammt gutes Argument den Job zu wechseln.
PromotorFidei 24.02.2011
2. Mal ganz ehrlich
für mich klingt das wie ein Aufruf an die Arbeitsbienen, möglichst billig zu sein und sich noch gut zu fühlen wenn sie Gehaltseinbußen hinnehmen müssen um überhaupt noch ein Einkommen zu haben. Geld ist nicht alles - aber erst wenn man genug davon hat, um seine Bedürfnisse und die der Angehörigen, für die man verantwortlich ist, zu befriedigen.
sgift 24.02.2011
3. Korrekt
Zitat von skal666Es stimmt sicherlich, daß man sich an einem höheren Gehalt schnell gewöhnt hat. Aber solange das Geld irgendwie zu knapp ist und man gerade so über die Runden kommt, geschweige denn daß*man was auf die hohe Kante zurücklegen kann, ist eine höheres Gehalt ein verdammt gutes Argument den Job zu wechseln.
Das ist absolut richtig, aber ich denke die Menschen, die Herr Schmidt anwirbt sind ueblicherweise ueber den Bereich von "grade so ueber die Runden kommen" raus und um die geht es ihm wahrscheinlich. Nicht um die (Buero)arbeitskraft, die von ihrem Hungergehalt kaum leben kann. Und wenn erst mal "genug" Geld da ist, dann werden die anderen Faktoren wichtiger, die er angesprochen hat.
Quintus, 24.02.2011
4. Geld
Zitat von PromotorFideifür mich klingt das wie ein Aufruf an die Arbeitsbienen, möglichst billig zu sein und sich noch gut zu fühlen wenn sie Gehaltseinbußen hinnehmen müssen um überhaupt noch ein Einkommen zu haben. Geld ist nicht alles - aber erst wenn man genug davon hat, um seine Bedürfnisse und die der Angehörigen, für die man verantwortlich ist, zu befriedigen.
Genau und da sollte man bei 60/70 tausend Euro ganz gut dabei sein. Ich denke mal der Headhunter hat eine Klientel die eher darüber liegt.
numey 24.02.2011
5. asdas
ich musste an den BILD-Artikel denken, den wir seinerzeit in der Schule analysieren sollten. Darin ging es um einen kleinen Angestellten, der für einen Tag den Chef spielen durfte. Mit einer sexy Sekretärin und vier Telefonen und dem ganzen Schmarrn. Am Ende sagte er, er sei froh, dass er nur ein kleiner Angestellter ist - in höheren Ebenen hat man so schrecklich viel Stress und Verantwortung...das ist das bisschen mehr Geld eigentlich nicht wert. "Schuster, bleib bei deinen Leisten" - das, was die BILD ihren Lesern damals suggerieren wollte, klingt bei diesem Artikel hier irgendwie genauso durch. Aber vielleicht ist er ja auch eher für Leute geschrieben, die sich fragen, ob es die Mühe wert ist, für ein Gehaltsplus zu wechseln, das bei anderen Leuten den kompletten Jahresverdienst darstellen würde.
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