US-Finanzblogger "Mr. Money Mustache" Mit 30 in Rente und glücklich werden

Pete aus Colorado war Software-Ingenieur, arbeitete bei Cisco und hatte eine Karriere wie viele andere vor sich. Doch dann, mit 30, kündigte er - und ging in den Ruhestand. Jetzt erklärt der Hobby-Finanzguru auf seinem Kult-Blog "Mr. Money Mustache", wie man glücklich lebt.

Von , New York

"Mr. Money Mustache" mit seiner Familie im Hawaii-Urlaub: Leben ohne Stress und Arbeit
Mr. Money Mustache

"Mr. Money Mustache" mit seiner Familie im Hawaii-Urlaub: Leben ohne Stress und Arbeit


Viele Amerikaner schreiben ihr Leben lang rote Zahlen. Studenten stehen am Ende ihrer Ausbildung im Schnitt um 33.450 Dollar in der Kreide. Später kommen Hypotheken (148.000 Dollar) und Kreditkartenschulden (15.160 Dollar) hinzu. Am Ende haben drei Viertel aller Pensionäre kaum private Rücklagen fürs Alter übrig.

Auch Pete schien erst in dieser Tretmühle zu stecken. Der Kanadier kam mit 25 in die USA, arbeitete als Software-Ingenieur in Colorado, wechselte zum Kommunikationskonzern Cisco. Ein Lebenslauf, vorbestimmt wie so viele andere.

Und dann, mit 30, kündigte er und ging in den Ruhestand.

Petes Geschichte klingt unwahrscheinlich, unrealistisch und, ehrlich gesagt, ein bisschen irritierend. Nicht mehr arbeiten, mit 30 - und trotzdem, wie Pete es formuliert, "alles haben, um ein glückliches Leben zu leben"? Zu schön, um wahr zu sein.

Doch Pete macht vor, wie es geht. Sein Blog, auf dem er sein frohes Rentnerdasein als "Mr. Money Mustache" dokumentiert und dabei unkonventionelle Ratschläge gibt ("Reich werden in einem Blog-Post"), ist inzwischen zur Kultadresse geworden - und er selbst zum Finanzguru. Weshalb er seinen Nachnamen lieber nicht mehr öffentlich machen will. Ein Mindestmaß an Privatsphäre muss sein.

"Es begann durch Zufall", sagt Pete. Schon als Kind habe er "Geld respektiert", habe gespart, einen "simplen Lebensstil" gepflegt und immer schon eher das Rad als das Auto genutzt. So habe er schließlich auch seine Ausbildung ohne Schulden absolvieren können.

25.000 Dollar im Jahr reichen

Sein erstes Haus - in Longmont nördlich von Denver - habe er billig und bar gekauft und gemeinsam mit seiner Frau selbst renoviert; später vermieteten sie es. Überschüsse hätten sie in Indexfonds gesteckt. "Unser Ziel war es, genug zu sparen, dass wir unsere Jobs aufgeben konnten, als unser erstes Baby geboren wurde", erinnert sich Pete. "Wir erreichten das Ende 2005."

Acht Jahre ist das her. Doch kostet das Leben nicht Geld? "Unser Lebensstil blieb ziemlich normal", sagt Pete. Bis heute genössen sie "ein großes Haus, zwei Autos, sechs Fahrräder, vier Computer, drei Monate Reisen und Bio-Lebensmittel".

Mit einem Unterschied: "Wir optimieren jeden dieser Bereiche so, dass er so wenig wie möglich kostet." So seien ihre Autos praktisch statt angesagt. Resultat: "Wir können von 30 bis 50 Prozent unseres Einkommens leben und den Rest sparen."

Dieses Einkommen bestreiten sie heute allein aus den Mieteinnahmen ihres ersten Hauses - 25.000 Dollar im Jahr (etwa 19.100 Euro). Das liegt nach den US-Richtlinien nicht allzu weit über der Armutsgrenze für eine dreiköpfige Familie (19.530 Dollar). Doch für Pete reicht es, "um alles abzudecken, was wir brauchen".

Erträge aus den Fonds und Rentenkonten mit Aktiendividenden reinvestieren sie, als Rücklage für den Notfall. Doch: "Wir haben gemerkt, dass es uns nicht glücklicher machen würde, mehr auszugeben als 25.000 Dollar."

Wie das geht, zeigt Pete auf seinem Blog. Das Haus: selbstrenoviert mit Materialien aus dem Online-Netzwerk "Craigslist". Haushaltsgeräte und Spielzeug: "Craigslist". Krankenversicherung: die billigste Version (237 Dollar im Monat), plus "gesund leben". Urlaub: in Colorado vor der Tür, aber manchmal auch Hawaii - dank Internet-Deals.

Weniger, simpler, preiswerter

Und natürlich: Bücher lesen statt Kabelfernsehen, keine teuren Handyverträge - und keine Schulden. "Schulden sind ein NOTFALL!", schreibt Pete. "Alle Luxusausgaben müssen aufhören, bis die Schulden weg sind."

Petes Ratschläge mögen einem banal vorkommen. Erstelle ein Monatsbudget. Identifiziere finanzielle Lecks. Investiere in Aktien oder Immobilien. Doch viele Amerikaner, sagt er, seien damit überfordert: "Wir sind viel zu materialistisch."

Gerade jetzt, wo die Rezession bald dem nächsten Boom weiche, sei eine neue Denkweise gefordert. Eine komplette Umkehr "unserer Vorstellungen von Bequemlichkeit und Luxus". Zum Beispiel: "Sein Haus selber in Schuss halten; seine Haare selber schneiden; weniger, simplere, preiswertere Sachen kaufen."

Das Blog war erst nur ein Hobby, der Name ein Jux: "Ich stelle mir Mr. Money Mustache als diesen altmodischen Finanzwaisen vor, der einen Wildwest-Ort regiert."

Mittlerweile hat Pete 336 Blog-Einträge geschrieben. Die "Washington Post" hat über ihn berichtet, Ex-Präsidentschaftskandidat Ralph Nader hat ihn auf Twitter erwähnt, sein Publikum hat sich verdoppelt, Werbekunden klopfen an.

Neuerdings verdient das Blog Geld.

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
curlybracket 03.06.2013
1. Tja, wie heisst es so schön...
Ein Vermögen verdient man sich im Regelfalle nicht, man erspart es sich.
Celegorm 03.06.2013
2.
Zitat von sysopMr. Money MustachePete aus Colorado war Software-Ingenieur, arbeitete bei Cisco und hatte eine Karriere wie viele andere vor sich. Doch dann, mit 30, kündigte er - und ging in den Ruhestand. Jetzt erklärt der Hobby-Finanzguru auf seinem Kult-Blog "Mr. Money Mustache", wie man glücklich lebt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/us-blogger-geht-mit-30-in-rente-und-wird-zum-finanzguru-a-902900.html
Das einzig faszinierende an der Geschichte ist ja eigentlich, dass man mit banalsten Ratschlägen und als Abziehbild eines Häuslebauer-Klischee-Schwabens neuerdings zum "Finanzguru" aufsteigen kann. Angesichts dessen können einem die ganzen wirtschaftlichen Verwerfungen kaum noch erstaunen. Nur an der Diversifizierung seiner wirtschaftlichen Grundlage sollte er wohl noch etwas arbeiten, eine einzige Mietquelle als alleiniges bzw. primäres Standbein scheint langfristig auch nicht die solidste Strategie.
ml133 03.06.2013
3.
Zitat von sysopMr. Money MustachePete aus Colorado war Software-Ingenieur, arbeitete bei Cisco und hatte eine Karriere wie viele andere vor sich. Doch dann, mit 30, kündigte er - und ging in den Ruhestand. Jetzt erklärt der Hobby-Finanzguru auf seinem Kult-Blog "Mr. Money Mustache", wie man glücklich lebt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/us-blogger-geht-mit-30-in-rente-und-wird-zum-finanzguru-a-902900.html
Weise Finanzwaisen...was es im Wilden Westen nicht alles gab! ;-)
EvilGenius 03.06.2013
4. Kein Selbstläufer
---Zitat--- 25.000 Dollar im Jahr reichen ---Zitatende--- Sicherlich. Aber die müssen auch erstmal irgendwo herkommen. Was wenn die Aktien mal keine Dividende abwerfen, die Mieteinnahmen sinken? Was wenn er mal zu alt wird um im Haus alles selber zu machen? Seine Ausgaben zu kontrollieren ist davon unabhängig natürlich schon mal ein guter Ansatz.
littleworry 03.06.2013
5. Schon krass ...
"Weniger, simpler, preiswerter" Jemand handelt rational ('vernünftig'), nutzt seine eigenen Fähigkeiten und Hände, verwendet gebrauchte, aber noch funktionsfähige Dinge oder Restmengen Materials weiter, reduziert Überflüssiges und schreibt darüber - und wird damit weltweit bekannt! So kann es kommen, wenn man es schafft, sich der Krake 'Marketing' zu entziehen, die uns permanent unsere vermeintlichen Bedürfnisse einhämmert und indoktriniert, dafür viel Geld auszugeben, das wir nicht haben und erst durch harte Arbeit anschaffen müssen.
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