US-Finanzkrise Nation der Ahnungslosen

Das "finanzielle Analphabetentum" in den USA ist alarmierend, stellt eine Studie fest. Dieses tiefgehende Unverständnis im Volk und bei Politikern ist einer der Hauptgründe dafür, dass die Krise so tief und dauerhaft wurde. Washington schert sich darum wenig - alles soll beim Alten bleiben.

Von , New York

Blick auf die Wall Street: Viele Amerikaner können nicht mit Geld umgehen
Corbis

Blick auf die Wall Street: Viele Amerikaner können nicht mit Geld umgehen


Was ist der Dow-Jones-Index? Dumme Frage, möchte man meinen: Natürlich der weltberühmte Aktienindex an der New York Stock Exchange (NYSE), der sich aus den Kursen von 30 der größten US-Unternehmen zusammensetzt.

Doch nur knapp jeder zweite Amerikaner weiß das: 53 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage des Centers for Economic and Entrepreneurial Literacy (CEEL) mussten bei der Frage passen. Fast genau so viele konnten mit dem Begriff "Roth IRA" nichts anfangen - obwohl das einer der gängigsten Rentenpläne in den USA ist.

Die Verblüffung geht weiter: Was ist Inflation? Wie berechnet man Zinsen? Ist es teurer, ein Konto zu überziehen oder einen Kredit aufzunehmen? Wie lange dauert es, bis sich 100 Dollar bei einem Zinssatz von 20 Prozent verdoppeln? Die Mehrheit zuckte da nur mit den Schultern.

"Eine überwältigende Zahl von Amerikanern ist außer Stande, auch nur die einfachsten Fragen zu Kredit, Zinsen und wirtschaftlichen Grundbegriffen zu beantworten", lautete das deprimierende Fazit der CEEL-Studie, die voriges Jahr auf dem Höhepunkt der Finanzkrise durchgeführt wurde. Das "finanzielle Analphabetentum" in den USA sei "alarmierend" - und das umso mehr, wenn man in Rechnung stelle, dass Zeitungen, Radio und Fernsehen flächendeckend über die Krise berichtet und die notwendigen Erklärungen geliefert hätten.

Doch dafür hat sich offensichtlich niemand interessiert: Die finanzielle und finanzpolitische Unkenntnis der Amerikaner - und vieler ihrer Volksvertreter - kristallisiert sich nun als einer der Hauptgründe heraus, weshalb die Krise so tief und dauerhaft wurde. Nicht allein die Wall Street riss das Land mit sich. Sondern auch das Unverständnis von Anlegern, Hauskäufern, Kreditkartenschuldnern - und von Politikern, die Lösungen mit ihren unkundigen Haudrauf-Argumenten sabotieren.

"Wir finden immer neue Schuldige für das wirtschaftliche Chaos der Nation", schrieb die "Washington Post" kürzlich. "Vielleicht täte es uns gut, dabei auch mal in den Spiegel zu schauen."

Festverzinslich oder flexibler Zins?

Zu genau diesem Blick in den Spiegel treffen sich diese Woche Vertreter der US-Regierung und des Financial Literacy Centers, eines Konsortiums aus Unis und Denkfabriken, zu einer Konferenz in der US-Hauptstadt. Titel der Tagung, die diese nationale Wissenskrise erstmals thematisieren soll: "New Insights and Advances in Financial Literacy" - neue Einsichten und Fortschritte zur Finanzbildung.

Mehr als sonst ein Industrieland setzen die USA bekanntlich auf die finanzielle Unabhängigkeit ihrer Bürger. Die meisten Amerikaner sind für ihre Alterversorgung, ihre Krankenversicherung, ihren Wohlstand und ihren Aufstieg selbst verantwortlich. Es ist nun mal der "American Way", wie ihn jetzt auch die so siegreichen Tea-Party-Kandidaten lauthals propagieren.

Doch mehr als in sonst einem Industrieland sind diese Bürger damit eben zusehends auch überfordert. Zumal das US-Finanzsystem über die Jahre immer komplexer und undurchschaubarer geworden ist - die Menschen verirren sich im "Warenhaus unzähliger Möglichkeiten und schnell genehmigten Krediten", wie selbst das Intellektuellenblatt "New Yorker" klagt.

Die CEEL-Studie ist bei weitem nicht die einzige, die den mangelnden Sachverstand in Finanzdingen belegt. So ergab eine Umfrage des US-Finanzministeriums kürzlich, dass fast die Hälfte aller Befragten ihre monatlichen Rechnungen nicht bezahlen kann, ein Viertel ihre Girokonten überzogen hat und nur die Hälfte Rücklagen fürs Alter, für Krankheit oder für harte Zeiten hat. Andere haben ermittelt, dass die meisten US-Schuldner das Kleingedruckte nicht verstehen - und sogar passen müssen, wenn sie nach dem Unterschied von festverzinslich und flexibler Verzinsung gefragt werden.

Niedriges Niveau, hoher Lärmpegel

Unverhältnismäßig viele Amerikaner setzen bei der Altersversicherung auch auf Aktien, ohne das Geschäft zu verstehen. Neu ist das nicht: Als der Energieriese Enron 2001 kollabierte, standen rund 1,5 Millionen Investoren mit leeren Händen da - davon viele Angestellte, deren Altersgelder futsch waren.

Das Problem beginnt schon in der Schule. Nicht mal jeder fünfte US-Schulbezirk unterrichtet Finanzen und Hauswirtschaft - Fächer, die sowieso in nur drei Bundesstaaten Pflicht sind. 84 Prozent der College-Absolventen halten sich für finanziell dumm. In der Pisa-Studie landeten die USA abgeschlagen auf Platz 29, was den Zeitaufwand für Mathe-Hausarbeiten anging - 19 Plätze hinter Deutschland. 69 Prozent der amerikanischen Eltern fällt es leichter, mit ihren Kindern über Sex zu reden als über Geld. Scheidungsgrund Nr. 1: Geld.

Diese Naivität zeigt sich aber oft auch in den unsinnigen Aussagen der US-Politiker. "Unsere fiskalische Bilanz war stark", prahlt der frühere Präsident George W. Bush in seinen neuen Memoiren über sein Vermächtnis - obwohl sich die US-Staatsverschuldung während seines Amtszeit um vier Billionen Dollar erhöhte.

Viele Amerikaner nehmen solchen Quatsch widerspruchslos hin. Mehr noch: Sie geben Bushs Nachfolger Barack Obama die Schuld am Schuldenberg. Diese Argumentation zog sich auch durch den letzten Kongresswahlkampf. So sinkt das Niveau der öffentlichen Debatte um Haushalt, Wirtschaft und Finanzen nun immer tiefer - während der Lärmpegel steigt.

Keiner dreht den Hahn zu

Eine solche kognitive Verzerrung ist als "Dunning-Kruger-Effekt" bekannt, nach den Psychologen David Dunning und Justin Kruger: Je weniger die Leute über etwas Bescheid wissen, desto übertrieben selbstsicher sind sie. Es ist eine perfekte Erklärung für die Finanzkrise. Und nun dafür, dass trotzdem alles beim Alten bleiben wird.

Bush war es auch, der seinerzeit die "ownership society" ausrief - jene Besitzgesellschaft, die die finanzielle Lebensverantwortung vom Staat auf den Bürger abwälzte. Kaufen, investieren, spekulieren: Was aus dieser Umschuldung des "American Dreams" geworden ist, ist inzwischen bekannt - Ramsch-Hypotheken, Kreditkarten-Schuldenberge, Rentenlücken.

"Es ist, als hätten wir den Wasserhahn geöffnet und den Menschen gesagt, dass sie so viel wie sie wollen trinken und selbst entscheiden können, wann sie den Hahn wieder zudrehen", sagt Annamaria Lusardi, Wirtschaftsprofessorin am Dartmouth College in New Hampshire und die Chefin des Financial Literacy Centers. "Wir haben dabei nur vergessen, ihnen zu erklären, dass sie selbst am Ende die Rechnung bezahlen müssen."

Lusardi erforscht das "finanzielle Unwissen" ihrer Landsleute seit Jahren, ebenso lange warnt sie vor den Folgen. Doch erst seit der Finanzkrise erregt sie Aufsehen. Bei der Tagung diese Woche in Washington ist sie die Hauptrednerin.

Finanzielle Bildung als Bürgerrecht

Mit der von der US-Rentenverwaltung SSA gesponserten Konferenz will auch das Weiße Haus sein Engagement für eine Verbesserung des Finanzwissens signalisieren. Finanzminister Timothy Geithner hat die Financial Literacy and Education Commission wiederbelebt, ein Gremium aus Ministerien und Behörden, das 2003 gegründet wurde, um die Bürger weiterzubilden, bisher aber wenig erreicht hat.

"Finanzielle Bildung ist das nächste Bürgerrecht", erklärte der Aktivist John Hope Bryant, ein Berater des World Economic Forums. In Wahrheit aber schert sich Washington wenig um das Thema. Mehr als 30 Gesetzesvorlagen zur Finanzbildung der Verbraucher sind seit 2006 in den Kongressausschüssen ergebnislos versandet, teils auf Druck der Bankenlobby. Es ist, als wollten Politiker und Wall Street die einfachen Bürger bewusst dumm halten.

Ähnlich geht es auch der neuen US-Verbraucherschutzbehörde, die im Rahmen der Finanzmarktreform eingerichtet werden soll. Die designierte Chefin Elizabeth Warren will sich auch auf die finanziellen Bildungslücken der Bürger konzentrieren. Doch sie steht unter Beschuss, bevor sie ihre Arbeit aufgenommen hat: Die neu erstarkten Republikaner wollen das Amt am liebsten schon wieder abschaffen.

Ihr Argument: Amerikaner dürften sich nicht vom Staat in ihre Privatangelegenheiten reinreden lassen - sie wüssten selbst am besten, was gut für sie sei. Oder, wie Sarah Palin, die Ikone der Tea-Party-Bewegung, neulich postulierte: "Gott gibt dir nicht mehr, als du bewältigen kannst."

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chewie1337 15.11.2010
1. Steine und Glasgaus
Ich glaube was Allgemein- und Finanzbildung angeht, sollten wir, die wir im glashaus sitzen, nicht mit Steinen werfen...
frubi 15.11.2010
2. .
Zitat von sysopDas "finanzielle Analphabetentum" in den USA*ist alarmierend, stellt eine Studie fest. Dieses tiefgehende Unverständnis im Volk und bei Politikern ist einer der Hauptgründe dafür, dass die Krise so tief und dauerhaft wurde. Washington schert sich darum wenig - alles soll beim Alten bleiben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,728700,00.html
Ahnungslos? Ich habe auch keine Ahnung vom Finanzwesen aber ich kann eines sagen: Geld vermehrt sich nicht einfach so von allein. Außerdem glaube ich nicht, dass die Krise unvermeindlich gewesen ist. Im Gegenteil. Da wussten einige ganz genau was Sache ist und haben trotzdem nicht damit aufgehört.
Netcube 15.11.2010
3. ...
"Würden die Menschen verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert, hätten wir eine Revolution – und zwar schon morgen früh." Henry Ford, 1863-1947 Das gilt nach wie vor, bzw. immer mehr... auch für "uns kluge Europäer".
paul sartre 15.11.2010
4. Auch in Deutschland...
Zitat von sysopDas "finanzielle Analphabetentum" in den USA*ist alarmierend, stellt eine Studie fest. Dieses tiefgehende Unverständnis im Volk und bei Politikern ist einer der Hauptgründe dafür, dass die Krise so tief und dauerhaft wurde. Washington schert sich darum wenig - alles soll beim Alten bleiben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,728700,00.html
Auch in Deutschland sind 80% der Bürger in Sachen Finanzen Analphabeten. Zum Glück unserer Finanzindstrie.
aceofspade 15.11.2010
5. Den Nagel voll auf den Daumen getroffen!
Zitat von sysopDas "finanzielle Analphabetentum" in den USA*ist alarmierend, stellt eine Studie fest. Dieses tiefgehende Unverständnis im Volk und bei Politikern ist einer der Hauptgründe dafür, dass die Krise so tief und dauerhaft wurde. Washington schert sich darum wenig - alles soll beim Alten bleiben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,728700,00.html
Das beste an dem Pitzke Artikel ist die Erklaerung des Dunning - Kruger Effekts - oder war's Symptom. Damit hat sich Herr Pitzke eine perfekte Selbstdiagnose ausgestellt. Zitat: "Bush war es auch, der seinerzeit die "ownership society" ausrief - jene Besitzgesellschaft, die die finanzielle Lebensverantwortung vom Staat auf den Bürger abwälzte." Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der Buerger "waelzt" seine finanzielle Lebensverantwortung auf sich selber ab und will den Staat nicht drin haben. Herr Pitzke, der amerikanische Staat macht fuer seine Buerger schneller Schulden, als diese in der Lage sind, hinter her zu sparen, nur um denen nach dem Ausgabenrausch noch mehr Steuern aus der Tasche zu ziehen. Ihr Ideal vom Big Brother funktioniert noch viel weniger, als individuelle Selbstverantwortung.
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