Online-Restaurantpranger: Wo bleibt die App gegen Appetitverderber?

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Jetzt kann jeder Bürger online recherchieren, welche Gastronomen bei der Hygiene schludern. Schmutzfinken werden von den Behörden genannt. Das Problem: Jede Behörde betreibt ihren eigenen Restaurantpranger, eine schnelle Suche ist unmöglich.

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Hygienekontrolle in der Gastronomie: Erhebliche Mängel werden veröffentlicht

Bevor ich am Münchner Hauptbahnhof in den Zug steige, kaufe ich mir meist ein Schokocroissant der Bäckereikette Le Crobag. Stets mundet mir das Teilchen ausgezeichnet.

Möglicherweise wäre mir der Appetit vergangen, wenn ich folgende Information besessen hätte: Bei einer Betriebskontrolle am 11. Oktober 2012 stellten staatliche Prüfer "Mängel bei der Betriebshygiene" und "Mängel bei der Schädlingsbekämpfung" fest. Le Crobag musste deswegen ein Bußgeld zahlen und die Mängel beseitigen.

Um an derartige Informationen zu gelangen, bedurfte es früher einer aufwendigen investigativen Recherche. Jetzt nicht mehr. Das am 1. September 2012 in Kraft getretene Verbraucherinformationsgesetz sieht nämlich vor, dass von amtlichen Kontrolleuren festgestellte erhebliche Mängel veröffentlicht werden, bei denen ein Bußgeld von mindestens 350 Euro zu erwarten ist - inklusive Name und Anschrift des Sünders.

Das ist eine Revolution. Der Skandal um Hygienemängel bei der Großbäckerei Müller wäre vermutlich viel schneller bekanntgeworden, hätte es diesen Online-Pranger damals schon gegeben.

Für die Gastronomie brechen harte Zeiten an. Friederike Stöver, die Geschäftsführerin der Le-Crobag-Kette, findet das neue System ein bisschen unfair. Dass man die Mängel, die wegen des Oktoberfest-Trubels entstanden seien, sofort beseitigt habe, stehe sehr weit hinten in der Meldung. Dennoch werde man sich mit dem Pranger arrangieren und in Zukunft "noch sensibler, aufmerksamer und zickiger gegenüber unordentlicher oder gar unsauberer Betriebsführung" sein.

Wirrwarr statt Übersichtlichkeit

Das Gesetz ist ein Sieg des Verbraucherschutzes, ohne Frage; aber leider nur ein teilweiser. Denn vieles an der neuen Regelung ist nicht gerade konsumentenfreundlich.

Da ist zunächst der Umstand, dass es den einzelnen Bundesländern obliegt, wie die Daten zu veröffentlichen sind. Für die Restaurant- und Gaststättenmeldungen gibt es keine zentrale Anlaufstelle im Netz, stattdessen unterhält jedes Land eine eigene Seite, mitunter mehrere.

Zweitens geben sich die Länder unterschiedlich viel Mühe. Während Nordrhein-Westfalen und Bayern ordentliche Such- und Sortierfunktionen bieten, stellen Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern lediglich krautige PDF-Tabellen ins Netz. Das wäre schon 2005 nicht mehr zeitgemäß gewesen. 2012 ist es nur noch peinlich. Noch schlechter schneiden Hamburg oder Stuttgart ab, die zwei Monate nach dem Inkrafttreten des Gesetzes noch keinen einzigen Fall online gestellt haben.

Nach mehrstündiger Recherche weiß ich nun, dass es in einer Norma-Filiale in Frankfurt "nicht unerhebliche hygienische Mängel" gab, "die eine nachteilige Beeinflussung der Lebensmittel darstellen". Oder dass die Kontrolleure in einem China-Restaurant in Bad Reichenhall unter anderem "Mängel bei der Personalhygiene" monierten (beide Firmen reagierten nicht auf eine schriftliche Bitte um Stellungnahme).

Doch das ist Stückwerk. Was man sich als Verbraucher eigentlich wünscht, ist eine umfassende Recherchemöglichkeit - und zwar für unterwegs.

Könnte man die ganzen Daten nicht in eine App packen?

Die Frage habe ich mehreren Ministeriumsmitarbeitern gestellt. Sie reagierten durchweg mit Verwunderung, ja Ablehnung: Es handle sich um behördliche Daten, deren Weiterverarbeitung oder gar kommerzielle Nutzung nicht gestattet sei.

Man muss hoffen, dass die Verbraucherministerien diese Haltung noch einmal überdenken. Gut wäre es, alle Meldungen als Open-Source-Content frei verfügbar zu machen. Schließlich haben wir dafür mit unseren Steuern bezahlt.

Diese Daten gehören dem Volk

Noch besser wäre es, die Daten zusätzlich über eine Schnittstelle anzubieten, damit man sie problemlos in Datenbanken und Apps überführen kann. Das wäre durchaus im Geiste der neuen Gesetzgebung, die schließlich darauf abzielt, den Verbraucher besser zu informieren.

Wie wäre es, wenn man auf mobilen Empfehlungsdiensten à la Qype oder Foursquare sehen könnte, wie oft ein bestimmtes Restaurant bereits von den Lebensmittelkontrolleuren abgemahnt wurde? Ferner wäre interessant, wie viele Filialen einer bestimmten Kette bereits Bußgelder zahlen mussten. Dies zu recherchieren, ist wegen des balkanisierten Datenbestands derzeit praktisch unmöglich.

Häufig mag es sich ja tatsächlich um Einzelfälle handeln. Wenn aber, wie bei der Münchner Fleischereikette Vinzenzmurr, nach Kontrollen in 24 Filialen im März 2011 insgesamt 29 Bußgeldbescheide erlassen werden, dann darf einen das als Kunde misstrauisch machen. Nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung um die Bußgelder und die Veröffentlichung der entsprechenden Informationen hatte die Metzgerei die Hygienemängel schließlich eingeräumt und daraufhin nach eigenen Angaben ihr Qualitätsmanagement verbessert. In diesem Jahr sei das Hygienemanagement nach weiteren behördlichen Kontrollen als "gut" bewertet worden.

Voraussetzung für eine zufriedenstellende Recherche wäre jedoch, dass Programmierer die Verstöße aggregieren und aufbereiten dürfen. Vermutlich wären dann noch viele andere Auswertungen denkbar, etwa nach geografischen Häufungen. Aber dazu müssten die Daten zunächst freigegeben werden.

Dann könnte ich vor dem nächsten Bäckereibesuch am Bahnhof mit einem Wisch auf dem Smartphone nachschauen, ob dort alles in Ordnung ist. Es wäre einer der wenigen Fälle, in denen Big Data den Konsumenten hilft. Und es wäre moderner Verbraucherschutz, der diesen Namen verdient.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Hilft das wirklich?
einuntoter 11.12.2012
Oder ist die Konsequenz eher, dass Bußgeldbescheide zukünftig unter 350 EUR ausgestellt werden, damit sich die Kontrolleure keinen möglichen Regressforderungen stellen müssen?
2. Papiertiger
SirLurchi 11.12.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn4.spiegel.de/images/image-387403-thumb-rkjg.jpg" /><span class="spCredit">DPA</span></span><span id="sysopText">Jetzt kann jeder Bürger online recherchieren, welche Gastronomen bei der Hygiene schludern. Schmutzfinken werden von den Behörden genannt. Das Problem: Jede Behörde betreibt ihren eigenen Restaurantpranger, eine schnelle Suche ist unmöglich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/verbraucherschutz-online-app-gegen-schmuddelgastronomen-a-868996.html</span></div>
Das Gesetz ist so zahnlos, wie die Kontrolleure feige. - Statt solche Dreckfinken mit empfindlichen Geldbußen zu überziehen oder die Dreckschleudern gleich ganz zu schließen, werden ganz sicher nur BG's i. H. v. maximal 349,99 € verhängt, damit man bloß nicht mit Klagen überzogen wird.
3. Wen wunderts?
j.vantast 11.12.2012
[QUOTE=sysop;11532694Die Frage habe ich mehreren Ministeriumsmitarbeitern gestellt. Sie reagierten durchweg mit Verwunderung, ja Ablehnung: Es handle sich um behördliche Daten, deren Weiterverarbeitung oder gar kommerzielle Nutzung nicht gestattet sei.[/QUOTE] Sie häten vielleicht keine FDP Mitglieder fragen sollen. Das Gesetz wird ja aber ohnehin schon durch die 350,-EUR Grenze ausgehebelt. Die Daten allerdings, wenn auch gut versteckt, ins Netz zu stellen und andererseits aber verhindern wollen dass diese Daten nutzbringend verarbeitet werden ist schon kurios. Bei dem neuen Meldegesetz war das natürlich anders, da ging es ja auch um Daten der Bürger. Die hätten natürlich kommerziell verwendet werden dürfen.
4. Linkliste wäre hilfreich
lancelot1234 11.12.2012
Eine App muss es gar nicht sein. Auch eine Liste aller recherchierten Links wäre als Beilage zum Artikel sicherlich hilfreich.
5. In Niedersachsen gibt es 0 Verstöße
Religulous 11.12.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn4.spiegel.de/images/image-387403-thumb-rkjg.jpg" /><span class="spCredit">DPA</span></span><span id="sysopText">Jetzt kann jeder Bürger online recherchieren, welche Gastronomen bei der Hygiene schludern. Schmutzfinken werden von den Behörden genannt. Das Problem: Jede Behörde betreibt ihren eigenen Restaurantpranger, eine schnelle Suche ist unmöglich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/verbraucherschutz-online-app-gegen-schmuddelgastronomen-a-868996.html</span></div>
Seit September in Niedersachsen 0 Verstöße! Klingt ja voll realistisch... alle Landkreise | Veröffentlichung von Verstößen gegen die Lebensmittel- / Futtermittelsicherheit in Niedersachsen (http://www.verstoesse.lebensmittel-futtermittel-sicherheit.niedersachsen.de/startseite/lebensmittel/verstoesse_nach_regionen/alle_landkreise/) Tja, man könnte es ja wie in Dänemark machen, aber dort gibt halt auch keine FDP!
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