Verbraucherstudie: Bankberater schludern noch immer bei Risiko-Aufklärung

Bankkunden können sich nicht darauf verlassen, dass Anlageberater ihnen ein umfassendes Beratungsprotokoll aushändigen - das hat jetzt eine Untersuchung der Verbraucherzentralen ergeben. Dabei seien die Aufzeichnungen die einzige Möglichkeit, eine Falschberatung nachzuweisen.

Kundenberatung in einer Sparkasse: Protokollierung mangelhaft Zur Großansicht
DPA

Kundenberatung in einer Sparkasse: Protokollierung mangelhaft

Berlin - Eigentlich wollte die Bundesregierung dafür sorgen, dass Anleger nicht noch einmal so viel Geld verlieren, wie mit den Lehman-Zertifikaten nach der spektakulären Pleite der Bank im September 2008. Banken müssen seit 2010 ihren Kunden eine detaillierte schriftliche Zusammenfassung ihrer Beratungsgespräche aushändigen, um sie so vor falschen Anlageentscheidungen schützen.

Seit vergangenem Juli sind Kundenberater von Banken und Sparkassen zudem verpflichtet, den Sparern Informationsblätter zu den von ihnen empfohlenen Produkten auszuhändigen. Diese so genannten Beipackzettel sollen erkennbar machen, welche Kosten und Risiken mit einer Geldanlage verbunden sind - in vielen Fällen werden diese Blätter aber noch nicht vergeben.

Vor allem an die Protokollvorschriften hält sich dem Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) zufolge kaum ein Berater. In einem aufwendigen Verfahren haben die Verbraucherschützer Tester losgeschickt, die sich in 50 verschiedenen Bankfilialen beraten ließen. Die Testkunden erzählten in jedem Gespräch die gleiche Geschichte, damit alle Finanzberater ihre Anlageempfehlungen auf der gleichen Grundlage geben. Das Ergebnis der Beratungen ist der Studie zufolge ernüchternd: "Die Protokollierung der Anlageberatung in ihrer jetzigen Praxis ist nicht geeignet, den Ablauf und die Inhalte der Beratungsgespräche vollständig und richtig wiederzugeben."

Kein einziges Protokoll, schreiben die Verbraucherschützer, habe alle relevanten Informationen enthalten. Zudem hätten die getesteten Banken in rund 20 Prozent der Fälle Beratungsprotokolle trotz Nachfrage der Kunden nicht ausgehändigt.

Einige der wichtigsten Kritikpunkte in der Studie:

  • In 55 Prozent der Fälle wurden entweder die Einnahmen oder die Ausgaben falsch dokumentiert oder fehlten gänzlich.

  • Vermögen und Verbindlichkeiten wurden nur in einem Fall vollständig dokumentiert. In allen anderen Fällen fehlt die Dokumentation, ist unvollständig oder fehlerhaft.

  • Die Wertpapiere, die Gegenstand und Anlass der Beratung waren, tauchen in 90 Prozent der Fälle in der Dokumentation der Vermögensverhältnisse nicht auf. Sie wurden meist undifferenziert als Summe in das Beratungsprotokoll aufgenommen.

  • Kein einziges Institut hat die Risikobereitschaft gemäß der Angaben des Testkunden dokumentiert. In allen von den Kreditinstituten gewählten Formulierungen handelt es sich um willkürliche Begriffe zur Beschreibung der Risikobereitschaft, die keinen Aussagewert besitzen.

  • In 88 Prozent der untersuchten Fälle wird in den Protokollen zwar eine Begründung für die Anlageempfehlung aufgeführt - in 54 Prozent dieser Fälle handelt es sich dabei aber lediglich um Textbausteine ohne Bezug zur Anlageempfehlung.

  • Informationen über die Höhe der anfallenden Kosten der empfohlenen Produkte wurden in 71 Prozent der Fälle weder in Euro noch in Prozent im Protokoll angegeben.

Die Mängel seien deshalb so problematisch, schreiben die Verbraucherzentralen, weil die Protokolle für Bankkunden die einzige Möglichkeit seien, eine Falschberatung nachzuweisen. Banken wiederum hätten ein Interesse daran, die Beratungsprotokolle so zu gestalten, dass die Haftungsrisiken minimiert würden. Die Verbraucherschützer fordern die Bundesregierung und die Aufsichtsbehörde BaFin deshalb auf, die Protokollpflichten genauer zu fassen und besser zu kontrollieren.

nck

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Kein Wunder
vaikl 07.03.2012
Solange dieser Formularwahn 70% der Zeit eines Beratungsgesprächs einnimmt, die bankeninterne IT es nicht schafft, einen einheitlichen Workflow zum Ausfüllen am Bildschirm zu entwickeln und viele Berater demzufolge schon mit einfachem Copy/Paste von Textbausteinen in unterschiedlichste PDF-Vorlagen scheitern, wird sich an dieser Fehlerquote auch nichts ändern. Der Kunde schaltet spätestens beim dritten Ausfüllen seiner Adressdaten geistig ab und weiß selbst beim korrekten Gebrauch der Protokolle später nicht mehr, ob das alles in den anderthalb Stunden wirklich so gesagt und erklärt wurde.
2. Miese Produkte
PRhodan 07.03.2012
Viel schlimmer ist, dass Banken wie die Sparkassen oder die Postbank weiterhin ihre Schrottfonds verkaufen dürfen, ohne den Kunden darüber aufzuklären, wie ein unabhängiges Rating z. B das von "Morningstar" diese Fonds einstuft und ohne darauf hinzuweisen, dass die Topfonds eher von der Konkurrenz kommen. Das ist täglich praktizierte Vermögensvernichtung und m. E. viel schlimmer, als zu vergessen, den Kunden über die ohnehin nicht verhandelbaren laufenden Fondskosten (TER) zu informieren. Man gehe mal in eine Postbankfiliale: dort wird verkauft, was Herr Ackermann befiehlt und das von einem Personal, das alleinfalls den Wirtschaftsteil der BILD-Zeitung liest. Aber das alles interessiert unsere Produzentenschutzministerin nicht, vermutlich hat sie auch von Finanzprodukten keine Ahnung
3. Protokollpflicht vereinheitlichen
nebenjobber 07.03.2012
das wäre meines Erachtens der wichtigere Schritt, denn nicht jeder Anlgagenvermittler ist dazu auch verpflichtet. Es werden also präzisere Protokolle gefordert. An dieser Stelle verstehe ich den Verbraucherschutz mal wieder nicht. Denn, wie direkt danach im Artikel auch erwähnt, reduziert ein umso exakter (individueller ) verfasstes Protokoll das Haftunhsrisiko der Bank. Der Kunde von heute kann sich bei einer risikoreichen Anlage über ein Protokoll mit schwammingen, allgemeinen Formulierungen weit mehr freuen, als über eine "perfekte" Dokumentation. Aber sei´s drum
4. Inzwischen glaube ich garnicht mehr, ...
mborevi 07.03.2012
Zitat von sysopBankkunden können sich nicht darauf verlassen, dass Anlageberater ihnen ein umfassendes Beratungsprotokoll aushändigen - das hat jetzt eine Untersuchung der Verbraucherzentralen ergeben. Dabei seien die Aufzeichnungen die einzige Möglichkeit, eine Falschberatung nachzuweisen. Verbraucherstudie: Bankberater schludern noch immer bei Risiko-Aufklärung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,819873,00.html)
... dass die Bankberater "schludern". Ich glaube, sie sind schlicht überfordert. Ich habe in letzter Zeit öfter mal bei Banken "auf den Buschgeklopft", wie man so schön sagt. Resultat: Die blanke Unkenntnis über Finanzzusammenhänge. Offenbar werden sie auch systematisch indoktriniert und haben keine eigene Meinung.
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