Deutschlands Autofixierung Wer bremst, verliert

Deutschland ist so stark aufs Auto fokussiert wie keine andere große Volkswirtschaft der Welt. Nun droht aus diesem Vorteil ein Nachteil zu werden.

Neuwagen von Mercedes-Benz in Bremerhaven
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Neuwagen von Mercedes-Benz in Bremerhaven

Eine Kolumne von


Im Sommer 2009 kursierte in Berliner Regierungskreisen ein herber Spruch: Die Bundestagswahl müsse wohl vorgezogen werden, damit Opel endlich pleitegehen könne. Es war eine Zeit dramatischer Nachtsitzungen, an denen gelegentlich gleich mehrere Bundesminister teilnahmen. Irgendwie sollte der deutsche Autobauer, getroffen nicht nur von der Rezession, sondern auch vom Absturz seines damaligen Mutterkonzerns General Motors, am Leben erhalten werden. Wenigstens bis zum Wahltag im Herbst. Die Botschaft sollte eindeutig sein: Die Politik kümmert sich, wir lassen euch nicht allein.

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Heft 30/2017
Audi, BMW, Mercedes, Porsche, VW - Enthüllt: Die heimlichen Absprachen der Autokonzerne

Eine Sonderbehandlung - nicht nur für Opel, sondern für die Autoindustrie insgesamt. Kein anderer Industriezweig profitierte damals so stark von den milliardenschweren Konjunkturprogrammen; die "Abwrackprämie" machte es möglich. Keine andere Branche ist so wichtig für Deutschland, kaum eine erfährt soviel politische Fürsorge.

Über Jahre ist die Bundesrepublik gut mit ihrer Autofixierung gefahren. Nun droht aus diesem Vorteil ein Nachteil zu werden. Seit vor knapp zwei Jahren die Abgasmanipulationen bei VW-Dieselfahrzeugen ans Licht kamen, hat eine Reihe von Enthüllungen die Branche erschüttert. Als bislang schwerwiegendste könnte sich der Verdacht von Absprachen erweisen, den jetzt der SPIEGEL enthüllt hat.

Zuletzt hatte es Daimler getroffen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen des Verdachts überhöhten Stickoxidausstoßes. Mehr als drei Millionen Dieselautos will der Stuttgarter Kfz-Konzern nun zurückrufen, um sie nachzurüsten. Mittwoch veröffentlicht das zuletzt erfolgsverwöhnte Unternehmen Zahlen vom Geschäft im zweiten Quartal. Man darf gespannt sein.

Donnerstag wird Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bei Volkswagen in Wolfsburg erwartet. Kein reiner Showtermin, angesichts der immer größeren Menge an mutmaßlichen, nachgewiesenen und zugegebenen Verfehlungen, die auf dem gesamten Industriezweig lasten.

Es geht keineswegs um Kleinigkeiten. Die wichtigste Antriebstechnologie der wichtigsten Branche im Land ist in Verruf geraten. In deutschen Städten drohen Fahrverbote. Die EU-Kommission ist dabei, ihre Gangart zu verschärfen.

Die Kunden reagieren. Im ersten Halbjahr 2017 ist die Zahl der deutschen Diesel-Neuzulassungen um neun Prozent zurückgegangen, so das Kraftfahrtbundesamt. Dazu kommen weitere strukturelle Verschiebungen: E-Mobilität, Digitalisierung, neue Nutzergewohnheiten. Was am Ende vom (häufig dieselgetriebenen) margenstarken Luxusautogeschäft übrig bleibt, ist offen.

Das deutsche Auto ist systemrelevant

Es ist eine Krise in Zeitlupe, nicht nur für die Konzerne, ihre Mitarbeiter und Aktionäre, auch für die deutsche Wirtschaft insgesamt. Keine andere große Volkswirtschaft der Welt ist so stark aufs Auto fokussiert wie die deutsche. Der Anteil der Mitarbeiter in der Autoindustrie an der Gesamtbeschäftigung ist doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt. Autos machen rund ein Fünftel der deutschen Rekordexporte aus.

Und dies ist nur der direkte Beitrag der Branche - der indirekte ist noch weit höher. Das gesamte deutsche Technologiesystem ist extrem Kfz-lastig. Von den Aufwendungen der Wirtschaft für Forschung und Entwicklung (F&E) kommen mehr als ein Drittel von den Autobauern und ihren Zulieferern. Das war nicht immer so: 1991, als die Globalisierung Fahrt aufnahm, war der Autoanteil nur halb so hoch, zeigen Erhebungen des Stifterverbands.

Kürzlich hat das Münchner Ifo-Institut eine Studie vorlegt, die der Verband der Deutschen Automobilindustrie in Auftrag gegeben hat. Darin kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass rund 600.000 Jobs und 13 Prozent der industriellen Wertschöpfung in Deutschland am Verbrennungsmotor hängen. Wenig überraschend, warnt die Studie denn auch davor, Autos mit Verbrennungsmotoren ab 2030 mit einem Neuzulassungsverbot zu belegen, wie das die Grünen fordern.

Das deutsche Auto ist systemrelevant. Was anderswo die Banken waren, könnten hierzulande die PS-Konzerne werden - too big to fail. Sollten sie in existenzielle Schwierigkeiten geraten, dürfte ihnen der Staat zu Hilfe eilen, wie bereits das Gezerre um Opel 2009 angedeutet hat.

Kein Tempolimit, keine strengen Abgasregeln

Das wäre ein Problem. Deutschlands derzeitige Abhängigkeit von der Autoindustrie ist zum Teil Resultat traditioneller Stärken, zum Teil ist sie Folge bewusster politischer Entscheidungen - vom Verzicht auf ein Tempolimit über die Unterstützung für industrienahe Ausbildungswege bis zu Interventionen gegen allzu strenge europäische Abgasregeln.

Deutschland hält sich viel auf seine ordnungspolitische Tradition zugute. Diese Denkschule fordert, dass der Staat klare Regeln setzt und sie gleichmäßig anwendet. Er sollte sich aus unternehmerischen Entscheidungen heraushalten, gerade wenn Probleme auftauchen. Das sollte auch für die Autoindustrie gelten, zumal für Unternehmen, die sich durch ihr Verhalten selbst in Schwierigkeiten gebracht haben.

Kein Strukturwandel lässt sich auf Dauer vermeiden. Der Staat sollte den Wandel ermöglichen und, wo nötig, sozialpolitisch abfedern. Was nicht zu halten ist, sollte nicht erhalten werden - weil's teuer ist, für die Steuerzahler und für die Gesellschaft insgesamt, deren Produktivität und Entwicklungsmöglichkeiten leiden.

Insofern ist Wirtschaftspolitik ein bisschen wie das Rennsport-Business: Wer bremst, verliert.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Berichtssaison I - Quartalszahlen von Alphabet (Google) und Ryanair.

DIENSTAG

München - Deutscher Boom - Ifo-Geschäftsklimaindex: Neue Zahlen zur Stimmung in der deutschen Wirtschaft.

Berichtssaison II - Quartalszahlen von Michelin, General Motors, McDonald's, AT&T, AMD, Eli Lilly, 3M.

MITTWOCH

Stuttgart - Im Zeichen des Diesels - Daimler legt Quartalszahlen vor.

Washington - Warten auf Yellen - Die US-Notenbank Fed tagt und entscheidet über die weitere amerikanische Geldpolitik. Die nächste Zinserhöhung dürften diese Woche noch nicht auf der Agenda stehen.

Berichtssaison III - Quartalszahlen von Deutsche Börse, GlaxoSmithKline, Coca-Cola, Boeing, Ford, Facebook.

DONNERSTAG

Wolfsburg - Besuch der grünen Dame - Bundesumweltministerin Hendricks besucht im Rahmen ihrer Sommerreise die VW-Zentrale. Interessant, was sie im Lichte der neuen Enthüllungen zu sagen haben wird.

Berichtssaison IV - Quartalszahlen von Deutsche Bank, Amazon, BASF, Bayer, Airbus, Nestlé, Roche, Total, Danone, PSA Peugeot Citroën, L'Oreal, Shell, Intel.

FREITAG

Wiesbaden - Deutsche Inflation -Das Statistische Bundesamt veröffentlicht seine erste Schätzung zum Anstieg der Verbraucherpreise im Juli.

Berichtssaison V - Quartalszahlen von ExxonMobil, Barclays, Credit Suisse, UBS, Renault, Air Liquide, BNP Parias und Merck.

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insgesamt 404 Beiträge
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Mertrager 23.07.2017
1. Lieber tot als Schwung verlieren
... ist zwar eher der Spruch für Radfahrer, passt aber auf die Automobilindistrie jetzt gut.
Harald Schmitt 23.07.2017
2. Politik ist Schuld
Wenn ich den Schwachsinn mit dem Tempolimit höre, könnte ich kotzen! Wo kann man denn bei all den Baustellen und LKW Lawinen noch mal aufs Gas treten? DIe bekommen ja nicht mal mehr Strassen hin, die mindestens 10 Jahre halten. War letztens nicht wieder was auf einem gerade sanierten Stück auf der A2 wo Blasen nach der Hitze aufgetreten sidn angeblich zu viel Wasser beim bauen?! Die laschen Gesetze hat doch auch die Politik gemacht. Kann man nicht präzisieren was sie meinen anstatt später Gerichte über den Murks entscheiden zu lassen? Was bedeutet zum Schutz des Motors oder warum müssen Hersteller nicht offen legen wan sie was abschalten? Warum kontroliert die Politik nicht selber oder erteilt auf Grund ihrer Experten beim KBA die Zulassung? Wenn ich schreibe man darf keine Prüfstände erkennen und prüfe das dann nicht nach, ist das Versagen der Politik! Hinweise gabs seit Jahren genung und jetzt tun sie alle als wären sie Überrascht?! Die hatten die gleichen infos wie die Ammis und was ist passiert, 20 Millarden Strafe in den USA und hier eiert Dobrindt rum! In Frankreich passiert den französischen Herstellern auch nichts und bei Fiat gibt man sich zufrieden, wenn die erst nach 60 Minuten statt nach 20 die Abgasreinigung abschalten! Die schwachsinnigen Grenzen hat auch die Politik alleine geschaffen ohne jeglichen Plan! Entwicklungszyklen dauern länger als die paar Jahre und der Wirkungsgrad von Verbrennern ist nun mal beschränkt. Auch die VErbraucher, wer ein 2 Tonnen SUV mit 3 Litern VErbrauch erwartet sollte mal zum Arzt gehen! Auch kein Wunder wenn die bei CO2 Zielen moglen während die Kohlekraftwerke auf Hochtouren laufen.
W/Mutbürger 23.07.2017
3. Zitat
Kein Strukturwandel lässt sich auf Dauer vermeiden. Der Staat sollte den Wandel ermöglichen und, wo nötig, sozialpolitisch abfedern. Was nicht zu halten ist, sollte nicht erhalten werden - weil's teuer ist, für die Steuerzahler und für die Gesellschaft insgesamt, deren Produktivität und Entwicklungsmöglichkeiten leiden. Sagt mal SPON, alles ok bei euch? Das Auto ist keine Steinkohle die man halt mal so abschafft. Ihr treibt hier wirklich das Ende der Automobilproduktion in Deutschland voran, zumindestens ideologisch. Was soll das?
queisser 23.07.2017
4. Ernsthaft sein
Die bisherigen Anstrengungen der deutschen Automobilindustrie bezüglich Elektroautos waren eher ein Feigenblatt. Es soll bewiesen werden, dass Elektroautos nicht relevant sein können und nicht funktionieren. Ein Wirtschaftsminister Gabriel gibt zu bedenken, dass ein Elektroauto 1/3 weniger Teile benötigt als ein Benziner. Er sorgt sich um die Arbeitsplätze. Ich frage mich hingegen: wenn das so ist, warum sind die Wagen dann 1/3 teurer? Und nein, Entwicklungskosten packe ich nicht in die ersten 1000 Fahrzeuge wenn ich sie denn verkaufen will. Nach dem Skandal hoffe ich, dass endlich all diese Manager meiner Generation in den Ruhestand geschickt werden und neue Manager das Ruder herumreißen. Außerdem sollten die Zulieferer wie Bosch oder Conti, die hier die Geschädigten sind, endlich ihre Zurückhaltung aufgeben und eigene Elektrofahrzeuge entwickeln. Das können sie, weil sie sowieso alle relevanten Teile selber produzieren.
Spiegelleserin57 23.07.2017
5. Selbst daran schuld und ohne Bedauern!
Über viele Jahre hinweg hat der Staat die Bahn stark vernachlässigt und das hat nun Folgen! Die Wirtschaft hat den Weg zu stark beeinflusst. Die Politik hat ganz einfach die Zeit verschlafen und auch nicht an die Umwelt gedacht. Zu stark war wohl der Einfluss der Autolobby. Kaum ein anderes europäisches Land hat kein Tempolimit. In vielen Unfällen sehen wir die Folgen. Die kommende Massenarbeitslosigkeit lässt sich schon bedingt durch Industrie 4.0 nicht aufhalten, auch durch die Globalisierung. Das war seit vielen Jahren auch den Politikern hinreichend bekannt. Es stellt sich immer wieder die Frage weshalb sie wissendlich so entschieden haben. Es gibt zu der Antwort viele Ideen. Allerdings dürfte auch klar sein dass hier der Bürger wohl getäuscht wurde. Schnittige Autos täuschen über den echten Bedarf hinweg und nun zahlt eben der selbe Bürger die Zeche. Der Gewinner ist wie so oft die Wirtschaft.
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