Drohende Verjährung Wie VW-Kunden doch noch zu ihrem Recht kommen

Am Neujahrsmorgen ist nicht alles vorbei - auch wenn VW das gerne so hätte und auf die Verjährung von Kundenforderungen aus dem Abgasskandal pocht. Worauf betroffene VW-Fahrer jetzt achten sollten.

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Eine Kolumne von


Ab 1. Januar 2018 möchte VW möglichst alle Kundenforderungen aus dem Dieselskandal verjähren lassen. Knapp zweieinhalb Jahre nach Beginn der Affäre sollen Verbraucher sich nicht mehr darauf berufen können, dass ihr VW nicht in Ordnung ist und sie deshalb eine Nachbesserung verlangen. Ohnehin sollen sich Kunden in Deutschland nach Meinung der VW-Granden nicht betrogen und belogen fühlen. Die Autos fahren doch, was will man mehr! VW hofft, so weiteren Klagen und Zahlungsverpflichtungen zu entgehen.

Diese Strategie ist genauso verständlich wie unmöglich. Der Konzern hat die Zugbrücken hochgezogen. 6,8 Millionen Autos mit EA-189-Motoren hat VW in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben nachgerüstet, darunter mit rund zwei Millionen fast alle betroffenen Wagen in Deutschland. Jetzt sollen die Organisation und ihre Führung keinen weiteren Schaden nehmen.

Manager aus der zweiten Reihe wie Oliver Schmidt mögen in Detroit in Fußfesseln und Handschellen vor Gericht gestellt und verurteilt werden, die VW-Vorstände behelligt das ja nicht weiter. Sie verzichten nur vorsichtshalber auf Auslandsreisen.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Besonders augenfällig wird die Strategie des Konzerns noch einmal mit dem Interview des Konzernchefs Matthias Müller, der für die Abschaffung der Dieselsubvention plädiert - und die Gelder in Richtung E-Autos umlenken möchte. Während Müller hierzulande gerne noch mehr von unserem Steuergeld als Subvention für E-Autos hätte, muss der VW-Konzern in den USA mit zwei Milliarden Dollar Strafzahlungen selbst den E-Auto-Markt anschieben. Das Programm "Electrify America" sieht nach VW-Angaben vor "in die Infrastruktur für emissionsarme Fahrzeuge zu investieren und das öffentliche Bewusstsein für Elektrofahrzeuge zu fördern".

Zurück zum deutschen Kunden. Hierzulande gibt es nach Angaben von VW keine Zahlen zur Rücknahme von Fahrzeugen. Beanstandungen gebe es nur im Promillebereich, so VW. Finanztip liegen allerdings Hinweise auf mindestens 25.000 Kunden vor, die rechtlich gegen VW vorgehen. 9.000 Klagen räumt der VW-Konzern selbst ein. Viele Kunden wollen sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen. Und das müssen sie auch nicht.

  • Wenn nach der Nachrüstung des VW, des Audi, Porsche, Seat oder Skoda noch immer Probleme am Wagen auftreten, haben Kunden weitere Ansprüche gegen Volkswagen - die Verjährungsstrategie nützt dem Konzern an der Stelle nichts.
  • Kunden können sogar noch einen Schritt weiter gehen. Das Landgericht Hildesheim hat schon Anfang 2017 die Volkswagen AG zu Schadensersatz verurteilt und spricht von vorsätzlicher Verbraucherschädigung (Az. 3 O 139/16). Solche Delikte verjähren erst zum 31. Dezember 2018.
  • Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, bei finanzierten Verträgen den Autokauf über einen Widerruf des Kreditvertrags rückgängig zu machen. Anschließend lässt sich dann auch der Kaufvertrag rückabwickeln. Zahlreiche Autokreditverträge sind fehlerhaft und eröffnen den Kunden diese Chance.

Die Prozesse gegen VW können sich wie oft bei Rechtsstreitigkeiten mit Konzernen durch mehrere Instanzen ziehen - und wegen der immer drohenden Gutachterschlacht können sie richtig teuer werden. Vor zahlreichen Landgerichten haben VW-Kunden allerdings schon gewonnen, so etwa in Oldenburg, Lüneburg, Braunschweig, Bayreuth, Hagen, München, Wuppertal und Heilbronn. In Braunschweig, Bayreuth und Wuppertal sind die Urteile nach Angaben der Anwälte der VW-Käufer auch rechtskräftig. VW hingegen spricht von 1200 allesamt nicht rechtskräftigen Urteilen - überwiegend zugunsten des Konzerns.

Wenn Sie eine Rechtsschutzversicherung haben, sollten Sie als Kunde dieses Hin und Her nicht schrecken. Auch ohne Rechtsschutzversicherung können Sie das Kostenrisiko einfangen, müssen aber möglichweise auf einen Teil des vor Gericht erstrittenen Geldes verzichten. Die Anwaltskooperation VW-verhandlung.de und der Rechtsdienstleister Myright übernehmen das Prozessrisiko für Sie. Myright hat eine Klage für 15.000 Betroffene vor dem Landgericht Braunschweig eingereicht. VW-verhandlung.de vertritt mehr als 10.000 Geschädigte und hat bislang mehrere hundert Klagen gegen VW auf den Weg gebracht. Rechtskräftige Urteile gibt es bei beiden Konzepten noch nicht. Wenn die Firmen aber am Ende gegen Volkswagen gewinnen, behalten sie einen Teil der erstrittenen Summe. Ein Kostenrisiko haben die Kunden in keinem Fall.

Wie VW Kunden und Behörden getäuscht hat, ist gerade in der vergangenen Woche noch einmal deutlich geworden, als das Kraftfahrt-Bundesamt den Rückruf von 57.600 VW-Touareg anordnete - wegen gleich zwei illegaler Abschalteinrichtungen. Das Motorenmodell ist das gleiche wie beim Porsche Cayenne, der vor einigen Monaten mit dem gleichen Vorwurf vom Amt zurückgerufen wurde. Auch Audi musste deswegen schon Autos zurückrufen.

Im Konzernmanagement bei VW ist offenbar niemand auf den Gedanken gekommen, selbstständig den Rückruf der Touaregs zu betreiben.



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Ein_denkender_Querulant 16.12.2017
1. Darum geht es wirklich ...
Danke für diesen guten Artikel. Er beschreibt deutlich, worum es geht. Um Abgase, Feinstaub, Lärm, Klimawandel geht es Autofahrern nicht, ansonsten würden sie Alternativen suchen. Es geht nur und ausschließlich ums Geld. VW hat es verdient, sie betrogen und beschissen, und trotzdem werden smogbelastete Kommunen Fahrverbote verhängen. Warum auch nicht? Selbst unter Einhaltung der minimlaen gesetzlichen Vorgaben ist die Belastung durch den Autoverkehr an windstillen Tagen unter 0°C enorm. Motorradfahrer kennen das schon lange. Da werden Strecken und Stadtteile einfach pauschal für alle gesperrt. Das scheint in diesem Land juristisch in Ordnung zu sein, jede Klage dagegen verläuft seit Jahrzehnten im Sande. Es spricht also überhaupt gar nichts dagegen, pauschal alle Dieselfahrzeuge an bestimmten Tagen in bestimmten Gebieten eine Fahrt zu untersagen. Und genau das wird kommen. Ob VW nun seine Fahrzeuge nachrüstet, oder nicht, ist völlig egal. Da geht es nur um Geld für die Besitzer. Die Autokäufer hätten sich seit zwanzig Jahren anders verhalten sollen, jetzt werden sie die Zeche zahlen. Raucher haben inzwischen auch verstanden, dass es kein Recht gibt, andere nach Belieben zu gefährden.
svizzero 16.12.2017
2. Da gibt es nur eins....
Wenn sich ein Autokonzern so schändlich verhält, alles versucht zu vertuschen, eigene Leute im Knast schmoren lässt, die Kunden für blöd verkauft, dann gibt es nur eins: NIE MEHR EIN AUTO AUS DEM VW-KONZERN. Denn die Oberen werden nur nervös, wenn die Zahlen nicht mehr stimmen. Sonst sind es ungehobelte Ignoranten, die erst noch ein Riesensalär für ihr unmoralisches Tun erhalten. In Japan entschuldigte sich der oberste Boss von Toyota mit einer tiefen Verneigung wenn Kunden zu Schaden kommen könnten. Hier ist es der Führungsriege egal, wenn Leute ihr sauer verdientes Geld in den Kamin schreiben müssen.
maristein 16.12.2017
3. Nieten in Nadelstreifen
Der VW-Konzern hat jeglichen Anstand verloren. Erst werden die Kunden mit falschen Versprechen zur Qualität der (Diesel-)Fahrzeuge übers Ohr gehauen und jetzt will man sich dummdreist weiterhin aus dem Subventionstopf vollstopfen. Hätten wir doch hier nur so ein Haftungsrecht wie in den USA. Dann wären einige der hohen Herren bestimmt nicht mehr so dreist und gut gelaunt ud würden eher in der Schweiz untertauchen. Schämen sollten sich der VW-Konzern und sich zumindest öffentlich für seine bewußt falschen Angaben entschuldigen, aber ..... ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert (leider).
hadmasufa 16.12.2017
4.
Die Legislative und Judikative halten ihre schützende Hand über den betrügerischen VW Konzern. Ein Placebo, genannt Software Update mus reichen für den Verbraucher. Die Gesetze sagt man uns sind halt so. Hoffentlich gibt es unter den Richtern welche die " Eier" in der Hose haben und endlich mal Verbrauchern nützende Urteile fällen.
invisibleman 16.12.2017
5. Ein denkender(!) Querulant.
Zitat von Ein_denkender_QuerulantDanke für diesen guten Artikel. Er beschreibt deutlich, worum es geht. Um Abgase, Feinstaub, Lärm, Klimawandel geht es Autofahrern nicht, ansonsten würden sie Alternativen suchen. Es geht nur und ausschließlich ums Geld. VW hat es verdient, sie betrogen und beschissen, und trotzdem werden smogbelastete Kommunen Fahrverbote verhängen. Warum auch nicht? Selbst unter Einhaltung der minimlaen gesetzlichen Vorgaben ist die Belastung durch den Autoverkehr an windstillen Tagen unter 0°C enorm. Motorradfahrer kennen das schon lange. Da werden Strecken und Stadtteile einfach pauschal für alle gesperrt. Das scheint in diesem Land juristisch in Ordnung zu sein, jede Klage dagegen verläuft seit Jahrzehnten im Sande. Es spricht also überhaupt gar nichts dagegen, pauschal alle Dieselfahrzeuge an bestimmten Tagen in bestimmten Gebieten eine Fahrt zu untersagen. Und genau das wird kommen. Ob VW nun seine Fahrzeuge nachrüstet, oder nicht, ist völlig egal. Da geht es nur um Geld für die Besitzer. Die Autokäufer hätten sich seit zwanzig Jahren anders verhalten sollen, jetzt werden sie die Zeche zahlen. Raucher haben inzwischen auch verstanden, dass es kein Recht gibt, andere nach Belieben zu gefährden.
Wie hätten sie sich denn seit 1997 verhalten sollen? Was ist denn Gefährdung anderer? Bis vor kurzem galt Diesel durch den serienmäßigen Partikelfilter und den geringeren Verbrauch, sprich CO2 günstig, als besonders umweltfreundlich. Jetrzt wird die NOx-Sau durch's Dorf getrieben. Morgen wird reklamiert, dass auch Sauerstoff verbrannt wird. Diese Dieselhysterie ist so etwas von lächerlich, dass sie kein Mensch ernstnehmen sollte.
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