Anlegemanöver: Nie mehr arbeiten? Das wird teuer!

Von Christian Kirchner

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Nie mehr arbeiten: Wie viel Geld bräuchte man, um mit 30 in Rente zu gehen?

Der US-Blogger "Mr. Money Mustache" ist mit 30 in Rente gegangen - und lebt von umgerechnet rund 20.000 Euro im Jahr. Wie viel muss man eigentlich mitbringen, um es ihm nachzutun?

Vorab ein Geständnis: Ich spiele Lotto. Zwei Kästchen. Jeden Samstag. Was nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit natürlich Irrsinn ist. Aber wenn schon die Statistik hinter jeder Hecke eine unangenehme Überraschung für mich bereithält - jeder dritte Deutsche erkrankt an Krebs, jeder dreihundertste wird innerhalb eines Jahres Einbruchsopfer - dann will ich doch dem Zufall bei den schönen Dingen die Tür wenigstens einen kleinen Spalt öffnen. Und vielleicht nie wieder arbeiten und mich in Kommentaren bei SPIEGEL ONLINE beschimpfen lassen müssen!

Nie mehr arbeiten. Wer will das nicht? Ein US-Blogger macht jedenfalls derzeit mediale Karriere, weil er mit 30 in Rente gegangen ist: "Mr. Money Mustache" lebt dank Sparsamkeit und guten Anlagen mit seiner Familie in seinem bezahlten Eigenheim und von 25.000 Dollar (knapp 20.000 Euro) jährlichen Mieteinnahmen. Und ist damit glücklich.

Was die Frage aufwirft: Wie viel Geld bräuchte man denn, um mit - sagen wir realistischer - 40 Jahren lebenslang einen jährlichen Zahlungsstrom von 20.000 Euro pro Jahr zu generieren wie Mr. Money Mustache? Damit ließe sich bescheiden auch in Deutschland leben (und falls Sie 100.000 brauchen, multiplizieren Sie die folgenden Summen entsprechend mit fünf).

Dreh- und Angelpunkt einer solchen Überlegung ist stets der risikofreie Zins: Im Schnitt magere 1,7 Prozent Rendite pro Jahr streicht ein, wer sein Geld in langlaufende deutsche Staatsanleihen steckt. Die rekordtiefen Zinsen sorgen dafür, dass zum einen erheblich mehr aufgewendet werden muss als noch vor gut zehn Jahren - und sie erfassen auch andere Anlageformen. Die Summen ähneln sich nämlich verdächtig.

Mit Bundesanleihen 39 Jahre lang jährlich 20.000 Euro generieren

Unterstellen wir modellhaft (und mit dem Wissen, dass sich Steuern, Abgaben und Zinsen natürlich auch dramatisch ändern können), dass ein 40 Jahre alter Mann, nennen wir ihn Herr Geldbart, eine durchschnittliche Lebenserwartung hat. Das sind mit 40 aus heutiger Sicht 79 Jahre. Lassen wir aus Gründen der Vereinfachung Zahlungen für und Leistungen aus Sozialversicherungen außen vor.

Das erlaubt, den Betrag zu ermitteln, den man braucht, um mit Bundesanleihen 39 Jahre lang jährlich 20.000 Euro zu generieren: Es sind 620.000 Euro - nach Steuern, aber ohne Berücksichtigung der Inflation. Unterstellen wir für die Teuerung zwei Prozent und ziehen in Betracht, dass Herr Geldbarts zinsenfinanzierte Rente so bis ins Alter mehr als die Hälfte an Kaufkraft verliert, muss er 900.000 Euro anlegen, um sich Jahr für Jahr zwei Prozent mehr zu gönnen. Das ist rund die Hälfte mehr als noch vor zehn Jahren vonnöten gewesen wäre.

Nun will Herr Geldbart womöglich nicht auf sein statistisch pünktliches Ableben pokern, sondern eine lebenslange Garantierente einstreichen. Tastet er sein Kapital nie an und will rein von Zinsen nach Abgeltungsteuer leben, braucht er bereits 1,6 Millionen Euro.

Naheliegender ist dann aber, mit einem Versicherer ins Geschäft zu kommen - mit sogenannten Sofortrentenversicherungen gegen eine Einmalzahlung. Doch auch die Assekuranz ächzt unter niedrigen Zinsen und garantiert nur noch 1,75 Prozent pro Jahr - vor Kosten. Um 20.000 Euro pro Jahr Garantierente einzustreichen, muss Herr Geldbart derzeit rund 750.000 Euro auf den Tisch legen (vor gut zehn Jahren war es halb so viel). Dafür stellen die Versicherer auch unverbindlich in Aussicht, etwas mehr als 20.000 Euro zu erwirtschaften - und verbindlich, lebenslang zu zahlen, selbst wenn Herr Geldbart so alt wird wie Jopi Heesters (und falls es die Versicherung dann noch gibt).

40 Jahre Geduld? Da sind Aktien eine veritable Alternative

Natürlich kann es Herr Geldbart auch machen wie Mr. Money Mustache und sein Einkommen aus Mieteinnahmen bestreiten. Damit steigen natürlich die Risiken, und es kommen unbekannte Variablen hinzu: Solvenz, Leerstand, Renovierung. Zieht man aber modellhaft die von der Bundesbank ermittelten aktuellen Großstadt-Mietrenditen von 4,1 Prozent für Bestandsimmobilien und 3,4 Prozent für Neubauten heran, subtrahiert ein halbes Prozent Instandhaltungskosten vom Kaufpreis pro Jahr für Neubauten und ein Prozent für Bestandimmobilien, so muss sich Herr Geldbart sich mit gut 650.000 Euro auf die Suche nach geeigneten Immobilien machen, um 20.000 Euro jährlich einzustreichen.

Gelegentliche Leser dieser Rubrik kennen meine Affinität zu Aktien - und mit 40 Jahren Geduld ist ein Auszahlplan aus Aktienvermögen auch eine veritable Alternative, falls Herr Geldbart über ordentliche Nerven verfügt. Gehen wir enorm pessimistisch davon aus, dass Herr Geldbart ein katastrophales Timing beweist und es unmittelbar nach seiner Einmalanlage in einen DAX-Indexfonds (aus dem er sich jährlich 20.000 Euro entnimmt) zu einem Crash kommt und sich die Kurse glatt halbieren.

Anschließend laufen die DAX-Aktien bis zu Herrn Geldbarts statistisch wahrscheinlichen Ableben mit 79 so schlecht wie im schlechtesten Vierzig-Jahres-Zeitraum seit Ende des 2. Weltkriegs - da brachten sie 6,4 Prozent pro Jahr. Dann benötigt Herr Geldbart trotz seiner Tollpatschigkeit selbst nach Steuern auch nur anfänglich 730.000 Euro, um im Jahr bei vollständigem Kapitalverzehr 20.000 Euro entnehmen zu können.

Keine schlechte Sache, wie ich angesichts der pessimistischen Annahmen finde. Und lässt man die Crash-Annahme weg, billigt Aktien dauerhaft nur drei Prozent reale Rendite zu (weniger als halb so viel wie in den letzten Jahrzehnten üblich) und will bei vollem Kapitalverzehr auch die Entnahme um zwei Prozent pro Jahr als Inflationsausgleich dynamisieren, genügen bereits rund 580.000 Euro Einmalanlage in einen DAX-Indexfonds für lebenslang 20.000 Euro pro Jahr.

Was im Übrigen auch ziemlich genau die Summe ist, die man im Schnitt derzeit für sechs Richtige einstreicht - und zwar sogar ohne Superzahl. Beim nächsten Mal bin ich wieder am Start!

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insgesamt 152 Beiträge
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1.
yovanka 08.06.2013
Zitat von sysopKeine schlechte Sache... Vorruhestand: Wie viel Geld bräuchte man, um mit 30 in Rente zu gehen? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/vorruhestand-wie-viel-geld-braeuchte-man-um-mit-30-in-rente-zu-gehen-a-904138.html)
Herr Kirchner, wenn ich Ihren Artikel richtig verstanden habe, möchten Sie unbedingt den Kleinschi** der "Kleinanleger" in die Kanäle des Finanz-Casinos umleiten, um die "Parket-Rallye" der letzten Wochen noch ein wenig am Leben zu erhalten und die "Marktteilnehmer" weitrehin vom 10 000-er Stand träumen zu lassen. Aber wozu dann diese ganze Verpackung in eine "Story"?
2. .
TS_Alien 08.06.2013
Milchmädchenrechnungen sind das, so ähnlich wie der Jesuspfennig. Wenn Aktien wirklich in Zukunft noch eine ordentliche Rendite liefern würden, wären die Haushaltsausgaben höher (irgendjemand muss ja die Dividenden bezahlen) oder eine deutlichere Inflation wäre im Gange. Man sieht doch bereits heute, wie angeblich sichere Anlagen (Kapitallebensversicherungen) kaum noch etwas abwerfen. Das, was für viele Geldanlagen renditemäßig früher gegolten hat, gilt heute nicht mehr. Und damit ist der "Traum" vom arbeitsfreien Leben wesentlich teurer als angegeben bzw. gar nicht wirklich nach unten abschätzbar. Man sollte wirtschaftlich nicht für Jahrzehnte in die Zukunft planen, wenn die Experten noch nicht einmal für ein Jahr Prognosen wagen.
3. Das geht auch besser !
iffel1 08.06.2013
Eine Eigentumswohnung in Berlin kostet beispielsweise 30.000€, von einer Miete von 310€ warm bleiben nach Wohngeld und Grundsteuern rd. 120€ übrig - mickrig ! Ein kleines Gewerbegrundstück in Berlin kostet 170.000€, die Pacht (nach Kosten) bringt 1.380€ mtl. (15.800€ p.a.) - also deutlich besser und das sind Ist-Zahlen, also tatsächliche Zahlen aus meiner Steuererklärung. Dazu kommen Wohnungen in Bayern und schon kann man tatsächlich mit 48 in den Ruhestand treten. Ach übrigens, als ich zur Schule ging, haben meine Eltern Sozialhilfe bezogen und meine Mutter ist zusätzlich putzen gegangen. Also nix da mit Jammern, anpacken und los !
4. Eine nette Rechnung - Passt halbwegs
FPM 08.06.2013
Ich bin selber Banker und habe mich recht viel Zeit in meinem Studium mit Finanzmathematik beschäftigt und derartige Spielchen selbst rauf- und runtergerechnet. 20.000 Euro p.a. ist natürlich schon "sehr sparsam" - aber machbar. Alles in allem kommt die Höhe halbwegs hin. Nach Beachtung von Inflation und Steuern sollte man heute 1,5 Millionen Euro auf der hohen Kante haben. Wer dann Anfang 30 ist, kann das Kapital relativ gut in Aktien niedriger Volatilität (z.B. deutsche Blue-Chips), Unternehmensanleihen und Staatsanleihen investieren und davon ausgehen, dass er recht guten bis zum Ende seines Lebens davon leben kann. Bleibt nur ein Problem: Die 1,5 Mio. muss man erstmal zusammen bekommen. Damit wären wir wohl wieder beim Lottoschein.
5. Reicht nicht
wennderbenzbremst... 08.06.2013
Ich würde prophezeien, dass man für Eventualitäten noch das ein oder andere Polster im Hintergrund haben sollte. Unter 2 Mio € im Hintergrund würd ich den Versuch gar nicht starten, von den Zinsen zu Leben. Alleine die Krankenversicherung (privat) frisst im Alter schon mal gerne 1000€/ Monat weg. Bleiben dann noch knapp 700€ zum Leben... Und die Inflation wird demnächst noch stark anziehen. Da ist dann nox mehr mit 2% Inflation im Jahr, ich Rechne eher so im Bereich 4-6%
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Zum Autor
  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.