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Null Bock auf Geldanlage: So ticken Deutschlands Vorsorge-Verweigerer

Von Christian Kirchner

In Deutschland wächst eine Generation von Investment-Abstinenzlern heran. Totalverweigerer, Abhefter oder Menschen mit einem Rentendingens - eine Typenkunde der Nichtstuer bei der Geldanlage.

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Generation Totalverweigerer: Zum Teufel mit der Vorsorge

Gleich vorweg: Ich mache mir keine Illusionen, was diese Rubrik betrifft. Denn nehme ich meinen Bekanntenkreis als - zugegeben nicht repräsentativen - Querschnitt, dann ist kaum jemand daran interessiert, etwas Neues über Geldanlage zu erfahren.

In diesem Land wächst eine Generation von Totalverweigerern in Sachen Geldanlage heran. Sechs von zehn Menschen in ihren Dreißigern haben sich dem Allensbach-Institut zufolge noch nie Gedanken über ihre finanzielle Lage im Alter gemacht. Und bei den 16- bis 29-Jährigen hat sich die Zahl der Verweigerer laut Postbank seit 2006 mehr als verdoppelt.

Obwohl das Bewusstsein für den demografischen Wandel steigt, verringern sich paradoxerweise die Vorsorgeanstrengungen. Immobilienmärkte brummen, ja. Ansonsten stagnieren oder schrumpfen die Absatzzahlen von Fonds, Versicherungen, Riester-Renten und der Wertpapierbesitz.

Das kann man sozial interpretieren - manchen fehlen schlicht die Mittel zur Vorsorge. Oder volkswirtschaftlich - die starke Beschäftigungslage schürt Optimismus und verstärkt die Neigung zum Aufschieben. Oder historisch - die Finanzkrise hat das Vertrauen in Märkte und die Finanzbranche auf Jahre beschädigt.

Es geht aber auch unwissenschaftlich. Eine kleine Typenkunde der Totalverweigerer der "Generation Mitte":

  • Das Nervenbündel

Hat mit Hilfe von Beratern oder einem guten Freund einst mal einen einigermaßen strukturierten Plan gefasst. Sein Problem: Sobald es frühe Zeichen der Unruhe an den Märkten in die "Tagesschau" schaffen oder ein kritischer Bericht über seinen Lebensversicherer erscheint, googelt er zunächst tagelang schweißgebadet herum und wirft dann alles über den Haufen. Verkauft. Legt still. Kündigt. Und fängt nie wieder an. Ist eigentlich kein geborener Totalverweigerer, wird aber von seinem dünnen Nervenkostüm zu einem gemacht.

Typischer Satz: "Ich suche gerade eine Parzelle, um mich im Fall der Fälle immer noch ernähren zu können."

  • Der Chefkritiker

Hat noch nie etwas in Sachen Geldanlage gemacht, außer Ersparnisse zu Zinsen unterhalb der Inflation langsam verschimmeln zu lassen. Verpasst aber keine Sendeminute, wenn Banken, Versicherer und ihre Berater bei ARD und ZDF mal wieder Saures bekommen - also quasi jeden Abend. Dann fühlt er sich gleich besser, die Finger von allem zu lassen. Letzte Restzweifel hält er in Schach, indem er sein medial erworbenes Halbwissen über Abzocke bei jeder Gelegenheit im Freundeskreis anbringt.

Typischer Satz: "Hast du gestern 'Hart aber fair' gesehen?"

  • Der Abhefter

Ist eigentlich gar kein Totalverweigerer. Er hat da was. Nur was? So ein "Rentendingens". Millionen Menschen in diesem Land haben ein "Rentendingens" abgeschlossen. Gelegentlich auch ein "gefördertes Rentendingens". Vor vielen Jahren, als man das schlechte Gewissen endlich besiegen wollte und eilig etwas unterschrieben hat. Jetzt reduziert sich die Beschäftigung mit Geldanlage auf jene Minute im Jahr, die der Abhefter braucht, um die ihm unverständliche Standmitteilung des Rentendingens zu lochen und ungelesen abzuheften.

Typischer Satz: "Ich sollte mein Rentendingens mal jemandem zeigen, der sich mit sowas auskennt."

Typischer Satz, nachdem sich jemand das Rentendingens angesehen hat, der sich mit sowas auskennt: "Dass bei solchen fondsgebundenen Versicherungen nach zehn Jahren 30 Prozent Minus aufgelaufen sind, ist das denn normal? Der Dax ist doch auf Allzeithoch!"

  • Die Tranfunzel

Reden wir nicht über Wertpapiere und Förderungen. Die Tranfunzel scheitert an weit trivialeren Dingen: Geld von einem unverzinsten Girokonto auf ein Tagesgeldkonto umzuschichten oder den teuren Kredit bei Bank A mit dem unverzinsten Guthaben bei Bank B zu tilgen. Da müsste man ja zum Hörer greifen. Oder online etwas ausfüllen. Das brächte zwar Hunderte Euro im Jahr, interessiert die Tranfunzel aber nicht. Sie bekommt den Hintern nie hoch.

Typischer Satz: "Ich bin ein großer Profiteur der Niedrigzinsen. Jetzt entgeht mir viel weniger als früher."

  • Der Daniel Düsentrieb

Sein Vorsorgeverhalten ist erratisch: Jahrelang tut er nichts, dann versucht er sich am großen Wurf. Er ist, obwohl gebildet, höchst anfällig für Unsinn, solange er nur clever klingt. Siemens-Aktien Chart zeigen kämen für ihn nicht in Frage. Wohl aber Genussrechte von Anbietern hyperbolischer Trichter, mit deren Hilfe im Wirbelwindverfahren Wasser in Sprit gepustet und so der Verbrauch geviertelt und Abgase unschädlich gemacht werden. Auch Betreiber von Edelholzplantagen in Lateinamerika, schamanische Windradanpuster oder Goldschürfer in Kanada üben einen Reiz auf ihn aus, wenn mindestens eine Kapitalvervielfachung lockt. So versenkt Daniel Düsentrieb alle paar Jahre sein sauer verdientes Geld, ehe er wieder lange Zeit nichts tut. Bis ihn die nächste Idee euphorisiert.

Typischer Satz: "Es reicht ja, wenn ich einmal das neue Google finde, dann habe ich alles mehrfach wieder raus."

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insgesamt 535 Beiträge
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1. optional
DrGrey 02.03.2014
Papiere bringen fast nichts, wird eh fast alles wegbesteuert. Besser Sachwerte
2.
retrograd 02.03.2014
Zitat von sysopDPAIn Deutschland wächst eine Generation von Investment-Abstinenzlern heran. Totalverweigerer, Abhefter oder Menschen mit einem Rentendingens - eine Typenkunde der Nichtstuer bei der Geldanlage. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/vorsorge-und-geldanlage-anleger-verschwenden-geld-a-953572.html
Erschreckend, sollte doch heute eigentlich jeder wissen, wie wichtig die eigene Vorsorge fürs Alter ist. Doch scheint es, dass Konsum einfach wichtiger ist. Mit der Rente kommt dann das böse Erwachen.
3. Anlage ?
fatrick 02.03.2014
Wer legt verpflichtet auf 25 Jahre einen Gesamtbetrag von 30000 Euro oder 100 Euro monatlich an um nach 25 Jahren 40000 Euro zu bekommen ? Wenn ich das Geld geschäftlich anlege und etwas Arbeit investiere mache ich die 10 Mille in 3 Monaten wenns gut läuft- soll ich das für die Bank oder für wen machen bitte sehr ?
4. Mutti sei dank
rodelaax 02.03.2014
Die ständig steigende Armut führt halt zu solchen Zuständen. Wer nichts hat, kann auch nicht Vorsorgen und sich der Riesterabzocke hingeben.
5. Was will der Autor sagen?
tutnet 02.03.2014
Vereinfacht ausgedrückt: Wer nichts tut verliert nichts. Anlage lohnt nicht, Abzocke überall!
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Zum Autor
  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.

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