Vorwurf der Kursmanipulation: Anlegerschützer bangen um ihren guten Ruf

Von , Frankfurt am Main

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger hat ein Imageproblem. In einem der größten deutschen Skandale um mögliche Marktmanipulation ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen aktive Führungskräfte der Organisation. Der Anwalt eines Beschuldigten weist Vorwürfe zurück, doch Fragen bleiben offen.

Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger in München: Fachleute fürchten um das Image Zur Großansicht
dpa

Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger in München: Fachleute fürchten um das Image

Für Peinlichkeiten ist eigentlich keine Zeit. Schließlich hat die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) auch so genug zu tun: So hat der Verein etwa gerade Klage gegen die Commerzbanktochter Eurohypo eingereicht - wie immer als Anwältin kleiner Aktionäre. Doch ausgerechnet jetzt kocht eine unangenehme Affäre hoch: Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei ehemalige und zwei amtierende hochrangige Mitglieder der SdK, zu ihnen gehört Vorstandschef Klaus Schneider. Es geht um mögliche Kursmanipulation und Insiderhandel.

Warum Schneider, hauptberuflich Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, ins Visier der Ermittler geraten ist, darüber hüllt sich der Verein in Schweigen. Dabei hat er sich laut Satzung gerade die Aufklärung von Anlegern zum Ziel gesetzt. Sprecher Lars Labryga sagt aber, die Untersuchungen gegen Schneider seien nicht neu. Ähnlich kurz fasst sich Schneiders Anwalt in der "Süddeutschen Zeitung": "Die Vorwürfe beruhen auf einer faktisch und rechtlich fragwürdigen Anzeige. Aus unserer Sicht haben sich die Verdachtsmomente gegen Herrn Schneider trotz zweijähriger Ermittlungen weitgehend erledigt." Für Nachfragen von SPIEGEL ONLINE war der Jurist nicht erreichbar.

Imagepflege mit neuen Richtlinien

Dabei gäbe es viel zu sagen. Immerhin handelt es ich um einen der größten deutschen Fälle von vermutetem Insiderhandel und Kursmanipulation. Vergangene Woche führten mehr als 160 Beamte Razzien in Büros und Privatwohnungen in verschiedenen deutschen Städten sowie im österreichischen Kitzbühel durch, 31 Beschuldigte gibt es. Ein kriminelles Netzwerk aus Unternehmern, Aktienhändlern und Finanzjournalisten bei Börsengeschäften werde vermutet, schreibt die "Financial Times Deutschland". Die Mitglieder sollen bei Aktiengesellschaften wie dem Bezahldienstleister Wirecard Chart zeigen, dem Motorenhersteller Thielert Chart zeigen und dem Solarunternehmen Conergy Chart zeigen Kurse manipuliert und damit kräftig Geld verdient haben.

Laut "Süddeutscher Zeitung" sollen allein zwei der Beschuldigten mit Spekulationen gegen Wirecard knapp sechs Millionen Euro Gewinn erzielt haben. Das berichtet die Zeitung unter Berufung auf namentlich nicht genannte Ermittler.

Drei Menschen sitzen bereits in Untersuchungshaft - der Verfasser eines Börsenbriefes sowie Ex-SdK-Vizechef Straub und ein 2002 ausgeschiedener Sprecher der Gesellschaft, Tobias Bosler. Also eine jener Personen, die im Namen der Schutzgemeinschaft auf Hauptversammlungen gehen und dort im Interesse vieler Kleinanleger ans Mikrofon treten. Boslers Anwalt wollte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht Stellung nehmen.

SdK-Pressesprecher Labryga weist dieser Tage immer wieder darauf hin, dass die Untersuchungen auf Vorgängen aus den Jahren 2006 bis 2008 beruhten. Es gebe keine neuen Erkenntnisse. Doch durch die Ermittlungen gegen Schneider sowie gegen einen weiteren noch amtierenden SdK-Sprecher leidet die Reputation des Vereins massiv.

Dabei hat die Schutzgemeinschaft, wie viele Beobachter bestätigen, in den vergangenen Jahren mächtig an ihrem Image gefeilt. Immer wieder hatte es wegen der mangelnden Qualifikation der Führungskräfte und potentieller Interessenkonflikte Kritik gegeben. Schließlich handelt es sich bei den Vorständen und Sprechern meist um Anwälte oder auch Vermögensberater, die für ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Verein nur eine geringe Entschädigung bekommen. Um dem Verdacht entgegenzuwirken, die Funktionäre verfolgten mit ihrem Engagement möglicherweise auch private oder berufliche Interessen, wurden die Compliance-Richtlinien in den vergangenen Jahren verschärft.

Auch das Führungspersonal des Vereins sei kompetenter als früher, sagt Jochen Knoesel vom "Verein zur Förderung der Aktionärsdemokratie". "Die, die da jetzt am Werk sind, liefern seriöse Arbeit ab."

"Auf einer Hütte Bier trinken und irgendwo in den Schnee pissen"

Mit den Reformen wollte sich die SdK wohl auch von ihrer unrühmlichen Vergangenheit lösen. Denn der Skandal um Ex-Vizechef Straub, der 2008 ans Licht gezerrt wurde, war reichlich blamabel. Die SdK hatte damals den Bezahldienstleister Wirecard heftig kritisiert - Straub hatte gleichzeitig auf fallende Kurse bei dem Unternehmen gewettet.

Strippenzieher bei den großen Deals soll laut "FTD" Ex-SdK-Sprecher Bosler gewesen sein, der Vertrauten unter anderem per SMS Anlagetipps gegeben habe. Doch im Zuge der Wirecard-Affäre geriet vor allem Straub in seiner Rolle als SdK-Vizechef in die Kritik. Mehr noch als der scheinbar offensichtliche Interessenkonflikt irritierte Straubs Auftreten die Öffentlichkeit. Seine Rücktrittserklärung im Internet fiel spektakulär aus. "Statt wie in den letzten Jahren den ganzen Januar im Büro zu sitzen, um das Schwarzbuch Börse zu schreiben, werde ich im nächsten Jahr Ski fahren gehen, auf einer Hütte ein paar Bier trinken und dann wahrscheinlich irgendwo in den Schnee pissen", schrieb er.

Doch mit diesem lautstarken Abgang war die Affäre für die SdK noch lange nicht zu Ende. Denn bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geht es nicht nur um Wirecard, sondern auch um das Biotech-Unternehmen Nascacell, das derzeit abgewickelt wird. Die Münchner Firma versuchte sich 2006 an einem Börsengang, und sie wurde im Vorfeld in diversen Börsenbriefen als Geheimtipp bejubelt. "Das Kursziel sehen wir bei 20 Euro in den nächsten sechs bis acht Monaten", hieß es im "International Stock Picker".

Dubioser Fall Nascacell

Tatsächlich stürzte der Kurs in Windeseile von acht Euro in den Centbereich ab. Ob und wie jemand davon profitiert haben könnte, darüber ist nichts bekannt. Die Ermittler schweigen. Bei den jüngsten Durchsuchungen bei der SdK soll es dem Verein zufolge auch gar nicht um diesen Fall gegangen sein. Allerdings ist der vergeigte Börsengang des Unternehmens ein Thema, das auch die Staatsanwaltschaft beschäftigt. Pikant dabei für die SdK: Ex-Vizechef Straub war schon vor dem Börsengang an Nascacell beteiligt - ebenso wie ein immer noch aktiver Sprecher der SdK, der im Jahr des Börsengangs außerdem im Aufsichtsrat saß. Straub versicherte, als das "Handelsblatt" 2008 über Nascacell berichtete, er habe mit dem Deal viel Geld verloren.

Seit Straubs Ausscheiden sind die Verhaltensregeln für Vorstände und Sprecher bei der SdK sehr viel härter geworden, sagt Pressesprecher Labryga. So dürften etwa Mitglieder, die kurzfristig in Unternehmen engagiert sind, bei deren Hauptversammlungen nicht mehr als Sprecher auftreten oder sonstwie "den Fokus auf eine Gesellschaft" lenken. Etwa durch Artikel in den Publikationen des Vereins.

Auch Aktionärsvertreter Knoesel sagt über die SdK: "Die Interessenkonflikte haben abgenommen." Wie viele Fachleute fürchtet er nun trotzdem um den Ruf der Aktionärsschützer. "Grundsätzlich sind solche Aktionärsvereinigungen wichtig als Informationskanal für Kleinanleger", sagt etwa Martin Faust von der Frankfurt School of Finance & Management. Auch wenn in einem solchen Verein von Natur aus "die demokratische Kontrolle nicht immer gewährleistet" sein möge.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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1. Tagesgeld ist Gold Wert
WWW-Schizo 29.09.2010
das zeigt mir doch immer wieder das Tagesgeld Gold Wert ist, man kann ruhig schlafen, die Rendite (2%) ist zwar derzeit mager aber allemal besser als täglicher Nervenstress mit Aktien
2. Na sowas
Akku, 29.09.2010
Auch eine Möglichkeit, eine "Aufsichtsbehörde" zu diskreditieren und auszuhebeln und somit Unglaubwürdig zu machen
3. Kursmanipulationen ohne Ende
atipic, 29.09.2010
Wie sollen dann Anleger überzeugt werden ihre Ersparnisse in Aktien anzulegen, wenn bei der Börse lauter Abzocker am Werk sind, und das Risiko Mise zu machen so groß ist? Dann lieber Festgeld!
4. Waage
critique 29.09.2010
Zitat von WWW-Schizodas zeigt mir doch immer wieder das Tagesgeld Gold Wert ist, man kann ruhig schlafen, die Rendite (2%) ist zwar derzeit mager aber allemal besser als täglicher Nervenstress mit Aktien
Nur Gold ist Gold wert. Tagesgeld ist Tagelsgeld wert. Und einem Menschen, dem man Vertrauen kann, ist unbezahlbar.
5. Auch eine Möglichkeit, eine "Aufsichtsbehörde" zu diskreditieren und auszuhebeln und
Pedro1000 29.09.2010
Wenn was dran ist, dann ist dies wohl keine Diskreditierung! Es ist schon verwunderlich, dass "unabhängige" Leute in dieser Organisation sitzen. Lösung: Zahlt den Leuten anständige Gehälter und verbietet Nebentätigkeiten. Die Versuchung wird zwar dadurch auch nicht genommen, aber die derzeitige Konstellation ist ein Witz!
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