Von Tom König
Er kommt einfach nicht. Ich stehe in Hamburg-Altona, und der ICE nach Frankfurt ist bereits 15 Minuten überfällig. Zwar ist mir bewusst, dass laut Stiftung Warentest jeder dritte Fernzug Verspätung hat. Aber dieser kann eigentlich noch keine eingefahren haben, denn er wird, wie das auf "Bahnisch" heißt, erst hier eingesetzt.
Nach einiger Zeit fällt mir ein Herr auf, der ebenfalls auf den Zug wartet. Er hat eine dunkelblaue Jacke an und trägt einen Rucksack mit DB-Anstecker.
"Wissen Sie, warum der Zug nicht da ist?", frage ich. "Hat der Lokführer verschlafen?"
Er guckt etwas indigniert. "Ich bin der Lokführer."
In den folgenden Minuten bekomme ich einen Einblick in die faszinierenden internen Abläufe der Deutschen Bahn AG, die mir seit jeher ein Mysterium sind. Sein ICE, erklärt der Mann, stehe in einem Depot. Dort holt ihn morgens jemand ab und bringt ihn zum Startbahnhof, wo ihn der Lokführer in Empfang nimmt.
In Hamburg existierten zwei solcher Depots nahe den S-Bahn-Stationen Langenfelde und Elbgaustraße. "Manchmal ist der Zug aber nicht da, wo er laut Laufzettel sein soll", sagt der Lokführer.
"Und dann? Kann man den Zug nicht über Funk lokalisieren?"
Er schüttelt den Kopf. "Nö. Dann fährt der Zubringer mit der S-Bahn zum anderen Depot und guckt, ob der ICE vielleicht dort steht."
Mit der S-Bahn und per pedes - das kann natürlich dauern. Aus dem Lautsprecher ertönt die Ansage, der ICE nach Frankfurt verspäte sich um eine halbe Stunde.
Leitstelle oder so?
"Die wissen offensichtlich mehr als wir", sage ich.
Der Lokführer schüttelt wieder den Kopf. "Nö. Die schätzen nur."
Schweigend stehen wir eine Weile auf dem nasskalten Bahnsteig und starren in die Gegend. Aber die Sache lässt mir keine Ruhe: "Sagen Sie, müsste Sie nicht jemand anrufen und mit aktuellen Infos versorgen? Leitstelle oder so?"
Er schaut resigniert. "Uns Bescheid zu sagen, das machen die kaum noch. Aber jetzt frag ich selber mal nach."
Der Lokführer nimmt sein Handy aus der Tasche und telefoniert. Als er aufgelegt hat, sagt er: "Hier können wir lange warten. Der Zug fährt gerade auf einem abweichenden Gleis ein."
Als wir an der anderen Plattform ankommen, stehen dort schon etliche Passagiere. Einige gucken den Lokführer böse an. Ich kann mir vorstellen, was ihnen durch den Kopf geht: "Mann, jetzt komm ich zu spät nach Frankfurt. Und das nur, weil der dämliche Lokführer verschlafen hat."
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