Warteschleife Einmal Taxi mit Sahne

In München Taxi zu fahren ist erstens teuer und zweitens oft unerfreulich. Aber es gibt Ausnahmen: Durch Zufall findet sich Tom König in einem Wagen wieder, dessen Service erste Sahne ist.

Taxis in München
DPA

Taxis in München


Ich wohne in der einzigen deutschen Großstadt, die keinen Flughafen besitzt - in München. Der Airport liegt derart weit außerhalb, dass ich mit der Bahn inklusive Fußweg fast anderthalb Stunden brauche. Ich könnte stattdessen ein Taxi nehmen. Inklusive Trinkgeld kostet dies jedoch 85 Euro, oft mehr als der Flug. Deshalb lasse ich es, normalerweise.

Weil ich mich zeitlich verzockt habe, muss es diesmal jedoch das Taxi sein. Über MyTaxi rufe ich einen Wagen. Eigentlich mag ich Taxis nicht. Nein, das ist untertrieben. Ich hasse sie. Das Gewerbe ist völlig auf den Hund gekommen, eine rollende Servicewüste.

Als mein Wagen vorfährt, atme ich tief durch. Meiner Erfahrung nach sind die Fahrer bei MyTaxi besser als der Durchschnitt, doch Taxitouren sind stets ein Lotteriespiel. Mal riecht der Innenraum nach zwei Schachteln "Ernte 23" am Tag, mal erklärt einem der Fahrer ungefragt, die Welt werde von "dreizehn superreichen jüdischen Familien kontrolliert".

Kaum aus der Haustür, kommt mir strahlend der Fahrer entgegen. Er trägt eine schwarze Hose mit messerscharfer Bügelfalte und ein blütenweißes Hemd.

"Schönen guten Tag, Herr König. Es freut mich, Sie heute fahren zu dürfen."

Nachdem Herr E., so heißt er, mir die Hand geschüttelt hat, verstaut er mein Gepäck im Kofferraum seiner E-Klasse. Dann hält er mir die Tür auf. Ich setze mich in den Fonds. Der Beifahrersitz ist extra weit nach vorne gestellt, wegen der Beinfreiheit.

Ungläubig schaue ich mich um. Dies ist das sauberste Taxi, das ich je gesehen habe. Von den Ledersitzen könnte man viergängig soupieren. Apropos Essen: Die Fonds-Armlehne ist hochgeklappt, im Fach darunter befinden sich Süßigkeiten. Es gibt Duplo, Bounty, Snickers, Kitkat, Rocher, Raffaelo und Ferrero Küsschen.

Herr E. sagt etwas, aber ich bin noch völlig verdattert. "Zum ... zum Flughafen, bitte", erwidere ich.

"Sehr gerne, Herr König. Nehmen Sie sich Schokolade. Oder ein Getränk."

Nun bemerke ich, dass in den Ablagen der Vordersitze Getränkeflaschen stecken. Es gibt Saft (drei Sorten), Mineralwasser (still oder sprudelnd), außerdem Red Bull. In der Mittelkonsole steckt ferner ein Netzteil, mit Adaptern für alle gängigen Smartphones.

Erwähnte ich die Taschentücher?

Auf dem Weg zum Flughafen ist oft Stau, aber Herr E. hat sich informiert und die optimale Route geplottet. Es wird eine der angenehmsten Taxifahrten meines Lebens.

Am Airport fragt E., wann ich zurückkäme. Er bietet an, mich abzuholen. Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, auf dem Rückweg die Bimmelbahn zu benutzen. Aber wer kann man nach so einer Fahrt schon Nein sagen?

Taxifahren ist zu einer Premiumdienstleistung geworden

Als ich am nächsten Tag wieder in München ankomme, wartet Herr E. bereits am Ausgang. "Schön, sie wiederzusehen, Herr König. Ich habe da was für sie."

Er drückt mir einen Starbucks-Eiscafe in die Hand - Pumpkin Spice, Venti, mit extraviel Sahne. Ich stammle: "Das wäre doch nicht nötig gewesen."

Herr E. lächelt nur, schnappt sich mein Gepäck und trägt es zum Taxi. Weil ich auf der Rückfahrt zu wenig Süßigkeiten esse, nötigt er mich, noch ein paar Duplos für die Kinder mitzunehmen. Ich bin versucht, ihm nachzuwinken, als er wegfährt.

An meinem Eiscafe nuckelnd betrete ich die Wohnung. War das jetzt noch guter Service oder maßlos übertrieben? Mir fällt eine Taxifahrt vor einigen Wochen ein. Damals beschwerte sich der Fahrer, es gebe immer weniger Fuhren zum Flughafen. Er fragte sich, warum.

Anders als dieser Fahrer hat Herr E. verstanden, warum. Taxifahren wird immer teurer, nicht unbedingt absolut, aber relativ zu den Alternativen. Nirgendwo ist das deutlicher als in München. Hier kostet eine Flughafenfahrt inzwischen viermal so viel wie der Carsharingdienst car2go (20 Euro) und siebenmal soviel wie die S-Bahn (gut 12 Euro).

Es mag an Spritpreisen und Mindestlohn liegen - aus Kundensicht entscheidend ist jedoch, dass Taxifahren zu einer absoluten Premiumdienstleistung geworden ist. Und für das viele Geld sollte man eben auch ein Premiumerlebnis bekommen. Mit Herrn E. zu fahren, war ein First-Class-Erlebnis. Angesichts der gigantischen Preisdifferenz ist Taxi mit viel Schlagsahne vermutlich die einzige Chance, die die gebeutelte Branche hat.

Hatten Sie auch ein besonderes Serviceerlebnis? Oder haben Sie einen Vorschlag für ein Produkt, das Tom König unter die Lupe nehmen sollte? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thomas 07.10.2016
1. Schnellebigkeit
Der Fahrer ist wirklich erstaunlich: So freundlich und serviceorientiert und dann noch so schnell, dass er wohl während des Schreibens des Artikels noch heiraten konnte.
cc2211 07.10.2016
2. Traurig nur, ....
dass Sie am Ende Hr. E. mit Hr. K. verwechseln. Das war bestimmt ein Uber-Fake-Taxi, Undercover unterwegs.
i_aah 07.10.2016
3. Erst informieren...
"Es mag an Spritpreisen und Mindestlohn liegen - aus Kundensicht entscheidend ist jedoch, dass Taxifahren zu einer absoluten Premiumdienstleistung geworden ist. " - und es mag auch einfach so sein, dass sich ein Taxiunternehmen die Preise nicht selbst aussucht, sondern diese von der Kommune festgesetzt werden. Wer sich über die Preise aufregt, sollte sich zunächst einmal mit den ganzen Kosten befassen, die an dem Betrieb eines Taxiunternehmens hängen. Was ich von einem Taxi erwarte ist, dass der Fahrer freundlich, das Auto sauber und die Ortskenntnis vorhanden ist. Wenn das nicht so ist, hat man allerdings auch die Möglichkeit, sich deshalb zu beschweren - eben bei besagter Kommune, von der die Preise festgesetzt werden.
singpat 07.10.2016
4. Ach, Herr Koenig
Muenchen geht doch taximaessig sogar noch. Nehmen Sie sich doch einmal ein Taxi in Frankfurt. Die sind noch wesentlich heruntergekommener als in Muenchen. Erwarten Sie auch bitte keine Orts- oder Deutschkenntnisse. Und falls Sie sich ueber den technischen Zustand des Taxis beschweren sollten, rufen Sie auch ja nicht die Taxizentrale an. Die verweist sie nur ans Ordnungsamt. Am Sonntag. Premiumpreise und lausiger Service. Und die S-Bahn zum Flughafen kostet nur 4,90 und dauert 15 Minuten.
i_aah 07.10.2016
5. Erst informieren...
"Es mag an Spritpreisen und Mindestlohn liegen - aus Kundensicht entscheidend ist jedoch, dass Taxifahren zu einer absoluten Premiumdienstleistung geworden ist. " - und es mag auch einfach so sein, dass sich ein Taxiunternehmen die Preise nicht selbst aussucht, sondern diese von der Kommune festgesetzt werden. Wer sich über die Preise aufregt, sollte sich zunächst einmal mit den ganzen Kosten befassen, die an dem Betrieb eines Taxiunternehmens hängen. Was ich von einem Taxi erwarte ist, dass der Fahrer freundlich, das Auto sauber und die Ortskenntnis vorhanden ist. Wenn das nicht so ist, hat man allerdings auch die Möglichkeit, sich deshalb zu beschweren - eben bei besagter Kommune, von der die Preise festgesetzt werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.