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Warteschleife: "Nehmen Sie Zink, das hilft immer"

Eine Polemik von

Was trägt einen weißen Kittel, verkauft wirkungslosen Nippes und macht den ganzen Tag Schubladen auf und zu? Richtig: Apotheker. Kaum eine Berufsgruppe nervt so wie die vom Staat grundlos protegierte Pharmazeutenzunft.

Apotheken-Logo: Vollmondtänze und Klangschalenaufgüsse Zur Großansicht
dapd

Apotheken-Logo: Vollmondtänze und Klangschalenaufgüsse

Als die weißbekittelte Mittvierzigerin mir die Allergietabletten hinschiebt, weiß ich bereits, was sie als nächstes sagen wird. Alljährlich futtere ich diese Heuschnupfendrops, ich habe sie schon in bestimmt 50 verschiedenen Apotheken gekauft. Meist bekomme ich die gleiche Verkaufsmasche zu hören. Auch diese Schubladenzieherin enttäuscht mich nicht: "Sie können noch zusätzlich etwas gegen Ihre Allergie tun", flötet sie. "Nehmen Sie Zink."

Irgendwo, bei Bayer Chart zeigen oder Pfizer Chart zeigen, muss es eine gigantische Lagerhalle geben, bis an die Decke voll mit Zink. Jemand hat die Tabletten wahrscheinlich am Markt vorbeiproduziert, und nun müssen sie dringend weg. Anders jedenfalls ist kaum zu erklären, warum einem die Dinger in jeder Apotheke wie Sauerbier angeboten werden.

Wenn man übrigens mit einer Erkältung vorstellig wird, was bietet einem der Apotheker dann wohl zusätzlich zur Pulle Wick Medinait an? Genau, Zink.

So wirkungsvoll wie ein Vollmondtanz

Dabei ist Zink medizinisch betrachtet in etwa so wirkungsmächtig wie Vollmondtänze oder Klangschalenaufgüsse. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist ein positiver Einfluss auf Erkältungen "wissenschaftlich nicht bewiesen". Und zu behaupten, Zink helfe gar gegen Allergien, traut sich wohl nicht einmal die "Apotheken Umschau".

Vielen Apothekern ist das offenbar wurscht.

Die Masche mit dem Zink ist einer der Gründe, warum ich die Apothekerzunft so ungemein verachte. Welcher andere Berufszweig kocht seine Kunden so schamlos ab - und wird vom Staat dermaßen protegiert?

In anderen Ländern kann man 08/15-Präparate im Drogeriemarkt kaufen. In Deutschland geht das nicht, weil angeblich nur die Apotheker qua Studium in der Lage sind, Kunden ordentlich zu beraten.

Dabei kann man bei der Stiftung Warentest alljährlich nachlesen, dass Apotheker eher selten gut informieren, häufig von Wechselwirkungen keine Ahnung haben und der treudoofen Kundschaft mit Vorliebe Präparate verkaufen, deren Wirkung, vorsichtig gesagt, umstritten ist.

Staatlich approbierte Schlangenöl-Händler

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es gibt sicher viele grundehrliche, um das Wohl ihrer Kunden besorgte Apotheker in Deutschland. Aber wenn ich mir ihre Auslagen anschaue, habe ich oft das Gefühl, mich bei einem dieser Wundertinktur-Händler aus dem Wilden Westen zu befinden, der sein Geld mit Schlangenöl und "Dr. Whiteleys Allheil-Tonikum" verdient. In der Apotheke gibt es "straffende Anti-Aging-Creme mit Fill-in-Effekt" für die zerknitterte Frau und Viragil-Tropfen für "Erschöpfungszustände des Mannes". Medizinische Wirkung? Glaubenssache.

Der Staat hält den Apothekern dennoch sämtliche Konkurrenz vom Leib - im Glauben, dies führe zu Qualität und Service. Aber natürlich ist das Gegenteil der Fall. Monopolisten sind in der Regel frech und faul, siehe Post und Schornsteinfeger.

Viele Apotheker belegen dies nicht zuletzt durch ihre Öffnungszeiten: Es sind die gleichen wie auf einem Amt. In ganz Hamburg-Altona, einem Bezirk mit mehr als 250.000 Einwohnern, gibt es - gefühlt - keine einzige Apotheke, die nach 18 Uhr offen hat.

Einige Wochen nach meinem allergiebedingten Apothekenbesuch laboriere ich an etwas, das sich wie eine Blasenentzündung anfühlt. Also gehe ich wieder hin. Die Pillendreherin vom letzten Mal empfiehlt mir als Remedur einen Nierentee, "zum Durchspülen".

In dubio pro Cranberry

Zu Hause lese ich auf der Verpackung, dass der Hauptwirkstoff des Tees Birkenpollen sind.

Als Pollenallergiker erscheint mir das ungünstig, also fahre ich erneut zur Apotheke. Ich knalle der Dame ihren Pisstee auf die Theke. "Möchte ich zurückgeben. Ich bin allergisch gegen Birkenpollen."

"Sind da welche drin?", fragt sie.

"Ja", erwidere ich, "lesen Sie doch mal."

Sie schaut kurz auf die Packung, verzieht die Mundwinkel. Dann sagt sie: "Das macht nichts, können Sie ruhig einnehmen. Es gibt da keine Wechselwirkungen."

Stumm zeige ich ihr den Beipackzettel. Dort steht, man solle den Tee auf keinen Fall trinken, wenn man gegen Birkenpollen allergisch ist.

Widerwillig gibt sie mir mein Geld zurück, nicht ohne mich zu ermahnen. "Bevor Sie hier das nächste Mal etwas kaufen, sagen Sie doch bitte, dass Sie Unverträglichkeiten haben."

Gerne. Nur was wird es mir nützen bei einer Pharmazeutin, deren einziges Qualifikationsmerkmal ihr weißer Kittel ist? Die auch nicht mehr über ihre Produkte weiß als die Liesl vom Schlecker-Markt?

"Lassen Sie mal"

Dann greift die Apothekerin hinter sich ins Regal und holt eine große Dose hervor. "Alternativ zum Blasentee können Sie diese Cranberry-Drops nehmen", sagt sie.

"Und die kurieren meine Zystitis?", frage ich.

"Oh ja", erwidert sie eifrig. "Die helfen überhaupt immer, wenn irgendwelche Schleimhäute angegriffen sind."

Ich lächle zuckersüß. "Klingt verlockend, aber lassen Sie mal. Ich hab da in meinem Nachtschrank noch ein paar Kilo Zink."

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de

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insgesamt 368 Beiträge
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1. Die rechte und die linke Hand des Teufels...
forkeltiface 16.05.2011
noch vor ca. 3 Monaten schrieb Spiegel-Online: "Zink hilft bei Erkältungen" http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,745897,00.html Meine persöhnliche Erfahrungen sind ebenfalls sehr positiv (bin kein Pharma-Mensch, sondern Informatiker...).
2. Ja ja
brux 16.05.2011
Ein rein deutsches Problem wie mir scheint. Hier vereinen sich Bürokratie, Besserwisserei und der Glaube an den Akademiker. Nur als die EU versucht hat, das Monopol zu brechen, kam gleich wieder die grosse EU-Schelte. Die dümmsten Kälber ....
3. Aphotheker...
fatherted98 16.05.2011
...sind eine zu 90% völlig sinn- und zweckfreie Berufsgruppe. Pillen auf Rezept verkaufen kann jeder, dazu muss man kein Apotheker sein. Den Beipackzettel kann jeder auch selbst lesen. Einzig die Aphoteken die Salben und Mittel noch selbst anrühren haben wohl noch eine Existenzberechtigung...alle anderen sind einfach nur Medi-Kioske die ohne Interesse am Kunden ihre Ramsch teuerst verkaufen und in vielen Fällen noch mit den Ärzten zusammen den Patienten übervorteilen und teilweise auch betrügen.
4. .
karsten112 16.05.2011
Zitat von sysopWas trägt einen weißen Kittel, verkauft wirkungslosen Nippes und macht den ganzen Tag Schubladen auf und zu? Richtig: Apotheker. Kaum eine Berufsgruppe nervt so wie die vom Staat grundlos protegierte Pharmazeutenzunft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,759599,00.html
In unseren 12.00 Seelenörtchen erreichen sie 4 Apotheken mit einmal Luftholen. Das sagt alles. Weg damit, eine Stadt oder Kreisapotheke der Rest in der Drogerie und fertig !
5. Kittel
kdshp 16.05.2011
Zitat von sysopWas trägt einen weißen Kittel, verkauft wirkungslosen Nippes und macht den ganzen Tag Schubladen auf und zu? Richtig: Apotheker. Kaum eine Berufsgruppe nervt so wie die vom Staat grundlos protegierte Pharmazeutenzunft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,759599,00.html
Hallo, das ganze ist doch nur lobbyismus erster güte und der bürger darf zahlen und nochmals zahlen.
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