Das Jackett spannt an den Schultern. Vorne kriege ich den Knopf kaum zu, der zudem auf Höhe meines Brustbeins sitzt. "Zu eng", erkläre ich dem Verkäufer. Der Mann schüttelt energisch den Kopf, seine pomadisierte Wave-Tolle vibriert. "Nein, es sitzt perfekt." Er selbst wiegt höchstens 60 Kilo und trägt ein knallrotes Sakko sowie grüne Chinos, die mindestens zehn Zentimeter zu kurz sind.
"Es ist auch zu hoch geschnitten", maule ich. Der Herrenmodist macht einen Schritt auf mich zu. "Hoch ist doch gut", belehrt er mich. "Hoch ist doch dieses Jahr genau das Thema!"
Ich mustere einen weiteren Verkäufer, der gerade an uns vorbeieilt. Auch sein Sakko sieht aus, als stamme es aus der Konfirmationsabteilung. Ich zucke schicksalsergeben mit den Achseln, wodurch beinahe die Rückennaht reißt. "Dann nehme ich das."
Als meine Frau das neue Jackett sieht, bekommt sie einen Lachanfall. Sie sagt etwas von "zwei Nummern zu klein" und von "Entenarsch". Ich versuche ihr zu erklären, das Hoch diese Saison genau das Thema ist. Aber sie kichert nur.
Wer beschützt mich vor dem Verkäufer?
Ich hänge das thematisch korrekte, aber leider untragbare Jackett in meinen Schrank. Dort verstauben bereits diverse andere Sakkos - manche schlackern am ganzen Körper, andere pressen mir bei jeder ruckartigen Bewegung die Luft aus den Lungen. Gemein ist all diesen Kleidungsstücken, dass ich sie bei größeren Herrenausstattern gekauft habe. Weil es dort noch Beratung gibt. Weil die Verkäufer mir stets versicherten, das fragliche Stück sitze tipptopp.
Neulich habe ich eine Frau kennengelernt, die als Fashion Coach arbeitet. Der Beruf war mir neu. Diese Frau erklärt Menschen, welche Farben zu ihnen passen oder welche Arten von Kleidungsstücken sich miteinander kombinieren lassen. Vor allem aber geht sie mit ihren Kunden auf Einkaufstour. Warum? "Weil den Verkäufern heutzutage völlig egal ist, ob den Käufern das Zeug passt."
Dazu ein ganz wahllos herausgegriffenes Beispiel: Wenn etwa ein 25-jähriger Hipster einem, sagen wir, leicht speckigen, 40-jährigen Kolumnisten mit Konfektionsgröße 50 erzählen will, irgendein seit Monaten unverkäufliches Jackett sei modemäßig "genau das Thema", dann schreitet die Modeberaterin beherzt ein.
Es ist ein bisschen, als ob man seinen Anwalt mit zum Klamottenkauf nimmt, damit man dort nicht über den Tisch gezogen wird.
Ein Sakko zum Rumstehen
Ganz ohne Fashion Coach gehe ich erneut zum fraglichen Herrenausstatter und bringe das Jackett zurück. "Passt echt nicht", sage ich zu dem Hungerhaken mit der Wave-Tolle. "Ich kann in dem Ding nicht mal die Arme heben." Der Verkäufer wirft einem seiner Kollegen einen mitleidheischenden Blick zu. Dann sagt er: "Na ja, das ist halt eher ein Partysakko. Zum Rumstehen."
"Ich bräuchte aber eines, in dem man auch laufen kann. Außerdem geht es kaum zu", sage ich.
"Soll es ja auch nicht. Offene Sakkos sind "
" genau das Thema, ich weiß. Und jetzt bitte mein Geld zurück."
Missmutig zahlt er mir meine 199 Euro aus. Als ich aus dem Laden raus bin, frage ich mich, ob ich ihm folgenden Witz hätte erzählen sollen: Ein Mann geht zum Schneider und sagt: "Der Anzug, den sie mir gefertigt haben, der passt nicht." Der Schneider schaut sich die Sache an und entgegnet: "Nun, sie müssen nur den linken Arm so anwinkeln, sich weit nach vorne beugen und den Kopf nach rechts drehen. Dann sitzt er wie angegossen."
Der Mann tut wie ihm geheißen und geht. Draußen beobachten zwei Männer, wie der Anzugkäufer ungelenk davonhumpelt. "Der arme Kerl ist ja total verkrüppelt", sagt der eine.
"Ja", entgegnet der andere, "aber er hat einen verdammt guten Schneider."
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