Warteschleife Onkel Herbert, der Tod und die Telekom

Wirklich dreist, diese Kunden: Haben stets Ausreden parat, warum sie nicht zahlen können. Manche schieben Arbeitslosigkeit oder Krankheit vor - andere behaupten, sie seien tot. Doch wer meint, der Friedhof rette vor dem Inkasso, hat die Rechnung ohne die Telekom gemacht.

Bestatter: Ich schickte Totenscheine, die Telekom schickte Mahnungen
DPA

Bestatter: Ich schickte Totenscheine, die Telekom schickte Mahnungen

Von


Als Onkel Herbert vor etlichen Jahren starb, machte das niemanden besonders traurig, außer mich. Der Rest der Verwandtschaft hatte den alten Grantler nicht gemocht und hielt ihn für eine schlimme Nervensäge.

Nur ich konnte ganz gut mit Herbie, und so fiel mir die Aufgabe zu, den Nachlass zu sortieren. Dabei stieß ich auf eine Überraschung: Der greise Onkel Herbert hatte ein D1-Mobiltelefon der Telekom besessen. Mit wem er auf dem Handy gesprochen hatte, war mir ein Rätsel.

Totgesagte telefonieren länger

Ich kopierte also den Totenschein und schickte ihn nach Bonn in die Telekom-Zentrale. Der dortigen Buchhaltung erschien das Hinscheiden meines Onkels als Kündigungsgrund aber offenbar inakzeptabel. Und so schickte die Telekom auch im nächsten Monat eine Handyrechnung.

Interessanterweise waren neben der Grundgebühr auch Gesprächsminuten angefallen. Mit wem Herbert auf dem Handy gesprochen hatte, war jetzt ein noch größeres Rätsel.

Es kamen weitere Rechnungen. Ich schickte Totenscheine. Die Telekom schickte Mahnungen. Ich hätte dazu gerne einen bissigen Kommentar von Onkel Herbert gehört. Doch den ließ der Vorgang völlig kalt.

Aber nun einmal Spaß beiseite: An solchen Fällen erkennt man, wie es um die Kultur mancher Unternehmen bestellt ist. Natürlich darf im Kundenservice einmal etwas schief gehen. Meinetwegen auch zweimal. Aber spätestens, wenn ein Sachbearbeiter einen Totenschein in der Hand hält, sollte er kurz innehalten.

Er sollte sich klar machen, dass ein Mensch gestorben ist. Dass dessen Angehörige trauern. Und dass das Letzte, was sie jetzt brauchen, ein herzloser Buchhalter ist, der ihnen Briefe schickt - adressiert an jenen Menschen, den man geliebt hat.

Ein Management, das seinen Mitarbeitern derlei Pietätlosigkeiten durchgehen lässt, gehört abserviert. Business as usual ist in solchen Fällen einfach keine Option.

Herbie verweigert die Unterschrift

Ein Telekom-Sprecher sagt, der Fall sei inzwischen zu alt, um die genauen Ursachen noch feststellen zu können. Herbie und ich schlugen dem Unternehmen damals ein Schnippchen, indem wir ihn einfach ummeldeten. Er wohnt nun in der Kapellenstr. 1, Ohlsdorfer Friedhof, 22337 Hamburg. Seitdem ist Ruh'.

Herbie fehlt mir. Und auch meine Großcousine, die inzwischen in seinem Haus wohnt, vermisst ihn. Das hat freilich eher praktische Gründe: Sie möchte ihren Stromanbieter wechseln. Der E.on-Zähler im Keller ist aber immer noch auf Onkel Herbert zugelassen. Geht also nicht.

Sie würde den Zähler gerne auf sich umschreiben lassen, doch dazu benötigt sie Herbies Unterschrift. Sagt E.on. Seit über sieben Jahren versucht meine Großcousine, den Energieversorger davon zu überzeugen, ihr Opa - mein Onkel - könne seit seinem Tod Schriftwechsel nicht mehr so schwungvoll paraphieren wie früher.

Der Stromgigant lässt derlei Ausflüchte nicht gelten. Neulich zeigte sie mir einen Brief von E.on. Er war an Herbie adressiert und beschied ihm, demnächst werde jemand zum Ablesen seines Zählers vorbeikommen. Und dass es toll wäre, wenn er an diesem Tag zu Hause sein könnte. Eon erklärte auf Anfrage, man habe von dem Todesfall erst vor einem Jahr erfahren - ihn dann aber wegen eines Fehlers "nicht ins System übernommen."

Die Unsterblichkeit hatte ich mir anders vorgestellt. Vielleicht, denke ich mir, hätte man dem Onkel sein D1-Telefon mit ins Grab legen sollen. Dann könnte sich die Nervensäge jetzt selber um den blöden Stromzähler kümmern. Herbies Handyvertrag ist ja vielleicht noch aktiv.

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de



insgesamt 111 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hosterdebakel 18.04.2011
1. Naja
Pietät von Großunternehmen zu erwarten bei ganz normalen 08/15 Kunden ist ja auch wirklich zuviel erwartet.
schniggeldi 18.04.2011
2. Textbausteine 4ever
Zitat von HosterdebakelPietät von Großunternehmen zu erwarten bei ganz normalen 08/15 Kunden ist ja auch wirklich zuviel erwartet.
Pietät von einem automatisch Textbausteine verschickenden IT-System ist in der Tat zuviel erwartet...
marlow, 18.04.2011
3. gähn
Zitat von sysopWirklich dreist, diese Kunden: Haben stets Ausreden parat, warum sie nicht zahlen können. Manche schieben Arbeitslosigkeit oder Krankheit vor - andere behaupten, sie seien tot. Doch wer meint, der Friedhof rette ihn vor dem Inkasso, hat die Rechnung ohne die Telekom gemacht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,755878,00.html
Ihre Geschichten bestechen durch Phantasielosigkeit beim Erfinden leidiger Szenarien. Lieber Herr König, das ist jedesmal dermaßen schlecht zusammengeschustert, dass ich immer wieder glauben muss, der 01. April steht an. Aber im tiefsten Herzen weiß ich ihre sinnlosen Geschichtchen suchen einen Ausweg. Und durch irgendeinen Blödsinn müssen auch sie Ihre Familie ernähren. Guten Appetit!
amonn 18.04.2011
4. .
Na toll, kaum kommt die Sonne raus und Ferien stehen vor der Tür, da beginnt die Saure-Gurken-Zeit. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass ein fast 10 Jahre alter Vorfall mit Namensnennung des damals beteiligten Unternehmens in der Überschrift so prominent auf der SPON-Seite platziert wird? Der Markenname D1 wird seit 2002 nicht mehr genutzt, daran kann man schon erkennen aus welcher Zeit dieses "aktuelle" Erlebnis stammt. Aber vielleicht haben ja die SPON-Mitarbeiter jetzt alle ganz preiswerte Vodafone- oder O2-Firmenarife und müssen daher als Gegenleistung solche Artikel schreiben...
leander7 18.04.2011
5. Wäre doch mal interessant
zu erfahren, wer von der bucklingen Verwandschaft sich das Handy unter den Nagel gerissen und dreist auf Kosten von Onkel Herbert telefoniert hat. Die Person sollte sofort nachträglich enterbt werden. Andere Möglichkeit: der liebe Onkel ist gar nicht tot, sondern hat sich klammheimlich aus dem Staub gemacht, um seiner Verwandschaft mal ordentlich eins auszuwischen. Kopien von Totenscheinen (bei mir auf der Arbeit sagt man dazu "Sterbeurkunde") kann man sich doch auch auf dem heimischen PC mit einer einfachen Grußkarten-Software anfertigen. Kein Wunder, daß die Telekom auf eine scheinbar unbeglaubigte Kopie nicht reagiert hat. Da könnte ja jeder kommen !!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.