Warteschleife: Schweine müssen draußen bleiben

Deutschlands Großbanken sind angeblich knapp bei Kasse - doch allzu dramatisch kann der Notstand nicht sein: Tom König brachte ein Sparschwein zur örtlichen Filiale. Dort wollte man das Geld nicht haben.

Rosa Sparschwein: "Was man hat, das hat man" Zur Großansicht
Corbis

Rosa Sparschwein: "Was man hat, das hat man"

Die bei der Bank, die wollen nur dein Geld. Das begriff ich mit etwa zehn Jahren, als man mir bei der Raiffeisenbank eine Sparbüchse schenkte. Sie bestand aus billigem Plastik, dazu gab es ein Comic-Heft von "Marc & Penny". Die jugendlichen Protagonisten erlebten darin irgendwelche faden Abenteuer, an deren Ende sie stets zur Bank stratzten und dort ihr Geld ablieferten.

Als ich die Sparbüchse zu Hause begutachtete, stellte ich fest, dass die Bankerin vergessen hatte, mir den dazugehörigen Schlüssel auszuhändigen. Also wurde ich erneut in der Filiale vorstellig. Dort erklärte mir die Schalterdame, das mit dem Schlüssel sei keineswegs ein Versehen: "Der bleibt hier. Du sollst das Geld schließlich hier abliefern, wenn die Büchse voll ist."

Solch ein Erlebnis prägt, und fast dreißig Jahre später ist mein Misstrauen gegen die Banker immer noch groß. Trotzdem - oder gerade deswegen - möchte ich meiner achtjährigen Tochter Anna gerne einige Grundregeln der Vermögensanlage vermitteln.

Das erscheint mir dringend geboten, da sie ihr Geld nie zusammenhält. Jeder Euro geht sofort für Lillifee-Merchandise drauf. Also habe ich ihr unlängst ein Sparschwein gekauft. Es ist rosa, wie alles in ihrem Zimmer. Und es ist inzwischen prall gefüllt.

"Fahren Sie lieber nach München rein"

"Jetzt gehen wir zum Spielzeugladen", juchzt Anna.

"Nein", antworte ich. "Jetzt gehen wir zur Bank."

Seit ihrer Geburt hat Anna ein Konto bei einer deutschen Großbank. Die sind besonders stabil, dachte ich damals. Gerade stand allerdings in der Zeitung, dass unser Institut durch den EU-Stresstest gerasselt ist und mehrere Milliarden Euro frisches Kapital braucht.

Es ist das erste Mal, dass meine Tochter die örtliche Filiale am Stadtrand betritt. Sie guckt misstrauisch. Mit beiden Händen hält sie ihr Schwein umklammert und mustert verstohlen die Frau am Schalter. Ich hebe Anna hoch und sage: "Guten Tag, wir möchten gerne eine Einzahlung tätigen." Dabei deute ich auf das Sparschwein.

Die Frau schüttelt den Kopf. "Oh, Kleingeld, nee, das können Sie bei uns nicht. Fahren Sie am besten nach München rein."

"Aber das hier ist doch eine Bank, oder? Meine Tochter hat ein Konto bei Ihnen."

"Mmmh. Wie viel ist es denn?", fragt die Bankerin.

"Weiß ich nicht genau", antworte ich. "Eine Menge Hartgeld. Aber auch recht viele Scheine."

Bei dem Wort "Scheine" hellt sich ihr Gesicht ein wenig auf. "Also gut", murmelt sie. Als wir das Schwein geschlachtet haben, sagt die Bankerin: "Wissen Sie, wir haben nämlich keinen Zählautomaten, wir nehmen dann die Münzen und schicken sie weg. Das dauert etwa drei Wochen, bis die Ihnen gutgeschrieben sind."

"Doch, die brauchen jeden Cent"

Drei Wochen? Ich würde gerne erfahren, warum das so lange dauert. Bringt der Vorstandschef Annas Geld persönlich in die Hauptstelle? Ich erinnere mich zudem vage, dass wir Steuerzahler bereits die eine oder andere Milliarde in diesen Laden gepumpt haben. Und ich finde: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Staatskredits nicht wert.

Aber ich will die Sache nicht weiter verkomplizieren. Was soll Anna denken? Also murmele ich nur: "Okay. Geben Sie mir einfach die Quittung."

Als wir die Filiale verlassen haben, sagt meine Tochter: "Papa, die wollten mein Geld eigentlich gar nicht."

"Doch, die brauchen jeden Cent", knurre ich. "Die sind nämlich fast pleite."

Sie schaut mich mit großen Augen an. "Warum sind die pleite?"

"Gute Frage. Weil sie das Geld, das sie hatten, verplempert haben, nehme ich an."

Ihre Stimme wird schrill. "Aber warum gibst du ihnen dann mein Geld? Ich möchte davon lieber Lillifee-Sachen kaufen. Opa sagt immer: Was man hat, das hat man."

Ich wiege das leere Sparschwein in meiner Hand. Ich müsste jetzt irgendein gutes Gegenargument bringen. Aber leider fällt mir keines ein.

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insgesamt 78 Beiträge
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1. *
geroi.truda 03.01.2012
Zitat von sysopDeutschlands Großbanken sind angeblich knapp bei Kasse - doch allzu dramatisch kann der Notstand nicht sein: Tom König brachte ein Sparschwein zur örtlichen Filiale. Dort wollte man das Geld nicht haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,803269,00.html
Offenbar bereitet der Spiegel einen Merger mit Titanic vor - anders kann man sich derartigen Unsinn nicht erklären...
2.
Trollvottel 03.01.2012
"Ich möchte davon lieber Lillifee-Sachen kaufen. Opa sagt immer: Was man hat, das hat man." Opa hat da einfach den höheren pädagogischen Nährwert. Und Opa hat sicher schon mehr als eine Währungsreform mitgemacht wo das was er gespart hat wertlos war. Man sollte Kinder nicht mit hirnlosen Illusionen füttern. Meinetwegen der Weihnachtsmann für eine gewisse Zeit, ok. Aber einer 8jährigen zu erzählen sie sollte der Bank vertrauen ist sche.sse
3. Ja - wo ist das Geld?
cinder_cone 03.01.2012
Zitat von sysopDeutschlands Großbanken sind angeblich knapp bei Kasse - doch allzu dramatisch kann der Notstand nicht sein: Tom König brachte ein Sparschwein zur örtlichen Filiale. Dort wollte man das Geld nicht haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,803269,00.html
Sehr schoen geschriebener Artikel, erinnert mich an den ersten Sparkassenbesuch meiner Tochter (mit der Mutter allerdings). Damals, ueber 2 Jahrzehnte her, war das Geld der Kleinen schon noch willkommen. Ihre Frage dann, nachdem es eingezahlt worden war: "Mama, und wo ist mein Geldchen jetzt?" Mittlerweile eine mehr als gute Frage.
4. Das erste was der Lehrling lernt
localpatriot 03.01.2012
Zitat von sysopDeutschlands Großbanken sind angeblich knapp bei Kasse - doch allzu dramatisch kann der Notstand nicht sein: Tom König brachte ein Sparschwein zur örtlichen Filiale. Dort wollte man das Geld nicht haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,803269,00.html
Geld verdient Geld, Menschen im Schalterraum kosten Geld. Am Sparschwein verdient der Zweigstellenchef keinen grossen Bonus. Es gibt aber auch fortschrittliche und kundenorientierte Bankmethoden. Dort steht ein Muenzzaehlmaschine fuer Selbsbedienung und das Geld zahlt man dann auf sein Konto bei der Bank ein. Kostet nicht viel und macht dem Opa und seinen Enkeln Freude auf diese Bank zu gehen.
5. Eigenes Konto für Kleinkinder
endbenutzer 03.01.2012
Zitat von sysopDeutschlands Großbanken sind angeblich knapp bei Kasse - doch allzu dramatisch kann der Notstand nicht sein: Tom König brachte ein Sparschwein zur örtlichen Filiale. Dort wollte man das Geld nicht haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,803269,00.html
Drollige Geschichte, aber: wozu braucht ein Kleinkind ein Konto? Oder lebe ich schon wieder mal hinter dem Mond und habe nicht berücksichtigt, dass es für ein Neugeborenes – neben einer eigenen Facebook-Seite - nichts wichtigeres als eine ordentliche Bankverbindung gibt?
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König ist Kunde
Tom König leidet mit Ihnen: Er steht Schlange, hängt in der Warteschleife und erlebt jede Woche aufs Neue, was es in Deutschland heißt, Kunde zu sein. Unter dem Pseudonym Tom König berichten wir bei SPIEGEL ONLINE über die schlimmsten Servicedesaster, die unser Autor selbst erlebt hat oder die unseren Lesern widerfahren sind. Haben Sie auch eine Kundendienst-Katastrophe hinter sich? Dann schreiben Sie Tom König: warteschleife@spiegel.de.

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