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23. Februar 2013, 16:39 Uhr

Drückergeschäfte am Telefon

Anruf von 0800

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"Treuebonus", "gratis", "ohne Vertragsverlängerung": Hinter scheinbar attraktiven Mobilfunktarifen verbirgt sich oft pure Abzocke - vor allem wenn sie ein überfreundlicher Mann am Telefon in rasendem Tempo anbietet.

Die 0800-3301000 ruft schon wieder an. Ich weiß nicht, wem die Nummer gehört, aber aufgrund der Vorwahl nehme ich an, dass mir irgendwer irgendwas verkaufen will. Also lasse ich das Handy klingeln, wie bereits gestern und am Tag davor.

Man weiß nie, wann sie wieder anrufen. Es hatte Anfang des Monats begonnen, zunächst waren die Abstände groß. Dann wurden sie immer kürzer, wie bei einer wütenden Ex, die versucht, die einseitig verhängte Kontaktsperre zu durchbrechen.

Auf der Arbeit, in der Mittagspause, während der Tagesschau: Wieder und wieder drängelt sich die 0800-3301000 in mein Display.

Ach, Ihr seid's!

Ich gehe immer noch nicht ran, obwohl ich inzwischen weiß, wer da nervt. Einmal habe ich nämlich die Rückruftaste gedrückt und landete prompt in der Warteschleife der Deutschen Telekom. Dort bin ich seit Urzeiten Mobilfunkkunde.

Einige Telekom-Anrufe später dämmert mir, dass meine Sturheit nicht sehr clever ist. Ich werde vermutlich nicht von einem Menschen angerufen, sondern von einem Telefoncomputer. Und der wird nicht so schnell aufgeben, solange "Upselling Tom König: unerledigt" in der Datenbank steht - oder so etwas Ähnliches. Es ist Samstagmorgen, als ich schwach werde und abnehme. Ich bin noch etwas verschlafen und habe das Baby auf dem Arm.

"König?"

"Guten Morgen, Herr König! Hier ist die Telekom", sagt ein viel zu gut gelaunter Herr. "Wir haben ein Dankeschön für Sie, weil Sie so ein langjähriger Kunde sind!"

"Ich hatte doch angekreuzt, dass ich nicht auf dem Handy...", protestiere ich.

"Sorry! Hab ich hier nicht vermerkt. Aber wo ich Sie schon mal dran habe..."

Sabbeln, bis das Kundengehirn schmilzt

Im Folgenden werde ich Opfer einer Methode, die Profis als "Fast Talking" bezeichnen. Dabei redet der Verkäufer rasend schnell auf den Kunden ein und verwendet viele positiv besetzte Schlüsselbegriffe wie "Gratis!", "Ohne Vertragsverlängerung!" oder "Schneller Surfen zum selben Preis!".

Ich fühle mich ein bisschen wie bei einem Gespräch mit Kaa, der Schlange aus dem "Dschungelbuch". Hört sich alles total plausibel an: Ich hätte ein Minutenpaket für 60 Euro. Meine Rechnung liege aber regelmäßig über 100 Euro, sagt Kaa von der Telekom. Ich telefoniere viel zu viel für so einen Minitarif, und er könne das optimieren.

"...und schnelleres Internet mit mehr Datenvolumen kann ich Ihnen dazugeben, für den-sel-ben Preis!"

Inzwischen, und das ist der andere Effekt der Fast-Talking-Methode, bin ich nicht nur davon überzeugt, dass sein Angebot prima ist; ich möchte zudem, dass er endlich aufhört, zu reden. Ich ergebe mich! Bitte! Ich hatte erst eine Tasse Kaffee.

"...und natürlich kriegen Sie das alles schriftlich, und Sie haben ferner 14 Tage Zeit, sich das in Ruhe noch mal..."

"Ja, ja gut", höre ich mich sagen. "Dann machen wir das so."

Kaa liest mir bei eingeschaltetem Tonband vor, was ich gekauft habe, bedankt sich und legt auf. Es vergehen einige Minuten, dann beginnt mir die Sache seltsam vorzukommen.

Wenn ich nur wüsste, warum?

Treuemalus von über 500 Euro

Nach dem zweiten Kaffee rufe ich auf dem Laptop meine Handy-Rechnungen auf. Sie liegen nicht "über 100 Euro im Monat", sondern im Schnitt bei 65 Euro.

Ich schaue mir auf der Telekom-Seite an, was ich bestellt habe. Statt des Smartphonetarifs "Complete L" (59,95 Euro) besitze ich nun den "Complete XL" (99,95 Euro), ferner die 4G-Surfoption für weitere 9,95 Euro.

Betrügen meine Rechnungen um die 110 Euro, machte der Deal vielleicht sogar Sinn. Aber so, wie die Dinge liegen, steigen meine jährlichen Handy-Kosten durch das "Dankeschön"-Upgrade um 538,80 Euro.

Schönen Dank dafür!

Auch der Eindruck, man komme mir als "langjährigem Kunden" preislich entgegen, entpuppt sich als falsch. Das, was ich für die Leistungen bezahlen soll, entspricht exakt dem Listenpreis.

Per E-Mail widerrufe ich den geschlossenen Vertrag, noch bevor irgendwelche Unterlagen bei mir eintrudeln. Dennoch lässt mich die Sache traurig zurück.

Ich war doch immer loyal. Mein erstes Telekom-Handy war von Bosch, 15 Jahre lang habe ich jede Rechnung pünktlich bezahlt. Nie versuchte ich, Rabatt herauszuschinden, nie habe ich mich beschwert. Im Gegenzug bot mir die Telekom ein verlässliches Netz und ließ mich ansonsten in Ruhe.

War das nicht ein für beide Seiten zufriedenstellendes Arrangement? Warum hetzt der Bonner Konzern mir jetzt solche Typen auf den Hals, deren einziges Bestreben es zu sein scheint, mich abzukochen? Die Telekom erklärt auf Anfrage: "Die maximale Anzahl bei Telefonmarketing-Aktionen liegt bei 15 Versuchen pro Monat. Bei den Anrufen wird die Nummer immer übertragen. Der Kunde hat so die Möglichkeit zurückzurufen, um zu sagen, dass er kein Interesse an dem Angebot hat."

Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, den Handy-Anbieter zu wechseln - denn ich dachte, wir wären Kumpels. Doch nun hat ein einziger Anruf alles zerstört.

Nein, das stimmt nicht; eigentlich waren es 15 Anrufe.


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