Warteschleife Das virtuelle Handtuch

Kennen Sie die Typen, die bereits in aller Frühe sämtliche Poolliegen mit Handtüchern belegen? Schlechte Nachrichten: Dank Smartphone und Internet ist diese Art von Reservierungsfanatiker inzwischen ein flächendeckendes Ärgernis.

Towel Consumer: Ein neuer Kundentypus hat sich etabliert
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Towel Consumer: Ein neuer Kundentypus hat sich etabliert

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Dieses Jahr fahren wir nach Sankt Peter Ording. Mein Urlaubsplan lautet, drei Wochen keinen zu haben: am Strand liegen? Boccia spielen? Noch ein Eis essen? Über den Tagesablauf entscheidet ausnahmsweise kein Kalender, sondern das Lustprinzip.

Schon am ersten Tag ist das Wetter bombig. Wir gehen ans Meer. Dort möchte ich gerne einen Strandkorb mieten, doch es sind bereits alle besetzt. Als ich dies meiner Frau mitteile, nickt ein Korbinhaber in der Nähe mitfühlend.

"Schwierig in dr Hochsaison", schwäbelt er. "Mir hend vorhr online reserviert."

Strandkorb online? Ich wusste nicht, dass das geht. Aber tatsächlich gibt es eine Webseite, auf der ich meinen Korb bereits lange vor Urlaubsbeginn hätte buchen können.

Am Abend gehen wir in das Restaurant unseres Hotels. Es ist sehr schön an der Promenade gelegen, durch die Fenster kann man Dünen und Meer sehen. Leider gibt es keinen Tisch mehr - alles längst vergeben. Die Kellnerin rät mir, telefonisch oder über die Webseite des Hotels zu reservieren. Sie deutet an, viele Stammgäste täten dies bereits vor der Anreise, weil das Restaurant sehr beliebt sei.

Als ich am kommenden Morgen beim Frühstück erscheine, ist meine Frau Tanja schon da. Sie guckt säuerlich.

"Was ist?", frage ich.

"Ich wollte gerade im Wellnesszentrum eine Gesichtsbehandlung buchen. Aber für die nächsten zwei Wochen ist alles ausgebucht."

Ein neuer, nerviger Konsumententyp?

Ich höre es bereits aus der Kommentarspalte tönen: "König, alte Pausbacke! Dass es in der Hochsaison brechend voll ist, sollte keinen verwundern." Das ist korrekt, aber dennoch scheint mir, dass sich in den vergangenen Jahren ein neuer Kundentypus etabliert hat, ein Phänotyp, den man neudeutsch als towel consumer bezeichnen könnte.

Der towel consumer ist die moderne Entsprechung jenes Charakters, vor dem es britische Touristen einstmals gruselte: jener selbst im Urlaub entsetzlich effiziente Teutone, der schon um 7.30 Uhr die Sonnenliege mit dem Handtuch reserviert.

Solange solche Reservierungsfanatiker als Planungsressource lediglich einen Frotteefetzen besaßen, war alles nicht so schlimm. Dank Internet, Cloud und Smartphone steht dem towel consumer nun jedoch mehr Rechenleistung zur Verfügung als dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, und er setzt sie gnadenlos ein. Binnen Millisekunden weiß er, wer in Büsum oder Berlin die Topanbieter für Pizza, Fußmassagen oder Minigolf sind. Mit einem Wisch reserviert er auf Wochen im Voraus. Er rollt sein virtuelles Handtuch großflächig aus - lange bevor Typen wie ich überhaupt entschieden haben, wo sie hinfahren.

Wäre ich Restaurantbesitzer, versuchte ich ebenfalls, meinen Laden auf Monate rackezacke durchzubuchen. Inzwischen bieten einige Gastronomen sogar an, dass man bereits sein Menü vorab auswählt und bezahlt.

Das alles klingt wahnsinnig praktisch, vor allem für den Anbieter. Aber ist es guter Kundenservice? Ich denke nein. In Sankt Peter stellte sich bei mir eine gewisse Produktenttäuschung ein. Viele Angebote, die ich gerne in Anspruch genommen hätte, waren nicht (mehr) verfügbar. Wo ich auch hinkam, die towel consumers hatten bereits zugeschlagen.

Kontingente für Spontankonsumenten wären vielleicht eine Lösung, scheinen aber eher selten zu sein. Alles richtet sich auf die Handtuchfraktion aus, was aus betriebswirtschaftlicher Sicht leider logisch ist.

Postskriptum: Als wir aus dem Urlaub zurückkehren, ist unser Kühlschrank leer. Deshalb bestellen wir bei Münchens laut Onlinerating bestem indischen Lieferservice. Ab 17 Uhr kann man dort sonntags anrufen, um 17.02 Uhr gebe ich meine Bestellung auf. Zwei Stunden später ist das Essen immer noch nicht da. "Viel los heute", sagt der Mann vom Bringdienst auf Nachfrage.

Irgendwie bin ich mir ziemlich sicher, dass es wieder einmal an den towel consumers liegt. Die haben ihr Chicken Vindaloo via Lieferando-App vermutlich bereits beim Frühstück vorbestellt.

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de.



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
sogos 07.09.2015
1. Noe
finde ich nicht. Das Problem mit den Handtuchreservierern ist nicht, dass diese vorher da waren, sondern, dass haeufig etwas reserviert wird, aber nicht genutzt wird. Also das Handotuch liegt Ort von 7-7, der Handtuchinhaber liegt dort aber nur 2 Stunden. Wenn er dort 12 Stunden liegen wuerde ginge es doch in Ordnung. Beim Internetreservieren von bspw. eine Gesichtsbehandlung kann man davon ausgehen, dass der "Reservierer" dort tatsaechlich auftaucht oder der Platz anderweitig freigegeben wird. Mehr Plaetze wird es nicht geben, aber immerhin ist es fair und nicht wenige blockieren die Restlichen...
Wiedereinaussteiger 07.09.2015
2.
Vielleicht merken die Apps-Bereithalter irgendwann, dass diese Jahre-Vorweg-Revier-Reservier-Spezialisten dann zu 78% nicht kommen. ...
Crom 07.09.2015
3.
Zitat von WiedereinaussteigerVielleicht merken die Apps-Bereithalter irgendwann, dass diese Jahre-Vorweg-Revier-Reservier-Spezialisten dann zu 78% nicht kommen. ...
Dann kann man die Plätze ja immer noch kurzfristig freigeben für Spontannutzer.
Airkraft 07.09.2015
4. Ist doch nett sehr nett,...
Ist doch sehr nett, wenn andere Urlauber einem schon mal ein Handtuch auf die Liege legen. Da braucht man eben kein eigenes Handtuch mehr mitzubringen ;-)
chrisberg 07.09.2015
5. Anschlag
Beim Videobeispiel hilft nur eins: Sportschuhe an, unerkannt durch die Lobby schleichen, ev. Maske auf und dann ab in den Pool! Die Handtücher natürlich?
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