Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Warteschleife: "Wo du wolle?"

In einer sauberen Limousine von einem höflichen Fahrer souverän zum Ziel gebracht werden - das ist ein Wunsch, der jedoch nur wenig mit der hässlichen Taxi-Wirklichkeit in Deutschland zu tun hat. Nach zahllosen Irrfahrten in ranzigen Rostlauben ist Tom König versucht, auf die U-Bahn umzusteigen.

Taxistand: "Sie können mir den Weg aber schon beschreiben?" Zur Großansicht
dapd

Taxistand: "Sie können mir den Weg aber schon beschreiben?"

Zweimal in der Woche nehme ich an der deutschen Taxilotterie teil. Jedes Mal, wenn ich in eines dieser cremefarbenen Autos steige, dann rollt die Kugel. Man weiß nie, was einen erwartet.

Eigentlich sollte eine Taxitour keinerlei Überraschungen bergen, sondern folgendermaßen ablaufen: Man steigt in eine Mercedes E-Klasse, deklariert sein Ziel und wird zügig hingebracht. Stattdessen ist Taxifahren ein Vabanquespiel, bei dem man eigentlich nur verlieren kann.

Als ich am Hamburger Bahnhof den Wagen am Anfang der Schlange sehe, möchte ich am liebsten kehrt machen. Der 20 Jahre alte Mercedes hat mehrere Rostflecken von der Größe eines Platztellers, ferner unzählige Schrammen, die beredt Zeugnis vom nonchalanten Fahrstil seines Besitzers ablegen.

Die Frau, die sich nach mehrmaligem Scheibenklopfen aus dem Benz quält, muss an die siebzig sein. Sie trägt abgeschnittene Jeans und einen arg angeschmuddelten Biedermeier-Strohhut. Mein Fahrziel ist ihr unbekannt. "Sie können mir den Weg aber schon beschreiben?", fragt sie vorwurfsvoll.

Ortskundig wie ein betrunkener Tourist

Ich könnte, aber eigentlich will ich nicht. Genausowenig wie ich meinem Gärtner erklären möchte, wie der Rasen zu mähen ist, will ich für eine Taxifahrerin namens Gerda (das steht auf ihrer Plakette) den Fremdenführer spielen.

Gerda beginnt gen Osten zu fahren, obwohl wir zum westlichen Stadtrand wollen. Deshalb tue ich Ihr dann doch den Gefallen und gebe hilfreiche Tipps wie "nach Pinneberg geht es da lang". An der Autobahnauffahrt ist sie unsicher, ob wir die Nord- oder die Südrichtung nehmen sollten. "Wo würden Sie denn jetzt?"

Irgendwann einmal lautete das Taxi-Produktversprechen: Du musst nicht mit der ungewaschenen Plebs in der U-Bahn sitzen. Stattdessen kaufst du dir eine halbe Stunde gepflegte, klimatisierte Ruhe. Heute bin ich froh, wenn Taxifahrer und Gefährt nicht genauso schmuddelig sind wie die Tram zum Oktoberfest.

In den vergangen Wochen erlebte ich:

  • einen Chauffeur, der zunächst mehrere leere Bierflaschen aus dem Hinterraum entfernen musste.
  • einen, der sich vor dem Aussteigen erstmal die offene Hose zugürtete.
  • einen, der darum bat, die Gepäckstücke mit in den Fond zu nehmen, er habe "hinten Sperrmüll drin".
  • einen, der Rahlstedt nicht kannte - Hamburgs größten Stadteil.

Fernerhin allerlei verranzte Fahrzeuge - rostig, schmuddlig, nach kaltem Rauch stinkend. Und immer weniger Taxis sind Oberklasse-Limousinen. Aus unerfindlichen Gründen bevorzugen viele Taxler neuerdings die Familienkutsche VW Touran. Dessen Fond ist jedoch für Sechsjährige konzipiert, sodass man sitzt wie auf dem Schleifstein.

Gerda ruckelt inzwischen die Kieler Straße hinunter. Ich versuche, diese Horrorfahrt positiv zu sehen. Wenigstens, denke ich, sülzt sie mich nicht voll. Doch dann erspäht sie im Fahrzeug neben uns eine vermutlich aus der Türkei stammende Frau mit Kopftuch.

Am Airport stehen nur Galgenvögel

Bevor ich Gerda bremsen kann, beginnt sie, mir ihre Meinung über die Defizite bundesdeutscher Integrationspolitik darzulegen. Ein interessantes Thema - aber nicht, wenn es mir von jemandem aufbereitet wird, der seine Kenntnisse ausschließlich aus der Boulevardpresse hat. Überhaupt: Wer nicht einmal die vier Himmelsrichtungen auseinanderhalten kann, sollte beim Thema Migration lieber die Klappe halten.

Ich bin natürlich selber schuld. Warum hatte ich keinen Wagen vorbestellt? Der größte Seuchenherd des Taxi-Biotops, man weiß das, sind Flughäfen und Bahnhöfe. Mit Taxlern ist es nämlich so: Es gibt Top-Leute, gutes Mittelmaß und Fischfutter. Die besseren Fahrer arbeiten entweder bei großen Unternehmen wie Hansataxi oder sie haben einen festen Kundenstamm. Am Airport stehen häufig nur jene Galgenvögel, die anderswo keine Fuhre bekommen.

Der ADAC fordert deshalb seit Jahren Servicestandards, bisher ohne Erfolg. Als die Stadt Berlin am Flughafen Tegel vor zwei Jahren Qualitätskontrollen durchsetzen wollte, rebellierten die Fahrer.

Deshalb gilt nach wie vor: Orts- und Sprachkenntnisse ("Wo du wolle?") sind ebenso Glücksache wie Sauberkeit und Manieren.

Es gibt noch Hoffnung

Und das Problem wird von Jahr zu Jahr drängender. Gerda ist dafür der beste Beweis. Als sie zum zweiten Mal binnen Minuten falsch abbiegt, frage ich: "Sie fahren wohl noch nicht so lange, was?"

"Doch, seit Jahrzehnten", entgegnet sie. "Aber heute habe ich sehr lange in einem Roman gelesen." Ich müsste jetzt wohl nachhaken, inwiefern die Lektüre von Konsalik das Fahrverhalten beeinträchtigt - oder ob "Roman" vielleicht Taxlercode für Weizenkorn ist. Aber ich lasse es lieber.

Es gibt ein bisschen Hoffnung, dass irgendwann alles besser wird. Denn seit Kurzem gibt es Mobiltelefon-Apps wie MyTaxi. Mit ihnen darf man Taxler bewerten. Bevor man einen Wagen bestellt, kann man sich zudem ein Foto des Fahrers und sein Durchschnittsrating angucken.

Bei Gerda hätte ich das Rating gar nicht gebraucht, das Foto hätte gereicht. Fahrern mit Hut ist einfach nicht zu trauen.

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de

In einer ersten Version dieses Textes fand sich eine satirisch übertriebene Formulierung über Taxifahrer, die am Flughafen ihre Dienste anbieten. Für diese Aussage hat der Presserat eine Missbilligung ausgesprochen, die Formulierung sei als diskriminierend zu verstehen, heißt es in der Begründung. Diesen Eindruck wollten wir durch den Beitrag natürlich nicht erzeugen und haben daher die Passage geändert.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 217 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Drittweltland!
RuleBritannia, 02.05.2011
Zitat von sysopIn einer sauberen Limousine von einem höflichen Fahrer souverän zum Ziel gebracht werden - das ist ein Wunsch, der jedoch nur wenig mit der hässlichen Taxi-Wirklichkeit in Deutschland zu tun hat. Nach zahllosen Irrfahrten in ranzigen Rostlauben ist Tom König versucht, auf die U-Bahn umzusteigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,759590,00.html
Wie tief Deutschalnd gefallen ist! In London muessen Taxifahrer saemtliche Strassen Londons auswendig kennen before sich hinter dem Steuer eines Londoner Taxis seztsen duerfen! Und unsere Taxen sind auch zweckmaessig geabaut, es passen immer 5 passgieren, Koffer finden praktisch Platzt vorne links beim Fahrer, einfach vom Gehweg einzuladen und sind Behindertengerecht und haben sogar Rollstuhlrampen, damit man mit Rollstuhl ins Auto 'fahren' kann. Mercedes Autos, hier in England salopp als 'Nazi-taxi' beaknnt) sind als Taxen nicht zu gebrauchen!
2. Schmutzige Tram?
xees-s 02.05.2011
"nicht genauso schmuddelig sind wie die Tram zum Oktoberfest." Der Autor ist wohl noch nie, nüchtern, mit der Tram in München gefahren. Denn die Fahrzeuge der öffentlichen in München sind wie geschleckt gegenüber anderen Städten. Man könnte fast vom Boden Essen. Fahren Sie mal in Berlin, Paris, London oder Wien: Da können sie das Sagrotan Fläschchen gleich mitnehmen. Beim Taxi ist keiner gezwungen in das 1. Einzusteigen. Und bei den Konditionen ist ein Mercedes nicht immer drin. Früher fuhren sogar Ladas Taxi, dann lieber einen VW.
3. Arroganz
hurgelwurg, 02.05.2011
Zitat von sysopIn einer sauberen Limousine von einem höflichen Fahrer souverän zum Ziel gebracht werden - das ist ein Wunsch, der jedoch nur wenig mit der hässlichen Taxi-Wirklichkeit in Deutschland zu tun hat. Nach zahllosen Irrfahrten in ranzigen Rostlauben ist Tom König versucht, auf die U-Bahn umzusteigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,759590,00.html
Ist doch süß wie jemand der sich zu fein ist die U-Bahn zu nehmen, einer Taxifahrerin die 8+ Stunden in der Stadt unterwegs ist, auch an Wochenenden und Nachts, vorwirft ihre Meinung nur aus der Bild Zeitung zu beziehen. Was die sonstige Kritik am Taxitum angeht, kann ich nur zustimmen.
4. Klaustrophobie
Mehrleser 02.05.2011
Soso, da durfte der feine Herr einmal nicht im Fond einer gewienerten Platz nehmen und schon bricht die "Taxi-Wirklichkeit in Deutschland" zusammen. Klassischer Fall von Bin-nicht-wie-SPON-Redakteur-hoffiert-worden und schon muß ein Beitrag über das persönlich erlittene Elend geschrieben werden. Wobei man am Hamburger Flughafen in der Tat "Glück" haben kann. Aufgrund eigener Taxi-Kundenerfahrung frage ich mich jedoch, wie Königs Bewertung des Platzangebotes im Touran-Fond zustande gekommen ist. Leider der Herr über markengebundene Klaustrophobie und/oder erheblicher Korpulenz? Auf der Beifahrerseite sitzt man sowohl vorn als hinten recht kommod, es sei denn, ein großer Mitfahrer hat den Vordersitz ganz nach hinten geschoben. Aber dann ergeht es einem in der E-Klasse auch nicht besser.
5. So ist sie...
sappelkopp 02.05.2011
...die Taxiwirklichkeit. Das kann ich bestätigen. Ich habe mir mittlerweile angewöhnt, nicht wie in Deutschland üblich, dass erste Taxi in der Reihe zu nehmen, immer dann, wenn mir das Gefährt nicht gefällt. Das gibt manchmal den Versuch von Diskussionen, aber ich diskutiere nicht, ich gehe zum nächsten Taxi. Wer klaglos in solche Kisten einsteigt, hat selbst Schuld. Man kann auch während der Fahrt aussteigen und ein neues rufen, das habe ich alles schon gemacht. "Fahren Sie mal bitte da an den Taxenstand!" Die Macht hat der Verbraucher, er muss sie nur nutzen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



König ist Kunde
Tom König leidet mit Ihnen: Er steht Schlange, hängt in der Warteschleife und erlebt jede Woche aufs Neue, was es in Deutschland heißt, Kunde zu sein. Unter dem Pseudonym Tom König berichten wir bei SPIEGEL ONLINE über die schlimmsten Servicedesaster, die unser Autor selbst erlebt hat oder die unseren Lesern widerfahren sind. Haben Sie auch eine Kundendienst-Katastrophe hinter sich? Dann schreiben Sie Tom König: warteschleife@spiegel.de.

Facebook

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: