Boom des Bausparens: Die Nivea-Creme unter den Geldanlagen

Von Christian Kirchner

Der Verkauf von Bausparverträgen brummt wie nie zuvor, 6000 werden pro Tag abgeschlossen. Dabei ist keine Sparform so schwer zu durchschauen wie diese. Auf den Spuren eines deutschen Geldanlage-Kuriosums.

Bau eines Einfamilienhauses: Nicht immer sind Bausparverträge die beste Wahl Zur Großansicht
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Bau eines Einfamilienhauses: Nicht immer sind Bausparverträge die beste Wahl

In diesem Land ist die finanzielle Allgemeinbildung mies, das Misstrauen gegenüber Banken und Beratern groß und der Argwohn gegenüber schwer verständlichen Finanzprodukten noch größer.

Wie passt das zusammen mit der Tatsache, dass sich ausgerechnet Bausparverträge eines ungebrochenen Zuspruchs erfreuen? Wieso vermelden Bausparkassen wie Wüstenrot und LBS Rekordergebnisse? Woher kommt der Boom von rund 26 Millionen Bausparern mit rund 800 Milliarden Euro abgeschlossener Bausparsumme - das ist in etwa die Marktkapitalisierung aller 30 DAX-Werte - sowie jährlich über zwei Millionen Neuverträgen?

Klar, die eigenen vier Wände sind bei der Geldanlage momentan der Renner. Aber warum sehen die deutschen als Königsweg zur eigenen Immobilie ausgerechnet den Bausparvertrag? Dass unter den notorisch misstrauischen deutschen Anlegern derzeit ausgerechnet ein Produkt floriert, bei dem Anbieter bis heute weder für Spar- noch für Darlehenszinsen effektive Zinssätze ausweisen müssen, entbehrt in einem Land von meist notorisch misstrauischen Anlegern nicht einer gewissen Komik.

Für die Popularität des Bausparens gibt es - neben den Niedrigzinsen und der Popularität von Eigenheimen zur Altersvorsorge - vor allem drei Gründe.

Der erste: Die Bausparerei ist so etwas wie die Nivea-Creme unter den Anlageformen. Keiner weiß genau, was drin ist, aber geschadet hat sie bislang kaum jemandem.

Der zweite Grund ist das Umfeld verunsicherter und von Verlustängsten geplagten Anleger. Das belegen zumindest die in der vergangenen Woche von der Bundesbank veröffentlichten Daten zum Geldvermögen privater Haushalte im dritten Quartal 2012, laut denen inzwischen aus fast allen Anlageformen - Aktien, Anleihen, Fonds, aber auch Sparbriefen und Termingeldern - unter dem Strich Mittel abfließen. Zuflüsse gibt es nur noch in dramatischem Umfang bei unverzinsten Bar- und Sichteinlagen und, erheblich schwächer, bei Versicherungen.

Bausparverträge als kleinster gemeinsamer Nenner

Und eben mit zunehmender Tendenz bei Bausparverträgen. Weil sich immer weniger Menschen in Sachen Geldanlage überhaupt mit etwas genauer beschäftigen wollen, fallen Entscheidungen, wenn überhaupt, meist aus dem Bauch. Da zieht dann der Nivea-Effekt, der unter dem Strich für im Schnitt 6000 neue Bausparverträge Tag für Tag sorgt.

Der dritte Grund: Bausparverträge sind inzwischen der einfachste Ausweg für von Regulierung und Vertriebsdruck geplagte Anlageberater. Einen Bausparvertrag kann ein Berater - anders als Aktien, Fonds, Zertifikate und Versicherungen - meist ohne den Aufwand und die Haftungsrisiken eines Beratungsprotokolls verkaufen, wie es für die Anlageberatung seit 2010 vorgeschrieben ist.

Da trifft es sich gut, dass die fälligen Abschlussgebühren praktischerweise erstens meist gleich mit den ersten Raten des Kunden entrichtet werden, sich zweitens nach der Höhe der Bausparsumme richten und, drittens, jahrelang kaum Folgeaufwand erfordern.

Nun darf man Bausparverträge nicht per se verteufeln. Bei Investmentfonds und Versicherungen sind noch weit aggressivere Gebührenmodelle üblich, und für Sparer mit fester Bau-, Kauf- oder Modernisierungsabsicht in einigen Jahren ist ein Bausparvertrag in Zeiten extrem niedriger Zinsen ein gutes Modell.

Bausparverträge sind komplexe Produkte

Aber eben auch nur für die. Problematisch wird es, wenn ein Bausparvertrag als eine Art Allzweckwaffe für die Geldanlage eingesetzt werden soll. Denn Bausparverträge sind - anders, als die Anbieter suggerieren - recht komplexe Produkte:

  • Viele Bausparer machen den Fehler, sich ausschließlich an den optisch niedrigen Darlehenszinsen eines Bausparvertrags zu orientieren, über die die Anbieter meist auch ihre Marketingschlachten führen. Mancher Anbieter - darunter etwa die Deutsche Bank - weist hier für einige ihre Bauspartarife gar nur ein Prozent Sollzinsen pro Jahr aus. Dabei sagt diese Ziffer wenig aus: Die niedrigen Darlehenszinsen werden aktuell durch einen jahrelangen realen Kapitalverlust in der Ansparphase erkauft. Hinzu kommen mögliche Abschluss-, Konto- und Zuteilungsgebühren sowie Wartezeiten. Zudem hat der Gesetzgeber vor der Komplexität der Tarife und Gebühren von vorneherein kapituliert: Einen Zwang, den Zins effektiv auszuweisen, gibt es für Bausparkassen weder bei den Guthabens- noch den Darlehenszinsen.
  • Die fällige Abschlussgebühr frisst meist die Zinsen über Jahre auf, da sie auf die gesamte Bausparsumme fällig ist, aber das Vermögen erst langsam wächst. Ein Rechenbeispiel: Bei Abschluss eines Bausparvertrags über 50.000 Euro, einer monatlichen Bausparsumme von 200 Euro und je einem Prozent Guthabenzins und Abschlussprovision zehrt die anfänglich fällige Gebühr von 500 Euro die Zinserträge aller Einzahlungen der ersten knapp sieben Jahre auf.
  • Mit Bausparverträgen sichern sich Sparer ein fixes Zinsniveau für das Darlehen über die komplette Laufzeit. Das schafft zwar Planungssicherheit. Doch die bieten auch klassische Darlehen, die inzwischen mit bis zu 20-jähriger Zinsbindung vergeben werden. Ob ein Bausparvertrag die bessere Alternative zum Ansparen von Eigenkapital und einem anschließenden Darlehen ist, wissen Anleger erst hinterher. Gute Berater können den sogenannten Grenzzins genau ausrechnen: Er beziffert die Höhe, auf die die klassischen Bauzinsen mindestens künftig steigen müssen, damit der heutige Abschluss eines Bausparvertrags finanzielle Vorteile gegenüber einer klassischen Finanzierung bietet.
  • Berater mögen möglichst hohe Bausparsummen, denn höhere Summen bedeuten höhere Provisionen. Viele Anleger mögen sie auch, glauben sie doch, sich niedrige Zinsen für eine möglichst hohe Bausparsumme sichern zu müssen. Die cleverere Lösung: Lieber eine moderate Bausparsumme wählen und sie bei Bedarf erhöhen. Die Gelegenheit kommt sicher. Das telefonische und schriftliche Drängeln auf Erhöhen der Bausparsumme oder gar einen neuen Abschluss wegen angeblich neuer Rahmenbedingungen gehört zum üblichen Handwerkszeug der Berater und Vermittler von Bausparverträgen.
  • Anleger neigen intuitiv dazu, Bausparverträge anhand der nominalen Guthaben- oder Darlehenszinsen untereinander zu vergleichen - ein Fehler. Auch Online-Rechner bieten, anders als bei Spar- und Kreditvergleichen, nur eine grobe Orientierung. Nivea-Creme hat 21 Inhaltsstoffe - und ein Bausparvertrag ungefähr die gleiche Anzahl an relevanten Kennziffern: etwa von Anbieter zu Anbieter unterschiedliche Gebührenmodelle wie Abschluss-, Konto- oder Zuteilungsgebühren. Auch die Zinsberechnung bietet Spielräume für Tricksereien - etwa, indem Guthabenszinsen in der Ansparphase und die Darlehenszinsen in der Tilgungsphase in unterschiedlichen Frequenzen gutgeschrieben beziehungsweise errechnet werden.

Das wohlig-warme Gefühl, vielleicht nicht alles richtig, aber am Ende bestimmt auch wenig falsch zu machen, gibt es bei Bausparverträgen nicht umsonst. Wenn das Darlehen doch nicht gebraucht oder der Vertrag gekündigt wird, verursacht der Bausparvertrag reale Vermögensverluste und ist dennoch nicht zwingend von Vorteil gegenüber dem klassischen Modell: erst das Eigenkapital ansparen, dann den Immobilienkredit aufnehmen.

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insgesamt 104 Beiträge
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    Seite 1    
1. Nicht soo schwer, die Realverzinsung auszurechnen
Otoshi 10.02.2013
Wer sich aber nur auf den Berater verlaesst, zahlt eben drauf. Thats life.
2. Bausparverträge
Inuk 10.02.2013
In Bausparverträgen einzuzahlen halte ich für wenig sinnvoll. Sinken die Zinsen, steigen die Grundstück- und Immobilienpreise und das über Jahre angesparte Guthaben wird aufgefressen. Wird eine Ehe geschieden, wird die Immobilie oft, egal ob bezahlt oder nicht, meist mit Verlust abgestoßen. Wer beruflich flexibel ist, kann sich oft keine Investition in die eigenen vier Wände leisten. Bausparen ist meinen Augen eine veraltete Anlageform, denn Wohneigentum vermischt mit Altersvorsorge kann sich als Schuldenfalle erweisen. Ich schlage vor Genossenschaftswohnungen zu fördern.
3. Recht netter Vergleich...
CharlieSpleen 10.02.2013
...mit der Nivea-Creme. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen täglich auf sog. Berater ihrer Banken reinfallen. Aktuelles Modell der LBS im Nordosten: jungen Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen viel zu hohe Riester-Bausparer verkaufen. Dabei liegen die Zinsen bis zur Zuteilungsreife bei maximal 2,5% abzgl. der Provision und in der Darlehensphase bei 5,85 - 6,95%. Da bekommt man heute schon bessere Zinskonditionen mit 10jähriger Bindung. Wer geschickt ist, verhandelt anschließend oder schuldet um. Wozu sich dann noch von der LBS verarschen lassen?
4. Und es gibt noch mehr Kosten...
danyffm 10.02.2013
und wenn es nur die (zuvor kostenlos zugesandte) Hauszeitung ist, die dem Sparer in Rechnung gestellt wird. Es gibt bessere Wege sich das Eigenkapital für Haus- bzw. Wohnungskaufs anzusparen.
5.
chip01 10.02.2013
Ich mag nivea nicht
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Zum Autor
  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.