Aufruf zum Ladendiebstahl Klauen für die Menschlichkeit

Schokolade, Bananen, Orangensaft: Viele Lebensmittel werden unter zweifelhaften Bedingungen hergestellt. Jetzt provozieren Aktivisten mit dem Aufruf, die Waren im Laden zu stehlen - und das gesparte Geld an die Produzenten zu spenden.

Motiv der Peng-Kampagne
Peng!Kollektiv

Motiv der Peng-Kampagne

Von und


Die Bananen sehen gut aus, die Orangen auch. Doch unter günstigen Preisen stehen hässliche Zusätze. "inkl. Löhne unterhalb des Existenzminimums" und "inkl. moderne Sklavenhaltung". Bei dem Anblick platzt einem jungen Kunden im Supermarkt der Kragen. "Das ist nicht fair", ruft er - das Stichwort für den Auftritt der Heldin. Im schwarzen Kostüm mit Waschbären-Logo tanzt sie durch die Gänge, lässt allerlei Waren in ihrer Tasche verschwinden und erklärt dem verdutzten Kassierer schließlich lächelnd: "Ich klau nicht. Ich zahl nur an die Richtigen."

Szenen aus einem ungewöhnlichen Werbespot, der am Mittwochabend veröffentlicht wird. Mit dem Slogan "Deutschland geht klauen" ruft er zum Diebstahl bei den Lebensmittelhändlern Edeka, Rewe, Lidl und Aldi auf, die rund 80 Prozent des Marktes abdecken. Das nicht bezahlte Geld sollen die Diebe über eine Internetseite direkt an Gewerkschaften spenden, die Produzenten der Lebensmittel vertreten. Begründung: Wenn Discounter und Supermärkte nicht selbst für faire Löhne sorgen, müssen es die Konsumenten tun.

Hinter dem Aufruf zur Selbstjustiz steht das Berliner Künstlerkollektiv "Peng!", das sich auf provokante Aktionen spezialisiert hat. Peng-Vertreter warben schon als falsche Mitarbeiter von Google und Shell für zweifelhafte Produkte, gründeten ein Aussteigerprogramm für Geheimdienstmitarbeiter und gaben Tipps zum Schmuggel von Flüchtlingen. Die Klau-Kampagne aber gehe einen Schritt weiter, sagt Sprecher Gil Schneider, der eigentlich anders heißt. "Wir haben uns noch nie so weit aus dem Fenster gelehnt." Zu weit?

Auf Gegenwehr sind die Aktivisten jedenfalls eingestellt. Für mögliche Auseinandersetzungen mit den Handelskonzernen stehen gleich drei Peng-Anwältinnen bereit. Den Aufruf zum Rechtsbruch dürften sie mit dem Argument zu rechtfertigen versuchen, dass Politik und Unternehmen selbst die Menschenrechte nicht ausreichend schützen, trotz gegenteiliger Behauptungen - eine eher gewagte juristische Einschätzung.

Ein schwammiger Regierungsplan

Derzeit wirbt das Bundesarbeitsministerium mit einer gut zwei Millionen Euro teuren Kampagne für den "Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte" (NAP). Er soll dafür sorgen, dass deutsche Unternehmen auch bei Lieferanten auf existenzsichernde Löhne, Arbeitsschutz oder Versammlungsfreiheit achten.

Doch der Aktionsplan, vor zwei Jahren in Kraft getreten, beschreibt lediglich eine freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft und ist voll schwammiger Formulierungen. Vor einer gesetzlichen Prüfpflicht, wie es sie in Frankreich gibt, schreckte die Regierung zurück. Das könnte auch daran liegen, dass Vertreter von Siemens und den Arbeitgeberverbänden am Plan mitgearbeitet haben.

Als SPIEGEL ONLINE in den vergangenen Tagen bei deutschen Lebensmittelhändlern und Branchenverbänden nach der Umsetzung des NAP fragte, wurde viel Beruhigendes geantwortet. Aldi Nord und Süd "achten selbstverständlich darauf, dass die internationalen Menschenrechte eingehalten werden". Rewe "begrüßt" zusammen mit anderen Unternehmen die Verabschiedung des Aktionsplans. Und Lidl lehnt "grundsätzlich jegliche Form von Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen bei der Herstellung seiner Ware" ab.

Das allerdings bestreitet Jorge Acosta entschieden. "Lidl sagt, dass sie eine Banane verkaufen, bei der die Rechte der Produzenten respektiert werden", sagt der Ecuadorianer. "Und das ist eine Lüge."

Acosta flog Pestizidflugzeuge über Bananenplantagen, bevor er zum Schutz der dort beschäftigten Arbeiter die Gewerkschaft Astac gründete. Vor knapp zwei Jahren war er in Deutschland und berichtete SPIEGEL ONLINE von Missständen auf den Plantagen, für die er auch den Preisdruck der Lebensmittelhändler verantwortlich macht. Er sprach von Arbeitern, die giftigen Spritzmitteln ausgesetzt sind, denen keine existenzsichernden Löhne gezahlt werden und die sich nicht in Gewerkschaften organisieren dürfen. Auch mit Vertretern von Lidl traf er sich damals, einem der wichtigsten Abnehmer der Früchte.

Heute zeigt sich Acosta desillusioniert. "Lidl will die Probleme nicht lösen", sagt er. Er glaubt, der deutsche Discounter interessiere sich nicht für die Situation vor Ort, auf Briefe habe Lidl nicht geantwortet. Acosta muss mit den Problemen alleine klarkommen: Die ecuadorianische Regierung habe Astac bis heute nicht anerkannt, sagt er, Gewerkschafter seien Repressalien bis hin zu Todesdrohungen ausgesetzt.

Nun aber könnte Acostas Gewerkschaft zu den Profiteuren gehören, wenn durch den Peng-Appell tatsächlich Spenden zusammenkommen. Was hält er von der Aktion? "Wir begrüßen ihre solidarische Gesinnung", sagt Acosta über Peng. Aber: "Wir können nicht aktiv an ihrer Kampagne teilnehmen."

Ist Arbeitern im Ausland tatsächlich durch Ladendiebstahl in Deutschland geholfen? Oder diskreditiert der Aufruf eher den Kampf für faire Produktionsbedingungen?

Geführt wird der nicht nur im Bananenanbau. Immer wieder enthüllen Nichtregierungsorganisationen und Journalisten weltweit Menschenrechtsverletzungen.

Das sind nur einige Beispiele. Und die Produkte werden in langen Lieferketten auch von deutschen Unternehmen verarbeitet und sie landen in deutschen Supermärkten und Discountern.

"Menschenrechte sind nicht verhandelbar"

Theoretisch können Verbraucher das Elend im Anbau verhindern, indem sie nur Produkte mit Öko- oder Fair-Trade-Siegeln kaufen. Doch die Zertifizierungsprozesse erweisen sich immer wieder als mangelhaft. Peng-Aktivist Schneider hält es ohnehin für falsch, dem Verbraucher die Verantwortung für die Produktauswahl zu übertragen. "Konsumenten werden jeden Tag gezwungen, die Menschenrechte zu verhandeln", sagt er. "Aber Menschenrechte sind per se nicht verhandelbar."

Doch können deutsche Firmen die Rechte überhaupt im Ausland durchsetzen? "Den größten Einfluss haben Unternehmen an ihrem eigenen Standort", bremst die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie die Erwartungen. Zugleich verweist sie auf Leitprinzipien der Vereinten Nationen. "Demnach obliegt die Pflicht zum Schutz der Menschenrechte dem Staat."

Auf den aber kann sich ein Gewerkschafter wie Acosta nicht verlassen. Der aktuelle Arbeitsminister von Ecuador sei Sohn eines Bananen-Exporteurs, erzählt er. "Für die Bananenarbeiter ist es sehr schwierig, ihre Rechte einzuklagen."

Wie sich so eine Lage anfühlt, können Teilnehmer der Klau-Aktion laut Peng-Sprecher Schneider am eigenen Leib erfahren. "Es geht auch darum, den Rechtsrahmen zu verlassen, weil wir es selten erleben, ohne Schutz und Privilegien zu sein."

Aber geht man bei Peng wirklich davon aus, dass sie die Deutschen vom kollektiven Ladendiebstahl begeistern können? Freuen würde es die Aktivisten wohl. Aber intern geht man vermutlich eher davon aus, dass so mancher auf die Grenzerfahrung verzichtet - und einfach so spendet.

Zusammengefasst: Das Künstlerkollektiv Peng! ruft in einer Kampagne dazu auf, bestimmte Lebensmittel zu klauen und stattdessen direkt an die Produzenten zu spenden. Die Aktivisten wollen darauf aufmerksam machen, dass es bei der Herstellung vieler Waren in Supermärkten zu Menschenrechtsverletzungen kommt. Ein nationaler Aktionsplan soll das eigentlich verhindern, setzt aber allein auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft.

insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Prinzen Paule 28.02.2018
1. Unglaublich und doch vielleicht gut ?
Als ich die Überschrift lesen habe dachte ich mir was für ein Blödsinn. Als ich dann den Hintergrund gelesen und verstanden habe dachte ich mir eigentlich haben Sie recht! Bei den Missmanagement in unserem Land ist es auch schon egal was strafrechtlich passiert ...
archivdoktor 28.02.2018
2. Echt?
WOW, auf so etwas muss man erst kommen.......Und wer garantiert, dass die Bananen-Klauer das Geld an z.B. Herrn Acostas Gewerkschaft spenden? Vielleicht möchten diese Peng-"Künstler" einfach nur "günstige" Bananen essen.....
keine Zensur nötig 28.02.2018
3. Diskutieren?
Garnicht nötig - das ist der offene Aufruf zu Straftaten. Bitte sperrt endlich die Rechtstaatsverächter ein, nicht dass bei denen mal Artikel 20 Abs. 4 zur Anwendung kommt. Mit Kunst hat das nichts zu tun, das ist pussy riot Niveau. Noch haben wir - wenigstens partiell - einen Rechtsstaat. Und werd diesen frontal angeht - verdient eine Erinnerung. Schönes Foto - Pelzmantel an und Bananen klauen - da weiss man was den " Künstlern" fehlt, einfach mal als Putze arbeiten und aufstocken.
sincere 28.02.2018
4. Ernstes Anliegen, lächerlich umgesetzt
Es entsteht hier schon sehr der Eindruck, man würde dieses Anliegen als Mittel zum Zweck der eigenen Selbstdarstellerei nutzen..deshalb: 0 Annerkennung von mir.
keine Zensur nötig 28.02.2018
5. Diskutieren?
Garnicht nötig - das ist der offene Aufruf zu Straftaten. Bitte sperrt endlich die Rechtstaatsverächter ein, nicht dass bei denen mal Artikel 20 Abs. 4 zur Anwendung kommt. Mit Kunst hat das nichts zu tun, das ist pussy riot Niveau. Noch haben wir - wenigstens partiell - einen Rechtsstaat. Und werd diesen frontal angeht - verdient eine Erinnerung. Schönes Foto - Pelzmantel an und Bananen klauen - da weiss man was den " Künstlern" fehlt, einfach mal als Putze arbeiten und aufstocken.
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