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Anlegerfalle Mittelstandsanleihe : Gefühl und Verführung

Von Christian Kirchner

Vertraute Namen, greifbare Produkte: Deutsche Anleger lieben Mittelstandsanleihen. Daran ändern auch die vielen Pleiten in diesem Segment nichts. Eine verhängnisvolle Affäre, deren böses Ende ab 2015 folgen wird.

Strenesse-Models: Bekannter Name, schlechte finanzielle Verfassung Zur Großansicht
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Strenesse-Models: Bekannter Name, schlechte finanzielle Verfassung

Im Markt für Anleihen herrscht der Ausnahmezustand. Ultraniedrige Leitzinsen und enorme Mengen Liquidität sorgen dafür, dass Unternehmen ihre Schuldscheine aus den Händen gerissen werden, weil Investoren auf der Suche nach halbwegs ordentlich verzinsten Anlagen sind.

Die Hatz nach Rendite lässt auch das Segment der sogenannten "Mittelstandsanleihen" erblühen: kleinere Unternehmen, die mit meist hohen einstelligen Zinsen um das Geld der Anleger buhlen. In den vergangenen vier Jahren haben etwa 150 mittelständische deutsche Unternehmen - von A wie Air Berlin bis Z wie Zamek - insgesamt rund sechs Milliarden Euro vor allem bei Privatanlegern eingesammelt.

Wieso sind so viele Anleger scharf auf die Mittelstandsanleihen?

Von denen dürften viele ihr Geld nicht wiedersehen. Denn das Segment verzeichnet bereits mehr als ein Dutzend Pleiten - zuletzt ging Ende Februar der Nahrungsmittelkonzern Zamek in die Insolvenz, der sich in den letzten zwei Jahren rund 45 Millionen bei Anlegern gepumpt hatte. Zudem stehen die Kurse der meisten Anleihen nach der Platzierung unter Druck, wie ein Blick auf den Chart des Mibox-Index für alle deutsche Mittelstandsanleihen zeigt.

Nun gehören Pleiten und Kursrückgänge im Anleihenmarkt zum Alltag - allerdings nicht in einer Zeit, in der die Wirtschaft brummt, die Zinsen niedrig sind und die Kreditvergabe lax ist. Gesunde Unternehmen sollten derzeit in Deutschland eigentlich keine Probleme haben, an Geld zu kommen.

Doch mit ebendieser finanziellen Gesundheit hapert es bei vielen Unternehmen, die sich im Segment der Mittelstandsanleihen tummeln. Die Anleger scheint das nicht zu stören. Viele Mittelstandsanleihen sind bei ihrer Platzierung ähnlich schnell vergriffen wie Neuemissionen zu Zeiten des Neuen Markts. Dieser Erfolg fußt auf einer Reihe von Missverständnissen:

  • Missverständnis 1: Wortgeklingel
    Das Wort Mittelstand ist positiv konnotiert. Mit ihm verbinden Anleger intuitiv Solidität, Solvenz, Weitblick - und nicht kurzfristiges Renditedenken, wie es Großkonzernen nachgesagt wird.
  • Missverständnis 2: Bankenunabhängigkeit
    Viele Emittenten von Mittelstandsanleihen tischen Anlegern die Fabel auf, man wolle sich bewusst unabhängig von Banken machen oder begebe eine Anleihe, weil die Finanzierungssituation für Unternehmen schwierig sei. Tatsächlich aber liegt die Zahl der Unternehmen, die von einer restriktiven Kreditvergabe von Banken berichten, laut dem Münchener Ifo-Institut derzeit auf einem historischen Tiefststand. Wer in dieser Situation Privatanlegern hohe Zinsen verspricht, bekommt bei seiner Hausbank wahrscheinlich aus gutem Grund kein Geld mehr.
  • Missverständnis 3: Mittelverwendung
    Die Erlöse aus Mittelstandsanleihen dienen selten konkreten Wachstums- und Investitionszielen, sondern lösen meist alte Verbindlichkeiten ab.
  • Missverständnis 4: Scheinbare Sicherheit
    Bei Mittelstandsanleihen haben Anleger das gute Gefühl, dass sie ihr Geld einem Unternehmen leihen, dessen Produkte man anfassen oder konsumieren kann. Man kennt die Emittenten der Anleihen oft aus dem Alltag, etwa die Modefirma Strenesse oder den "Traumschiff"-Konzern MS Deutschland Beteiligungs-GmbH. Doch im Ernstfall schützt der bekannte Name nicht vor der Pleite.
  • Missverständnis 5: Rendite-Risiko-Verhältnis
    Die einfachste Faustregel der Geldanlage besagt, dass es Rendite nicht ohne Risiko gibt. Anleger erinnern sich womöglich aber auch noch daran, dass der Bund vor 20 Jahren acht Prozent auf Bundesschatzbriefe und die Deutsche Bank noch vor fünf Jahren fünf Prozent auf einjähriges Festgeld gezahlt hat. Vor diesem Hintergrund wirken sieben oder gar acht Prozent Zinsen für eine Mittelstandsanleihe gar nicht so exorbitant. Doch zur Einordnung ein Vergleich vom internationalen Kapitalmarkt: Sieben bis acht Prozent entsprechen der Rendite, die die erst 2010 in die Pleite geschlitterte Republik Jamaica für ihre Staatsanleihen bietet.

Stutzig machen sollte Investoren auch, dass bereits die Zinszahlungen vielen Unternehmen die Luft zum Atmen nimmt. Fast jeder zehnte Emittent einer Mittelstandsanleihe ist bereits Pleite, obwohl die Tilgung meist noch gar nicht begonnen hat.

Weil die Mittelstandsanleihen in der Regel eine Laufzeit von fünf Jahren haben und der Markt erst ab 2011 so richtig ins Laufen kam, müssen die Firmen in diesem Jahr lediglich gut 200 Millionen tilgen, wie die Rating-Agentur Scope errechnet hat. Im kommenden Jahr steigt die Summe dann bereits auf eine knappe Milliarde, 2018 auf knapp zwei Milliarden Euro. Mit anderen Worten: Das dicke Ende kommt noch.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Vielen Dank
tillw 23.03.2014
Für diesen Artikel! Manche meiner Kunden (ich arbeite in der Anlageberatung einer Bank) halten mir diese Konditionen gerne vor und lassen sich nicht objektiv auf das Risiko hinweisen. Fast möchte ich sagen, es wäre gut wenn manch einer mal ein paar tausend Euro Lehrgeld bezahlt!
2. Wenn das so lukrativ wäre
quaki 23.03.2014
würden Banken und Großanleger das Geschäft alleine machen: Billig Geld ziehen und große Zinsen kassieren... Da Diese das nicht machen - sollte man es erst recht nicht anfassen.
3. ... und genau deswegen
cpt_chaos 23.03.2014
Zitat von tillwFür diesen Artikel! Manche meiner Kunden (ich arbeite in der Anlageberatung einer Bank) halten mir diese Konditionen gerne vor und lassen sich nicht objektiv auf das Risiko hinweisen. Fast möchte ich sagen, es wäre gut wenn manch einer mal ein paar tausend Euro Lehrgeld bezahlt!
nennt sich ihr Job "Berater". Ich weiß aus eigener beruflichen Erfahrung, dass es mit dem Beratungsgedanken auch in deutschen Banken nicht mehr weit her ist und dies nur noch Deckmantel für Vertrieb ist und man (vorsichtig formuliert) angehalten ist, lieber den firmeneigenen Fonds für 5% Ausgabeaufschlag unters Volk bringen. Aber ich denke auch, dass man seinen Kunden den Zusammenhang von Risiko und Rendite durchaus erklären kann. Letztlich bin ich dank konsequenten StopLoss-Limiten (gibt es mittlerweile kostenlos) bisher ganz gut und erfolgreich in diesem Segment unterwegs gewesen.
4. Der Name Mittelstandsanleihe
ironcock_mcsteele 23.03.2014
Zitat von sysopAPVertraute Namen, greifbare Produkte: Deutsche Anleger lieben Mittelstandsanleihen. Daran ändern auch die vielen Pleiten in diesem Segment nichts. Eine verhängnisvolle Affäre, deren böses Ende ab 2015 folgen wird. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/warum-mittelstandsanleihen-fuer-anleger-hochriskant-sind-a-960036.html
Eigentlich eine tolle Idee, sich die positiven Eigenschaften mit den Namen zu leihen. Dabei gibt es dafür schönen einen Begriff: High Yield Bond oder umgangssprachlich Junk Bond. Übrigens könnte man die Rolle von Scope etwas näher beleuchten, die Ratings von Scope, die ich gelesen habe, bezogen sich häufig auf den Issuer, aber nicht auf das Papier selbst und dem Anleger bleibt das ganze Gift in den Covenants verborgen.
5.
happy2010 23.03.2014
Zitat von tillwFür diesen Artikel! Manche meiner Kunden (ich arbeite in der Anlageberatung einer Bank) halten mir diese Konditionen gerne vor und lassen sich nicht objektiv auf das Risiko hinweisen. Fast möchte ich sagen, es wäre gut wenn manch einer mal ein paar tausend Euro Lehrgeld bezahlt!
Das Problem liegt ja wohl eher daran, das gefühlte 99% der Anlageberater das verkaufen, was am meisten Provision einbringt. Es muss nicht einmal Provision für den Vermittler sein, der vor einem sitzt, oft werden auch die Auflagen nach Abschlusszahlen des Brötchengebers erfüllt. Die Anlagerberaterbranche hat jahrelang angezockt und betrogen, daist es kein Wunder, das man diesen nichts mehr glaubt
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Zum Autor
  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.


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