Fressbuden statt Kleinkunst Wie der Weihnachtsmarkt zum Volksfest verkommt

Elche statt Christsterne, Glühwein statt Kleinkunst: In Deutschland gibt es so viele Weihnachtsmärkte wie nie, die Umsätze steigen - nur ihr urtümlicher Charakter geht verloren.

Weihnachtsmarkt in München
Getty Images

Weihnachtsmarkt in München

Von Florian Gontek


"Haben Sie am Ende dieser Weihnachtsmarktsaison Geld verdient?"

Soraya Samazadeh, 50, lächelt, als sie die Frage hört. "Nein, aber ich kann Erfahrungen sammeln", sagt sie.

Kurz nach 19 Uhr. Weihnachtsmarkt auf der Spitalerstraße, Hamburger Innenstadt, ein Montagabend: Soraya Samazadeh steht mit Fakher Dhouib, 50, vor seinem Stand. Dhouib verkauft Handgefertigtes aus Olivenholz, Samazadeh Malereien und Schmuck. Beide sind Kleinkünstler, das verbindet. Während Samazadeh Feierabend gemacht hat, wartet Dhouib noch auf Kunden. Gekauft hat in den letzten 30 Minuten aber niemand etwas. Für seinen Stand zahlt Dhouib pro Saison 3500 Euro Miete.

Beide haben unterschiedliche Meinungen darüber, wie man als Kleinkunsthändler auf einem Weihnachtsmarkt überleben kann. "Jeder Ort, an dem man drumherum reichhaltig essen und trinken kann, ist verbrannt für uns", sagt Dhouib, der zwischen Kartoffel- und Champignon-Bude steht und dessen sonst übliches vierstelliges Plus am Ende dieser Weihnachtsmarktsaison wohl wieder ein wenig schrumpfen wird.

"Wäre der Glühweinstand nicht in meiner Nähe, hätte ich noch weniger Kunden", hält Soraya Samazadeh dagegen. Sie wird am Ende dieser Weihnachtsmarktsaison mit ihren Malereien und ihrem Schmuck nach eigener Aussage wohl keinen Cent verdient haben.

Soraya Samazadeh
SPIEGEL ONLINE

Soraya Samazadeh

Krapfen statt Kunst

Beide, Dhouib und Samazadeh, richten ihre Blicke zu denen, die weniger gern darüber sprechen, wie viel sie in einer Weihnachtsmarktsaison umsetzen. Zum Beispiel, weil sie an fünf Tassen Glühwein bis zu 20 Euro verdienen, während ihr Einkaufspreis dafür rund 1,70 Euro beträgt.

Nicht viel anders ist es bei den Bratwürsten, Koteletts oder Champignonschälchen. Ein Essensbudenbetreiber auf einem großen Weihnachtsmarkt in Nordrhein-Westfalen spricht von "zehn Prozent", die die Kunden in den letzten Jahren mehr bei ihm ausgegeben hätten. Wie viel er insgesamt verdient hat, sagt auch er nicht.

Auf den meisten deutschen Weihnachtsmärkten gibt es einen vorherrschenden Trend: Krapfen statt Kunst. Masse statt Klasse. Kleinkunst wird rar, Glühwein und Fressbuden regieren die Städte.

Wann es die ersten Weihnachtsmärkte gab, ist nicht ganz klar. Schon im Mittelalter trafen sich Menschen in der Adventszeit auf Märkten. Die Weihnachtsmärkte, wie wir sie heute kennen, entstanden in den Sechzigerjahren. Einer politisch bewegten Zeit, in der die Menschen die heile Welt von früher suchten. Damals gehörten zu jedem Weihnachtsmarkt Holzbuden, Kerzen, Krippen.

Gewinnbringer Glühwein
DPA

Gewinnbringer Glühwein

Heute scheint das immer weniger zu gelten.

Nun trägt das Wort Weihnachtsmarkt den Kommerz ja schon im Namen. Doch in den vergangenen Jahren, so scheint es, haben sich die Märkte noch einmal die Kommerzkrone aufgesetzt. Während sich die Besucher mit Glühwein und fettigem Essen vollstopfen, müssen sich Kleinkünstler existenzielle Sorgen machen.

Mehr Menschen, mehr Essen, mehr Umsatz

Insgesamt verzeichnen die Weihnachtsmärkte ein starkes Wachstum. Die jüngsten erhobenen Daten gehen von jährlich 159 Millionen Besuchern aus, nach Schätzungen des Deutschen Schaustellerbundes hat sich ihre Zahl in den vergangenen 20 Jahren fast verdreifacht.

Ebenso hat die Zahl der Weihnachtsmärkte im Land deutlich zugenommen, vor allem in den Städten. "Weihnachtsmärkte sind ein großer Anziehungspunkt", sagt Frank Hakelberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbundes, der versucht, den Weihnachtsmarktboom statistisch zu erfassen. Er geht deutschlandweit von etwa 3000 kommunalen und privaten Märkten aus. Vor sechs Jahren seien es noch 500 weniger gewesen. Ein Register für alle deutschen Weihnachtsmärkte gebe es allerdings nicht.

Weihnachtsmarkthochburgen sind über das ganze Land verteilt. In Köln am Dom ist der mit den meisten Besuchern. Den größten Markt überhaupt gibt es in Dortmund mit über 300 Ständen. Besonders bekannt sind die Traditionsmärkte in Nürnberg und Dresden. Der Dresdener Markt ist zudem der älteste des Landes.

Was ihre Umsätze angeht, hüllen sich die Aussteller in Schweigen. Eine Studie des Bundesverbandes Deutscher Schausteller und Marktkaufleute ging im Jahr 2002 von rund drei Milliarden Euro aus, die im Umfeld von Weihnachtsmärkten umgesetzt werden. Auf dem Weihnachtsmarkt selbst gab damals jeder Besucher etwa 11,60 Euro aus. Eine Zahl, die aktuelleren Einschätzungen zufolge mittlerweile bei um die 16 Euro liegt - und von Jahr zu Jahr wächst.

Das meiste Geld geben die Menschen auf Weihnachtsmärkten für Essen aus - Bratwürste und Waffeln etwa. An zweiter Stelle steht Glühwein, gefolgt von Süßigkeiten wie Lebkuchenherzen oder gebrannten Mandeln. Das geht aus einer europaweiten Studie des britischen Zentrums für Einzelhandelsforschung hervor. Nicht einmal die Hälfte der Besucher investiert Geld in Dekoartikel, nur ein knappes Drittel sucht gezielt nach Geschenken.

Das spiegelt sich auch bei den Standgebühren wider. Diese schlüsseln sich von Markt zu Markt unterschiedlich auf. Grundsätzliches Credo hier: Händler subventionieren Handwerker. Schausteller mit stark nachgefragten Buden - etwa der Glühweinstand - zahlen etwa das Zehnfache der Standmiete von Kunsthandwerkern. Je nach Stadt zahlt ein Glühweinstandbetreiber um die 20.000 Euro Miete auf einem großen Weihnachtsmarkt. Die genauen Kurse unterscheiden sich von Stadt zu Stadt.

Diese Quersubventionierung soll genau das retten, was mehr und mehr verloren zu gehen scheint: den Marktcharakter. Sie soll dafür sorgen, dass es auf einem Weihnachtsmarkt weiter Krippenspiel und Wollsocken gibt, nicht nur Crêpes und Glühwein. Wie gut das gelingt, ist fraglich.

Der Charakter des Marktes - mehr Event, weniger Tradition

"Man kann eine deutliche Eventisierung von Weihnachtsmärkten beobachten", sagt Gunther Hirschfelder, 57, Kulturanthropologe der Universität Regensburg, der seit 20 Jahren zum Thema Weihnachtsmarkt forscht.

Hirschfelder beobachtet eine Vervolksfestung der Weihnachtsmärkte, etwa durch zunehmende Kostümierung der Besucher mit Weihnachtsmützen oder Elchhaarreifen. Christliche Symbole dagegen sehe man immer seltener. Der Stern von Bethlehem wird immer öfter zur Schneeflocke. "Wir haben heute viel Markt, aber nur noch ganz wenig Weihnachten", sagt Hirschfelder. "Der Weihnachtsmarkt steht heute offen für alle und ist so heterogen, wie mittlerweile auch unsere Gesellschaft geworden ist", sagt Hirschfelder. Dazu passt auch, dass sich viele Märkte nicht mehr explizit als Weihnachtsmarkt bezeichnen.

Gunther Hirschfelder
privat

Gunther Hirschfelder

Die Dauer der Märkte - ist Weihnachtsmarkt gleich Weihnachtsmarkt?

Weihnachtsmarkt, Wintermarkt, Adventsmarkt, Wintermärchen: Je länger der Markt dauert, desto höher ist sein Umsatz. Häufig schon vor dem ersten Advent, also dem Totensonntag, der in der evangelischen Kirche eigentlich als "stiller Tag" begangen wird, starten die ersten Märkte.

Laut Gewerbeordnung, Paragraf 68, ist das zulässig. Demnach fallen Weihnachtsmärkte unter die Spezial- und Jahrmärkte und unterliegen keinem festen zeitlichen Rahmen. Dies zu regeln, ist Sache der jeweiligen Kommune, in der ein Weihnachtsmarkt stattfindet. Es kann also jeder machen, was er will. Oder auch: was das meiste Geld bringt. In der Stadt Duisburg etwa ist gleich vom 15. November bis 30. Dezember Weihnachtsmarkt.

Für Kulturwissenschaftler Hirschfelder ist das ein Sinnbild unserer Zeit. "Alles muss heute ständig verfügbar sein", sagt er. Entsprechend soll am besten auch das ganze Jahr lang Weihnachten sein. Oder zumindest Weihnachtsmarkt.

Und die Kleinkünstler Soraya Samazadeh und Fakher Dhouib? Die wollen auch im nächsten Jahr wieder auf dem Weihnachtsmarkt an der Spitalerstraße in Hamburg stehen. In der Hoffnung, dass die Geschäfte wieder besser werden.

Zusammengefasst: In Deutschland gibt es immer mehr Weihnachtsmärkte, die stetig mehr Geld umsetzen. Sie sind ein enormer Wirtschaftsfaktor geworden - das Geld jedoch ist ungleich verteilt. Während Händler mit Speisen und Getränken enorme Summen umsetzen, können Kleinstkunsthändler von ihren Einnahmen kaum leben.



insgesamt 143 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
telos 18.12.2018
1. Weihnachten säkularisiert
Wundert mich nicht wenn so viele Zeitgenossen/innen überhaupt keinen Bezug mehr haben zum Fest Weihnachten. Da ist nichts anderes mehr als essen und trinken ohne Ende. Traurig aber wahr.
markususa 18.12.2018
2. Nichts neues
Nichts neues. Weihnachtsmaerkte waren auch vor 30 Jahren kommerziel. Kein Mensch braucht den Plunder der dort verkauft wird. Vielleicht ne Kerze ansonsten ein Gluewein und gut is'.
molej 18.12.2018
3. So ist es- ausser im Erzgebirge
Ich teile Ihre Meinung voll und ganz, weshalb ich auf die Weihnachtsmärkte ausser halb des Erzgebirges gern verzichten kann. Dort allerdings gibt es sie noch- die echten Märkte wo erzgebirgische handgemachte Volkskunst verkauft wird, kleine Mundartgruppen live singen, Bergmannsaufzüge stattfinden und natürlich auch für das leibliche Wohl gesorgt wird. Manche finden nur einige Tage statt. Die sollten Sie besuchen denn leider haben sie keinen Satz darüber verloren in Ihrem Artikel.
passionsblume 18.12.2018
4. Wer braucht schon Kleinkunst?
Fressen und Saufen sind des Deutschen beliebtesten Hobbies. Hier und da könnte ein Smartphone-Stand noch gute Chancen haben, vor allem 1-Euro-Verträge können nach drei Glas Glühwein und zwei fetten Bratwürsten gut aufgeschwatzt werden. Egal ob Weihnachtsmarkt, Ostermarkt, Stadtfeste, all die sonstigen Feste - das ist inzwischen alles nur noch der gleiche Kram.
Pfaffenwinkel 18.12.2018
5. Die meisten Weihnachtsmärkte
haben nichts besinnliches mehr und gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Mein Tip: Einfach nicht mehr hingehen. Stattdessen ein Waldspaziergang oder, je nach Glaube, ein paar stille Minuten in einer Kirche.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.