Von Andreas Nölting
Hamburg - Hoch gehandelt, tief gefallen: Über viele Jahre waren Staatsanleihen bei institutionellen Investoren eine äußert beliebte Anlageklasse. Gerade amerikanische und europäische Papiere boten Anlegern genau die gewünschte Mischung aus Sicherheit und Rendite. "Kaum eine Assetklasse hat so performt wie Staatsanleihen", sagt Chris-Oliver Schickentanz, Chef-Anlagestratege der Commerzbank. "Das vergangene Jahrzehnt war das der Anleihe."
Seit dem Ausbruch der europäischen Finanzkrise allerdings haben die Geldprofis ein schweres Problem. Das Vertrauen der Investoren in zweitklassige Schuldner ist weg, und die wenigen verbliebenen Staaten mit erstklassiger Bonität bieten für ihre Anleihen nur noch Mini-Zinsen. Folge: Die Investoren wissen nicht mehr, wohin mit der gewaltigen Liquidität, die die Europäische Zentralbank (EZB) als Rettungsmaßnahme in die Märkte pumpt. Die Milliarden müssen angelegt werden. Doch wie? Gibt es irgendwo im Anleihensegment noch die gesuchte Mischung aus Sicherheit und auskömmlicher Rendite, die diese Wertpapierkategorie einst so beliebt werden ließ?
Wenn, dann jedenfalls nicht bei den Staaten mit sehr guter Bonität. Deutschland, Dänemark oder Norwegen bieten eine so geringe Verzinsung, dass diese nicht einmal die Inflation ausgleicht. Eine zweijährige Bundesanleihe bringt gerade einmal 0,2 Prozent. Dennoch werden die Papiere der deutschen Finanzagentur aus den Händen gerissen.
Anleihen südeuropäischer Staaten hingegen, die 30-mal höhere Zinsen zahlen müssen, können nur noch Zocker locken. Das Ausfallrisiko, und damit die Skepsis der Anleiheprofis, ist zu groß. "Die Finanzierungsprobleme Griechenlands haben uns gezeigt, dass staatliche Zahlungsversprechen nachträglich geändert werden können", beschreibt Michael Zink, Anleihen-Experte bei Goldman Sachs, die Gezeitenwende: "Die Verträge sind eben interpretierbar."
Staatsanleihen sind Zahlungsversprechen eines Staates. Sie haben unterschiedliche Laufzeiten. Es gibt Kurzläufer (bis drei Jahre), mittelfristige Anleihen (bis zehn Jahre) und Langläufer (bis zu 100 Jahren). Vereinzelt existieren sogar ewig laufende Anleihen. Die Papiere werden mit einem Coupon verzinst. In der Regel gilt: Je länger die Laufzeit, desto höher der Zins, der auf den Nominalwert gezahlt wird. Anleihen werden an der Börse gehandelt und können jederzeit verkauft werden.
Professionelle Anleger setzen verstärkt auf Unternehmensanleihen
Wie die Geldprofis müssen nun auch private Anleger umdenken. Wollen sie ihr Vermögen gegen Inflation absichern und zumindest einen kleinen realen Zuwachs einstreichen, bieten ihnen Bundesanleihen hierfür kaum Chancen. Professionelle Anleger setzen daher immer stärker auf Unternehmensanleihen. "Angesichts des Niedrig-Zinsumfelds schauen sich Investoren nach Alternativen um", berichtet Goldman-Sachs-Experte Thomas Deutschendorf. Guten Unternehmen werde eine geringere Ausfallwahrscheinlichkeit zugerechnet als den meisten europäischen Staaten. Der Vorteil einer Unternehmensanleihe sei eben, dass sie durch die Ertragskraft eines Konzerns abgedeckt sei. In einem stabilen Konjunkturumfeld fühle man sich bei einem Schuldner am besten aufgehoben, dessen Produkte man kenne und anfassen könne.
Unternehmen mit guter Bonität seien bessere Schuldner als viele europäische Staaten, meint auch Stefan Kreuzkamp von der Fondsgesellschaft DWS. Doch auch dieses Geschäft sei ausgereizt. So bringe eine achtjährige BMW-Anleihe gerade einmal eine Rendite von 2,5 Prozent. Italien müsse für dieselbe Laufzeit schon 4,5 Prozent zahlen, damit die Staatsanleihen Absatz fänden. Zudem sitzen viele große Konzerne auf "Tonnen von Cash", meint Kreuzkamp: "Die müssen keine Anleihen begeben."
Für private Anleger bieten allerdings auch Unternehmensanleihen keinen hundertprozentig sicheren Schutz ihrer Ersparnisse. Wenn ein Konzern in Schwierigkeiten gerät und womöglich Konkurs anmelden muss, gibt es zwar einen rechtlichen Anspruch der Anleihengläubiger auf die Konkursmasse des Unternehmens, aber der reicht in der Regel höchstens für eine teilweise Rückzahlung.
Extreme Langläufer taugen kaum für Privatpersonen
Wer sein Vermögen erhalten und gegen Preissteigerung absichern will, sollte nach Meinung vieler Anlageprofis inflationsgeschützte Anleihen ("Inflation-Linked-Bonds") erwerben. Diese Papiere sind an einen Inflationsindex gekoppelt. Wenn ein Anleger etwa eine Anleihe zum Preis von 100 Euro gekauft hat und die Inflation vier Prozent beträgt, dann steigt der Nennwert, also der Rückzahlungsbetrag, auf 104 Euro. Auch die Verzinsung von ein bis zwei Prozent enthält meist eine Variable, die an die Preissteigerung gekoppelt ist.
Doch auch bei inflationsgeschützten Anleihen lauern Fallstricke. Häufig differiert die Methode, wie der Preisindex ermittelt wird. Zuweilen sind sogar Nahrungsmittel und Ölpreise ausgekoppelt - dabei ist teures Öl derzeit einer der Haupt-Preistreiber in Deutschland. Und einige Länder wie etwa Argentinien stehen gar unter Verdacht, die Inflationsrate künstlich niedrig zu rechnen, um nur ihren Gläubigern keine Aufpreise zahlen zu müssen.
Und wie sieht es mit den extremen Langläufern aus? Bieten wenigstens sie eine renditestarke Alternative zu Bundesanleihen? Argentinien hat sogar schon eine ewig laufende Anleihe emittiert. England will demnächst eine 100 Jahre laufende Anleihe begeben. Doch diese Instrumente taugen nach Meinung der Geldprofis nicht für private Anleger, weil die Laufzeit den Lebenshorizont überschreitet. Extreme Langläufer werden von Pensionskassen gekauft, die wissen, dass sie auch in 100 Jahren noch die Monatsrenten ihrer Mitglieder auszahlen müssen.
Private Anleger, die Sicherheit suchen, sollten daher eher Anleihen mit einer Laufzeit von bis zu zehn Jahren erwerben. Sie sollten auf einen Inflationsschutz achten und statt nach Argentinien eher auf nordeuropäische Unternehmen und Staaten schauen. Doch eine wirklich unwiderstehliche Mischung aus Sicherheit und Rendite lässt sich im Bondsegment derzeit nirgendwo finden.
Das Jahrzehnt der Anleihe, es ist definitiv vorbei.
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