Gründer von Plattform Welobby Lobbyist für jedermann

Jan Christian Sahl hat lange die Interessen von Unternehmen vertreten - nun will er dasselbe für Normalbürger tun. Im Interview erklärt der Ex-Industrielobbyist, wie er das mit der Plattform Welobby erreichen will.

Jan Christian Sahl
Philipp Jeske

Jan Christian Sahl

Ein Interview von


Lobbyismus ist allgegenwärtig. Ob im Dieselskandal, dem Streit um die Kennzeichnung zuckerhaltiger Lebensmittel oder den Breitbandausbau: Regelmäßig wird deutlich, wie groß der Einfluss professioneller Interessenvertreter auf die deutsche Politik ist. Kritiker fordern deshalb seit Langem, Lobbyisten in ihrer Arbeit einzuschränken und besser zu kontrollieren.

Jan Christian Sahl gehörte selbst lange zum Heer jener, die in Berliner Abgeordnetenbüros oder auf teuren Abendveranstaltungen für die Anliegen ihrer Auftraggeber werben. Ende vergangenen Jahres jedoch kündigte er seine Stelle beim Bundesverband der Deutschen Industrie, um die Internetplattform Welobby zu gründen. Sie will eine "Lobby für alle ohne Lobby" sein und nichtkommerzielle Interessen mithilfe von Spenden durchsetzen.

Noch steht Welobby ganz am Anfang, ab Donnerstag läuft zunächst eine Crowdfunding-Aktion für die Plattform. Sollte sie erfolgreich sein, können ab Juli Vorschläge für politische Initiativen eingereicht werden. Einige prominente Fürsprecher kann Sahl bereits vorweisen: Ex-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) stellt sich ebenso hinter die Idee wie der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und die Ex-Verfassungsrichterin Getrude Lübbe-Wolff.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sahl, Sie haben einen sicherlich gut bezahlten Job bei Deutschlands mächtigstem Industrieverband gekündigt, um eine Lobby-Organisation für jedermann zu gründen. Warum?

Jan Christian Sahl: Ich habe knapp zehn Jahre lang in Berlin und Brüssel wirtschaftliche Interessen vertreten. Dabei bin ich auf zwei Gründe gestoßen, warum viele Leute den Lobbyismus mit Unbehagen sehen: Ein Mangel an Transparenz über unsere Arbeit und der Eindruck, dass sich nur Leute mit Geld politisches Gehör kaufen können.

Zur Person
  • Philipp Jeske
    Jan Christian Sahl ist Gründer der Organisation Welobby. Sie will sich für bislang schlecht vertretene Interessen stark machen und dazu Geld im Internet sammeln. Sahl arbeitete selbst viele Jahr als Lobbyist für Unternehmen - zuletzt beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Berlin. Der Rechtsanwalt ist Lehrbeauftragter für Staats- und Verfassungsrecht an der Berliner Humboldt-Universität und forscht am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Und beides soll Welobby nun ändern?

Sahl: Ja. Unser Ansatz ist: Lobbyismus ist okay und gehört zu einer funktionierenden Demokratie. Aber er sollte transparent sein und nicht vom Geldbeutel abhängen.

SPIEGEL ONLINE: Zeichnet sich Lobbyismus nicht gerade dadurch aus, dass er hinter den Kulissen stattfindet?

Sahl: Natürlich gibt es Verhandlungen, bei denen Vertraulichkeit wichtig ist. Aber so wie wir Lobbyismus verstehen, geht es vor allem um den Austausch von Argumenten. Das ist nichts, was man verstecken muss.

SPIEGEL ONLINE: Fanden Sie auch alles okay, was Sie in Ihrer bisherigen Arbeit als Lobbyist getan haben? Oder ist der Wechsel auch ein Zeichen dafür, dass Sie nicht mit allem einverstanden waren?

Sahl: Natürlich habe ich auch an kontroversen Themen gearbeitet - von Tabakregulierung bis zu Glücksspiel. Man kann übrigens Schockbilder auf Zigarettenpackungen für falsch halten, ohne gleich ein unmoralischer Mensch zu sein. Ich hatte nicht das Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen. Aber ich hatte den Eindruck, dass andere Gruppen es viel nötiger hätten, dass sich Lobbyisten für sie einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Welobby wollen Sie jetzt nur nichtkommerzielle Interessen vertreten. Was könnte das sein?

Sahl: Wir sind zum Beispiel in Kontakt mit einem Verein aus Kreuzberg, der für Menschen mit Schwierigkeiten betreutes Wohnen anbietet. Der Verein ist eine sogenannte juristische Person, deshalb gilt für die von ihm angemieteten Wohnungen das Gewerbemietrecht. Dadurch können Mietverträge besonders schnell gekündigt werden, wenn etwa ein Viertel beliebter wird und die Preise steigen. Das könnte man durch die Reform eines bestimmten Paragrafen ändern und Zehntausenden Betroffenen ein Stück mehr Sicherheit geben.

SPIEGEL ONLINE: Als Beispiele nennen Sie auch recht allgemeine Vorhaben wie den Kampf gegen Einsamkeit im Alter oder die Entlastung von kleinen Selbstständigen. Ab wann wäre da ein Lobbyerfolg erzielt?

Sahl: Unser Anspruch sind schon konkrete Änderungen. Das könnte zum Beispiel heißen, Einsamkeit im Alter ins Präventionsgesetz aufzunehmen. Oder die Krankenkassenbeiträge für kleine Selbstständige gesetzlich auf ein Maß zu reduzieren, das dem realen Einkommen entspricht.

SPIEGEL ONLINE: Aber Erfolg garantieren können Sie nicht.

Sahl: Nein, das ist im Lobbyismus immer so. Aber wir können garantieren, dass wir die Interessen der Leute auf Augenhöhe und mit dem Instrumentenkoffer großer Lobbyisten vertreten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist in diesem Koffer drin?

Sahl: Zuerst müssen Sie analysieren, ob sich ein politisches Problem überhaupt durch Lobbyismus lösen lässt: Sind Gesetzesänderungen möglich, wer sind die Ansprechpartner, wann und wie kann ich sie erreichen? Auch Allianzen mit anderen Interessenvertretern und Öffentlichkeitsarbeit gehören zum klassischen Lobbyismus.

SPIEGEL ONLINE: Den zeichnen allerdings auch lang gepflegte Beziehungen und große finanzielle Reserven aus. Bei Welobby geht es um eher kurzfristige Projekte mit beschränktem Budget. Sind das nicht große Nachteile?

Sahl: Hundert Millionen Euro erreichen nicht hundert Mal so viel wie eine Million. Aber natürlich brauchen Sie Geld. Deshalb wollen wir die von Bürgern vorgeschlagenen Ideen so aufbereiten, dass wir dann über unsere Seite auch finanzielle Unterstützung von anderen Menschen einwerben können, um die Lobbykosten zu finanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vorgehen erinnert an Kampagnen-Plattformen wie Campact oder Change.org. Was unterscheidet Welobby von ihnen?

Sahl: Campact bearbeitet nach meiner Wahrnehmung eher wenige, dafür große und politisch kontroverse Themen. Change.org ist eine Petitionsplattform, auf der Sie Unterschriften zu allen möglichen Themen sammeln können. Wir sind thematisch fokussierter, machen dafür aber eben echtes Lobbying für ein politisches Thema.

SPIEGEL ONLINE: Würde sich Welobby zum Beispiel auch für die Beschränkung von Zuwanderung stark machen?

Sahl: Mein Eindruck ist jetzt nicht unbedingt, dass diese politische Position in Deutschland keine Lobby hat - schauen Sie sich doch nur mal das Ergebnis der letzten Bundestagswahl an. Wir wollen zwar eine offene, parteipolitisch neutrale Plattform sein, aber es gibt natürlich Vorschläge, für die wir uns nicht einsetzen. Wir vertreten keine Anliegen, die verfassungswidrig sind oder unserem politischen Leitbild einer offenen, freien und gerechten Gesellschaft widersprechen.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden die Gehälter für Sie und die übrigen hauptamtlichen Mitarbeiter finanziert?

Sahl: Bislang arbeiten alle bei uns kostenlos und ohne Gehalt. Wenn unsere Crowdfunding-Aktion erfolgreich verläuft und Welobby dann richtig starten kann, werden wir anfangen, uns erste Gehälter auszuzahlen. An das Niveau eines gut bezahlten Jobs bei einem großen Lobbyverband, den Sie anfangs erwähnten, wird es für keinen von uns heranreichen. Das ist aber auch okay, wir machen Welobby nicht des Geldes wegen.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
hansgustor 03.05.2018
1. Super Idee
Ich freue mich auf die Umsetzung. Kritische Punkte werden sein: ist die Auswahl der Themen transparent und kann man genug Leute zum Mitmachen motivieren.
dislozierter 03.05.2018
2. Das Engagement des Herren in Ehren, aber
mir wird nicht deutlich welches Druckmittel diese Lobbygruppe haben soll? Die Industrie kann sagen, wenn die Steuern steigen wandern wir ab, und hat das auch schon bewiesen. Wenn der Bürger aber 50% seines Einkommens an Steuern ohne großartig zu murren abgibt, und dazu noch unfaire Steuerbelastungen wie Mehrwertsteuer hinnimmt, was sagt das dann über den deutschen Bürger aus. Richtig, dass da bestimmt kein Gegenwind zu erwarten ist.
demiurg666 03.05.2018
3. antidemokratisch
Zitat: "Lobbyismus ist okay und gehört zu einer funktionierenden Demokratie." Das ist falsch und desinformierend. Lobbyismus definiert sich dadurch dass er an demokratischen Institutionen vorbei geht und Entscheidungsträger direkt anspricht. Das ist nicht nur nicht demokratisch es unterläuft die Demokratie und widerspricht ihr. Da aber Politiker von Lobbyismus profitieren wird dieses System der direkten Unterwanderung versucht in einen positiven Licht darzustellen. Lobbyismus ist gut für die betreffende Lobby aber nicht für den Bürger, dem Souverän. Es kann und darf nicht sein dass nicht gewählte Gruppierungen mit an Gesetzen schreiben. Wenn ich schreiben würde was ich von diesen Mann und ähnlichen wirklich denke, würde mein Kommentar nicht gepostet werden, da ich keine Lobby habe.
111ich111 03.05.2018
4. Lobbyismus =/= Bestechung
Zitat von demiurg666Zitat: "Lobbyismus ist okay und gehört zu einer funktionierenden Demokratie." Das ist falsch und desinformierend. Lobbyismus definiert sich dadurch dass er an demokratischen Institutionen vorbei geht und Entscheidungsträger direkt anspricht. Das ist nicht nur nicht demokratisch es unterläuft die Demokratie und widerspricht ihr. Da aber Politiker von Lobbyismus profitieren wird dieses System der direkten Unterwanderung versucht in einen positiven Licht darzustellen. Lobbyismus ist gut für die betreffende Lobby aber nicht für den Bürger, dem Souverän. Es kann und darf nicht sein dass nicht gewählte Gruppierungen mit an Gesetzen schreiben. Wenn ich schreiben würde was ich von diesen Mann und ähnlichen wirklich denke, würde mein Kommentar nicht gepostet werden, da ich keine Lobby habe.
Ihre Ausführungen sind so schlicht falsch. Lobbyismus ist nichts anderes, als die Vertretung einer Interessensgruppe. An welchen "demokratischen Institutionen" wird denn vorbeigegangen? Der einzelne Parlamentarier kann doch gar nichts entscheiden, das kann immer nur das gesamte Gremium. Und das ist doch die demokratische Institution. Insofern ist das ja unsinnig, was Sie da schreiben. Da wir eine parlamentarische und keine direkte Demokratie haben, kann da ja niemand "umgangen" werden. Offensichtlich verwechseln Sie Lobbyarbeit mit Bestechung. Das ist aber ein ganz anderes Thema. Ich darf Sie auch gerne darauf hinweisen, dass jede Bürgerinitative, jeder Kulturverein uns jede Sportvereinigung in der Regel Lobbyarbeit betreibt - nämlich die Vertretung ihrer Interessen bei Mitgliedern von Geneinderat, Landtag oder Bundestag - je nach Größenordnung.
111ich111 03.05.2018
5. Lobbyismus =/= Bestechung
Ihre Ausführungen sind so schlicht falsch. Lobbyismus ist nichts anderes, als die Vertretung einer Interessensgruppe. An welchen "demokratischen Institutionen" wird denn vorbeigegangen? Der einzelne Parlamentarier kann doch gar nichts entscheiden, das kann immer nur das gesamte Gremium. Und das ist doch die demokratische Institution. Insofern ist das ja unsinnig, was Sie da schreiben. Da wir eine parlamentarische und keine direkte Demokratie haben, kann da ja niemand "umgangen" werden. Offensichtlich verwechseln Sie Lobbyarbeit mit Bestechung. Das ist aber ein ganz anderes Thema. Ich darf Sie auch gerne darauf hinweisen, dass jede Bürgerinitative, jeder Kulturverein uns jede Sportvereinigung in der Regel Lobbyarbeit betreibt - nämlich die Vertretung ihrer Interessen bei Mitgliedern von Geneinderat, Landtag oder Bundestag - je nach Größenordnung.
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