Weltverbrauchertag Warum wir Kunden Kennedy dankbar sein können

John F. Kennedy führte den Weltverbrauchertag ein, um unsere Rechte als Kunden zu stärken. Wie wichtig der Kampf auch heute ist, zeigen diese fünf Ärgernisse.

John F. Kennedy
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John F. Kennedy

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Wussten Sie's? Am vergangenen Freitag war Weltverbrauchertag. Auch wenn man es an vielen Stellen kaum merkt. Noch immer entscheiden oft nur Anbieterinteressen über die Qualität von Waren und Dienstleistungen - und über gesetzliche Regeln. Die Konsequenz: Wir Verbraucher müssen uns aktiv und mit großem Aufwand gegen Kundennachteile wehren.

Dabei wurde der Tag schon vor über einem halben Jahrhundert begründet. Er geht zurück auf das politische Manifest des US-Präsidenten John F. Kennedy für mehr Verbraucherrechte. "Da wir alle Verbraucher sind", erklärte Kennedy 1962, "sind die Maßnahmen und Vorschläge im Interesse der Verbraucher im Interesse von uns allen." Diese Auffassung hat sich bis heute leider nicht richtig durchgesetzt.

Ich habe eine Liste der fünf größten aktuellen Ärgernisse zusammengestellt. Klar, die Liste ist nicht vollständig. Aber es sind gerade auch solche Probleme, deretwegen viele Leser bei mir um Rat fragen. Deswegen gibt es hier auch gleich eine geeignete erste Abhilfe dazu.

1. Überflüssige Restschuldversicherung

Der erste Hinweis in meinem Archiv stammt aus der Jahrtausendwende - und der Fall ist bis heute exemplarisch. Einem Bremer Rentnerehepaar waren zu einem Kredit von 6000 Mark noch Restschuldversicherungen für über 3600 Mark verkauft worden. Die Kosten des Kredits hatten sich verdoppelt, schrieb die Verbraucherzentrale Bremen damals.

Noch immer werden armen unwissenden Schuldnern zusätzlich zum Kredit solche teuren, unnützen Restschuldversicherungen angedreht. Hier blüht das Provisionsunwesen besonders üppig: Bis zu 70 Prozent der Preise gehen als Provisionen an den Verkäufer, schreibt die Finanzaufsicht BaFin.

Und nicht nur in den Banken selbst blüht das Produkt. Manches Autohaus verdient an den Provisionen der Restschuldversicherungen für Autokredite womöglich mehr als an den Autos selbst. Anderswo in Europa hat die Politik das längst gemerkt. Die Briten haben diese Verträge mit einem Beschluss des Obersten Gerichtshofes schon vor 10 Jahren gekillt. Seitdem haben Banken ihren Kunden für illegale Policen rund 33 Milliarden Pfund zurückerstatten müssen. Die Niederländer haben die Provisionen gänzlich abgeschafft. Kreditwerbung muss mit einem Warnhinweis wie auf Zigarettenschachteln versehen werden: "Geld lenen kost Geld."

Erste Abhilfe: Ratenkredit und Restschuldversicherung darf die Bank nicht koppeln. Haben Sie einen Ratenkredit mit Restschuldversicherung abgeschlossen? Dann suchen Sie sich einen neuen billigeren Kredit, den gibt es fast immer. Damit lösen sie den alten Kredit ab. Die Restschuldversicherungen dürfen Sie dann sofort kündigen - und können den Anteil des Beitrages für die verbliebene Kreditlaufzeit zurückfordern.

2. Ungeregelte Pleiten von Fluggesellschaften

Schon 1990 hat die EU in der sogenannten Pauschalreiserichtlinie (Richtlinie 90/314/EWG) beschlossen, dass Pleiten von Reiseveranstaltern nicht zu Lasten der Reisegäste gehen dürfen. Schließlich müssen solche Reisen ja stets im Voraus bezahlt werden - zumindest zum großen Teil.

Fluggäste aber, die per Vorkasse den ganzen Flugpreis oft Monate vor dem Flug bezahlen, bleiben im Pleitefall immer noch auf dem Schaden sitzen. Die Lobbyisten der Fluglinien vom Bundesverband der Luftverkehrswirtschaft (BDL) haben den Bundestagsabgeordneten auch diese Woche noch geschrieben, die fünf Pleiten deutscher Fluglinien in den vergangenen Jahren seien doch ein Klacks im Vergleich zu zehntausend Pleiten von Baufirmen. Die "Ausfallbeträge" seien "weitaus geringer" als in anderen Wirtschaftszweigen. Peanuts sozusagen.

Dass der Insolvenzverwalter der Air Berlin von einer Million Gläubigern sprach und bei Germania mehr als 200.000 Tickets nicht mehr genutzt werden können, verschweigen sie lieber. Verbandspräsident beim BDL ist übrigens Klaus-Dieter Scheurle (CSU), zuvor Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium.

Erste Abhilfe: Kaufen Sie Flugtickets künftig nur noch mit Paypal oder Kreditkarte, keinesfalls per Sofort-Überweisung oder Lastschrift. Dann können Sie den Preis für das Flugticket im Zweifel wenigstens über das Chargeback-Verfahren der Kreditkartenfirmen oder den Käuferschutz von Paypal zurückholen. In der Regel funktioniert das unkompliziert.

3. Überhöhte Preise für Strom- und Gaskunden in der Grundversorgung

Wer den Strom- oder Gasanbieter noch nie gewechselt hat, ist der Dumme. Bei ihm kassieren die Anbieter nämlich nicht nur in der Regel einen höheren Energiepreis ab. Es kommen auch noch höhere Konzessionsgebühren dazu. Die Einnahmen für die Gebühren landen direkt in der Stadtkämmerei (oder in der Gemeinde).

Die Netzbetreiber holen sich Konzessionsabgaben nämlich von den kleinen Kunden in der Grundversorgung zurück, als Teil des Gaspreises. Damit sind die Abgaben bei diesen Kunden bis zu 14 Mal so hoch wie bei Kunden, die gewechselt haben oder bei Großverbrauchern. Das rechnet die Bundesnetzagentur vor.

Erste Abhilfe: Wechseln Sie am besten sofort in einen anderen Strom- oder Gastarif, dann müssen sie die höheren Gebühren nicht mehr zahlen. Wenn Ihr Anbieter dafür kein gutes Angebot macht, dann wechseln Sie gleich auch den, das ist ganz einfach. Der neue Strom- oder Gasanbieter kümmert sich um die Abwicklung.

4. Betrogene VW-Kunden

Der VW-Konzern hat diese Woche verkündet, das Jahr 2018 sei nach Umsatz das erfolgreichste in der Konzerngeschichte gewesen. Der Konzernumsatz sei auf 236 Milliarden Euro gestiegen, ein zweistelliger Milliardengewinn erzielt worden. Für jeden Tarifmitarbeiter werde eine Prämie von 4750 Euro ausgeschüttet. Die gesamten Vorstandsbezüge der VW AG kletterten auf gut 50 Millionen Euro.

Nur die Kunden, die aufgrund des Dieselbetrugs demnächst in manche Innenstadt nicht mehr hineinkommen und die ihr Auto im Zweifel nur zu Schleuderpreisen weiterverkaufen könne, gehen leer aus.

Erste Abhilfe: Viele Kunden kaufen ihr Auto auf Kredit. Und viele dieser Kreditverträge haben eine fehlerhafte Widerrufsklausel, mit der man den Kredit und den ganzen Autokauf rückabwickeln kann. Außerdem können sich die zwei Millionen Kunden des VW-Konzerns, in deren Autos Motoren der Reihe EA189 eingebaut wurden, der Musterklage des VZBV anschließen. Das kostet nichts. Falls die Verbraucherschützer gewinnen, gibt es einen ordentlichen Nachschlag vom Konzern. Die Chancen stehen gut.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

5. Ausgenommene Immobilienkäufer

Wer eine Immobilie verkauft, beauftragt damit häufig einen Makler. Die Entscheidung ist leicht, feilschen muss man nicht, denn die teure Rechnung für den Makler bezahlt im Normalfall ja der Käufer. Für eine Familie, die eine Immobilie für 300.000 Euro kauft, kostet diese schlaue Regel schnell über 20.000 Euro. Dabei ist die Konstruktion höchst ungewöhnlich. Normalerweise gilt das Bestellerprinzip: Wer den Dienstleister bestellt, bezahlt. In Deutschland gibt es bei Maklern freilich eine andere Tradition. Bis vor Kurzem musste auch bei der Anmietung einer Wohnung der Mieter den - vom Vermieter bestellten - Makler finanzieren. Das ist erst seit Juni 2015 abgeschafft. Nicht aber beim Kauf von Immobilien. Warum eigentlich?

Die Konstruktion stößt sogar den Experten vom arbeitgeberfinanzierten Wirtschaftsforschungsinstitut IW auf. Die verweisen auf bessere Regelungen im benachbarten Ausland (Niederlande, Schweden, Großbritannien), die Kunden und Volkswirtschaft dort deutlich weniger Geld kosten. Denn wo der Besteller zahlt, sinkt automatisch der Preis der Dienstleistung.

Erste Abhilfe: Suchen Sie nach Immobilien ohne Maklercourtage. Das ist nicht einfach, aber lassen Sie sich nicht entmutigen, die finden sich sogar in Berlin und München. Und bevor Sie sich ernsthaft für den Kauf interessieren, prüfen Sie, ob Sie sich die Immobilie leisten können. Der durchschnittliche Neubaukäufer in Berlin hat mittlerweile ein Netto-Haushaltseinkommen von etwa 5700 Euro und bringt 142.000 Euro an Eigenkapital mit. Wer da nicht mithalten kann, kann nur darauf hoffen, dass seine Miete nicht weiter steigt oder der Immobilienhype in den Großstädten irgendwann zu Ende geht.

US-Präsident John F. Kennedy hatte 1962 vier Grundrechte für Kunden proklamiert.

  • Erstens das Recht, geschützt zu werden vor Produkten, die Leib und Leben gefährden.
  • Zweitens das Recht, informiert und vor betrügerischer oder irreführender Werbung und Kennzeichnung geschützt zu werden.
  • Drittens das Recht auf Auswahl und konkurrenzfähige Preise, oder wenigstens vernünftige Regulierung, wo der Markt nicht funktioniert.
  • Und schließlich viertens, dass Kundeninteressen bei der Formulierung von Politik immer und mit besonderem Wohlgefallen gehört werden sollen.

Da ist noch viel zu tun.



insgesamt 4 Beiträge
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Menschundrecht 16.03.2019
1. Der Kundenkampf
Schließlich war auch der glamouröse Mr Kennedy regelmäßig Kunde, wohl selten zufrieden, aber immer kurzfristig befriedigt.
karlsiegfried 16.03.2019
2. Fragwürdig - 5. Ausgenommene Immobilienkäufer
Es wird so getan, als ob wir eine Immobilenschwemme hätten. Das heisst, massenweise angebotene Immobilien und wenige Käufer. Ist aber nicht so. Weiterhin der Preis einer Immobilie setzt sich aus dem Sachwert (Beton) und dem Ideal- -, Gefühls- oder Speklutionswert zusammen. Wie ein Bild von Dali, Picasso, Rembrandt und so weiter. Wer beitzen will zahlt, egal welchen Preis. Dabei spielt es wirklich keine Rolle, ob die Maklergebühr bereits im Verkaufspreis enthalten ist oder ob diese der Käufer direkt bezahlt. Das ist doch die reinste politische Augenwischerei. Warum wird das immer wieder verschwiegen und als Grosstat der Politik bejubelt?
jj2005 16.03.2019
3. Merkwürdige Beispiele
Diese Beispiele sind doch ziemlich an den Haaren herbeigezogen, und betreffen einen sehr kleinen Personenkreis. Viel interessanter wäre eine Erörterung, warum die Stiftung Warentest (neben Herrn Tenhagens Finanztest die einzige wirkliche Quelle für unabhängige Produktinformation) weniger als 400 Leute beschäftigt, während in der Lug- und Trugindustrie fast eine Million Menschen arbeiten.
hoeffertobias 16.03.2019
4. Seltsame Vorstellungen..
... schon die Aussage: " Noch immer entscheiden oft nur Anbieterinteressen über die Qualität von Waren und Dienstleistungen -...." verdeutlicht, dass Herr Tenhagen in einer Traumwelt lebt. Alleine der Kunde entscheidet, welche Qualität in den Regalen liegt!! Die Beispiele bestätigen die linksromantische Nannymentalität: Jedes einzelne Beispiel kommt in einer freien Gesellschaft zwangsläufig vor, wenn der Kunde sich weigert, sein Gehirn einzuschalten. Der Staat sollte sich um nicht oder nur schwer erkennbare Mängel und Betrug kümmern. Und nicht regeln, wer den Makler bezahlt und welche Dienstleistung man erwerben möchte. Wer in den letzten Jahren mal einen Kreditvertrag unterzeichnet hat, der weiß, dass man vor lauter Papierflut die wirklich wichtigen Daten schon gar nicht mehr erkennt. Ähnlich ist es beim "Wegklicken" der nervigen Cookie- und Datenschutzbuttons. Niemand will es wirklich wissen, jeder klickt ungeprüft auf "ok" aber der Verbraucherschutz freut sich über den errungenen Erfolg, Wenn der Staat uns aber das Denken abnimmt, gibt es kaum einen Grund für eigene Gedanken......Schade für die Freiheit des Einzelnen!
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