Weltweites Börsenbeben Was Aktionäre jetzt tun sollten

Von Arne Gottschalck, Kai Lange und Christoph Rottwilm


Bislang war es nur ein mieser Jahresstart an den Weltbörsen, seit diesem Donnerstag ist er katastrophal. Erneut musste in China der Handel nach einem Kurssturz um sieben Prozent ausgesetzt werden, und das bereits 30 Minuten nach dem Start am frühen Morgen. Es ist bereits der zweite Handelsstopp, seit Peking die Regelung dazu Anfang des Jahres in Kraft setzte.

Wie kann es sein, dass Börsianer zum Auftakt 2015 so sehr auf dem falschen Fuß erwischt wurden? Was sollen Anleger jetzt tun? Und wie wird es mit den Aktienkursen rund um den Globus weitergehen? Antworten auf fünf Fragen zum noch jungen und doch schon rabenschwarzen Börsenjahr 2016:

1. Ist China allein schuld am weltweiten Börsenbeben?

Hinter den aktuellen Kursverlusten steckt eine gigantische Spekulationsblase, die sich im Jahr 2015 an den chinesischen Börsen in Shanghai und Shenzhen aufgebläht hat. Zuvor waren große Teile der chinesischen Bevölkerung auf den Geschmack gekommen, mit Aktien das schnelle Geld zu machen. Sie trieben die Kurse binnen weniger Monate um 150 Prozent und mehr in die Höhe. Was 2015 an Chinas Börsen geschah, ist insofern gut vergleichbar mit dem Internethype an den westlichen Börsen zur Jahrtausendwende.

Und so wie im Jahr 2000 der Neue Markt in Frankfurt oder die Tech-Börse in New York zusammenbrachen, stürzen jetzt auch die Kurse in der Volksrepublik wieder ab. Der Unterschied ist nur: In China versucht die Regierung verzweifelt mit allerlei Maßnahmen, den Kurseinbruch zu verhindern. Das ist zwar objektiv kaum möglich, es verzögert die Marktbereinigung jedoch enorm. Es ist nach wie vor Luft in der Blase - und die wird auch weiter entweichen.

Dass sich die Schockwellen aus China jetzt auch in Europa und den USA so stark auswirken, überrascht nicht.

2. Soll ich jetzt Aktien verkaufen?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten: Entscheidend sind der Zeithorizont und die persönlichen Anlageziele. Sofern Sie langfristig mit Aktien sparen, also über zehn Jahre oder mehr, ist es in der Regel eine schlechte Idee, inmitten eines Kursrutsches zu verkaufen. Investoren wie der Finanzexperte Martin Weber oder auch der US-Anlageguru Warren Buffett verlassen sich darauf, dass die Aktienmärkte langfristig einen "positive drift" haben - also über einen langen Zeitraum mehr Rendite bringen als andere Geldanlagen. Für diese Investoren gilt: Nerven zu behalten und Börsenschwankungen auszusitzen, lohnt sich auf lange Sicht.

Anders sieht die Sache aus, wenn Sie als Anleger davon überzeugt sind, dass das Börsenjahr 2016 (ähnlich wie 2008) einen deutlichen Kursabschwung mit sich bringen wird - und Sie in näherer Zukunft, das heißt in diesem oder dem nächsten Jahr, das in Aktien angelegte Geld brauchen werden. Dann können Verkäufe in Schwächephasen durchaus sinnvoll sein.

3. Wie wird es an den Börsen weitergehen?

Weil die Marktbereinigung in China noch nicht abgeschlossen ist, sind weitere Turbulenzen zu erwarten. Westliche Börsen dagegen befinden sich selbst nach den jüngsten Verlusten noch auf dem Niveau von vor einem Jahr oder vor anderthalb Jahren. Das heißt, die zum Teil erheblichen Kursgewinne, die zwischen 2009 und 2014 erzielt wurden, sind zum Großteil immer noch da. Viele Investoren dürften daher weiterhin nervös auf Ausschläge aus China reagieren und zu Verkäufen neigen.

Denn auch der fundamentale Ausblick, der die Investmententscheidung an der Börse eigentlich stärker beeinflussen sollte, fällt nicht allzu rosig aus: Die weitere Entwicklung der Konjunktur in Europa und den USA erscheint wackelig, unter anderem, weil in China nicht nur die Börse, sondern auch der Wirtschaftsaufschwung insgesamt schwächelt.

In den vergangenen Jahren bekamen die Aktienmärkte zwar Unterstützung von Zentralbanken wie der EZB in der Eurozone oder der Fed in den USA. Die Notenbanken haben aber inzwischen ihr Pulver weitgehend verschossen, sodass von dieser Seite kaum noch Impulse zu erwarten sind. Kurzfristige Erholungsphasen mit starken Kursanstiegen sind bereits in den kommenden Tagen möglich - allerdings ist auch schwer zu erkennen, was aktuell einen neuen, nachhaltigen Kursaufschwung auslösen könnte.

4. Wer sind die Investoren, die jetzt verkaufen?

Die Kurse fallen, also verkauft jemand - nur wer? Es sind eine ganze Reihe von Investoren. Drei Gruppen lassen sich ausmachen.

5. Kann man mit dem Crash auch Geld verdienen?

Klar lässt sich mit fallenden Kursen Geld verdienen. Das geht zum Beispiel durch sogenannte Leerverkäufe. Dazu leihen sich Investoren Aktien zum Beispiel von einer Bank gegen eine Gebühr und verkaufen sie sofort. Geht die Rechnung der Leerverkäufer auf, und die Aktie verliert tatsächlich an Wert, können sie das Wertpapier später zum dann gesunkenen Kurs zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben. Die Differenz zwischen ihrem Verkaufskurs und dem niedrigeren Rückkaufkurs ist ihr Gewinn. Für viele Hedgefonds ist das ein alltägliches Geschäft.

Doch solche Short-Wetten sind riskant und nur etwas für sehr kurzfristig orientierte Anleger. Zum einen gilt, dass sich die stärkste Phase der Erholung nach einem Einbruch in aller Regel direkt an einen Sturz anschließt. Das heißt: Ist der Dax erst einmal um acht, neun oder zehn Prozent gefallen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein Tag mit einer deutlichen Erholung kommt. Und wer sich spät zu einer Short-Wette durchringt, sieht oft seinen "short" davonschwimmen, weil die Kurse inzwischen schon wieder ansteigen.

Das bedeutet nicht, dass man bei einigen Aktien, von deren langfristiger Qualität man überzeugt ist, nicht auch antizyklisch handeln und die Aktie zum stark gefallenen Einstiegskurs ins eigene Depot aufnehmen kann: Getreu dem Motto von Warren Buffett: "Sei gierig, wenn andere ängstlich sind".

Die Folge: Auch in Europa rutschen die Indizes erneut ab. Der Dax stürzte unter die 10.000-Punkte-Marke, der Gewinn von knapp zehn Prozent aus dem Jahr 2015 ist damit fast komplett aufgezehrt.

  • Erstens wächst die Erkenntnis, dass Peking weder das Platzen der Börsenblase noch die Eintrübung der chinesischen Konjunktur verhindern kann: Der Exportweltmeister muss sich künftig stärker auf den Inlandskonsum stützten, und die hohen Wachstumsraten von einst sind schlicht nicht mehr zu halten.
  • Zweitens wurden auch die westlichen Börsen in den vergangenen Jahren angetrieben von viel billigem Geld, das die Zentralbanken in die Märkte pumpten. Viele Investoren haben also trotz der jüngsten Abstürze nach wie vor Gewinne in ihren Depots. Und sie merken, dass der Aufschwung wohl vorläufig vorbei ist. Deshalb nutzen sie jeden Anlass, um die Gewinne in Sicherheit zu bringen.
  • Da sind Pensionsfonds und andere große Investoren, denen das Gesetz oder hauseigene Richtlinien strenge Vorgaben darüber machen, wie viel Risiko sie eingehen dürfen. Übersteigen die Verluste an der Börse eine bestimmte Höhe, verkaufen sie, um das Gesamtrisiko ihres Portfolios (das sogenannte "value at risk") zu reduzieren.
  • Die zweite große Verkäufergruppe dürften Investoren sein, die auf Computerprogramme setzen. Das können Trendfolge-Fonds sein, die zum Beispiel aus einem zwei Tage andauernden Kursrutsch einen Trend herauslesen und entsprechend verkaufen. Oder auch automatische Handelssysteme, die bestimmte Kursstände als Marken vordefinieren und entsprechend Verkaufsaufträge auslösen, sobald dieser Kurs erreicht ist.
  • Die dritte Gruppe sind Exchange Traded Funds (ETFs), die Börsenindizes nachbilden. Blackrock ist der wohl bekannteste ETF-Anbieter, aber auch große Finanzinstitute wie die Deutsche Bank bieten solche Produkte an. Wenn Anleger ihre Fondsanteile verkaufen, müssen die Fonds handeln - und die entsprechenden Aktien ebenfalls verkaufen.
Für Privatanleger aber eher ein gefährliches Spiel. Zwar gibt es inzwischen auch Investmentfonds, die shorten - also auf fallende Kurse wetten - dürfen, sowie einige ETFs, die den "ShortDax" abbilden und damit zum Beispiel drei Prozent zulegen, wenn der Dax um drei Prozent fällt.

mik/Reuters

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
sag-geschwind 07.01.2016
1. Verzeihung
"Und wie lässt sich sogar in diesen Zeiten Geld verdienen?" Verzeihung: Durch produktive Arbeit - eigene, nicht nur die anderer Leute abschöpfen.
TS_Alien 07.01.2016
2.
Nur weil in China die Börsenkurse abstürzen, muss in Deutschland der DAX nicht nachgeben. Zumindest dann nicht, wenn es um realwirtschaftliche Zusammenhänge geht. Da es aber an den Börsen um andere Zusammenhänge geht, z.B. um Indexwetten oder um Wetten auf Indexdifferenzen bzw. -quotienten, sind einige Groß"anleger" gezwungen, sich den chinesischen Kursstürzen auch an anderen Börsen anzupassen. Würde man solche Wetten verbieten, hätte man diese Probleme nicht. Natürlich kann man auch in solchen Zeiten an der Börse Geld "verdienen". Irgendwie. Auch beim Glücksspiel kann man Geld gewinnen. Man kann es aber auch sein lassen und gar nicht erst mitspielen.
brehn 07.01.2016
3. Zustimmung #1
Ja Geld "verdienen" lässt sich wirklich nur durch produktive Arbeit und echte Wertschöpfung. Leistungsloses raffen von Geld, welchem hier wieder gehuldigt wird, verdient höchstens meine Verachtung.
phiasko76 07.01.2016
4. Gier..
..wird immer auf dem falschen erwischt. Oder wann haben die Börsianer jemals einen Crash kommen sehen?
eternalchii 07.01.2016
5.
Zitat von sag-geschwind"Und wie lässt sich sogar in diesen Zeiten Geld verdienen?" Verzeihung: Durch produktive Arbeit - eigene, nicht nur die anderer Leute abschöpfen.
Definieren Sie doch mal den Begriff "produktiv", wenn Sie schon nicht verstehen, wie wichtig der Aktienmarkt für Unternehmen ist.
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