Werbung beim Wort genommen 200 Gramm sind 200 Gramm

Das Werbeversprechen von Edeka ist gewagt: Die Verkäuferinnen der Supermarktkette können Wurst auf das Gramm genau abwiegen. Aber was passiert, wenn man das Know-how der Angestellten tatsächlich auf die Probe stellt? Buchautor Hinrich Lührssen hat es ausprobiert.

Geruchsprobe bestanden: Bekommt man aber auch genau 200 Gramm?
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Geruchsprobe bestanden: Bekommt man aber auch genau 200 Gramm?


Die Bedienungen an den Fleischtheken in den Supermärkten von Edeka verfügen über außerordentliche Fähigkeiten, die in einem bekannten Werbespot eindrucksvoll gezeigt und bewiesen werden. Die Trefferquote beim Abwiegen der Wurstwaren muss als geradezu sensationell eingestuft werden. Aufs Gramm genau, die volle Punktlandung an der Fleischtheke. Wer 100 Gramm Baguette-Salami bestellt, bekommt auch genau 100 Gramm - kein Gramm mehr oder weniger. Und wer 200 Gramm Kalbsleberwurst haben will, wird ebenfalls perfekt bedient. Keine lästige Nachfrage wie: "Darf's ein bisschen mehr sein?" Eine Frage, die man aus purer Höflichkeit immer mit einem "Ja" beantwortet.

Einmal zeigte die Waage in dem Werbespot 281 Gramm Mortadella an, obwohl der männliche Kunde mit einem herausfordernden Gesichtsausdruck exakt 268 Gramm bestellt hatte. Sollte die Verkäuferin also doch scheitern? Nein, in dieser Werbung niemals. Die Verkäuferin nimmt eine Scheibe von den abgewogenen 281 Gramm herunter und schenkt sie nach alter Fleischertradition der Tochter des Kunden. Prompt zeigt die Waage die gewünschten 268 Gramm an. Der Kunde ist verblüfft und schaut die blonde Bedienung bewundernd an. Die fragt obercool: "Noch einen Wunsch?"

Seit diesem Werbespot weiß ich, dass ich die Tätigkeit des Verkaufspersonals an den Fleischtheken leider jahrelang missachtet habe. Mal mehr, mal weniger - ich habe ihnen gar nicht zugetraut, aufs Gramm genau abwiegen zu können. Und deshalb nie darauf bestanden. Man will ja nicht den Laden aufhalten, und fünf Gramm mehr Kalbsleberwurst als ursprünglich eingeplant werden nicht zu einer extremen Belastung der Haushaltskasse führen. Aber genau diese Höflichkeit könnte am Ende die Fleischverkäufer vom Erreichen beruflicher Höchstleistungen abhalten. Jeder bringt nur die Leistung, die von ihm gefordert wird. Der Werbespot hat zweifellos Vorbildcharakter. Wie viele Verkäuferinnen an den Fleischtheken lauern nur darauf, endlich einmal ihr volles Können beweisen zu dürfen?

Bei meinem nächsten Einkauf will es ich wissen.

"Ja, Hauptsache 200 Gramm"

Edeka-Markt, an der Fleischtheke: der erste Versuch in meinem Konsumentenleben, aufs Gramm genau bedient zu werden. Die schwarzhaarige Verkäuferin, Anfang dreißig und betont freundlich, ist natürlich ahnungslos, als ich an der Reihe bin. Mit meiner Bestellung halte ich mich an den Werbespot: "200 Gramm Kalbsleberwurst hätte ich gern."

Sie schneidet ein Stück von der Wurst ab, die Waage zeigt 170 Gramm an.

"Da fehlen ja nur noch 30 Gramm, dann haben Sie es", mache ich ihr Mut.

Etwas genervt gibt die Verkäuferin zu bedenken: "Dann muss ich Ihnen noch so eine Scheibe dazu machen."

Ich willige ein. "Ja, Hauptsache, 200 Gramm."

Sie schneidet von dem großen Stück Kalbsleberwurst aus der Theke ein sehr kleines Stückchen ab, und zwar mit Sorgfalt. Ihr Lächeln ist verflogen, ihr Gesicht wirkt jetzt doch etwas angestrengt. 198 Gramm meldet die Waage.

"Nahe dran, aber noch nicht perfekt", lautet mein aufmunternder Kommentar.

Der Verkäuferin platzt der Kragen

"Tut mir leid, aber wie soll ich denn hier zwei Gramm dazulegen? ", lautet ihre Frage, um es dennoch zu versuchen. Das neue Stückchen Kalbsleberwurst treibt allerdings die Anzeige der Waage auf 214 Gramm. "Sind jetzt wieder 14 Gramm zu viel. Das ist ja zum Verrücktwerden ", gebe ich zu bedenken. Doch ihr Einsatz wird belohnt. Zehn Minuten nach der Bestellung erhalte ich exakt die bestellte Menge - 200 Gramm Kalbsleberwurst. Kein Gramm mehr, kein Gramm weniger.

"Super", lobe ich die Verkäuferin, um gleich hinterher meine zweite Bestellung aufzugeben: "Und dann nehme ich von der Teewurst noch mal 240 Gramm, bitte."

Da platzt der anfangs so netten Verkäuferin der Kittelkragen: "Nee, also ich mach das mit der Leberwurst. Also das... Ich habe die ganze Leberwurst zerschnitten, weil ich das so nicht hinkriege. Nee, dieses Mal nicht."



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Seite 1
Ingeboorg 01.05.2011
1. Blödsinn!
einfach nur blöd
Quagmyre 01.05.2011
2. Und?
Zitat von sysopDas Versprechen von Edeka ist gewagt: Die Verkäuferinnen der Supermarktkette können Wurst auf das Gramm genau abwiegen - das behauptet zumindest die Werbung. Aber was passiert, wenn man das Know-how der Angestellten tatsächlich auf die Probe stellt? http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,754609,00.html
Und? Was wissen wir jetzt mehr? Es war schon vorher bekannt, dass Werbung in der Regel mehr mehr verspricht als dann tatsächlich gehalten wird. Dazu muss man nicht erst Verkäuferinnen und Kunden dergestalt abnerven. Eine sinnlose Aktion, ein sinnloser Artikel. Der Autor kann froh sein, dass er nicht Lynchmaßnahmen seitens aufgebrachter Kunden in der Warteschlange zum Opfer gefallen ist.
el fispresli 01.05.2011
3. O
Zitat von sysopDas Versprechen von Edeka ist gewagt: Die Verkäuferinnen der Supermarktkette können Wurst auf das Gramm genau abwiegen - das behauptet zumindest die Werbung. Aber was passiert, wenn man das Know-how der Angestellten tatsächlich auf die Probe stellt? http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,754609,00.html
ja ist denn heut scho Sommerloch?
k430248, 01.05.2011
4. Wunderbar...
Zitat von sysopDas Versprechen von Edeka ist gewagt: Die Verkäuferinnen der Supermarktkette können Wurst auf das Gramm genau abwiegen - das behauptet zumindest die Werbung. Aber was passiert, wenn man das Know-how der Angestellten tatsächlich auf die Probe stellt? http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,754609,00.html
Klasse Idee, schön geschrieben. Hab vor kurzem von der Ford-Probefahrt durch den Schlamm gelesen, um den Werbespot mit der Rallyfahrerin zu überprüfen, was das auch hier ? Könnte man eine Serie draus machen....
baggertonia 01.05.2011
5. Geschmackssache
Mich wundert nur, dass niemand vom Personal mit Humor auf diese Aktion reagiert hat...vielleicht kennen die Angestellten die Werbung ihres Brötchengebers nicht so gut und lieben Lebensmittel nicht wirklich mehr als andere WurstverkäuferInnen :))
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