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Werbung beim Wort genommen: Probefahrt? Rallye!

"Jede Probefahrt ist gleich", verspricht Ford. Wirklich? Buchautor Hinrich Lührssen hat den Hersteller beim Wort genommen. Nach einer Spritztour bringt er ein völlig verdrecktes Auto zurück - und löst beim Händler fast einen Herzinfarkt aus.

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Verschmutztes Fahrzeug: "Ich glaube, ich drehe durch"

Es war ein Sonntag, das weiß ich noch ganz genau. Den "Tatort " hatte ich gerade noch geschafft, danach war ich wie immer eingenickt. Der übliche Dämmerzustand auf dem Sofa also, an einem Sonntagabend nach einer langen Woche. Als ich wieder aufwachte, war ich irgendwie im Privatfernsehen gelandet. Werbung, ich wollte gerade umschalten, als ich diese witzige Geschichte sah.

Es geht um den neuen Ford Focus, der Konkurrent vom VW Golf. Ein Autoverkäufer nimmt winkend Abschied von einer jungen, brünetten Frau, die in dem Neuwagen zu einer Probefahrt startet. Das klingt noch nicht richtig spannend, aber was die Fahrerin dann mit dem brandneuen Ford Focus anstellt, hat man im Zusammenhang mit einer Probefahrt noch nicht gesehen: Sie rast Waldwege rauf und runter, Matsch und Dreck fliegen durch die Luft und auf den Neuwagen, die Probefahrt wird zur Rallye, die Gänge krachen, die Reifen rutschen, die Kiste röhrt.

Im Gegenschnitt trinkt der Autoverkäufer ahnungslos einen Kaffee und putzt einen klitzekleinen Fleck von der Haube eines Ausstellungsfahrzeugs. Mit einem völlig verdreckten Neuwagen rast die Rallyefahrerin zurück zum Autohändler. Der Anzugträger wischt irritiert über die Motorhaube, schaut ziemlich blöd aus der Wäsche, bewahrt aber Fassung: Der Kunde ist eben König.

Die Frau am Steuer wird übrigens als "Claudia K., Rallyefahrerin" vorgestellt. Alle Probefahrten sind gleich, behauptet Ford.

Wirklich? Kann man bei der Fahrt mit einem geliehenen Neuwagen im Wert von damals 28.000 Mark so viel Spaß haben, ohne lästige Rücksicht auf den Zustand des Fahrzeugs? Ist der Autohändler als Besitzer des Probewagens stillschweigend damit einverstanden? Die Idee lässt mich nicht mehr los: Was passiert, wenn man diese Werbung beim Wort nimmt? Kostet nichts und könnte durchaus das eigene Leben bereichern. Ein Abenteuer des Alltags.

Eine Woche später, an einem Montagnachmittag, stehe ich zum ersten Mal in meinem Leben in den Verkaufsräumen eines Ford-Händlers in meiner Heimatstadt Bremen. Ford, bisher nicht meine Marke, gilt zur Jahrtausendwende als besonders dröge. Was soll man schon von einem Auto halten, das als Markensymbol eine Pflaume auf dem Kühlergrill trägt?

Egal, denn beim neuen Ford Focus ist laut Werbung alles anders, außerdem verfolge ich ja ohnehin eigene Ziele, die ich natürlich nicht vorher verrate. Zwei-Liter-Maschine, 145 PS - das sollte reichen. Selbstverständlich blitzsauber - umso besser. Der Verkäufer - grünes Polohemd, schwarze Stoffhose - gibt sich alle Mühe, mir die Vorzüge eines Ford Focus zu erklären. Ein ganz neuer Maßstab in der Kompaktklasse, technisch ausgereift und ein Spitzenprodukt. Ich höre kaum zu. Wann kann ich endlich losbrausen?

"Der sieht ja prima aus. Richtig schön sauber", lobe ich. Kopie vom Personalausweis, Unterschrift unter der Erklärung für die Versicherung - dann endlich gehört der grüne, dreitürige Focus eine Stunde lang mir. Ich rolle vom Hof.

Wer Werbung beim Wort nimmt, kommt um ein gewisses Maß an Vorbereitung nicht herum. Wie wird die Gegenseite reagieren? Wie vermeidet man Forderungen auf Schadensersatz und eine Anzeige bei der nächsten Polizeidienststelle? Generell hoffe ich auf Verständnis für mein Tun: Schließlich denke ich mir den nachfolgenden Quatsch nicht willkürlich aus, sondern vollziehe nur nach, was in der Werbung gezeigt wird.

Es hat geregnet, der Parkplatz vor dem Weserstadion in Bremen mit den vielen Pfützen und Schlaglöchern ist hervorragend geeignet, ein Auto innerhalb kurzer Zeit vollständig einzusauen. Wenn man es darauf anlegt - und das tue ich - nachhaltig.

Um ein perfektes Erscheinungsbild des Fahrzeugs wie in dem Werbespot zu erreichen, schütte ich noch drei vorher vorbereitete Eimer mit stinkendem, dickflüssigem Matschwasser über das Neufahrzeug. So vergeht die Stunde wie im Fluge, und schon muss ich den Ford Focus zurück zum Händler bringen. Die optische Verwandlung ist nahezu perfekt gelungen. Völlig verdreckt, mit Matsch auf Scheiben und Dach, sieht das Fahrzeug jetzt aus wie in dem Werbespot.

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insgesamt 226 Beiträge
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1. Hahaha, also nein...
Alf.Edel 24.04.2011
...dieser Hinrich Lührssen, was für ein Scherzbold!
2. ...
motormouth 24.04.2011
Zitat von sysop"Jede Probefahrt ist gleich", verspricht Ford. Wirklich? Buchautor Hinrich Lührssen hat den*Hersteller beim Wort genommen.*Nach einer Spritztour bringt er*ein völlig verdrecktes*Auto zurück -*und sorgt damit beim*Händler fast für einen Herzinfarkt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,754607,00.html
NEIN!!!! Ich dachte, die SPON-Leser hätten schon bei den letzten beiden Folgen in den Kommentaren eindeutig klar gemacht, dass wir Lührssens gesammelten Dummfug nicht mehr lesen wollen! Aber Verträge müssen wohl eingehalten werden - komme was da wolle. Auch auf Kosten der geistigen Hygiene der Leser!
3. Ernst genommen?
FlameDance 24.04.2011
Wäre der Autor wirklich im Gelände gewesen, hätte die Aktion noch halbwegs Witz. Wer auf einem Parkplatz Dreck aus Eimern auf ein Auto schüttet, um eine Rallyefahrt zu simulieren, schleift wahrscheinlich auch Knieschleifer mit der Flex an ... armselig.
4. alte Kamelle
lotharvogel 24.04.2011
Hallo, diese Sache wurde vor mehreren Jahren für eine Sendung von Stern-TV gemacht. Da konnte man dann mit versteckter Kamera sehen, wie die Verkäufer reagiert haben. Ich bin wenig begeistert, wenn Sie eine solch alte Kamelle übernehmen und als wieder aufwärmen. Grüße
5. .
Ralf Behnke, 24.04.2011
Zitat von motormouthNEIN!!!! Ich dachte, die SPON-Leser hätten schon bei den letzten beiden Folgen in den Kommentaren eindeutig klar gemacht, dass wir Lührssens gesammelten Dummfug nicht mehr lesen wollen! Aber Verträge müssen wohl eingehalten werden - komme was da wolle. Auch auf Kosten der geistigen Hygiene der Leser!
Mag man zu stehen wie man will. Aber die Reaktion der Verkäufer spricht andererseits doch auch Bände - mich als (potentiellen) Kunden derart anzuschreien sollte mal einer wagen. Aber da kann man wieder sehen, was von Werbung zu halten ist - nicht der Dreck unter den Fingernägeln. So einen Werbungs-"Dummfug" braucht die Welt nämlich erst recht nicht :-)
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