Werbung beim Wort genommen Wenn 800 Meter in Wahrheit 1800 Meter sind

McDonald's - gleich um die Ecke! Das verspricht zumindest die Werbung auf dem Straßenschild. Aber sind es wirklich nur drei Minuten bis zum nächsten Fast-Food-Restaurant? Zeit und Raum sind relativ, hat Buchautor Hinrich Lührssen festgestellt.

McDonald's: Stimmen die Entfernungsangaben?
dapd

McDonald's: Stimmen die Entfernungsangaben?


Verbraucher, bleibt vorsichtig: Schon an der nächsten Straßenkreuzung besteht die Gefahr, mal wieder übers Ohr gehauen zu werden. Noch 250 Meter bis zum Getränkemarkt - stimmt das überhaupt? Ist die nächste Filiale von McDonald's wirklich nur drei Minuten entfernt? 700 Meter bis zum Baumarkt - haben die das vorher exakt ausgemessen? Oder handelt es sich um eine gezielte Untertreibung, um den Kunden anzulocken? Wird da etwa geschummelt?

Vorab notiert: Nach mittlerweile sieben Jahren Tätigkeit als kritischer Verbraucher muss ich ein ernüchterndes Fazit ziehen. Wer ständig Werbung beim Wort nimmt, gefährdet akut seine körperliche Gesundheit. Denn unter den vielen Probefahrten, Testessen und -trinken leidet eindeutig die Fortbewegung mit dem eigenen Körper. Nicht nur der Stress nimmt zu, ich tue es auch. Also mehr laufen, Fahrrad fahren oder - messen. Ich kaufe mir für 32 Euro ein Messrad. Ein kleines Stahlgestell mit einem kleinen Reifen und einem Tachometer. Bequem beim Gehen in einer Hand zu halten und dabei äußerst nützlich. Denn jetzt kann mich keiner mehr mit geschönten Entfernungszahlen hereinlegen. An einem Freitagmorgen um neun Uhr lege ich los.

"Obi 800 Meter", steht auf dem Schild oben am Laternenpfahl an der Straßenkreuzung im Kölner Stadtteil Niehl. Das Anbringen der Schilder müssen sich die Unternehmen von der Stadtverwaltung genehmigen lassen und dafür bezahlen. Für den Inhalt sind indes allein die Unternehmen verantwortlich, die Angaben werden nicht überprüft. Das lädt zum Schummeln ein.

"Das ist ein Unterschied von immerhin 1000 Metern"

Nach exakt 800 Metern stehe ich mit meinem Messrad jedenfalls nicht vor dem Baumarkt, sondern vor einem fünfstöckigen Wohnhaus. Unwahrscheinlich, dass sich hier Obi im Keller eingenistet hat. Ein Fenster im Erdgeschoss steht offen, ich klopfe auf die Fensterbank. Eine ältere, weißhaarige Frau erscheint. Ob sie wisse, wo denn nun der Baumarkt liege, will ich von ihr wissen. "Da ganz hinten, noch hinter der Brücke", erklärt sie mir. Ich ziehe und messe weiter, nach 127 neuen Metern gibt es einen Hinweis: "Obi - 500 Meter geradeaus".

Die neue Entfernungsangabe überrascht, denn dadurch wird die Strecke ja immer länger. 927 Meter habe ich schon zurückgelegt, jetzt noch einmal 500 Meter. Dabei sollte der Baumarkt ursprünglich nur 800 Meter insgesamt entfernt sein. Auf der Suche nach dem Baumarkt gerate ich sogar in den nächsten Stadtteil. Am Ende habe ich laut Messrad 1800 Meter hinter mir, bis ich den Baumarkt endlich erreiche.

Da ist eine sofortige Beschwerde fällig. "Das ist ein Unterschied von immerhin 1000 Metern", rechne ich ein wenig atemlos dem Marktleiter vor. "Ein Fehler unsererseits", gibt der sofort zu. "Sie sind leider nicht der Erste, dem die Füße wehtun." Schuld sei die Zentrale, die sei für die Ausschilderung zuständig.

Ein Zufall? Bis zum nächsten Drive-in von Burger King auf derselben Straße sind es laut Eigenwerbung 1000 Meter, doch mein - übrigens geeichtes - Messrad zeigt 1248 Meter an. Aber nicht nur die Großen schummeln, offenbar stimmt hier gar nichts. "100 Meter zurück gegenüber Kinderklinik", fordert ein paar Straßenzüge weiter ein Bäcker von seinen Kunden. 100 Meter zurück? Rückwärtsgehen ist auch auf dem Bürgersteig und auf dem Zebrastreifen nicht ungefährlich, und außerdem sind es genau 240 Meter. "Das hat einer ausgemessen mit ganz langen Beinen", versucht der Bäcker vergeblich, witzig zu sein. Zur Strafe kaufe ich nichts bei ihm.

Sie hält mich für einen Volltrottel

Nichts als Lug und Trug: "Hotel, 300 Meter", verspricht das nächste Schild. Doch nach dreihundert Metern stehe ich vor einem Beerdigungsinstitut, wo ich auf keinen Fall eine Nacht verbringen möchte. "500 Meter links", verspricht ein Fitnesscenter. Seltsam nur, dass ich nach den 500 Metern vor einem Einfamilienhaus stehe und die von mir überraschte Bewohnerin nur über einen Stepper und zwei Hanteln verfügt und damit nachweislich nicht in der Lage wäre, ein überzeugendes Trainingsprogramm anzubieten.

Das echte Fitnessstudio erreiche ich dagegen erst nach 651 Metern, und ich habe dort nicht den Eindruck, dass meine Beschwerde über die falsche Längenangabe sonderlich ernst genommen wird. "Ich sag Bescheid", meint lapidar die Empfangsdame. Ich sehe ihr förmlich an, dass sie mich entweder für einen Volltrottel oder einen gefährlichen Querulanten hält, mit dem man sich besser nicht anlegen sollte.

Schick, aber völlig unzuverlässig ist auch die neue Beschilderung im Flughafen Köln/Bonn. Dort werden die Entfernungen in Schritten angegeben, um zu suggerieren, wie kurz hier doch die Wege sind. Bis zu Tabac & Co sind es angeblich 123 Schritte, in Wirklichkeit muss ich aber 160 Schritte zurücklegen. Mit dem letzten Schritt stoße ich auf die Inhaberin, die jede Schuld von sich weist: "Die Angaben sind vom Flughafen, nicht von uns." Da kann ich nur darauf bestehen, meine Beschwerde schriftlich aufzunehmen (was sie auch tut) und an die Marketingabteilung des Flughafens weiterzuleiten (was sie wahrscheinlich nicht getan hat).

Mein neues Messrad habe ich letztlich in den Keller gestellt. Von mindestens 30 überprüften Längenangaben hat keine einzige gestimmt. So bleibt mir nur diese Empfehlung: Wenn Sie, lieber Leser, mal vor lauter Langeweile gar nicht wissen, was Sie tun können, und sich außerdem mal wieder bewegen wollen - messen Sie nach, ob Ihr Baumarkt oder Bäcker auch das hält, was auf den Schildern steht.

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insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
bananamarv 22.05.2011
1. ...
---Zitat--- Ich sehe ihr förmlich an, dass sie mich [...] für einen Volltrottel [...] hält ---Zitatende--- Das denkt nicht nur sie. Ich auch ;)
MaxHeadram 22.05.2011
2. Oh mann, ist heute nichts wichtiges passiert?
"Ich sag Bescheid", meint lapidar die Empfangsdame. Ich sehe ihr förmlich an, dass sie mich entweder für einen Volltrottel oder einen gefährlichen Querulanten hält, mit dem man sich besser nicht anlegen sollte. Und damit hat sie wahrscheinlich recht.
exminer 22.05.2011
3. Werbung
Werbung vermittelt keine Wahrheiten,sondern Gefühle! Diese Erkenntnis bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung. Und nur Roboter bleiben unbeeindruckt. Werbung heißt im Klartext "ich will etwas von dir",was dieses "etwas" ist,liegt beim Werbenden.
andrelei 22.05.2011
4. Mal wieder hoch informativ und vor allem wichtig!
Als ich Hinrich Lührssen las, wusste ich, dass es ein Fehler war, auf dieses verführerische McDonald's Logo zu klicken.
langenscheidt 22.05.2011
5. Die Fitness-Dame hat recht
Wegen 50, 100 oder 250m Unterschied ein Buch schreiben? Über solchen Dummfug ein angeblich lustiges Buch schreiben finden nur Querulanten und mit-sich-selbst-Unzufriedene lustig.
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