Werbung für Fertigprodukte Lebensmittel-Wächter prangern Fernsehköche an

In ihren Shows predigen Fernsehköche wie Alfons Schuhbeck und Horst Lichter Frische und Qualität. Zugleich machen sie aber Werbung für Tütensuppen und Würzmischungen. Verbraucherschützer von Foodwatch kritisieren: Die Küchenchefs dienen den Lebensmittelfirmen zur Imagepflege - und täuschen die Kunden.

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Foodwatch-Kritik: Starköche werben für Tütensuppen

Hamburg - Bei den "Kochprofis" hat Martin Baudrexel Fertigprodukte gern direkt in die Mülltonne entsorgt. Erfolglosen Restaurantbesitzern gab der Fernsehkoch in der RTL2-Sendung dann den Rat, lieber auf frische Zutaten zu setzen - statt auf Tütensuppen und Gewürzmischungen.

Doch nicht gegen alle Fertigprodukte scheint der Münchner Starkoch etwas zu haben. So wirbt Baudrexel für die Fertigsahne "Rama Cremefine zum Kochen" von Unilever. Laut Foodwatch eine "Mischung von Milch, Wasser und Pflanzenfett", die zum Beispiel in der Geschmacksrichtung "3 Pfeffer mit Zitrone" auch "Aroma aus dem Labor und zahlreiche Zusatzstoffe enthält". Die Verbraucherorganisation nennt Rama Cremefine daher eine "Kunst-Sahne mit Kunst-Geschmack".

Auch andere Fernsehköche nehmen es mit ihren hohen Ansprüche nicht ganz so genau: Sie werben für Fertigprodukte, obwohl sie in ihren Sendungen und Büchern die Bedeutung natürlicher, frischer Zutaten preisen. Alfons Schuhbeck etwa. Der Sternekoch macht Werbung für die "Duett Champignon Creme Suppe" von Escoffier - mit dem Spruch "Meine beste Empfehlung".

Foodwatch hat das Produkt für seinen Negativ-Preis "Goldener Windbeutel 2010" nominiert - und kritisiert: "Hier wird gewöhnliche Industrieware inklusive jeder Menge Zusatzstoffe und hochgradig lebensmitteltechnologisch veränderten Zutaten mit Hilfe eines bekannten Sternekochs zu stolzen Preisen als 'Feinschmeckerprodukt' verkauft." Der Nimbus des Sternekochs weihe das Produkt und suggeriere eine besondere Qualität, "Verbraucher werden getäuscht und abgezockt".

Der Foodwatch-Vorwurf: Die Zutaten würden sich wenig von einer Standard-Tütensuppe unterscheiden, dafür sei die "Duett Champignon Creme Suppe" drei- bis viermal so teuer. Das Produkt wird in zwei Dosen verkauft. In einer befindet sich das Pulver, in der zweiten wird das Wasser zum Anrühren gleich mitgeliefert.

Schuhbeck gab auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zunächst keine Stellungnahme ab. Im vergangenen Sommer sagte der Sternekoch zu der Kritik von Foodwatch, er berate Escoffier lediglich hinsichtlich "Trends, Geschmack und individueller Verfeinerungsmöglichkeiten" und habe mit der Herstellung oder der Preisgestaltung nichts zu tun.

"Absoluter Frischefanatiker"

Auch Martin Baudrexel fühlt sich zu Unrecht kritisiert. Er habe sich "bis ins letzte Detail" über das Produkt informiert, sagt seine Managerin Manuela Ferling. Baudrexel sei "ein absoluter Frischefanatiker und würde für nichts Werbung machen, was Geschmacksverstärker oder sonstige schädliche Substanzen enthält".

Rama Cremefine sei jedoch einfach lecker, erleichtere das tägliche Kochen, und darum habe er sich guten Gewissens dafür entschieden. Zur Foodwatch-Kritik, dass es sich um "Kunst-Sahne mit Kunst-Geschmack" handle, sagt Ferling: "Das kann man überspitzt so sagen. Doch immer mehr Leute verzichten beim Kochen ganz auf Sahne, weil sie zu viel Fett enthält. Cremefine ist da eine gute Alternative."

Unilever-Sprecher Merlin Koene hält die Foodwatch-Kritik ebenfalls für unberechtigt. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE sagte er: "Rama Cremefine ist die leichte Alternative zu Sahne, Crème fraîche und Co." Um technische und ernährungsphysiologischen Vorteile umzusetzen, würden Mischungen aus pflanzlichen Fetten und Milch eingesetzt - zudem pflanzliche Emulgatoren und Stabilisatoren.

Lichters Werbevertrag mit Maggi läuft aus

Zwei weitere Kollegen von Schuhbeck und Baudrexel machen ebenfalls Werbung für Fertigprodukte: Horst Lichter wirbt für "Maggi Moderner Kochen" von Nestlé, Alexander Herrmann für "Knorr Bouillon Pur" von Unilever. Die Produkte enthalten jeweils Hefeextrakt, das zwar laut Gesetz nicht als Geschmacksverstärker gekennzeichnet werden muss - aber die Substanzen Glutamat, Inosinat und Guanylat enthält. "So lassen sich Geschmacksverstärker unter anderem Namen in das Produkt schmuggeln", kritisiert Foodwatch-Sprecher Martin Rücker.

Auf die Frage, wie sein Engagement für Maggi zu seinem Image als Fernsehkoch passe, sagte Lichter dem SPIEGEL im vergangenen Jahr: "Auch heute kann sich nicht jeder leisten, was glücklich gestorben ist. Kollegen, die immer auf Frische bestehen, haben eben oft auch das Geld dazu." Er sei "nie der kompromisslose Bio-Prophet" gewesen.

Foodwatch kritisiert: Lichter werbe nicht nur für Tütensuppen, sondern auch für "Würzmischungen, die aus Stärke, Tomatenpulver, Salz und Aromen bestehen". Selbst wenn man Lichters Logik folge, mache eine Fertigwürzmischung aus dem Hause Maggi das Kochen noch nicht billiger, denn die "frischen Zutaten", also Fleisch oder Gemüse, benötige man immer noch.

Für einen Kommentar zur Foodwatch-Kritik war Lichter nicht zu erreichen. Sein Sprecher teilte aber mit, dass der Werbevertrag mit Maggi in Kürze auslaufe. Das bestätigt auch Nestlé - und weist die Kritik von Foodwatch zurück: "Hefeextrakt ist kein Zusatzstoff, sondern ein Lebensmittel", das von Natur aus Glutamat enthalte. Aufgrund des bouillonartigen Geschmacks werde Hefeextrakt zum Würzen von Lebensmitteln verwendet.

"Gewürzmischungen verderben den Geschmackssinn"

Hermann, der ebenfalls in den ZDF-Sendungen "Die Küchenschlacht" und "Lanz kocht" auftaucht, sagte 2007 der "Welt": "Nicht die Dose, sondern Gewürzmischungen mit Glutamat, Industriearomen und Farbstoffen verderben den Geschmackssinn." Er bereite sein Brühpulver daher selbst aus frischem Gemüse zu. "Das ist garantiert frei von jeglichen Zusatzstoffen und leicht nachzumachen."

Doch nun wirbt Herrmann für die Brühwürfel Knorr Bouillon Pur ("schmeckt wie selbst gemacht"), die es in den Geschmacksrichtungen Gemüse, Huhn und Rind gibt. Letztere Sorte enthält laut Foodwatch neben Hefeextrakt auch Aroma und die Verdickungsmittel Xanthan (E415) und Johannisbrotkernmehl (E410). "Genau die Zutaten also, die laut Herrmann den Geschmackssinn verderben", wirft ihm Rücker vor.

Der Fernsehkoch weist die Kritik zurück: Seine Aussagen von 2007 seien nach wie vor gültig. Das Produkt unterscheide sich wesentlich von Instantbrühen in Pulverform - sowohl bei den Inhaltsstoffen als auch in der Konsistenz und Qualität, sagt Herrmanns Managerin Nina Holländer. "Mit Bouillon Pur gibt es erstmals eine Alternative, die geschmacklich und durch ihre eingekochte Konsistenz einer selbst gemachten Brühe derzeit am nächsten kommt."

Um gegenüber Kritikern auf der sicheren Seite zu sein, müsse man ausschließlich kostspielige und aufwendig herzustellende Produkte empfehlen, sagt Managerin Holländer. "Herrmanns primäres Ziel ist und bleibt es aber, möglichst vielen Menschen zu zeigen, wie sie selbst am Herd kreativ werden können."



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Meckerliese 08.04.2010
1. glaubt ihr
denn im Ernst, dass die jeden Tag ihre Fleischbrühe selber kochen bei den Mengen die sie in ihren Lokalen brauchen? Und Kohle können die auch gebrauchen die armen......
m-pesch, 08.04.2010
2. ...
Zitat von Meckerliesedenn im Ernst, dass die jeden Tag ihre Fleischbrühe selber kochen bei den Mengen die sie in ihren Lokalen brauchen? Und Kohle können die auch gebrauchen die armen......
Je größer die Menge desto einfacher und günstiger ist es den Fond selbst herzustellen. Ist ja auch eine Kostenfrage. Fertig kaufen ist sehr teuer.
Vanita 08.04.2010
3. Ach was?!
Naja scheinheilig ist das schon alles. Allerdings sind diese "Köche" auch nur Söldner, die ihre Prinzipien eben hinter denen des meistbietenden anstellen. So ist das eben. Wussten wir aber auch schon vor dem Artikel. Da muss man nur mal schauen was einem auf TV Gusto als "vitale Küche" (was ist das überhaupt?!) verkauft wird: schön immer mit Tütensuppe anrühren, aber um Gotteswillen nur 2 ml Öl dazu tun. Da sieht man mal, wie die Leute permanent hinters Licht geführt werden. Ob die Fernsehköche da mitmachen oder nicht ist da relativ unerheblich.
rainer_d 08.04.2010
4. Absurd
Zitat von Meckerliesedenn im Ernst, dass die jeden Tag ihre Fleischbrühe selber kochen bei den Mengen die sie in ihren Lokalen brauchen? Und Kohle können die auch gebrauchen die armen......
Stimmt. Man muss ja auch an die Rente denken (bzw. das Fehlen derselben). Finde das Ganze aber schon irgendwie höchst absurd. Was die Brühe in den Lokalen angeht: ich weiss es auch nicht. Ist aber wohl eher eine Frage der Philosophie als der BWL. So wie ich es verstehe gibt es in der Branche sowohl Leute, die sich grösstenteils alles vom Zulieferer bringen lassen (frische Pasta, Sossen, etc.) und nur noch "komponieren" als auch das genaue Gegenteil: solche, die sozusagen noch die Butter selber schöpfen...
Akademiker 08.04.2010
5. Fertigmische
Am Schlimmsten sind Geschmacksverstärker wie Natriumglutamat, Hefeextrakt, Speisewürze in Fertigprodukten und diesen Suppen. Das ist schlichtweg kriminell. Für mich ein absoluter Kopfschmerzgarant. Sowas gehört verboten und kein Koch sollte dafür Werbung machen.
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