Anlageberatung Das Straf-Protokoll

Immer deutlicher zeigen sich die Folgen der Regulierungswut in der Anlageberatung: Wer Sparer um jeden Preis vor Verlusten schützen will, nimmt ihnen auch die Chance auf Erträge.

Von Christian Kirchner

Anlageberatung: Was vor Risiko schützt, schützt auch vor Rendite
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Anlageberatung: Was vor Risiko schützt, schützt auch vor Rendite


Was passiert, wenn man Kapuzineräffchen ungleich behandelt? Dazu kursiert im Netz ein lustiges Video des niederländischen Forschers Frans de Waal. Er ließ zwei Affen in benachbarten Käfigen kleinere Aufgaben erledigen, für die ein Affe mit Gurken belohnt wird und der andere mit Trauben.

Der mit dem Gurkenstück belohnte Affe freut sich zunächst über den kleinen Happen. Als er jedoch im weiteren Verlauf bemerkt, dass sein Kollege Trauben bekommt, wird er zunächst unruhig, dann regelrecht sauer, rüttelt am Käfig, hämmert auf den Boden und bewirft den Versuchsleiter mit dem Gurkenstück.

Ungleichbehandlung ist ärgerlich - und hat eine Verhaltensanpassung zur Folge. Eigentlich eine banale Erkenntnis. Auch, wenn es um Geldanlage geht. Denn auch Anlageberater sehen es oft nicht ein, ungleich belohnt zu werden. Genau diese Situation hat indes der Gesetzgeber mit dem Beratungsprotokoll geschaffen, das seit 2010 verpflichtend vorgeschrieben ist, wenn es in Beratungsgesprächen um riskante Geldanlageformen geht. Oder besser gesagt: Um all jene, die der Gesetzgeber als riskant ansieht.

Ein Beratungsprotokoll macht nicht nur eine Menge Arbeit, es macht auch angreifbar, denn die Haftungsrisiken hat der Gesetzgeber für Anlageberater ebenfalls ausgeweitet. Wie reagiert der rational denkende Berater? Nun, er wirft das Protokoll ebenso erbost in die Ecke wie der Affe das Gurkenstückchen: Warum sich die ganze Arbeit machen, wenn bei bestimmten Produkten wie Aktien oder Investmentfonds ein Protokoll geführt und Haftungsrisiken getragen werden müssen und bei anderen wie Bausparverträgen, Sparbriefen oder Versicherungslösungen kein oder allenfalls ein vereinfachtes Protokoll ausgefüllt werden muss - wenn es also leicht verdiente Trauben als Belohnung gibt.

Was vor Risiken schützt, nimmt auch die Chance auf Rendite

Mit dem Beratungsprotokoll sollten Anleger geschützt werden. Vor Falschberatung, aber im Kern natürlich vor Verlusten. Das funktioniert bislang gut. Nur sind Rendite und Risiko stets zwei Seiten einer Medaille. Schützt man Anleger also per Gesetz vor Risiken, nimmt man ihnen damit immer auch die Chance auf Rendite.

Die Einführung des Beratungsprotokolls hat erheblich dazu beigetragen, dass Anleger auf mager verzinsten Spareinlagen sitzen, Bausparverträge stürmen, und hoffen, dass die Lebensversicherung ihr wackeliges Renditeversprechen einlöst. Bei der fulminanten Rallye am Aktienmarkt, die alleine den DAX in diesem Jahr ein Fünftel hat klettern lassen, schaut die große Mehrheit indes zu. Die Kursgewinne dort werden vor allem durch Käufe von Ausländern getrieben. Privathaushalte in Deutschland verkaufen hingegen seit 2011 laut Daten der Bundesbank stets mehr Aktien, als sie kaufen. Gleichzeitig wächst, ebenfalls laut Bundesbank, das Volumen der Bar-, Sicht- und Spareinlagen privater Haushalte mit einem Tempo von rund drei Milliarden Euro pro Monat.

Nun muss man sich davor hüten, monokausal zu diagnostizieren, diese Entwicklungen fußten alleine auf der Einführung des Beratungsprotokolls. Deutsche Anleger scheuen nun mal mehrheitlich das Risiko - und dem tragen viele Berater Rechnung.

Die Risiken verlagern sich

Allerdings verstetigen die ungleichen Dokumentationspflichten die Risikoscheu. Davon zeugen sowohl Aussagen von Beratern (hier ein sehr schöner Beitrag dazu) als auch von Branchenvertretern. Blöderweise lässt sich Risiko aber nicht weghexen, indem man einfach zurückblickt, was in den letzten 30 Jahren riskant war - etwa Aktien - und was nicht - etwa Anleihen und Sparguthaben. Die Risiken verlagern sich. Bis es in fünf oder zehn Jahren woanders scheppert.

Was heißt dies nun für Anleger? Die haben längst durchschaut, welch unsinnige Lenkungswirkung die Einführung des Beratungsprotokolls hat: Sechs von zehn Bundesbürgern gaben zuletzt in einer Umfrage an, die Protokollpflicht habe die Beratung nicht verbessert.

Da auch der Koalitionsvertrag keinerlei Indizien liefert, dass man in Berlin das Problem erkannt hat, hilft Jammern ebenso wenig wie das Werfen mit Gurkenstücken. Der einzige Ausweg: sich selbst finanziell zu bilden und die Verantwortung für die private Geldanlage nicht länger auf einen Berater abzuwälzen.



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insgesamt 49 Beiträge
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meckeronkel 22.12.2013
1. Ursachen der Risikoscheu
> Allerdings verstetigen die ungleichen Dokumentationspflichten die Risikoscheu. Naja, die Frage ist, was nun die wirklichen Ursachen für eine zunehmende Risikoscheu sind. Ob es wirklich nur die Protokolle sind, wage ich doch stark zu bezweifeln. Die Scheu könnte ja nun auch etwas mit der realen Spekulationslage zu tun haben. Ansonsten finde ich persönlich, dass das Beratungsprotokoll und die Offenlegungspflicht der Provisionen zwei richtige Schritte in die richtige Richtung sind. Für die nicht unerheblichen Provisionen kann man auch ruhig ein Beratungsprotokoll erstellen, ich sehe nicht, wo hier das Problem bestehen sollte.
ssommerf 22.12.2013
2. Einseitig
Extrem einseitige Sichtweise. Der Sinn und Yweck der Verordnung ist nicht - wie es die gebeutelten Vertriebsmitarbeitert der um so mehr gebeutelten Banken darstellen mögen - hohe Renditen zu erziehlen sondern die Verpflichtung die Kunden, zumindest mehr als vorher, über Risiken aufzuklären. Ausser dem Gejammer "da kann ich ja gar nichts mehr verkaufen" wären ein paar warme Worte warum Aktien gerade auf Indexhöchständen DIE Renditechance schlechthin sein sollen gut gewesen. Wenn die armen Banker so viel Interesse an der Rendite für die Kunden haben dürfen sie sich gerne die Zeit nehmen diese umfassend aufzuklären. Der Tenor dieses Artikels (der des verlinkten FAZ Artikels) sagen jedoch einfach nur "Macht zu viel Mühe, lohnt sich für mich nicht". Übersetzt meine persönlich Gewinnmaximierung erreiche ich anders. Bei der hier zur Schau gestellten Einstellung der "Beratung" kann ich nur sagen die Verordnung war schon ganz richtig. Drücken wir die Daumen das die vorhandenen Lücken noch geschlossen werden. Wenn dann eine gewisse Anzahl von "Beratern" erkennt das Beratung doch nicht so ganz das ist was sie machen möchten hat das ja auch dort zu einem Erkenntnissgewinn geführt. Zum Abschluß deutlich - Wer heute Knock-Out Derivate auf Solarfirmen kaufen möchte wird nicht gehindert, auch wenn das hier so dargestellt wird. Hier wird nur die grenzenlos Faulheit und Raffgier der Branche hofiert.
meckeronkel 22.12.2013
3. Höheres Risiko = höhere Provisionen
noch ein klitzekleiner Nachtrag: Auch die Behauptung, dass ein Berater wegen des Protokolles und der Haftung (für fehlende Warnungen, falsche Beratung etc.) keine riskanten Anlagen mehr empfiehlt, halte ich auch für Humbug. Denn je riskanter eine Anlage ist, umso höher wird auch seine Provision ausfallen. Insofern wird er eben doch belohnt für sein größeres Engagement, er muss eben nur nachweisen, dass er korrekt beraten hat.
vulcain 22.12.2013
4.
Mit fast 40 Jahren leidvoller Erfahrungen in der Geldanlage kann ich nur konstatieren: Finger weg von Aktien, Fonds, Derivaten und ähnlich riskantem Zeug. Wie im Casino heisst es hier: am Ende gewinnt immer die Bank. Und zwar meist über die Provisionen. Für die meisten Riester-Verträge gilt das übrigens auch.
stesch 22.12.2013
5.
Zitat von sysopDPAImmer deutlicher zeigen sich die Folgen der Regulierungswut in der Anlageberatung: Wer Sparer um jeden Preis vor Verlusten schützen will, nimmt ihnen auch die Chance auf Erträge. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/wie-das-beratungsprotokoll-anleger-vor-rendite-bewahrt-a-938960.html
Den Anlageberater, der Risiken transparent darstellt, habe ich bisher non nicht kennengelernt. Die Höhe seiner Provision würde mich auch interessieren. Wer damit nicht leben kann, soll sich halt einen anderen Job suchen. Ich werde ihn nicht vermissen.
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