Massenhaltung in Deutschland: Wie Schweinezüchter den Tierschutz missachten

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In Deutschland wird so viel Fleisch so billig produziert wie nie zuvor. Die Folgen: Selbst minimal verbesserte Tierschutzregeln, die seit Jahresbeginn in der EU gelten, werden nicht eingehalten. Das dokumentieren jetzt Aktivisten bei einem Betrieb in Vechta.

Fotostrecke: Arme Zuchtschweine Fotos
ARIWA

Landkreis Vechta - Wortlos läuft die kleine Gruppe durch den Schnee, immer am Waldrand entlang. Das Ziel: Ein knappes Dutzend Hallen auf einem hell erleuchteten Grundstück, einer von zahllosen Schweinezuchtbetrieben im niedersächsischen Landkreis Vechta. Noch bevor die Anlage zu sehen ist, kann man sie riechen. Der scharfe Ammoniakgeruch wird sich tief in der Kleidung der Tierschutzaktivisten festsetzen. Vor dem Eingangstor bespricht sich die Gruppe noch einmal, die Funkgeräte werden ein letztes Mal getestet, dann geht es auf das Gelände - die Türen sind offen.

Die Tierschützer, die in diesen Betrieb mit geschätzt 3000 Schweinen einsteigen, sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, leben vegan und lehnen jede Form der Tierhaltung ab, gewalttätig aber sind sie nicht. Sie befreien keine Tiere, sie zünden keine Ställe an, sie beschädigen nichts. Sie wollen lediglich auf die Missstände in der Massentierhaltung aufmerksam machen. "In der Regel merken die Betreiber gar nicht, dass wir da gewesen sind", sagt einer von ihnen.

Sie wissen, wo sie einsteigen und was sie erwartet. Und sie sind gut ausgerüstet: Von Funkgeräten mit Kopfhörern, über Film- und Fotoausrüstung bis zu Schutzanzügen, die sie in den Ställen tragen. Ihre Fotos und Filme stellen sie der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) zur Verfügung. Die wiederum veröffentlicht das Material auf ihrer Website.

In dieser eiskalten Januarnacht wollen die Aktivisten exemplarisch dokumentieren, dass die neue EU-Tierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) nicht eingehalten wird: Seit 1. Januar 2013 dürfen die Betriebe trächtige Sauen nicht mehr ausschließlich in einer engen Gitterbox, dem sogenannten Kastenstand, halten. Nach fünf Wochen müssen sie zusammen mit anderen Tieren in ein größeres Gehege kommen, in die Gruppenhaltung, bevor sie zum Gebären in die sogenannte Abferkelbox kommen. Im Kastenstand müssen die Sauen zudem genug Platz haben, um sich hinzulegen und die Beine auszustrecken. Auch Spielzeug muss da sein, damit sich die Tiere nicht aus Langeweile gegenseitig die Schwänze abbeißen.

Wenn die Aktivisten mit ihren Stirnlampen durch den stockdunklen Stall laufen, bricht ein Höllenlärm aus: Wenn die Sauen in ihren Gitterboxen aufzustehen versuchen, rasseln die Metallstangen aneinander, die Tiere quieken und grunzen. Die Tierschützer tragen blaue Overalls, Gummihandschuhe und Überschuhe aus Plastik. Sie messen Boxen aus, filmen Tiere, die übersät sind mit Wunden, die ihre Beine unter den Gittern hindurchzwängen, um liegen zu können. Sie fotografieren die toten Ferkel, die auf den Gängen und aufeinandergestapelt in Schubkarren liegen. Den Vorschriften der neuen EU-Tierhaltungsverordnung entspricht hier kaum etwas: Die Tiere können sich im Kastenstand nicht ausstrecken, kein Spielzeug hängt in den Boxen, nur wenige Sauen stehen in einer Gruppe. Den Aktivisten zufolge ist der Stall im Landkreis Vechta keine Ausnahme.

Elf Jahre Zeit zur Umsetzung

Sogar der Zentralverband der Deutschen Schweineproduktion e.V. (ZDS) gesteht ein, dass der EU zufolge nur rund drei Viertel der Betriebe die neuen Regeln umgesetzt haben. Damit liege Deutschland "fast am unteren Ende der Rangliste Europas. Nur Frankreich, Zypern und Portugal haben demnach einen noch geringeren Umsetzungsgrad." Der Verband zweifelt allerdings die Zahlen aus anderen europäischen Ländern an, zudem gebe es keine verlässlichen Informationen von den rund 15.000 Sauenhaltern in Deutschland.

Dabei hatte die Branche ausreichend Zeit, sich auf die neuen Regeln einzustellen: Seit mehr als elf Jahren ist die Verordnung in Kraft, sechs Jahre Übergangszeit wurde den Betrieben eingeräumt. Der Verbraucherkommissar der Europäischen Union, Tonio Borg, droht Deutschland bereits mit einem Verfahren wegen Verletzung europäischen Rechts: "Seit dem 1. Januar 2013 operieren Schweinebetriebe, die keine Gruppenhaltung für Sauen haben, unter Bruch von EU-Gesetzgebung", sagte Borg Ende Januar in Brüssel.

Selbst das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) zeigt sich genervt: "Nach einer Übergangsfrist von sechs Jahren muss von den Betrieben erwartet werden können, dass die Umstellung abgeschlossen ist. Wir rechnen in den nächsten Wochen mit belastbaren Zahlen der Bundesländer, wie groß der Anteil der Betriebe ist, die noch nicht umgestellt haben", heißt es aus dem Haus von Ilse Aigner auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Allerdings geht das BMELV davon aus, dass gerade die kleinen Betriebe nicht genug Geld haben, ihre Ställe umzubauen und deshalb schließen müssten. Übrig blieben die Großbetriebe, die wiederum besonders in der Kritik stehen. Jüngst wurde bekannt, dass die Zahl der in Deutschland neu beantragten und genehmigten Schweinemastplätze den Rekordwert von 2,5 Millionen erreicht hat. Gefördert auch mit Millionen aus den Töpfen der EU Agrarsubventionen.

Schon jetzt produzieren die Betriebe in Deutschland und der EU mehr Schweinefleisch, als hier gegessen wird, der Selbstversorgungsgrad liegt bei 117 Prozent - Tendenz steigend. Nach Meinung des kritischen Netzwerks "Bauernhöfe statt Agrarfabriken" sind es vor allem die Schlachtkonzerne, die angesichts der gesättigten Märkte in Deutschland und Europa ihre Überschüsse auf dem Weltmarkt absetzen wollen. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind im Endeffekt die Schweinehalter, die zu ähnlichen Kosten produzieren müssten wie die Konkurrenz beispielsweise in Brasilien. Und natürlich die Tiere selbst.

Wenn der Preis für Schweinefleisch aufgrund der massiven Produktionsausweitung sinkt, wie es Branchenexperten erwarten, werden die Schweinehalter wohl kaum mehr Geld für mehr Tierschutz ausgeben wollen oder können.

Fast fünf Stunden haben die Aktivisten gebraucht, um den einen Betrieb im Landkreis Vechta zu dokumentieren, erst spät nachts kehren sie in ihr eigens angemietetes Wochenendquartier zurück. Keinem steht der Sinn nach Gesprächen. Erst beim Frühstück am nächsten Morgen bricht die nüchterne Arbeitsatmosphäre kurz auf: Einer aus der Gruppe erzählt von einer Sau, die er in der vergangenen Nacht gesehen hat, erst vor wenigen Stunden hatte sie Junge bekommen. Sie habe versucht, sich nach ihren Ferkeln umzudrehen, konnte in ihrem engen Gitterkäfig aber nicht einmal den Kopf wenden. Die Erzählung stockt, dem Mann stehen die Tränen in den Augen. Ganz kurz. Dann wird am Küchentisch weitergeplant. An diesem Wochenende stehen noch mehrere Stallbesuche an.

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insgesamt 465 Beiträge
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    Seite 1    
1. wir haben auch ...
Hilfskraft 12.02.2013
... wir haben ja auch eine Ilse Aigner, die sich hervorragend um alles im und um den Saustall kümmert!
2.
pepe_sargnagel 12.02.2013
Zitat von sysopIn Deutschland wird so viel Fleisch so billig produziert wie nie zuvor. Die Folgen: Selbst minimal verbesserte Tierschutzregeln, die seit Jahresbeginn in der EU gelten, werden nicht eingehalten. Das dokumentieren jetzt Aktivisten bei einem Betrieb in Vechta. Wie Deutschlands Schweinezüchter den Tierschutz missachten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/wie-deutschlands-schweinezuechter-den-tierschutz-missachten-a-882681.html)
Systemrelevante Betriebe werden eben nicht kontrolliert - und falls doch, dann nicht so bestraft, dass es eine abschreckende Wirkung hätte. Natürlich darf man niemanden so hart bestrafen, weil er als systemrelevant gilt - und damit schließt sich der Kreis zu einem völlig pervertierten "Rechtssystem", welches nicht mehr seinen Aufgaben nachkommen kann und schon selbst das Gesetz beugen muss, wenn höhere Strafen im Gesetz stünden. Wie kann man den Status "systemrelevant" erhalten? Dann kümmer ich mich auch um nichts mehr - keine Tiere, keine Regeln und keine Menschen. Wer aber solche Leitplanken setzt muss bedenken, dass ich dann diese Gesellschaft von innen heraus zersetze, denn da ich nicht für Verhalten bestraft werden kann und andere schon werden sie entweder kriminell oder dieses System umkippen, weil sie sich benachteiligt fühlen. Zur Not machen wir eben alle systemrelevant - aber dann leben wir in der Anarchie, der wohl schädlichsten aller "Gesellschaftsmodelle".
3. Danke für solch ehrliche Artikel! Denn . . .
derj 12.02.2013
Wir sind eine gierige Konsumgesellschaft, die es verdient hat, sich zu Grunde zu richten.
4. Titellos
UnitedEurope 12.02.2013
Aber hauptsache das Essen ist billig und die Produktivität ist hoch ... Das solche Betriebe nicht einfach geschlossen werden und der Verantwortliche sich vor Gericht wieder sieht, ist mir unbegreiflich.
5. Aigner
Christian Guenter 12.02.2013
wird da gaaanz sicher handeln. (Satire !) Die Verbrecher dürfen natürlich ohne Belästigungen weiter "arbeiten"
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