Airlines und Reisekonzerne Wie Fluggäste bei Verspätungen Geld rausholen

Verspätete Flüge kennt fast jeder, doch kaum jemand kennt alle Möglichkeiten, sich dafür Entschädigungen auszuhandeln. Fluggastportale haben darin eine Marktlücke entdeckt - und streiten sich für den Kunden.

Wartende Passagiere (am Frankfurter Flughafen)
REUTERS

Wartende Passagiere (am Frankfurter Flughafen)

Eine Kolumne von


Haben Sie schon Ihren Urlaub geplant? Oder suchen Sie noch nach Geld, um ihn zu bezahlen? Womöglich können Sie eine neue Dienstleistungsindustrie zur Finanzierung Ihres Fernwehs nutzen. Vorausgesetzt, Sie hatten in den vergangenen drei Jahren einen verspäteten oder gar ausgefallenen Flug und haben dafür noch keine Entschädigung bekommen. Und Sie beauftragen einen Helfer, der Ihnen die Arbeit abnimmt.

Ein Beispiel: 44 Klagen gegen TUIfly hat das Fluggastportal EUFlight angestrengt. TUIfly gehört zu Europas größtem Reisekonzern TUI. Im Kern geht es immer um denselben Fall: Im vergangenen Herbst meldeten sich massenweise Mitarbeiter von TUIfly krank und die Airline musste deswegen Flüge streichen. Handelte es sich dabei einfach um einen hohen Krankenstand, für den die Fluglinie Vorkehrungen hätte treffen müssen? Oder war es eigentlich ein wilder Streik?

Den Fluggästen konnte das im ersten Schritt egal sein. Ihr Flug war gestrichen. Im zweiten Schritt aber ist es interessant für die Flugreisenden. Waren die TUIfly-Mitarbeiter formal krank, steht den Passagieren eine Entschädigung für die ausgefallenen Flüge zu. Wären die Mitarbeiter im Streik gewesen, sieht das EU-Fluggastrecht keine solche Entschädigung vor. Streik wird als höhere Gewalt bewertet, wie ein Vulkanausbruch oder ein anderes Naturereignis.

Der einzelne Fluggast hat normalerweise keine Lust, wegen 250 oder 400 Euro Entschädigung einen jahrelangen Rechtsstreit mit großen Reisekonzernen und Fluglinien anzustrengen. Darauf setzen die Unternehmen und verweigern die Zahlungen. Mit einem Fluggastportal im Rücken hingegen kann der Fluggast an seiner Rechtsauffassung festhalten; es lässt sich besser und beruhigter streiten.

Die Fluggasthelfer wollen einen Teil der Entschädigung behalten

Im konkreten Fall tritt der Fluggast seine Ansprüche an das Unternehmen EUFlight ab. Das zahlt dafür sofort knapp 60 Prozent der üblichen Entschädigung an den Fluggast aus. Den Rest behält es und hofft, den Streit zu gewinnen.

Das ist das aggressivste Modell. Die meisten anderen Fluggasthelfer begnügen sich mit einem kleineren Anteil der Entschädigung, zahlen aber auch erst nach Ende des Verfahrens mit der Fluglinie, wenn sie gewonnen haben. Die Unternehmen arbeiten wahlweise wie ein Prozessfinanzierer oder wie ein Inkassounternehmen im Auftrag des Fluggasts. Der Fluggast hat in jedem Fall kein finanzielles Prozess-Risiko.

In Deutschland sind inzwischen fast ein Dutzend solcher Portale auf dem Markt. Die Profi-Streiter haben in einigen Hunderttausend Fällen Geld von den Fluglinien eingetrieben und das Machtgefälle zwischen Fluggast und Fluglinie deutlich verringert.

Die Firmen sammeln Informationen über die verspäteten Flüge, über Angaben zu Verspätungsgründen und zu schon gezahlten Entschädigungen bei einzelnen Flügen. Einige Tausend Fälle sind inzwischen vor Gericht gelandet. Und Firmen wie Fairplane ziehen notfalls auch bis vor den Europäischen Gerichtshof nach Luxemburg und lassen dort etwa klären, wann ein Flugzeug im Sinne der europäischen Fluggastrechte-Verordnung tatsächlich am Ziel angekommen ist - nämlich dann, wenn die Tür aufgeht.

Daneben gibt es für Fluggäste immer auch die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP), an die sich verärgerte Fluggäste mit ihren Anliegen kostenlos wenden können, nachdem sie bei der Fluglinie abgeblitzt sind. Die hilft auch jenseits der Verspätungsfälle, auf die sich die Portale konzentriert haben. Einige Zehntausend Fluggäste haben das seit 2010 getan.

Machtgefälle zwischen Kunden und Konzernen

Dieser neue Markt der Dienstleistungen ist prima und wird hoffentlich zum Vorbild. Denn ähnliche Machtgefälle existieren natürlich auch an anderen Stellen zwischen Kunden und Konzernen. Und tatsächlich machen sich gerade Anwälte auf, mit ähnlichen Geschäftsmodellen etwa der Mietpreisbremse im Kampf mit sturen großen Vermietern Geltung zu verschaffen. Wenigermiete.de ist so ein Anbieter.

Große Rechtsanwaltskanzleien haben zudem Dutzende Juristen eingestellt, um den Baufinanzierern fehlerhafte Widerrufsbelehrungen nachzuweisen und den Kreditkunden die Möglichkeit zu eröffnen, ihren Vertrag neu aufzurollen und günstiger abzuschließen. Oder sie helfen ihnen, eine schon bezahlte Vorfälligkeitsentschädigung zurückzubekommen.

Die Kanzleien stehen auch schon bereit, um Millionen von renditeschwachen Lebensversicherungen auf ihre Gültigkeit zu prüfen und so den Kunden attraktive Möglichkeiten zur Rückabwicklung der Verträge zu geben.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Aber zurück zu den Fluggästen: Alle Flüge der vergangenen drei Jahre, die mehr als drei Stunden Verspätung aufwiesen oder annulliert wurden, sind ein Ansatzpunkt:

  • Suchen Sie Flugdatum, Flugnummer und Bordkarte heraus. Wenn Unterlagen fehlen, schauen Sie auch in Ihrem E-Mail-Postfach nach.
  • Sind Sie in der EU mit mehr als drei Stunden Verspätung gestartet oder gelandet, haben Sie wahrscheinlich einen Anspruch. Handelt es sich um einen Fernflug, sind sogar 600 Euro Entschädigung drin. Keine Entschädigung gibt es nur bei Verspätungen von weniger als drei Stunden und aufgrund von höherer Gewalt, zum Beispiel einem Streik.
  • Jetzt können Sie selbst an die Airline schreiben und danach die SÖP einschalten. Sie können sich aber auch einen Fluggasthelfer wenden.

Und dann warten Sie auf Post von der Fluglinie oder auf einen schönen Scheck.



insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
toll_er 11.03.2017
1. Sinnvoll
Ein Flug von XXxxair hatte 10 Stunden Verspätung. Von einem Freund darauf hingewiesen, gab ich den Vorgang an ein Portal ab. Ich wurde ständig über den Forzschritt informiert. Zuerst lehnte die Fluggesellschaft die Forderung ab. Dann bot sie Gutscheine in minimaler Höhe an. Dann eine akzeptable euroentschädigung als vergleich. Dann bekam ich vom Portal einen Anruf. Bei einem Vergleich trägt die Fluggesellschaft die Gerichtskosten nicht! Man empfahl mir, weiter zu machen. Dann, nach 9 Monaten die Nachricht: Entschädigung in der eingeklagten Höhe. Dafür habe ich gern den Provisionsanteil an das Portal in Kauf genommen. Was hätte mich ein Rechtsstreit ohne Portal an Zeit und Nerven gekostet.
charly05061945 11.03.2017
2. Prima
Nur weiter so - dann haben wir bald amerikanische Verhältnisse! Das erinnert mich an einen kürzlich gelesenen Bericht demzufolge jeder siebte deutsche Tourist Ungeziefer in sein Hotelzimmer schmuggelt um den Reisepreis zu drücken. Ich habe nichts gegen berechtigte Ansprüche aber hier geht es nur noch darum Geld zu schinden.
p11 11.03.2017
3. Interessantes Modell - leider wohl notwendig
"Der einzelne Fluggast hat normalerweise keine Lust, wegen 250 oder 400 Euro Entschädigung einen jahrelangen Rechtsstreit mit großen Reisekonzernen und Fluglinien anzustrengen." Das ist wohl der Knackpunkt. Und das geht einem einzelnen Verbraucher nicht nur beim Kampf gegen Konzernen so, auch gegen kleine Händler. Ich kann nur meine Erfahrung aus einem aktuellen Fall berichten. Schadeshöhe 449 Euro, Händler stellt sich komplett stur. Bis ein Gericht sich damit beschäftigt, legt man schon mal 3/4 der Schadenssumme zusätzlich auf den Tisch für Anwalt und Gericht. Es hat ja einen Grund, warum Schlichtungsstellen entstehen. Dort wird aber leider kein Recht gesprochen, sondern "Kompromisse" erzielt. Ein gutes Rechtssystem sollte dem Bürger zu seinem Recht verhelfen, nicht ihn auf dem Weg dorthin schröpfen und zermürben. Und jeder Gewerbetreibende weiß, dass er eine Zahlung jahrelang verhindern kann. Im Zweifel macht dann jemand den Laden zu und die Ehefrau oder der Cousin eröffnet am nächsten Tag neu.
gammoncrack 11.03.2017
4. So ein Kommentar kann doch nur
Zitat von charly05061945Nur weiter so - dann haben wir bald amerikanische Verhältnisse! Das erinnert mich an einen kürzlich gelesenen Bericht demzufolge jeder siebte deutsche Tourist Ungeziefer in sein Hotelzimmer schmuggelt um den Reisepreis zu drücken. Ich habe nichts gegen berechtigte Ansprüche aber hier geht es nur noch darum Geld zu schinden.
von einem Mitarbeiter einer Fluggesellschaft kommen. Hier geht es nicht um Ungeziefer, sondern um eine vom Fluggast unbeeinflusste Verspätung eines Fluges. Und um einen Flug, bei dem die Fluggesellschaft diese zu verantworten hat. Wer in diesen Fällen Geld schinden will, steht doch wohl unumstoßbar fest. Es sind die Fluggesellschaften, nicht der geschädigte Passagier. Sie haben wirklich eine sehr seltsame Betrachtungsweise. Und es geht genau darum, dass sich die Großen hier zu Lasten der Kleinen bereichern wollen, indem sie berechtigte Forderungen nicht befriedigen, weil sie auf das aus finanziellen Gründen fehlende Prozessrisiko des Passagiers setzen. Gut SPON, dass diese Möglichkeit auch hier einmal publiziert wird.
heinz-josef 11.03.2017
5. Schlichtung
Der Vollständigkeit halber: Neben der SÖP schlichtet auch das Bundesamt für Justiz. Es ist zuständig bei jenen Airlines, die keine Mitglieder der SÖP sind. Näheres unter https://www.bundesjustizamt.de/DE/Themen/Buergerdienste/Luftverkehr/Schlichtungsstelle_node.html;jsessionid=11A8020C4CABC5D5A338154884896F21.1_cid377.
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