Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Private Krankenversicherung: Raus aus der Beitragsspirale

Von

Millionen Privatversicherte leiden unter steigenden Beiträgen. Dabei gibt es Wege, die Kosten für die Krankenversicherung zu senken. Eine Übersicht zeigt, welche Alternativen der Kunde hat.

Ärztliche Untersuchung: Privatversicherte klagen über Beitragserhöhungen Zur Großansicht
DPA

Ärztliche Untersuchung: Privatversicherte klagen über Beitragserhöhungen

Klaus Müller* ist seit 15 Jahren bei der Signal Iduna privat krankenversichert. Der 54-Jährige ärgert sich: Fast Jahr für Jahr hat die Versicherungsgesellschaft seinen Beitrag erhöht - zuletzt auf 736 Euro im Monat. "Da bleibt mir doch nichts mehr zum Leben", wettert Müller.

Wie dem Bremer geht es vielen der 8,9 Millionen Menschen, die bei einer privaten Krankenversicherung (PKV) sind, ob sie nun Allianz, Central, DEVK, DKV, Gothaer oder eben Signal Iduna heißt. Diese Konzerne verlangen von ihren Versicherten immer saftigere Beiträge. Eine Folge der Preisexplosion, die zwischen 2001 und 2012 rund 80 Prozent betrug: Es gibt, so der Verband der privaten Krankenversicherungen, mittlerweile etwa 145.000 sogenannte Nichtzahler - PKV-Kunden, die ihre Beiträge nicht mehr aufbringen können oder wollen. Tendenz: steigend. Betroffen sind vor allem ältere Versicherte, die in jungen Jahren mit Niedrigbeiträgen in die PKV gelockt wurden. Immer mehr Privatversicherte suchen deswegen nach einem Fluchtweg. Es gibt zwar mehrere, aber nicht jeder Pfad ist gefahrlos.

Die erste Alternative ist der Wechsel zu einer anderen privaten Krankenversicherung. Hier gilt: gut informieren! Denn das Problem ist, dass die Versicherten meist ihre Altersrückstellungen komplett verlieren. Rund drei Dutzend Gesellschaften bieten etwa 3500 verschiedene Tarife. Hilfe bekommt man bei Vergleichsportalen im Netz, etwa Check24.de oder Finanzcheck.de. Zuerst wird eine Fragenliste beantwortet - ein Berater hilft dabei - dann forsten elektronische Rechner den Datendschungel durch und spucken drei, vier oder fünf Angebote als Empfehlung aus. Das kostet den Verbraucher keinen Cent. Der Dienstleister bekommt von der Versicherungsgesellschaft pro Neukunde eine Provision in Höhe von bis zu neun Monatsprämien.

"Wir führen monatlich durchschnittlich 1500 Beratungsgespräche, aber nach nur etwa jedem zehnten kommt es zu einem Vertrag", sagt Moritz Thiele, Geschäftsführer von Finanzcheck.de. Er bezeichnet sich selbst als Verbraucherschützer, hat den Beratungsprozess seines Hauses vom TÜV zertifizieren lassen: "Die Transparenz, für die wir sorgen, hilft Versicherten, die für sie günstigste Versicherung zu finden."

Ein Wechsel des Anbieters ist nur in den ersten fünf Jahren ratsam

Der Portalbetreiber übernimmt für den Kunden alles Administrative, dieser muss nur das Antragsformular unterschreiben. Denn eine private Krankenversicherung kann nicht online abgeschlossen werden. Wichtig: Gewechselt werden kann Ende des Jahres oder Vertragsjahres, bei einer Beitragserhöhung auch sofort. Achtung: Bei einem Wechsel zu einer anderen Gesellschaft verliert der Versicherte, wenn sein Vertrag vor dem 1. Januar 2009 abgeschlossen wurde, seine angesparten Altersrückstellungen. Der Bund der Versicherten rät deswegen zu einem Wechsel des Anbieters allenfalls in den ersten fünf Jahren.

Zweite Strategie: Der Versicherte wechselt in den Basistarif. Diese "Endstation" ist die schlechteste Alternative: Zum einen ist der Basistarif mit einem Höchstsatz von 592,88 Euro im Monat alles andere als günstig, zum anderen liegen die Leistungen teilweise noch unter denen der gesetzlichen Krankenversicherung. Ärzte sind zudem nicht verpflichtet, im Basistarif Versicherte überhaupt zu behandeln. Eine etwas bessere Lösung ist der Standardtarif. Da hier ein Großteil der Altersrückstellungen berücksichtigt wird, ist der Standardtarif für Altversicherte in der Regel günstiger als der Basistarif.

Der dritte Ausweg ist die Rückkehr in das gesetzliche System. Rund 160.000 PKV-Kunden haben das 2011 gemacht. Doch dieser Weg steht nicht jedem offen. Austreten darf man nur, wenn man arbeitslos wird oder wenn das Jahresgehalt unter die geltende Versicherungspflichtgrenze (für 2012: 50.850 Euro) rutscht. Tricks: Angestellte reduzieren in Absprache mit dem Arbeitgeber für einige Monate die Zahl ihrer Arbeitsstunden. Selbstständige gehen für ein paar Monate eine Festanstellung ein, vereinbaren mit dem Chef ein geringes Gehalt und lassen es erst wieder nach dem PKV-Austritt anheben. Unter 30 Jahre alte Studien- und einige Berufsanfänger haben die freie Wahl. Wer 55 Jahre oder älter ist, kommt überhaupt nicht mehr in die gesetzliche Versicherung.

Die vierte Möglichkeit, Geld zu sparen, ist die Selbstbeteiligung: In vielen Tarifen kann der Kunde zwischen verschiedenen Stufen wählen. Mit einer Erhöhung der Selbstbeteiligung lässt sich der Monatsbeitrag zwar senken, aber Angestellte sollten beachten: Am Monatsbeitrag beteiligt sich der Arbeitgeber, an der Selbstbeteiligung aber nicht. Und Vorsicht: Wenn ein Krankheitsfall eintritt, kann es für Versicherte mit hoher Selbstbeteiligung sehr teuer werden.

"Die Konzerne informieren ihre Kunden nicht"

Fünfte Variante ist ein Wechsel in einen günstigeren Tarif der bestehenden Versicherung. Das ist in Paragraf 204 des Versicherungsvertragsgesetzes geregelt - sogar "mit gleichartigem Versicherungsschutz" und ohne neue Gesundheitsprüfung und Risikozuschlag. Die Altersrückstellungen werden vollständig angerechnet. "Von dieser Möglichkeit wissen nur die Wenigsten", erklärt Ozan Sözeri vom Hamburger Wechselportal Widge.de. Sein Unternehmen nimmt für den Tarifwechsel eine Gebühr in Höhe von acht Monaten Beitragsersparnis. "Die Konzerne informieren ihre Kunden nicht", kritisiert Sözeri. "Sie wollen ihre Einnahmen nicht gefährden."

Und so wird blockiert statt aufgeklärt. Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten klagt die Gesellschaften an, Tarifwechsel "systematisch zu behindern". Sözeri: "Entweder wird ein Wechsel einfach verweigert oder die Versicherten werden von den Konzernen in die Irre geführt, indem man sie mangelhaft oder falsch informiert." Elke Thiebel von der Verbraucherzentrale Niedersachsen empfiehlt Versicherten, nur "schriftlich mit der Versicherung zu kommunizieren". Man solle energisch seine Rechte einfordern.

Wer trotzdem scheitert oder von vornherein nicht allein gegen die mächtigen Vertragspartner antreten will, kann sich an einen Versicherungsmakler wenden oder an unabhängige Berater wie Widge.de. Die haben nach eigenen Angaben seit Mitte 2010 rund 3.000 Tarifwechsel begleitet - auch den von Klaus Müller aus Bremen, der seither nur noch 404 Euro pro Monat zahlt. Erfolgshonorar: die monatliche Einsparung mal acht. Die Tarifumstellung dauert in der Regel nicht länger als sechs Wochen, der Versicherte zahlt danach im Schnitt 40 Prozent weniger im Monat.

Klar ist: Welchen Fluchtweg Privatversicherte auch wählen, sie werden in den nächsten Jahren immer höhere Beiträge zu verkraften haben. Gesundheit hat ihren Preis - und der steigt.

* Name geändert

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 266 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schön
.link 30.07.2012
Da verabschieden sich irgendwelche Besserverdiener aus einem Solidarsystem und auf SPON gibts Tipps, wie man sich wieder zurückmogeln kann, wenn es dann doch in die Hose geht.
2. Die GKV erhöht ständig die Beiträge...
vogtnuernberg 30.07.2012
Während ich vor einigen Jahren noch 11,9% Beitragssatz zahlen musste sind es jetzt 15,5% bei höherer Bemessungsgrundlage. Mittlerweile über 600 Euro pro Monat! Wer stoppt diesen Wahnsinn?
3. Wenigstens gibt es bei der PKV Wege
u.loose 30.07.2012
aus der Spirale. Bei GKV zahlt sich der Zwangsbeglückte nahe der Beitragsbemessungsgrenze dumm und dämlich.... Schön blöd die Leute, die versuchen sich in die GKV zurück zu mogeln - das dicke Ende kommt spätestens mit dem Ruhestand - dann sind für "freiwillige" Mitglieder ALLE Einkünfte Sozialversicherungspflichtig.
4. Ja, ja. Die PKV's!
denkdochmal 30.07.2012
Diese Versicherungen sind für mich ausschließlich Abzocker, die andere Abzocker (Leistungsverweigerer gegenüber den gesetzlichen Krankenkassen) abzocken. Mein Mitgefühl für die dort Versicherten hält sich in engen Grenzen, weil sie zuvor die günstigen Locktarife mit Genugtuung genossen haben und nun, da sie die Wirklichkeit eingeholt hat, das große Weinen beginnen. Es gibt nur ein Rezept, diesen Machenschaften, die unsere geliebte Abzockregierung unterstützt, zu entgehen: erst nachdenken, dann beitreten.
5. fehlendes Denkvermögen
stedaros 30.07.2012
Zitat von .linkDa verabschieden sich irgendwelche Besserverdiener aus einem Solidarsystem und auf SPON gibts Tipps, wie man sich wieder zurückmogeln kann, wenn es dann doch in die Hose geht.
Dem kann ich nur beipflichten. Die "Besserverdienenden" haben in der Jugend das Geld verprasst und wundern sich jetzt, dass die Rechnung nicht bis ans Lebensende aufgeht. Etwas logisches Denkvermögen hätte ausgereicht, um das zu erkennen. Sooooooorry mein Mitleid hält sich in Grenzen. Ich habe nie gewechselt sondern gelernt, nur das auszugeben, was ich wirklich habe. Die Tips von SPON halte ich für kriminell. Wäre ein Fall für den Staatsanwalt: Anstifung zum Betrug.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: